Stimmt es, dass …?
„Nächster Halt Durlesbach, bitte binden Sie Ihren Geißbock nicht hinten am Zug an.“
Stimmt es, dass es den Bahnhof Durlesbach aus dem Volkslied wirklich gab?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. Der Bahnhof Durlesbach wurde 1849 an der Württembergischen Südbahn eröffnet und 1984 stillgelegt, das Gebäude steht noch und am Gleis erinnert eine Figurengruppe an den Bauern mit dem Geißbock.
Stuttgart, Ulm und Biberach kennt fast jeder, doch bei Durlesbach geraten viele ins Grübeln.
Der Ort aus dem bekannten Volkslied klingt fast wie ausgedacht.
Ob es den Bahnhof Durlesbach wirklich gab, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
1849
Eröffnung
des Bahnhofs Durlesbach an der Württembergischen Südbahn
1984
Stilllegung
danach hielten dort keine Züge mehr
rund 100
Fassungen
des Liedes im Deutschen Volksliedarchiv, mit bis zu 27 Strophen
Seit 1990 erinnert am Bahnhof eine Skulpturengruppe von René Auer an die Szene mit dem Geißbock.
Ein Lied über die neue Eisenbahn
Auf de schwäbsche Eisebahne ist ein Volkslied aus Württemberg.
Wann der Text zum ersten Mal gedruckt wurde, ist nicht eindeutig belegt, oft wird ein Tübinger Liederbuch von 1853 genannt, das es so wohl nicht gab.
Sicher nachweisen lässt sich das Lied in Liedersammlungen erst ab 1888.
Die Melodie stammt aus einem Basler Soldatenlied aus der Zeit um 1850.
Im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg liegen rund einhundert verschiedene Fassungen mit bis zu 27 Strophen.

Der Bauer und sein Geißbock
Die bekannteste Fassung erzählt von einem Bauern, der seinen Geißbock hinten an den Eisenbahnwagen bindet.
So war er es von seinen Reisen mit dem Ochsenkarren gewohnt.
An der nächsten Station findet er von dem Tier aber nur noch den Kopf.
Voller Zorn wirft er ihn dem Schaffner hinterher, der im Lied Kondukteur heißt.
Der Spott des Liedes richtet sich also gegen einen Bauern, der die neue Technik nicht versteht.
Gut zu wissen
Die Bodensee-Oberschwaben-Bahn zwischen Aulendorf und Friedrichshafen hat einen Ziegenkopf im Logo, ihre Züge werden auch Geißbockbahn genannt. Im Film Der Schuh des Manitu stimmen Indianer das Lied bei einer Fahrt mit der Draisine an.
Die Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen wurde zwischen 1846 und 1850 als erste Bahnstrecke zum Bodensee gebaut. Heute ist sie eine zweigleisige, elektrifizierte Hauptbahn.
Die Stationen im Refrain
Im Lied werden die Bahnhöfe Stuttgart, Ulm, Biberach, Meckenbeuren und Durlesbach genannt.
Sie liegen alle an der württembergischen Ost- und Südbahn.
Wegen des Reims stimmt die Reihenfolge allerdings nicht, denn Durlesbach liegt vor Meckenbeuren.
Geordnet sind die Orte im Lied eher nach ihrer Größe und Bedeutung.
Da die erste württembergische Hauptstrecke von Heilbronn über Stuttgart und Ulm nach Friedrichshafen erst 1850 durchgehend fuhr, dürfte das Lied kaum früher entstanden sein.
Ein echter Bahnhof ohne Ort
Den Bahnhof Durlesbach gab es wirklich, eröffnet wurde er 1849 von den Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen.
Er lag an der Strecke von Ulm nach Friedrichshafen, die man auch Südbahn nennt.
Heute gehört Durlesbach als Wohnplatz zur Stadt Bad Waldsee im Ortsteil Reute in Oberschwaben.
Weil der Bahnhof damals in keiner Ortschaft lag, wurde er nach dem Bach benannt, der hier in die Schussen mündet.
Erklärungen, der Name komme von einem Weg durch den Bach oder von einer schönen Wirtin namens Dorle, gelten als widerlegt.
Ein Bahnhof für Bad Waldsee
Der Bahnhof war zunächst für die Stadt Bad Waldsee gedacht, die abseits der Südbahn lag.
Die Stadt baute sogar eine eigene Straße zum abgelegenen Bahnhof Durlesbach.
Am 25. Juli 1869 bekam Bad Waldsee aber einen eigenen Bahnhof an der neuen Strecke von Herbertingen nach Isny.
Danach verlor Durlesbach rasch an Bedeutung, auch ein Versuch als Holzbahnhof scheiterte.
Neues Leben brachten Besucher des Klosters Reute, für die 1897 sogar ein Wartesaal der zweiten Klasse hinzukam.
Zwei Bahnhofsgebäude
Das erste Bahnhofsgebäude von 1849 wurde 1911 abgerissen.
Es steht heute wiederaufgebaut als Wohnhaus im nahen Reute.
An seiner Stelle entstand 1911 ein neues Empfangsgebäude mit Wartezimmer, Kassenraum, Gepäckaufgabe und Telegrafenraum.
Im Obergeschoss wohnte der Stationsvorsteher, in einer Dachkammer der Weichenwärter.
Zusammen mit Remise, Güterschuppen und Nebengebäude bildet es ein Ensemble aus vier symmetrisch angeordneten Häusern.
Das Ende und ein Café
Mit dem wachsenden Autoverkehr stiegen immer weniger Menschen in Durlesbach in den Zug.
In den letzten Jahren hielten Züge nur noch für Reisegruppen auf besonderen Antrag.
Im Jahr 1984 wurde die Bedienung ganz aufgegeben.
Im Jahr 2003 wurde das Bahnhofsgebäude an einen privaten Käufer verkauft.
Heute beherbergt es eine Goldschmiede und ein Café.
Ein Geißbock aus Bronze
Seit 1990 steht südlich des Bahnhofsgebäudes eine Skulpturengruppe des Bildhauers René Auer aus Bad Waldsee.
Sie zeigt, wie der Bauer den Geißbock an den Zug bindet, beobachtet von Schaffner und Bäuerin.
Dazu gehört ein kleiner Schmalspurzug mit Dampflok und zwei Wagen, der mit den Zügen der Südbahn historisch nichts zu tun hat.
Die Lok wurde 2010 restauriert, ein Förderverein kümmert sich mit Unterstützung der Stadt um das Denkmal.
Auch in Meckenbeuren erinnert seit 1986 ein Bronzedenkmal an das Bäuerle mit seinem Ziegenbock.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Den Bahnhof Durlesbach aus dem Volkslied Auf de schwäbsche Eisebahne gab es wirklich, von 1849 bis 1984 an der Südbahn zwischen Ulm und Friedrichshafen.
Er lag bei Reute, heute ein Ortsteil von Bad Waldsee, und wurde nach einem Bach benannt.
Das Bahnhofsgebäude von 1911 steht noch und wird heute als Goldschmiede und Café genutzt.
Am Gleis erinnert eine Figurengruppe mit Bauer, Bäuerin, Schaffner und Geißbock an das berühmte Lied.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
Warum Verlässlichkeit so wichtig ist
Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.
Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.
Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.
Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.
Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.
Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.
