Göltzschtalbrücke: die größte Ziegelbrücke der Welt – Ortstermin im Vogtland

Bahn-Slam · Ortstermin

„Sehr geehrte Fahrgäste, unter Ihnen liegen jetzt 26 Millionen Ziegel. Bitte bleiben Sie sitzen.“

Göltzschtalbrücke: 26 Millionen Ziegel, 78 Meter hoch, und niemand hatte einen Plan

→ Eine Kathedrale, die keiner betreten darf – gebaut aus Ziegeln, weil es im Vogtland keinen Stein gab.

Lesezeit: 9 Minuten · Ortstermin · Vogtland

Kurz gesagt

Die Göltzschtalbrücke bei Reichenbach im Vogtland ist die größte Ziegelbrücke der Welt: 574 Meter lang, 78 Meter hoch, 98 Bögen in vier Etagen, gebaut von 1846 bis 1851 aus über 26 Millionen Ziegeln. Ein Preisausschreiben brachte 81 Entwürfe – und keinen brauchbaren. Am Ende rechnete Johann Andreas Schubert die Brücke als erste der Welt statisch durch. Sie trägt bis heute die Strecke Leipzig–Hof, mit Zügen bis 160 Kilometer pro Stunde.

Von unten hört man den Zug, bevor man ihn sieht.

Ein Rauschen, dann ein Schatten, der über die obersten Bögen wandert, 78 Meter über der Wiese.

Wer im Tal steht, zwischen den Pfeilern, fühlt sich wie in einer Kirche, in der jemand das Dach vergessen hat.

Rot leuchtet das Mauerwerk in der Sonne, Bogen über Bogen, vier Etagen hoch.

Die Göltzschtalbrücke ist eine Kathedrale, die niemand betreten darf – und die trotzdem jeden Tag Tausende Menschen benutzen, ohne es zu merken.

Göltzschtalbrücke mit Regionalzug auf der obersten Etage
Vier Etagen Ziegel, oben ein Regionalzug nach Hof. Foto: Rainerhaufe, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

81 Entwürfe, kein Plan

1845 wollte die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn-Compagnie ihre Strecke von Leipzig nach Hof bauen.

Im Vogtland lag das Göltzschtal im Weg: tief, breit, und niemand wusste, wie man eine Eisenbahn darüber bekommt.

Am 27. Januar 1845 schrieb die Gesellschaft einen Wettbewerb aus, 1.000 Taler Preisgeld.

81 Vorschläge kamen – keiner wurde gebaut.

Kein Einsender konnte nachweisen, dass sein Bauwerk halten würde.

Also nahm der Prüfer die Sache selbst in die Hand: Johann Andreas Schubert, Professor in Dresden, entwarf die Brücke und rechnete sie durch – als erste Brücke der Welt mit einer echten statischen Berechnung.

Robert Wilke leitete die Ausführung, Ferdinand Dost die Baustelle.

Panorama der Göltzschtalbrücke im Tal
Das ganze Tal auf einen Blick: 574 Meter von Hang zu Hang. Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum Ziegel?

Große Brücken baute man damals aus Naturstein.

Im Vogtland gab es aber kaum brauchbaren Stein – dafür Lehm in Hülle und Fülle.

Also entstanden entlang der Strecke fast zwanzig Ziegeleien.

Bis zu 50.000 Ziegel wurden an einem einzigen Tag vermauert.

Am Ende waren es 26.021.000 Stück, jeder 27,7 Zentimeter lang – aufeinandergelegt ein Turm von über 7.000 Kilometern Höhe.

Die Brücke in Zahlen

26 Mio.

Ziegel

genau 26.021.000 im Dresdner Format

574 m

Länge

von Hang zu Hang

78 m

Höhe

bei Fertigstellung die höchste Eisenbahnbrücke der Welt

98

Bögen

in bis zu vier Etagen, der größte Bogen spannt 30,87 Meter

1.736

Arbeiter

gleichzeitig auf der Baustelle; 31 starben beim Bau

≈ 2 Mio.

Taler

Baukosten, umgerechnet 6,6 Millionen Goldmark

Bauzeit: 31. Mai 1846 bis 15. Juli 1851. Quelle: Wikipedia (Göltzschtalbrücke), Stadt Reichenbach, ingenieur.de.

Fünf Jahre, 1.736 Menschen, 31 Tote

Am 31. Mai 1846 begann der Bau.

Bis zu 1.736 Menschen arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle, auf Gerüsten aus Zehntausenden Baumstämmen.

31 von ihnen kamen ums Leben, mehr als 1.300 mussten ärztlich behandelt werden.

Am 15. Juli 1851 war die Brücke fertig – nach gut fünf Jahren.

Sie war damals die höchste Eisenbahnbrücke der Welt und ist bis heute die größte aus Ziegeln.

Blick von unten durch die Etagen der Göltzschtalbrücke
Der Blick nach oben durch die Etagen – jede Öffnung ein Fenster aus Ziegeln. Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

175 Jahre im Dienst

Die Göltzschtalbrücke ist kein Denkmal, das man nur anschaut.

Sie trägt zweigleisig die Strecke Leipzig–Hof, heute Teil der Sachsen-Franken-Magistrale.

Neigetechnikzüge dürfen mit 160 Kilometern pro Stunde über sie fahren, andere mit 120.

1930 wurde der Gleisabstand auf vier Meter vergrößert, in den 1950er-Jahren das Mauerwerk saniert.

Von 2010 bis 2012 kam die Oberleitung – und ein neues Gleistragwerk aus 650 Stahlbeton-Fertigteilen, das die alten Ziegel entlastet.

Dafür wuchs die Brücke oben von ursprünglich 7,70 Metern auf 11,92 Meter Breite.

Göltzschtalbrücke hinter den Gebäuden einer alten Mühle
Hinter der alten Mühle im Tal: Alltag unter einem Weltrekord. Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die kleine Schwester

Zehn Kilometer südwestlich steht die Elstertalbrücke – gleicher Bauherr, gleiche Zeit, gleiches Prinzip, nur kleiner.

Beide Brücken wurden gleichzeitig fertig und tragen dieselbe Strecke. Sachsen bewirbt sich seit 2020 mit beiden um den Titel UNESCO-Welterbe.

Für die Göltzschtalbrücke wurden im Juni 2026 Pläne für eine 700 Meter lange Seilrutsche über das Tal vorgestellt, mit 50 bis 70 Stundenkilometern und rund 30 Millionen Euro Kosten. Baubeginn soll 2028 sein.

Was man beim Ortstermin sieht

Der beste Platz ist unten im Tal bei Netzschkau, direkt zwischen den Pfeilern.

Dort kann man die Hand auf die Ziegel legen, die 1850 gebrannt wurden, und den Kopf in den Nacken legen, bis der oberste Bogen im Himmel verschwindet.

Wer mit dem Zug von Leipzig nach Hof fährt, merkt oben nichts – außer einem Blick auf die Wiesen, der kurz sehr tief geht.

Am eigenen Haltepunkt „Göltzschtalbrücke“ hält heute kein Zug mehr; die Bahnhofsgebäude stehen noch.

Ziegelbogen der Göltzschtalbrücke vor blauem Himmel
Ein einzelner Bogen vor dem Himmel – 30 Meter Spannweite aus gebranntem Lehm. Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Häufige Fragen zur Göltzschtalbrücke

Wo steht die Göltzschtalbrücke?
Im Vogtland in Sachsen, zwischen Netzschkau und Mylau bei Reichenbach. Sie überspannt das Tal der Göltzsch auf der Bahnstrecke Leipzig–Hof.
Wie groß ist sie?
574 Meter lang, 78 Meter hoch, mit 98 Bögen in bis zu vier Etagen. Der größte Bogen spannt 30,87 Meter.
Wie viele Ziegel wurden verbaut?
26.021.000 Ziegel im Dresdner Format, dazu über 17.000 Kubikmeter Sand. Insgesamt 135.676 Kubikmeter Mauerwerk.
Wer hat sie entworfen?
Johann Andreas Schubert, Professor in Dresden, nachdem ein Wettbewerb mit 81 Einsendungen keinen brauchbaren Entwurf gebracht hatte. Robert Wilke und Ferdinand Dost leiteten die Ausführung.
Warum ist sie aus Ziegeln?
Weil es im Vogtland kaum Naturstein gab, aber viel Lehm. Fast zwanzig Ziegeleien entlang der Strecke lieferten das Material.
Fahren heute noch Züge darüber?
Ja, zweigleisig und mit Oberleitung seit 2012. Neigetechnikzüge dürfen 160 Kilometer pro Stunde fahren, andere 120.
Ist sie Welterbe?
Noch nicht. Sachsen hat 2020 beschlossen, sich mit Göltzschtal- und Elstertalbrücke um den UNESCO-Titel zu bewerben.
Kann man hinauf?
Auf die Gleise nicht. Im Tal gibt es einen Aussichtspunkt und Wege direkt unter den Bögen. Eine Seilrutsche über das Tal ist geplant, Baubeginn frühestens 2028.

Quellen

Wikipedia: „Göltzschtalbrücke“ (Abruf September 2026); Stadt Reichenbach im Vogtland; ingenieur.de: „Göltzschtalbrücke – ein Weltrekord aus Ziegeln“; ERIH – Europäische Route der Industriekultur.

Alle Fotos stehen unter freien Lizenzen und stammen von Wikimedia Commons; die Urheber sind unter jedem Bild genannt. Die Bilder wurden nur verkleinert, nicht beschnitten oder verändert.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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