Sollten große Bahnhöfe wieder ein Kino bekommen?

Standpunkt

„Der Anschlusszug hat Verspätung, der Film im Bahnhofskino beginnt dagegen pünktlich.“

Sollten große Bahnhöfe wieder ein Kino bekommen?

→ Ein Standpunkt zur Kultur im Bahnhof.

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Worum es geht

Ja, wo es passt. Ein kleines Kino mit kurzen Filmen, Dokumentationen und Kulturprogramm könnte große Bahnhöfe beleben, wenn es sich trägt und nicht zulasten von Wartebereichen geht.

In den 1950er Jahren gehörte in vielen großen Bahnhöfen ein eigenes Kino dazu.

Reisende konnten dort die Wartezeit auf ihren Zug mit Nachrichten und kurzen Filmen überbrücken.

Sollte diese Idee in neuer Form zurückkehren?

Hauptbahnhof 2024
Foto: Frigyes06, CC0, via Wikimedia Commons

In 50 Minuten um die Welt

Das erste Aktualitätenkino der Welt hatte schon am 2. November 1929 in New York eröffnet.

Im Juni 1950 wurde in Frankfurt am Main eine Gesellschaft für sogenannte Aktualitätenkinos gegründet.

Ihr erstes Kino eröffnete sie am 25. April 1951 im Frankfurter Hauptbahnhof.

Das Ziel war, Bahnreisenden die Wartezeit auf ihren Anschluss zu verkürzen.

Unter dem Slogan „In 50 Minuten um die Welt“ lief ein Programm aus Wochenschauen, Kulturfilmen und einem Zeichentrickfilm.

Es wiederholte sich von 9 bis 23 Uhr, und man konnte jederzeit hinein und wieder hinaus.

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Foto: Gerd Eichmann, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Kino für Reisende

Der Eintritt kostete 1953 einheitlich 50 Pfennig.

Die Sitze waren so angeordnet, dass Kommende und Gehende niemanden störten.

Neben der Leinwand hingen eine beleuchtete Uhr und eine kleine zweite Leinwand.

Auf ihr konnten zum Beispiel Informationen über Zugverspätungen erscheinen.

Kino und Bahn waren so eng miteinander verbunden.

Die Blütezeit der fünfziger Jahre

Noch 1951 folgten weitere Kinos in Hamburg, Hannover, Köln und München.

Bis 1954 kamen unter anderem Berlin, Nürnberg, Kassel, Düsseldorf, Aachen, Dortmund und Stuttgart hinzu.

Ein Medienwissenschaftler zählte für das Jahr 1954 insgesamt 18 solcher Kinos.

Oft bildeten sich Schlangen an der Kasse, weil alle Plätze besetzt waren.

Das Publikum bestand anfangs zu 80 Prozent aus Stammgästen und zu 20 Prozent aus Reisenden.

Kinder gehörten dank des niedrigen Eintrittspreises zum Stammpublikum.

Der Niedergang

In den 1960er Jahren zog das Fernsehen in immer mehr Wohnzimmer ein.

Die Wochenschau im Kino verlor dadurch ihren Reiz.

Ab 1963 versuchten die Kinos, mit reißerischeren Themen und kurzen Kriminal- und Westernfilmen gegenzusteuern.

Ab 1967 zeigten die Bahnhofskinos nach und nach nur noch Spielfilme.

Ab Ende der 1970er Jahre liefen fast nur noch Sex- und Actionfilme, und der Ruf der Kinos litt.

Zu den Plänen der Bundesbahn, Bahnhöfe in Kaufhäuser mit Gleisanschluss zu verwandeln, passten sie bald nicht mehr.

Das Ende einer Kinogattung

Im Jahr 1990 waren nur noch sechs Bahnhofskinos in Betrieb.

Versuche, sie in anspruchsvolle Programmkinos zu verwandeln, scheiterten fast alle.

Über die Betreibergesellschaft der Aktualitätenkinos wurde am 12. April 2000 das Insolvenzverfahren eröffnet.

Die Gattung der Aktualitätenkinos gab es von 1929 bis 1999.

Nur wenige Häuser überlebten in anderer Form.

Das BALI in Kassel

Im Hauptbahnhof Kassel wird das frühere Bahnhofskino BALI seit 1995 wieder bespielt.

In zwei Sälen laufen täglich bei vier bis fünf Vorstellungen vier verschiedene Filme.

Gezeigt werden normale Spielfilme, aber auch besondere Filme, die zum Anspruch eines Kulturkinos passen.

Das Kino ist Teil des Kulturbahnhofs Kassel.

Im Jahr 2018 erhielt es den Preis „Nachhaltiges Kino“ des hessischen Wissenschafts- und Kunstministeriums.

Weitere Spuren

Das BALI in Berlin-Zehlendorf überdauerte die Zeit als Kino für ein besonderes Publikum.

In Graz stand ein Bahnhofskino, das bis 2010 im Originalzustand erhalten war, sogar unter Denkmalschutz.

Es scheiterte am Ende an einer jahrelangen Räumungsklage der Österreichischen Bundesbahnen.

Die Geschichte zeigt, wie schwer es solche Orte zwischen Bahnbetrieb und Kultur haben.

Sie zeigt aber auch, dass es Menschen gibt, die um sie kämpfen.

Bahnhöfe als Orte der Kultur

Große Bahnhöfe sind heute vor allem Orte für Einkauf und Gastronomie.

Kulturangebote gibt es dort eher selten.

Ein kleines Kino könnte kurze Filme, regionale Dokumentationen oder Programme für Kinder zeigen.

Anzeigen mit aktuellen Abfahrten ließen sich wie früher in den Saal holen.

So könnte aus Wartezeit wieder erlebte Zeit werden.

Warum Verlässlichkeit so wichtig ist

Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.

Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.

Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.

Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.

Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.

Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.

Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet

Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.

Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.

Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.

Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.

Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.

So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.

Die Bahn als Teil des Alltags

Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.

Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.

Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.

Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.

So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.

Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.

Pro und Contra

Dafür

+  Ein Kino macht aus Wartezeit eine angenehme Pause, gerade bei langen Umstiegen.

+  Kultur im Bahnhof belebt Orte, die sonst nur aus Läden und Imbissen bestehen.

+  Das BALI in Kassel zeigt, dass ein Bahnhofskino auch heute bestehen kann.

+  Kurze Programme mit Abfahrtsanzeige im Saal passen perfekt zum Rhythmus eines Bahnhofs.

+  Ein Kino kann den Bahnhof auch abends für die Stadt öffnen und sicherer wirken lassen.

+  Filme über Region und Reiseziele könnten zugleich Lust auf die nächste Bahnfahrt machen.

Dagegen

−  Schon früher haben sich die Bahnhofskinos auf Dauer nicht getragen.

−  Heute tragen fast alle Reisenden Filme und Serien auf dem Smartphone mit sich.

−  Flächen in großen Bahnhöfen sind knapp und teuer, Wartebereiche und Toiletten sind wichtiger.

−  Ein Kino mit ständigem Kommen und Gehen stellt hohe Anforderungen an den Brandschutz.

−  Ohne gute Betreiber droht wieder ein Absturz in Programme, die niemand im Bahnhof haben möchte.

−  Kulturförderung sollte nicht Aufgabe eines Bahnunternehmens sein.

Unterm Strich

Das Bahnhofskino war eine gute Idee, die an Fernsehen und schlechtem Programm gescheitert ist.

Ein kleines Kulturkino nach dem Vorbild aus Kassel könnte großen Bahnhöfen heute gut tun.

Es sollte sich tragen und Wartebereiche ergänzen, nicht verdrängen.

Dann wäre das Warten auf den Zug manchmal sogar ein Vergnügen.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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