Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt? Gleisverwerfung, Schienentemperatur und Langsamfahrstellen erklärt

Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?

„Sehr geehrte Fahrgäste, wegen hoher Temperaturen fahren wir heute langsamer. Das ist kein Vorwand. Das ist Physik.“

Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt?

→ Stimmt. Eine Schiene ist ein gespannter Stahlstab, der im Sommer mit über hundert Tonnen gegen sich selbst drückt.

Lesezeit: 8 Minuten · Mythen-Check · Technik

Kurz gesagt

Ja, das stimmt. Bei 35 Grad Lufttemperatur wird der Schienenstahl über 50 Grad heiß, bei 40 Grad rund 60. Weil moderne Schienen lückenlos verschweißt sind und sich nicht ausdehnen können, baut sich im Stahl ein gewaltiger Druck auf. Wo das Gleis schwach ist – alte Holzschwellen, enge Bögen, lockerer Schotter – kann es seitlich ausknicken. Das nennt man Gleisverwerfung. Sie ist selten, aber gefährlich. Deshalb fährt die Bahn bei Hitze an manchen Stellen langsamer: Ein langsamer Zug drückt das Gleis nicht so stark und kann vor einer Verwerfung anhalten.

Es ist der heißeste Tag des Jahres, und der Regionalzug schleicht.

Tempo 60 statt 140, die Klimaanlage kämpft, die Anzeige sagt „Verspätung wegen hoher Temperaturen“.

Im Wagen murmelt jemand: „Jetzt ist der Bahn auch noch das Wetter zu warm.“

Der Satz ist verständlich – und trotzdem falsch.

Denn draußen unter dem Zug liegt ein Stahlstab, der gerade mit über hundert Tonnen gegen sich selbst drückt.

Eine Schiene bei Hitze ist eine gespannte Feder, die nur darauf wartet, irgendwo nachzugeben.

Langsamfahrstelle an einer Gleisverwerfung
Langsamfahrstelle an einer Gleisverwerfung: Die Tafel begrenzt das Tempo, bis das Gleis repariert ist. Foto: MdE, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Stimmt es? Ja – und zwar wörtlich

Stahl dehnt sich aus, wenn er warm wird.

Das ist keine Schwäche der Bahn, sondern eine Eigenschaft des Materials: Ein Kilometer Schiene würde sich pro Grad um rund zwölf Millimeter verlängern, wenn man ihn ließe.

Bei 40 Grad mehr wären das fast ein halber Meter pro Kilometer.

Früher ließ man die Schienen deshalb mit Lücken liegen – das war das berühmte „Dadamm, dadamm“ beim Zugfahren.

Heute sind Schienen lückenlos verschweißt, kilometerlang, ohne eine einzige Fuge.

Sie können sich nicht mehr ausdehnen – also drücken sie.

Wie viel Kraft in einer Schiene steckt

Beim Verschweißen werden Schienen auf eine bestimmte Temperatur gebracht, in Mitteleuropa etwa 23 bis 26 Grad.

Bei dieser „Neutraltemperatur“ ist der Stahl entspannt.

Jedes Grad darüber baut Druck auf, jedes Grad darunter Zug.

Wird die Schiene 60 Grad heiß, liegt sie rund 35 Grad über ihrer Neutraltemperatur.

Überschlägig gerechnet drückt dann jede der beiden Schienen mit einer Kraft von etwa 60 bis 70 Tonnen in Längsrichtung – zusammen weit über hundert Tonnen, die irgendwohin wollen.

Solange Schwellen und Schotter das Gleis festhalten, passiert nichts.

Wo der Halt fehlt, knickt das Gleis seitlich aus – manchmal um Dezimeter, innerhalb von Minuten.

Hitze und Gleis in Zahlen

+20 °C

heißer als die Luft

so viel wärmer kann der Schienenstahl in der Sonne werden

60 °C

Schienentemperatur

bei rund 40 Grad Lufttemperatur

23–26 °C

Neutraltemperatur

bei der die verschweißte Schiene spannungsfrei ist

12 mm

pro Kilometer und Grad

so viel würde sich freie Schiene ausdehnen

≈ 7 °C

weniger durch weiße Farbe

weiß gestrichene Schienen bleiben kühler, die Spannung sinkt um rund ein Fünftel

44

Gleisverdrückungen

zählte die Schweiz allein bis zum 7. Juli 2026

Quellen: ingenieur.de („Wenn Schienen 60 °C heiß werden“), SBB, ÖBB, Deutsche Bahn. Die Kraftangabe ist ein Überschlag aus Wärmeausdehnung und Querschnitt einer Standardschiene, keine Messung.

Wo es passiert – und wo nicht

Eine Gleisverwerfung ist selten, denn das Gleis ist genau dafür gebaut, den Druck auszuhalten.

Gefährdet sind die Stellen, an denen der Halt schwächer ist: alte Gleise mit Holzschwellen, enge Bögen, Nebenstrecken, verschmutzter oder lockerer Schotter.

Besonders heikel sind Abschnitte kurz nach Bauarbeiten, wenn der Schotter noch nicht wieder fest verdichtet ist.

Auf modernen Hauptstrecken mit schweren Betonschwellen und vollem Schotterbett passiert dagegen fast nie etwas.

Durch Hitze verformtes Gleis
So sieht eine Gleisverwerfung aus: Das Gleis ist seitlich ausgeknickt, weil der Druck im Stahl größer wurde als der Halt im Schotter. Foto: Hefin Owen, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Warum der Zug dann langsam fährt

Die Langsamfahrstelle ist die wichtigste Waffe gegen die Hitze – und die unbeliebteste.

Ein langsamer Zug bringt weniger Kraft ins Gleis, das ohnehin unter Spannung steht.

Und ein langsamer Zug kann vor einer Verwerfung noch anhalten, die der Lokführer erst spät sieht.

Deshalb setzt die Bahn bei großer Hitze an bekannten Problemstellen vorsorglich Tempolimits, schickt zusätzliche Kontrollfahrten los und hält Reparaturtrupps in Bereitschaft.

Ende Juni 2026 sperrte der Betreiber National Express in Nordrhein-Westfalen mehrere RRX-Linien an einem Nachmittag komplett – vorsorglich, von 13 bis 19 Uhr.

Nicht nur die Schiene schwitzt

Oberleitungen dehnen sich aus und hängen durch, bewegliche Teile in Weichen klemmen, ältere Stellwerke reagieren empfindlich auf Elektronik über 30 Grad.

In den Zügen laufen Klimaanlagen und Kompressoren am Limit; fällt eine aus, wird aus einem heißen Tag schnell ein Notfall – wie am 26. Juni 2026, als ein RE5 mit rund 475 Fahrgästen bei Bonn liegen blieb.

Eine Hitzewelle trifft also nicht ein Bauteil, sondern das ganze System auf einmal.

Weiße Schienen und andere Ideen

In Italien, der Schweiz und in Großbritannien werden Schienen an heiklen Stellen weiß gestrichen.

Weiß reflektiert die Sonne; die Schiene bleibt bis zu sieben Grad kühler, die Spannung im Stahl sinkt um rund ein Fünftel.

Der Haken: Bremsstaub und Schmutz machen die Farbe schnell grau, dann muss neu gestrichen werden.

Die SBB hat an einem besonders anfälligen Bogen sogar eine feste Sprinkleranlage gebaut, die das Gleis kühlt.

Die ÖBB betreibt ein eigenes Wetterwarnsystem mit 55 Messstationen und fährt ihre Hochleistungsstrecken viermal im Jahr mit Messzügen ab.

Die Deutsche Bahn analysiert im Programm „Klimaresiliente Bahntechnik“, welche Anlagen bei Hitze zuerst schlappmachen.

Weiß gestrichene Schienen gegen Hitze
Weiß gegen die Sonne: gestrichene Schienen in Italien. Foto: Al*from*Lig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum das nicht schnell besser wird

Ein Gleis liegt rund 40 Jahre im Netz.

Neue Regeln für hitzefeste Gleise – schwerere Schwellen, mehr Schotter, höhere angenommene Temperaturen – wirken deshalb erst, wenn das alte Gleis irgendwann ersetzt wird.

Die Schweiz hat die maximale Rechentemperatur für Schienen bereits von 60 auf 65 Grad angehoben.

Bis dahin gilt: Wer im Sommer langsamer fährt, fährt nicht aus Faulheit langsamer.

Er fährt über einen gespannten Stahlstab.

Das Urteil

Stimmt. Hitze kann Gleise verbiegen, und zwar sichtbar – die Fachleute nennen es Gleisverwerfung.

Es passiert selten und fast nur an schwachen Stellen. Aber weil ein Zug auf einem ausgeknickten Gleis entgleisen kann, nimmt die Bahn lieber die Verspätung in Kauf.

Die Langsamfahrstelle ist also kein Zeichen, dass etwas kaputt ist. Sie ist das Zeichen, dass jemand aufpasst.

Häufige Fragen zu Hitze und Gleisen

Wie heiß wird eine Schiene?
Rund 20 Grad heißer als die Luft. Bei 35 Grad Lufttemperatur sind es über 50 Grad im Stahl, bei 40 Grad rund 60.
Was ist eine Gleisverwerfung?
Das seitliche Ausknicken eines Gleises, wenn der Druck im erhitzten Stahl größer wird als der Halt durch Schwellen und Schotter. Das Gleis bildet dann eine sichtbare Welle oder Schlangenlinie.
Warum dehnen sich die Schienen nicht einfach aus?
Weil sie lückenlos verschweißt sind. Früher gab es Lücken zwischen den Schienen; sie machten das typische Klackern und waren wartungsintensiv. Heute nimmt man dafür die Spannung im Stahl in Kauf.
Was ist die Neutraltemperatur?
Die Temperatur, bei der eine verschweißte Schiene spannungsfrei ist – in Mitteleuropa etwa 23 bis 26 Grad. Darüber entsteht Druck, darunter Zug.
Warum fährt die Bahn bei Hitze langsamer?
Ein langsamer Zug belastet das gespannte Gleis weniger und kann vor einer Verwerfung noch bremsen. Tempolimits werden vorsorglich an bekannten Schwachstellen angeordnet.
Hilft es, Schienen weiß zu streichen?
Ja, bis zu sieben Grad. Die Schweiz, Italien und Großbritannien tun das an einzelnen Stellen. Die Farbe verschmutzt aber schnell und muss erneuert werden.
Kann ein Zug auf einer Gleisverwerfung entgleisen?
Ja. Deshalb werden Verwerfungen sofort gesperrt oder mit Langsamfahrstellen gesichert, bis das Gleis repariert ist.
Wird das Problem schlimmer?
Die Bahnen rechnen mit häufigeren und längeren Hitzewellen. Weil ein Gleis rund 40 Jahre liegt, dauert es aber lange, bis hitzefestere Bauweisen im ganzen Netz angekommen sind.

Quellen

ingenieur.de: „Wenn Schienen 60 °C heiß werden: Wie hitzefest ist die Bahn?“ und „Hitzewelle: Warum die Bahn bei 35 °C plötzlich Probleme bekommt“; SBB News: „So meistert die SBB den Sommer“; Rail Cargo Group: „Wenn die Schiene schwitzt“; Science Media Center zu Hitzewellen im Bahnverkehr.

Die Kraftangabe ist eine Überschlagsrechnung aus Wärmeausdehnung, Elastizität und Querschnitt einer Standardschiene. Stand: September 2026.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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