Sollte Interrail für alle 18-Jährigen kostenlos sein?

Standpunkt

„Zum 18. Geburtstag gibt es Europa auf Schienen, leider nur für alle, die bei der Verlosung Glück haben.“

Sollte Interrail für alle 18-Jährigen kostenlos sein?

→ Ein Standpunkt zum Gratis-Interrail für junge Erwachsene.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Nein, nicht für alle, aber für deutlich mehr. Ein Gratis-Pass für jeden 18-Jährigen wäre ein sehr teures Geschenk, das viele gar nicht nutzen könnten. Besser wäre es, das Programm DiscoverEU kräftig auszubauen und die Hürden für junge Menschen mit wenig Geld zu senken.

Über das Programm DiscoverEU können junge Menschen in Europa ein kostenloses Interrailticket gewinnen.

Doch nur ein Teil der Bewerber kommt tatsächlich zum Zug, denn die Tickets werden verlost.

Deshalb wird immer wieder gefordert, jedem jungen Menschen zum 18. Geburtstag einen solchen Pass zu schenken.

Eurocity Abfahrt im Bahnhof Montreux
Foto: Holladio at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Was Interrail ist

Interrail ist eine Fahrkarte zum Pauschalpreis, mit der man für eine bestimmte Zeit beliebig viele Züge teilnehmender Bahnen in Europa nutzen kann.

Eingeführt wurde sie im März 1972 von mehreren europäischen Eisenbahngesellschaften zum 50. Geburtstag des Internationalen Eisenbahnverbands.

Damals sollte sie jungen Leuten bis 21 Jahre eine günstige Möglichkeit bieten, Europa kennenzulernen.

Heute gilt der Global Pass in 34 Ländern, allerdings nicht im eigenen Wohnsitzland.

2016 01 13 EuroCity by DCB
Foto: DCB, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Was ein Pass kostet

Ein einmonatiger Global Pass kostete im Februar 2024 für Jugendliche 522 Euro, für Erwachsene 696 Euro und für Senioren 626 Euro.

Kinder bis elf Jahre fahren kostenlos mit, Jugendliche von 12 bis 27 Jahren erhalten einen ermäßigten Preis.

Nötige Reservierungen und Aufpreise für manche Züge sind im Pass nicht enthalten.

Seit 2020 gibt es den Pass nicht nur auf Papier, sondern auch digital in einer App.

Die Idee hinter DiscoverEU

Die Idee stammt von zwei Aktivisten, die jedem EU-Bürger zum 18. Geburtstag einen Gutschein für ein 30-Tage-Interrailticket schicken wollten.

Persönliche Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen sollten so die Nähe in Europa stärken.

Im Europäischen Parlament fand der Vorschlag im Jahr 2016 Unterstützung aus mehreren Fraktionen.

Das im März 2017 vorgestellte Pilotprojekt der Kommission blieb mit 2,5 Millionen Euro aber weit hinter der ursprünglichen Idee zurück.

Vom Pilotprojekt zum Programm

Im Mai 2018 gab die Europäische Kommission bekannt, für die Jahre 2021 bis 2027 rund 700 Millionen Euro für DiscoverEU bereitzustellen.

Seit 2021 ist das Programm Teil von Erasmus+.

Zweimal im Jahr wurden jeweils rund 35.000 Tickets vergeben.

Für das Jahr 2026 sind europaweit 40.000 Tickets vorgesehen, für Deutschland in der ersten Runde 7000.

Viele Bewerber, wenige Gewinner

Bis April 2025 bewarben sich rund 1,5 Millionen junge Menschen, ausgegeben wurden 355.000 Tickets.

Damit kam nicht einmal jeder vierte Bewerber zum Zug.

In der zweiten Runde 2025 kamen weitere 400.000 Bewerbungen hinzu, für die knapp 77.000 Tickets vergeben wurden.

Die Nachfrage ist also deutlich größer als das Angebot.

Wer mitmachen darf

Bewerber müssen zum Stichtag 18 Jahre alt sein und in der EU oder einem teilnehmenden Land wie Island, Norwegen oder Serbien wohnen.

Sie müssen ein Quiz bestehen, werden dann ausgelost und dürfen noch kein Ticket gewonnen haben.

Außerdem sollen sie als Botschafter von ihrer Reise berichten, etwa in der Schule oder in sozialen Medien.

Wer bei der Auslosung kein Glück hat, geht leer aus, auch wenn er alle Bedingungen erfüllt.

Was der Gewinn umfasst

Mit dem Ticket dürfen die Gewinner innerhalb eines von drei festgelegten Monaten an sieben Reisetagen unterwegs sein.

Ab der fünften Sitzplatzreservierung zahlen sie selbst, ebenso Aufschläge für bestimmte Züge.

Übernachtungen, Verpflegung und Versicherungen sind nicht enthalten.

Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen können zusätzliche Kosten, etwa für einen Blindenhund, übernommen werden.

Die Rechnung für alle

Ein Gratis-Pass für jeden 18-Jährigen würde ein Vielfaches des heutigen Programms kosten.

Schon jetzt stehen für sieben Jahre rund 700 Millionen Euro bereit, und das reicht nur für einen Teil der Bewerber.

Hinzu kommt, dass Plätze in beliebten Zügen begrenzt sind und Reservierungen extra kosten können.

Ein Programm für alle müsste deshalb auch mehr Platz in den Zügen schaffen.

Warum Verlässlichkeit so wichtig ist

Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.

Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.

Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.

Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.

Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.

Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.

Warum die Bahn für das ganze Land zählt

Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.

Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.

Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.

Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.

Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.

So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.

Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet

Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.

Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.

Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.

Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.

Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.

So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.

Pro und Contra

Dafür

+  Ein Pass für alle wäre gerecht, weil niemand mehr vom Glück bei der Auslosung abhinge.

+  Junge Menschen lernen Europa am besten kennen, wenn sie es selbst bereisen.

+  Wer mit 18 gute Erfahrungen mit dem Zug macht, bleibt der Bahn womöglich ein Leben lang treu.

+  Gerade Jugendliche aus Familien mit wenig Geld hätten so eine echte Chance auf eine große Reise.

+  Ein europaweites Geschenk würde das Gemeinschaftsgefühl stärken, so wie es die Erfinder der Idee wollten.

+  Reisen mit dem Zug statt mit dem Flugzeug schont zudem das Klima.

Dagegen

−  Ein Gratis-Pass für jeden 18-Jährigen würde ein Vielfaches der heutigen Mittel verschlingen.

−  Viele junge Menschen stecken mit 18 in Prüfungen, Ausbildung oder Arbeit und könnten den Pass gar nicht nutzen.

−  Übernachtung und Verpflegung bleiben teuer, sodass ärmere Jugendliche trotzdem benachteiligt wären.

−  Das Geld könnte auch in bessere Verbindungen fließen, von denen alle Altersgruppen profitieren.

−  Beliebte Züge in der Hauptsaison würden durch sehr viele zusätzliche Reisende noch voller.

−  Das heutige Programm verbindet die Reise mit Engagement als Botschafter, das bei einem automatischen Geschenk fehlen würde.

Unterm Strich

DiscoverEU ist eine gute Idee, die jungen Menschen Europa auf Schienen zeigt.

Ein Gratis-Pass für wirklich alle wäre aber teuer und würde viele nicht erreichen, die ihn gar nicht nutzen können.

Sinnvoller ist es, deutlich mehr Tickets zu verlosen und Zuschüsse für Unterkunft und Reservierungen gezielt an Jugendliche mit wenig Geld zu geben.

So wird aus einer Lotterie Schritt für Schritt ein echtes Angebot für eine ganze Generation.

Weiterfahrt

→ Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →