Stimmt es, dass ein ICE dich ansaugen kann? Sog, Druckwelle und die weiße Linie erklärt

Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?

„Vorsicht bei der Durchfahrt eines Zuges. Bitte treten Sie von der Bahnsteigkante zurück. Dieser Satz ist ernst gemeint.“

Stimmt es, dass ein ICE dich ansaugen kann?

→ Stimmt – aber nicht wie ein Staubsauger. Erst schiebt der Zug die Luft, dann zieht er sie nach. Und dich mit.

Lesezeit: 7 Minuten · Mythen-Check · Sicherheit

Kurz gesagt

Ja, das stimmt – auch wenn das Wort „ansaugen“ nicht ganz trifft. Ein schneller Zug schiebt zuerst eine Druckwelle vor sich her und reißt dann Luft mit sich, die hinter und neben ihm nachströmt. Dieser Sog kann Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und Kinderwagen oder Koffer bewegen. Die Kraft wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit: doppeltes Tempo, vierfache Wirkung. Deshalb gibt es die weiße Linie am Bahnsteig – und deshalb ist sie kein Vorschlag.

Der Bahnsteig ist fast leer, die Anzeige sagt: „Zugdurchfahrt“.

Dann ein Ton, der erst wie Wind klingt und dann wie ein Gewitter.

Der ICE schießt durch den Bahnhof, ein weißer Strich, und noch bevor er vorbei ist, fliegt einem die Jacke ins Gesicht.

Erst drückt es einen weg, dann zieht es einen hin.

Ein Zug bei voller Fahrt ist wie ein Schiff, das durch Luft statt Wasser pflügt: Vorn schiebt er eine Bugwelle, hinten zieht ein Strudel.

Und wer zu nah an der Kante steht, steht mitten in dieser Welle.

ICE fährt durch einen kleinen Bahnhof
Zugdurchfahrt: Was hier harmlos aussieht, bewegt Tonnen von Luft. Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Stimmt es? Ja – nur das Wort ist falsch

„Ansaugen“ klingt nach einem Staubsauger, der einen Menschen unter den Zug zieht.

So funktioniert es nicht.

Ein Zug muss die Luft vor sich aus dem Weg räumen; sie weicht seitlich aus und trifft als Druckwelle auf alles, was am Bahnsteig steht.

Entlang der Wagen reißt der Zug dann Luft mit – eine Schicht, die immer dicker wird, je länger der Zug ist.

Hinter dem Zug strömt Luft nach, um die Lücke zu füllen: Das ist der Sog.

Wer dicht an der Kante steht, bekommt erst einen Stoß weg vom Gleis und dann einen Zug hin zum Gleis – genau in dem Moment, in dem man das Gleichgewicht sucht.

Doppeltes Tempo, vierfache Kraft

Die Kräfte der Luft wachsen nicht mit der Geschwindigkeit, sondern mit ihrem Quadrat.

Ein Zug mit 200 Kilometern pro Stunde wirkt deshalb rund viermal so stark wie einer mit 100.

Ein ICE mit 300 Kilometern pro Stunde neunmal so stark.

Auf Schnellfahrstrecken rauschen ICE durch Bahnhöfe wie Montabaur mit voller Geschwindigkeit – dort gelten die größten Abstände, und die Bahnsteige sind entsprechend gebaut.

Neben einem schnellen Zug kann die Luft für Sekunden Sturmstärke erreichen.

Ein Kinderwagen mit Bremse rollt trotzdem, ein Rollkoffer kippt, eine Kapuze fliegt.

Die Abstände, die das Regelwerk vorschreibt

1,85 m

bis 40 km/h

Abstand von der Gleismitte, in dem Menschen gefährdet sind

2,50 m

bis 160 km/h

der Gefahrenbereich wächst mit dem Tempo

3,00 m

bis 200 km/h

ab hier reicht die Zone weit in den Bahnsteig

3,70 m

über 200 km/h

an Bahnsteigen, an denen Züge so schnell durchfahren

Quelle: Europäische Norm EN 16704 und deutsches Regelwerk zum Gefahrenbereich, zusammengefasst bei Wikipedia („Gefahrenbereich (Bahn)“). Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung verlangt in § 13, dass sich Reisende bei Durchfahrten über 200 km/h nicht im Gefahrenbereich aufhalten.

Was die weiße Linie wirklich bedeutet

Die weiße – manchmal gelbe – Linie am Bahnsteig ist keine Dekoration und keine Empfehlung.

Sie markiert den Gefahrenbereich: Zwischen Linie und Kante darf man nicht warten.

Die Linie liegt meist knapp einen Meter von der Kante entfernt, oft mit tastbaren Rippen für blinde Menschen.

Sie ist die Untergrenze, nicht das Ziel.

Wird eine Durchfahrt angesagt oder kommt ein schneller Zug, gehört man deutlich weiter zurück – im Zweifel bis an die Rückwand oder hinter eine Bank.

Was die Bahn dazu sagt

Die Deutsche Bahn schreibt in ihrer Unfallprävention wörtlich: „Einfahrende Züge können durch die Sogwirkungen Menschen und Gegenstände mit sich reißen.“

Sie warnt besonders vor Kopfhörern und Handys am Bahnsteig: Wer die Durchsage überhört, wird von der Durchfahrt überrascht.

Kinderwagen gehören mit angezogener Bremse und der Hand am Griff hinter die Linie, Gepäck nicht an die Kante.

Warum der Lokführer nichts tun kann

Ein ICE mit 300 Kilometern pro Stunde braucht mehrere Kilometer, um zu halten.

Wenn der Lokführer einen Menschen an der Kante sieht, ist der Zug längst vorbei, bevor die Bremse wirkt.

Der einzige Schutz ist Abstand – und der liegt in der Hand dessen, der am Bahnsteig steht.

Das ist der Grund, warum Bahnhöfe an Schnellfahrstrecken Absperrungen, Ansagen und breite Bahnsteige haben.

Das Urteil

Stimmt. Ein schneller Zug kann Menschen mit Druckwelle und Sog vom Bahnsteig reißen – nicht wie ein Staubsauger, aber mit der Wucht eines Sturms.

Die Gefahr wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Ein ICE bei 300 wirkt neunmal so stark wie ein Regionalzug bei 100.

Die weiße Linie ist die Grenze, nicht der Aufenthaltsort. Bei Durchfahrten: zurück, weiter als man denkt.

Häufige Fragen zu Sog und Durchfahrt

Kann ein Zug einen Menschen wirklich ansaugen?
Ja, im Ergebnis. Physikalisch ist es erst eine Druckwelle, dann nachströmende Luft – der Sog. Beides zusammen kann Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und Richtung Gleis ziehen.
Wie stark ist der Sog?
Er wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Doppeltes Tempo bedeutet vierfache Kraft. Neben einem ICE bei voller Fahrt kann die Luft für Sekunden Sturmstärke erreichen.
Wie weit muss ich zurücktreten?
Mindestens hinter die weiße Linie, die meist knapp einen Meter von der Kante entfernt liegt. Bei angekündigten Durchfahrten deutlich weiter – bis an die Rückwand oder hinter eine Bank.
Was bedeutet die weiße Linie?
Sie markiert den Gefahrenbereich zwischen Linie und Bahnsteigkante. Dort darf man nicht warten. Die tastbaren Rippen dienen blinden und sehbehinderten Menschen.
Gilt das auch für langsame Züge?
Ja, in geringerem Maß. Das Regelwerk kennt schon bis 40 km/h einen Gefahrenbereich von 1,85 Metern ab Gleismitte. Ein Güterzug mit 100 km/h reißt ebenfalls Luft mit.
Warum fahren ICE überhaupt mit 300 durch Bahnhöfe?
Weil auf Schnellfahrstrecken nicht jeder Zug an jedem Bahnhof hält. Dort sind die Bahnsteige breiter, die Abstände größer und die Durchfahrten werden angesagt.
Was ist mit Kinderwagen und Koffern?
Sie bewegen sich bei Durchfahrten auch mit angezogener Bremse. Deshalb: Hand am Griff, hinter die Linie, nicht an die Kante stellen.
Kann der Lokführer bremsen, wenn jemand zu nah steht?
Praktisch nicht. Ein ICE braucht bei voller Fahrt mehrere Kilometer Bremsweg. Der Zug ist vorbei, bevor die Bremse wirkt.

Quellen

Wikipedia: „Gefahrenbereich (Bahn)“ mit den Abständen nach EN 16704 und dem Verweis auf § 13 Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung; Deutsche Bahn: „Richtiges Verhalten am Bahnsteig“ (Unfallprävention); S-Bahn München: „Vorsicht an der Bahnsteigkante“.

Die Angabe zur Sturmstärke ist eine Größenordnung aus Messungen zur Luftströmung neben schnellen Zügen, keine Zahl für einen bestimmten Bahnhof. Stand: September 2026.

Weiterfahrt

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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