Bahn-Slam · Ortstermin
„Sehr geehrte Fahrgäste, Sie sehen Rendsburg jetzt zum zweiten Mal. Das ist kein Irrtum. Das ist die Schleife.“
Rendsburger Hochbrücke: Die Brücke, die sich einmal um die Stadt dreht
→ Eine Wendeltreppe aus Stahl: 4,5 Kilometer Umweg, damit ein Zug 42 Meter Höhe gewinnt.
Lesezeit: 9 Minuten · Ortstermin · Schleswig-Holstein
Kurz gesagt
Die Rendsburger Hochbrücke führt seit 1913 die Bahnstrecke Hamburg–Flensburg über den Nord-Ostsee-Kanal. Weil der Bahnhof nur 600 Meter vom Kanal entfernt liegt, aber 42 Meter Durchfahrtshöhe nötig sind, dreht die Strecke eine 4,5 Kilometer lange Schleife um die Stadt. Unter der Brücke hängt eine Schwebefähre, eine von nur acht weltweit. 99 Jahre lang war das Bauwerk die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands.
Der Zug aus Hamburg bremst, obwohl kein Bahnhof kommt.
Links unten liegt Rendsburg, rote Dächer, ein Hafenkran, der Kanal wie ein graues Band.
Der Zug fährt eine weite Kurve, steigt dabei leise an – und plötzlich liegt dieselbe Stadt rechts unten.
Wer zum ersten Mal hier fährt, glaubt, der Lokführer hätte sich verfahren.
Hat er nicht.
Die Rendsburger Hochbrücke ist eine Wendeltreppe aus Stahl: Der Zug dreht eine ganze Runde um die Stadt, um hoch genug für die Schiffe zu kommen.

Warum ein Zug einen Kreis fährt
Der Nord-Ostsee-Kanal ist eine der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt.
Große Seeschiffe brauchen unter einer Brücke 42 Meter Platz.
Der Rendsburger Bahnhof liegt aber nur rund 600 Meter vom Kanal entfernt – viel zu nah, um auf so kurzer Strecke 42 Meter Höhe zu gewinnen.
Ein Zug kann keine Treppe steigen; er schafft nur sanfte Steigungen.
Also ließ der Ingenieur Friedrich Voß die Strecke eine Schleife von etwa viereinhalb Kilometern um die Stadt legen, mit rund zwölf Promille Steigung.
Die Bahn überquert dabei ihre eigene Strecke – deshalb sieht man Rendsburg zweimal.

Die Brücke in Zahlen
2.486 m
Stahlkonstruktion
mit beiden Rampen rund 7,5 Kilometer
42 m
lichte Höhe
damit Seeschiffe unter der Brücke passen
140 m
größte Stützweite
die Hauptbrücke über dem Kanal ist 317 Meter lang
17.740 t
Stahl
zusammengehalten von 3,2 Millionen Nieten
1913
Eröffnung
Bauzeit 1911 bis 1913, Eröffnung am 1. Oktober
13,4 Mio.
Goldmark
Baukosten – nach heutiger Kaufkraft grob 90 Millionen Euro
Quelle: Wikipedia (Rendsburger Hochbrücke), Bundesingenieurkammer, Metropolregion Hamburg. Kaufkraft-Umrechnung nach Wikipedia-Angabe.
99 Jahre Rekord
Von 1913 bis 2012 war die Rendsburger Hochbrücke die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands.
Erst die Saale-Elster-Talbrücke der Schnellfahrstrecke bei Halle nahm ihr den Titel ab.
Rund 350 Arbeiter bauten zwei Jahre lang an dem Stahlriesen; sieben von ihnen starben dabei.
Gebaut haben ihn die Dortmunder Firma C. H. Jucho und die Gutehoffnungshütte – Namen aus der Hochzeit des deutschen Stahlbaus.
2013, zum hundertsten Geburtstag, erklärte die Bundesingenieurkammer die Brücke zum „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“.

Die Fähre, die an der Brücke hängt
Das eigentliche Wunder von Rendsburg hängt unter den Gleisen.
Seit dem 2. Dezember 1913 pendelt eine Schwebefähre an Stahlseilen über den Kanal, gut drei Meter über dem Wasser.
Sie trägt bis zu vier Autos und hundert Menschen, braucht knapp zwei Minuten für die Überfahrt und kostet nichts.
Weltweit gibt es nur noch acht Schwebefähren – und die Rendsburger ist die einzige, die unter einer befahrenen Eisenbahnbrücke hängt.
In den 2010er-Jahren nutzten sie im Schnitt 520 Fahrzeuge und 1.700 Menschen am Tag.
Der Unfall von 2016
Am 8. Januar 2016, kurz vor sieben Uhr morgens, rammte der Frachter „Evert Prahm“ die Schwebefähre. Zwei Menschen wurden verletzt, zwei der zwölf Tragseile rissen.
Die alte Fähre war nicht mehr zu retten. Am 4. März 2022 nahm eine neue ihren Dienst auf: 15,5 Meter lang, zehn Meter breit, 45 Tonnen schwer, angetrieben von vier Elektromotoren mit je 30 Kilowatt.
Kosten: rund elf Millionen Euro. Seit 2026 betreibt mit Adler-Schiffe erstmals seit 1913 ein privates Unternehmen die Fähre.
20 Jahre Sanierung
Eine Brücke aus 3,2 Millionen Nieten altert.
Von 1993 bis 2014 wurde die Hochbrücke saniert – über zwanzig Jahre, während die Züge weiterfuhren.
Verstärkungen kamen hinein, der Korrosionsschutz wurde erneuert, viele Nieten durch Schrauben ersetzt, die Fundamente verstärkt.
Rund 170 Millionen Euro kostete das, nach heutigem Wert etwa 220 Millionen.
Am 14. Dezember 2014 war die Arbeit abgeschlossen.

Was man beim Ortstermin sieht
Wer mit dem Zug kommt, sollte auf der Fahrt von Hamburg nach Norden rechts sitzen und ab Rendsburg beide Fenster im Blick behalten.
Wer zu Fuß kommt, geht ans Kanalufer unterhalb der Brücke und fährt mit der Schwebefähre hinüber – kostenlos, alle Viertelstunde, von fünf Uhr morgens bis in den Abend.
Von unten sieht man, wie klein die Fähre unter dem Stahlgebirge wirkt.
Und wenn oben ein Zug fährt, hört man ihn, bevor man ihn sieht.

Häufige Fragen zur Rendsburger Hochbrücke
Warum fährt der Zug bei Rendsburg eine Schleife?
Wie lang ist die Brücke?
Wie hoch ist die Brücke?
Wann wurde sie gebaut?
Kostet die Schwebefähre etwas?
Was ist 2016 passiert?
Fahren heute noch Züge über die Brücke?
Kann man auf die Brücke hinauf?
Quellen
Wikipedia: „Rendsburger Hochbrücke“ (Abruf September 2026); Bundesingenieurkammer: „Die Rendsburger Hochbrücke mit Schwebefähre“ (Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst); Metropolregion Hamburg: „Rendsburger Hochbrücke und Schwebefähre“; Rendsburg Tourismus Marketing.
Alle Fotos stehen unter freien Lizenzen und stammen von Wikimedia Commons; die Urheber sind unter jedem Bild genannt. Die Bilder wurden nur verkleinert, nicht beschnitten oder verändert.
Weiterfahrt
→ Hindenburgdamm – die einzige Landverbindung nach Sylt
→ Müngstener Brücke – Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke
→ Die sieben schönsten Bahnstrecken – Fensterplätze, die sich lohnen
