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Gemeinsames Ticket, das kaum jemand kaufen kann
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Vertrieb einseitig)

Zwei Automaten, ein Ticket. Erhältlich am linken. Foto: wpa (Symbolbild)
Ulm (wpa) – Zwei benachbarte Verkehrsverbünde haben ein gemeinsames Ticket eingeführt, es gilt in beiden Gebieten. Gelten tut es überall, kaufen kann man es fast nirgends.
Die Einigung dauerte sieben Jahre und gilt als Durchbruch. Sieben Jahre für ein Ticket, das an der eigenen Kasse scheitert.
Verhandelt wurde über Tarif, Erlösaufteilung und Bedingungen, alle drei sind geregelt. Man hat alles geklärt, außer der einen Frage, wo der Mensch das Ding bekommt.
Nicht verhandelt wurde über den Vertrieb, er stand nicht auf der Tagesordnung. Sieben Jahre Sitzungen, und das Verkaufen hat schlicht keiner drangehabt.
Erhältlich ist das Ticket nur über das Vertriebssystem von Verbund A. Ein gemeinsames Ticket, das nur der eine der beiden verkauft, das ist die Pointe.
Verbund B hat ein anderes System, die beiden sind technisch nicht kompatibel. Zwei Behörden, ein Ticket, null Steckdosen, die zusammenpassen.
Eine Anbindung war nicht Teil des Projekts, sie war als zweiter Schritt vorgesehen. Den entscheidenden Schritt hat man großzügig auf später verschoben, also auf nie.
Der zweite Schritt ist nicht finanziert, möglich wäre er über eine Schnittstelle. Das Wichtigste steht unter Finanzierungsvorbehalt, das Schöne wurde längst gefeiert.
Die Schnittstelle kostet 610.000 Euro, getragen würden die Kosten hälftig. An 305.000 Euro scheitert das, was sieben Jahre Verhandlung erst brauchbar machte.
Verbund B hat der Hälfte nicht zugestimmt, weil der Nutzen überwiegend bei A liegt. Keiner will für den Verkauf zahlen, an dem der andere verdient.
A verkauft. Und wer verkauft, hat keine Eile, den Verkauf mit dem Nachbarn zu teilen.
Im gemeinsamen Gebiet hat das System von B einen Marktanteil von 64 Prozent. Ausgerechnet der Verbund, der nicht verkaufen darf, hat die meisten Kunden.
Knapp zwei Drittel der Fahrgäste können das gemeinsame Ticket damit nicht dort kaufen, wo sie sonst kaufen. Für die Mehrheit ist das Durchbruch-Ticket schlicht unerreichbar.
Nutzen können sie es, erwerben müssen sie es über die App des Nachbarverbunds. Man darf fahren, wenn man vorher zur Konkurrenz ins Handy umzieht.
Das setzt ein zweites Konto voraus, ein solches haben nach Erhebung neun Prozent. 91 von 100 Fahrgästen stehen vor einer Tür, für die sie keinen Schlüssel haben.
Ein Kauf am Automaten ist nicht möglich, die Automaten gehören dem jeweiligen Verbund. Das Blech am Bahnsteig kennt das gemeinsame Ticket nicht, es kennt nur seinen Herrn.
Die Einführungskosten betrugen 1,1 Millionen Euro, hälftig verteilt. Für die Werbung war das Geld da, für den Verkauf nicht, das ist die Reihenfolge.
Davon entfielen 340.000 auf die Öffentlichkeitsarbeit, die Kampagne lief acht Wochen. Man hat acht Wochen lang ein Ticket beworben, das kaum jemand kaufen kann.
Verkauft wurden im ersten Quartal 1.400 Tickets, erwartet waren 24.000. Sechs Prozent des Ziels, gefeiert wurde trotzdem der Durchbruch.
Die Abweichung wird ausgewertet, als Ursache wird die Bekanntheit vermutet. Man vermutet mangelnde Werbung, wo schlicht die Kasse fehlt.
Eine zweite Kampagne ist beantragt. Man bewirbt lauter, was man nicht verkaufen kann, und nennt das Strategie.
Tarifreferent Egon Vertriebsweg nennt das Ticket „einen wichtigen Schritt“. Ein wichtiger Schritt, der genau an der Kasse endet.
Der Schritt endet an der Kasse. Genau da, wo der Fahrgast steht, hört der Durchbruch auf.
Wer in B wohnt und das Ticket am Schalter kaufen will, fährt dafür nach A. Man reist zum Nachbarn, um ein Ticket zu kaufen, das die Nachbarschaft verbinden sollte.
Er fährt mit einem Ticket, das im gemeinsamen Tarif nicht enthalten ist.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Schnittstelle 610.000 Euro, hälftige Kostenteilung wurde nicht vereinbart +++
+++ Kunden aus Verbund B fahren zum Kauf in Verbund A – mit einem Ticket, das nicht im gemeinsamen Tarif ist +++
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