Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt? Gleisverwerfung, Schienentemperatur und Langsamfahrstellen erklärt

STIMMT ES, DASS …?

„Nächster Halt: die Hitzewelle. Bitte langsam über die Gleise.“

Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt? Gleisverwerfung, Schienentemperatur und Langsamfahrstellen erklärt

→ Kurz gesagt: Ja – Stahl dehnt sich aus, und manchmal weicht das Gleis zur Seite

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Kurz gesagt

An heißen Sommertagen kämpft die Bahn nicht mit Kälte, sondern mit Hitze: Die Schienen werden glühend heiß und dehnen sich aus. Im Extremfall knickt das Gleis seitlich weg – die gefürchtete Gleisverwerfung. Warum das passiert und wie die Bahn vorbeugt.

Straßenbahnen am Bahnhof Alexanderplatz in Berlin
Foto: Robert von Oliva, CC0, via Wikimedia Commons

Die kurze Antwort

Ja, das stimmt.

Stahl dehnt sich bei Wärme aus, und Schienen sind da keine Ausnahme.

An heißen Tagen können sich die kilometerlang verschweißten Gleise nicht frei ausdehnen; die Spannung staut sich auf, bis sich das Gleis im Extremfall seitlich verbiegt.

Fachleute nennen das eine Gleisverwerfung – und sie ist der Grund, warum die Bahn bei großer Hitze besonders wachsam ist.

Das klingt dramatisch, ist aber selten – gerade weil die Bahn viel dagegen tut.

Trotzdem bleibt Hitze eine echte Belastungsprobe für das Gleis, ganz ähnlich wie Frost und Schnee im Winter.

Hitze und Gleis

>60 °C

Schienentemperatur

weit über der Lufttemperatur

Ausdehnung

des Stahls

staut sich zu Spannung

Verwerfung

im Extremfall

das Gleis weicht seitlich

Die Schiene wird in der Sonne viel heißer als die Luft.

Gegen Hitze helfen Vorspannung, weiße Farbe und Tempolimits.

Warum sich Stahl ausdehnt

Wärme bringt die Teilchen im Metall stärker in Bewegung, und dadurch braucht der Stahl mehr Platz – er dehnt sich aus.

Bei einem einzelnen kurzen Stück wäre das harmlos.

Doch moderne Gleise bestehen aus Schienen, die über viele hundert Meter lückenlos miteinander verschweißt sind.

Sie können sich nicht einfach in die Länge strecken, weil sie fest eingespannt liegen.

Die Ausdehnung, die nicht heraus kann, verwandelt sich in Druck.

Je heißer die Schiene, desto stärker presst sie gegen ihre Einspannung.

Findet dieser Druck kein Ventil, sucht er sich irgendwann den Weg des geringsten Widerstands – zur Seite.

Die Gleisverwerfung

Genau dann kommt es zur Gleisverwerfung.

Der aufgestaute Druck drückt das Gleis seitlich aus seiner geraden Lage, es entsteht ein sichtbarer Bogen oder Knick.

Für einen darüberfahrenden Zug ist das hochgefährlich, denn die Spur stimmt plötzlich nicht mehr – im schlimmsten Fall droht eine Entgleisung.

Solche Verwerfungen treten fast nur an sehr heißen Tagen und an geschwächten Stellen auf, etwa wo der Unterbau nachgibt.

Deshalb kontrolliert die Bahn bei Hitzewellen ihre Strecken besonders genau und schaut gezielt nach Stellen, an denen sich das Gleis bewegt haben könnte.

Warum die Schiene so heiß wird

Dunkler Stahl in der Sonne heizt sich weit über die Lufttemperatur auf.

Bei 35 Grad Luft kann die Schiene über 60 Grad heiß werden.

Je heißer der Stahl, desto größer die aufgestaute Spannung.

Die Neutraltemperatur

Die wichtigste Vorbeugung passiert schon beim Bau.

Die Schienen werden nicht bei beliebiger Temperatur verschweißt, sondern gezielt auf eine mittlere „Neutraltemperatur“ vorgespannt – meist um die zwanzig Grad.

Bei dieser Temperatur liegt das Gleis spannungsfrei.

Wird es kälter, zieht es sich zusammen; wird es heißer, dehnt es sich – aber von einem ausgewogenen Mittelwert aus.

Dieser Kniff verteilt die Belastung auf Sommer und Winter.

Ohne ihn stünde das Gleis bei jeder Hitze sofort unter Höchstdruck.

So aber muss es erst einen erheblichen Temperaturanstieg verkraften, bevor es kritisch wird.

S-Bahn-Triebwagen Baureihe 422
Foto: Spoorjan, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Weiße Schienen und Langsamfahren

Reicht das nicht, greift die Bahn zu weiteren Mitteln.

An besonders gefährdeten Abschnitten werden Schienen weiß gestrichen; die helle Farbe reflektiert das Sonnenlicht und hält den Stahl einige Grad kühler.

Und wenn eine Hitzewelle droht, ordnet die Bahn vorsorglich Langsamfahrstellen an.

Der Grund: Ein langsamer Zug übt geringere Kräfte auf das Gleis aus und kann bei einer entdeckten Verwerfung leichter anhalten.

Lieber ein paar Minuten Verspätung als das Risiko einer Entgleisung – so lautet die einfache Rechnung hinter den sommerlichen Tempolimits.

Häufige Fragen

Ein Problem, das mit dem Klima wächst

Was früher eine Ausnahme war, wird häufiger.

Mit den zunehmenden Hitzewellen steigt auch die Zahl der Tage, an denen die Schienen an ihre Grenzen kommen.

Die Bahn muss sich deshalb stärker als bisher auf Extremhitze einstellen – so wie sie es im Winter längst für Schnee und Eis tut.

Das bedeutet mehr Kontrollen, robustere Bauweisen und im Zweifel häufiger einmal ein Tempolimit an heißen Tagen.

Die Gleisverwerfung ist damit auch ein kleines Sinnbild dafür, wie der Klimawandel den Alltag der Infrastruktur verändert.

Sommer und Winter: dasselbe Grundproblem

Interessanterweise ist die Herausforderung im Sommer verwandt mit der im Winter.

Beide Male geht es um die Temperatur des Stahls: Im Winter zieht sich die Schiene zusammen und steht unter Zug, im Sommer dehnt sie sich aus und steht unter Druck.

Die Neutraltemperatur ist der Versuch, beides in ein erträgliches Gleichgewicht zu bringen.

So gesehen kämpft die Bahn das ganze Jahr mit derselben Physik, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Ob Frost oder Hitze – das Gleis will sich bewegen, und die Kunst besteht darin, ihm dabei genau so viel Spielraum zu lassen, dass es sicher bleibt.

Warum lässt man nicht einfach Lücken zwischen den Schienen?
Früher gab es diese Dehnungsfugen, daher das alte „Tack-Tack“ beim Fahren. Moderne, lückenlos verschweißte Gleise sind aber ruhiger, schneller und wartungsärmer. Statt Lücken nutzt man heute die Vorspannung auf eine Neutraltemperatur.
Passiert eine Gleisverwerfung oft?
Nein, sie ist selten – gerade weil die Bahn vorbeugt und bei Hitze kontrolliert. Sie tritt vor allem an sehr heißen Tagen und an ohnehin geschwächten Stellen auf.
Warum fahren Züge bei Hitze langsamer?
Weil geringere Geschwindigkeit die Kräfte auf das Gleis reduziert und im Fall einer Verwerfung mehr Sicherheit bietet. Die Langsamfahrstellen sind eine reine Vorsichtsmaßnahme.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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