Standpunkt
„Der Schnellbus nach Osnabrück fährt parallel zu einem Gleis, auf dem seit Jahrzehnten kein Personenzug mehr hält.“
Sollte die Tecklenburger Nordbahn reaktiviert werden?
→ Ein Standpunkt zur Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn zwischen Recke und Osnabrück.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt
Worum es geht
Ja. Die Busse zwischen Recke, Mettingen, Westerkappeln und Osnabrück sind gut ausgelastet, und die Bewertung von 2021 fiel mit 1,6 klar positiv aus. Die Strecke liegt noch, jetzt müssen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen den Zeitplan bis 2028 halten.
Die Tecklenburger Nordbahn führt durch den Norden des Tecklenburger Landes zwischen Osnabrück und Rheine.
Zwischen Mettingen und Osnabrück endete der Personenverkehr im Jahr 1965, zwischen Mettingen und Rheine 1967.
Seitdem fuhren vor allem Güterzüge und Museumszüge über die Strecke.
Nach dem Stand von 2021 soll der Abschnitt von Recke nach Osnabrück bis 2028 wieder Personenzüge bekommen.

Eine Bahn gegen die Bergplatte
Der Norden des Tecklenburger Landes war lange ohne Eisenbahn, weil die bis zu 170 Meter hohe Ibbenbürener Bergplatte den Weg zu den Bahnhöfen im Süden versperrte.
Um 1900 gründeten Gemeinden und Unternehmen deshalb die Kleinbahn Piesberg–Rheine.
Im Oktober 1903 wurde der Verkehr aufgenommen, bis 1905 erreichte die Bahn Rheine.
Zunächst fuhr sie auf Schmalspur mit einem Meter Spurweite, im Jahr 1935 wurde sie auf Normalspur umgebaut.
Die Bahn brachte den angeschlossenen Gemeinden einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung.

Krieg, Hamsterzüge und Abschied
Am 28. Dezember 1944 griffen Tiefflieger bei Rheine einen Zug an, 20 Menschen starben, vor allem Frauen und Kinder.
Nach dem Krieg stieg die Zahl der Fahrgäste durch die Hamsterzüge im Jahr 1946 auf rund 1,24 Millionen.
Im Jahr 1951 fuhr hier der erste Schienenbus in Nordrhein-Westfalen.
Danach sanken die Fahrgastzahlen, und die Gesellschaft setzte zunehmend auf Busse.
Der Personenverkehr endete 1965 zwischen Mettingen und Osnabrück und 1967 auch zwischen Mettingen und Rheine.
Eine Strecke im Auslaufbetrieb
Nach dem Ende des Personenverkehrs diente die Bahn dem Güterverkehr, unter anderem für einen Fliegerhorst der Bundeswehr in Hopsten.
Als dieser aufgelöst wurde, zog die Bundeswehr Ende 2011 ihren Zuschuss zurück.
Kreis und Gemeinden konnten sich nicht auf die Deckung der höheren Verluste einigen.
Seit 2014 wird die Strecke deshalb im Auslaufbetrieb ohne regelmäßige Nutzung vorgehalten, stillgelegt wurde sie aber nicht.
Am Pfingstmontag fährt alljährlich eine Dampflok mit dem Museumszug zwischen Osnabrück und Mettingen.
Busse mit vielen Fahrgästen
Seit 1999 fährt eine Schnellbuslinie zwischen Recke und Osnabrück, die Mettingen und Westerkappeln entlang der Bahn bedient.
Im Jahr 2015 nutzten sie rund 1250 Menschen am Tag.
Auf einer weiteren Buslinie von Westerkappeln nach Osnabrück waren es 2006 mehr als 2000 Fahrgäste.
Wegen dieser steigenden Zahlen wurden ab 2003 Forderungen nach einer Reaktivierung laut.
Ein erstes Gutachten hielt die Reaktivierung für empfehlenswert und rechnete bei einem Halbstundentakt mit 5600 Fahrgästen am Tag.
Von der Idee zum Plan
Im Nahverkehrsplan des Zweckverbands Nahverkehr Westfalen-Lippe von 2011 ist eine moderne Regionalbahn von Osnabrück nach Recke im Halbstundentakt vorgesehen.
Statt zwei Haltepunkten in Espel und Schlickelde soll ein gemeinsamer Halt Schlickelde-Espel mit Park-and-Ride-Platz entstehen.
Ende 2019 sollte beschlossen werden, gemeinsam mit der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft die ersten vier Planungsphasen durchzuführen.
Die standardisierte Bewertung ergab im Juni 2021 ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,6, gefordert ist ein Wert über 1,0.
Damit kann das Projekt in den Bedarfsplan des Landes Nordrhein-Westfalen aufgenommen und gefördert werden.
Zwei Länder bestellen gemeinsam
Weil die Züge nach Osnabrück fahren, sind Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen beteiligt.
Beide Seiten haben sich darauf verständigt, nach dem Ausbau einen Halbstundentakt zwischen Recke und Osnabrück zu bestellen.
Gemeinsam mit den Osnabrücker Nahverkehrsplanern soll ein abgestimmtes Busangebot entstehen.
Für den Abschnitt von Recke weiter nach Rheine wurde im Mai 2020 eine eigene Machbarkeitsstudie beschlossen.
Die Reaktivierung zwischen Osnabrück und Recke ist bis 2028 geplant.
Was schon erneuert wurde
Im Jahr 1994 wurde in Recke eine neue, 61,5 Meter lange Brücke über den Mittellandkanal eingehoben.
Zwischen 2007 und 2008 wurde die Strecke zwischen Mettingen und Westerkappeln beim Ausbau einer Landstraße saniert.
Dabei tauschten Gleis und Straße auf 1,2 Kilometern die Seiten, sodass zwei Bahnübergänge entfallen konnten.
Die Grundlagen für einen neuen Personenverkehr sind also in Teilen schon gelegt.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
Die Bahn und der Klimaschutz
Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.
Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.
Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.
Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.
Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
Pro und Contra
Dafür
+ Die Busse entlang der Strecke sind gut genutzt, die Nachfrage ist also nachgewiesen.
+ Die Bewertung von 2021 fiel mit 1,6 deutlich positiv aus.
+ Die Strecke ist nicht stillgelegt und kann ohne komplette Neuplanung wieder in Betrieb gehen.
+ Ein Halbstundentakt nach Osnabrück wäre für Pendler eine schnelle und verlässliche Verbindung.
+ Beide Länder haben sich bereits auf die gemeinsame Bestellung der Züge verständigt.
+ Mit einem Park-and-Ride-Halt können auch Autofahrer aus dem Umland auf die Bahn umsteigen.
Dagegen
− Kreis und Gemeinden haben sich schon beim Erhalt der Güterstrecke über die Kosten gestritten.
− Die Planfeststellung war bis 2024 vorgesehen, der Zeitplan ist also bereits unter Druck.
− Zwei Länder, zwei Verkehrsverbünde und ein Streckenbetreiber müssen sich abstimmen.
− Ein Teil der Busfahrgäste müsste künftig zwischen Bus und Bahn umsteigen.
− Der Abschnitt nach Rheine ist noch nicht entschieden, die Strecke bliebe vorerst Stückwerk.
− Nach Jahren im Auslaufbetrieb braucht die Infrastruktur eine gründliche Ertüchtigung.
Unterm Strich
Die Tecklenburger Nordbahn ist ein gutes Beispiel für eine Strecke, die rechtzeitig nicht aufgegeben wurde.
Die Nachfrage im Busverkehr und die Bewertung von 2021 sprechen klar für die Reaktivierung.
Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sollten jetzt dafür sorgen, dass der Termin 2028 nicht ins Rutschen gerät.
Dann rollt zwischen Recke und Osnabrück nach mehr als sechzig Jahren wieder ein Personenzug.
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