Standpunkt
„Nächster Halt Zingst, dieser Zug hat leider einige Jahrzehnte Verspätung.“
Sollte die Darßbahn nach Zingst und Prerow wieder aufgebaut werden?
→ Ein Standpunkt zum Wiederaufbau der Darßbahn in Mecklenburg-Vorpommern.
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Worum es geht
Ja. Auf die Halbinsel führen nur zwei Straßen, und die Zahl der Urlauber ist hoch. Eine Bahn bis Prerow kann das entlasten, auch wenn der Wiederaufbau deutlich teurer geworden ist als einst geplant.
Zingst und Prerow liegen zwischen Ostsee und Bodden an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern und ziehen viele Urlauber an.
Bis 1944 fuhr die Darßbahn von Barth über Zingst bis nach Prerow, nach dem Krieg wurde sie größtenteils abgebaut.
Heute endet der Zug aus Stralsund in Barth.
Seit 2020 ist beschlossen, die Strecke wieder aufzubauen, doch bis die ersten Züge rollen, dauert es noch Jahre.

Eine Bahn für das ganze Jahr
Barth bekam schon am 1. Juli 1888 eine Stichbahn von Velgast an der Strecke Stralsund–Rostock.
Im November 1910 wurde die Verlängerung von Barth über Zingst nach Prerow eröffnet.
Damit hatten die Menschen in Zingst und Prerow erstmals eine ganzjährige Verbindung zum Festland.
Vorher waren sie auf Dampfschiffe angewiesen, die im Winter nur eingeschränkt fuhren.
Die größte bautechnische Leistung der Strecke war die Meiningenbrücke.
Anfang der 1930er Jahre erreichten die Fahrgastzahlen dank steigender Urlauberzahlen wieder das Niveau der Jahre vor 1914.

Unfall, Krieg und Abbau
Im April 1944 entgleiste im Bahnhof Prerow ein einfahrender Personenzug, sieben Fahrgäste kamen dabei ums Leben.
Danach wurde der Betrieb zwischen Zingst und Prerow eingestellt.
In den letzten Kriegstagen verhinderten Einwohner von Zingst die Sprengung der Meiningenbrücke.
Nach dem Krieg wurde die Strecke von Prerow bis Bresewitz als Reparationsleistung abgebaut.
Später baute die Nationale Volksarmee den Abschnitt von Barth bis Bresewitz wieder auf, um ihre Stützpunkte zu versorgen.
Nach 1990 wurde auch dieser Rest nicht mehr gebraucht, die letzten Fahrten gab es in den Jahren 1996 und 1997.
Was heute noch da ist
Zwischen Velgast und Barth fahren weiterhin Personenzüge, seit Dezember 2025 als RB 25 im Stundentakt ab Stralsund.
Zwischen Barth und Bresewitz liegen noch Gleise, auf denen aber seit Jahren kein Zug mehr fährt.
Von Bresewitz bis Prerow existiert nur noch die alte Trasse, die teilweise als Radweg genutzt wird.
In Zingst ist die frühere Trasse inzwischen zum Teil überbaut.
Das alte Bahnhofsgebäude von Zingst wurde restauriert und beherbergt seit 2013 ein Wirtshaus.
Ein Gutachten mit schlechter Note
Die Usedomer Bäderbahn übernahm 2002 den Verkehr nach Barth und kaufte auch die Gleise, danach wurden die Pläne für die Darßbahn konkreter.
Ein Wirtschaftlichkeitsgutachten bescheinigte dem Wiederaufbau im Jahr 2009 nur ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 0,88.
Damit galt das Vorhaben zunächst als nicht förderwürdig, der Gutachter veranschlagte damals 48 Millionen Euro.
Der Landesverkehrsminister lehnte das Projekt daraufhin ab.
Der örtliche Tourismusverband kritisierte, dass das Gutachten nur Hotelgäste gezählt habe, nicht aber Tagesausflügler und Privatquartiere.
Klagen und eine Einigung
Am 24. April 2016 erließ das Eisenbahn-Bundesamt den Planfeststellungsbeschluss für den Abschnitt Barth–Bresewitz.
Das Land klagte dagegen, weil die Kosten und das Eigentum an der Meiningenbrücke strittig waren.
Auch eine Gemeinde an der Strecke klagte, ihre Klage wies das Oberverwaltungsgericht im Juni 2019 zurück.
Im März 2019 stellte sich der Vorstand der Deutschen Bahn hinter das Projekt.
Im Februar 2020 einigten sich Bund und Land auf die offenen Fragen der Finanzierung.
Am 18. August 2020 beschloss die Landesregierung den Wiederaufbau von Barth über Zingst nach Prerow.
Die neue Brücke als teuerstes Stück
Die Gesamtkosten der Darßbahn wurden 2019 auf rund 115 Millionen Euro geschätzt.
Der teuerste Teil ist mit etwa 50 Millionen Euro eine neue Klappbrücke als Ersatz für die Meiningenbrücke.
Sie soll zu je einem Drittel vom Bund, vom Land und von der Usedomer Bäderbahn bezahlt werden.
Weil die Brücke überwiegend dem Straßenverkehr dient, baut sie das Straßenbauamt Stralsund.
Der Bund hatte schon 2019 zugesagt, rund 34 Millionen Euro zur Finanzierung des Projekts beizutragen.
Vier Bauabschnitte bis Prerow
Das Projekt ist in vier Bauabschnitte geteilt, die nacheinander in Betrieb gehen sollen.
Zuerst wird der Bahnhof Barth umgebaut, damit sich dort Züge begegnen können, dazu kommen zwei neue Abstellgleise.
Die neuen Bahnsteige werden 150 Meter lang und 55 Zentimeter hoch.
In Zingst muss die Strecke westlich von der alten Trasse abweichen, der Bahnhof entsteht dort als Kopf- und Kreuzungsbahnhof neu.
Anders als früher soll die Bahn bis zum Hafen von Prerow führen, dazu kommt ein neuer Halt Prerow Strand.
Nach dem Stand von 2025 rechnet die Landesregierung mit der Inbetriebnahme der ganzen Strecke in den 2030er Jahren.
Viele Urlauber und nur zwei Straßen
Auf die Halbinsel führen nur zwei Straßenverbindungen, während der Verkehr auf dem Darß Jahr für Jahr wächst.
Eine Bahn könnte einen Teil der Anreisen von der Straße auf die Schiene holen.
Weitergehende Ideen sehen sogar eine Verbindung von Prerow nach Graal-Müritz vor, die schon 1925 geplant war.
Solche Vorschläge haben angesichts der vielen Urlauber zahlreiche Befürworter.
Der Zug als umweltfreundliche Wahl
Wer mit dem Zug fährt, entscheidet sich fast immer für die grünere Variante.
Die Schiene führt viele Menschen gleichzeitig mit wenig Energie ans Ziel.
Sie braucht weniger Fläche als eine Autobahn und zerschneidet die Landschaft weniger.
Auch in der Stadt hält die Bahn die Luft sauberer und die Straßen freier.
Jeder Umstieg vom Auto in den Zug ist ein Gewinn für die Umwelt.
So verbindet die Bahn das Reisen mit einem guten Gewissen.
Die Bahn als Teil des Alltags
Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.
Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.
Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.
Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.
So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.
Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
Pro und Contra
Dafür
+ Die Halbinsel hat nur zwei Straßenverbindungen, eine Bahn schafft eine zusätzliche und wetterfeste Verbindung.
+ Urlauber könnten ohne Auto anreisen, was Staus und Parkplatznot in den Badeorten mindern kann.
+ Trasse und Teile der Gleise sind noch vorhanden, ein Teil der Grundlagen ist also schon da.
+ Bund, Land und Usedomer Bäderbahn haben sich auf die Finanzierung geeinigt, das Projekt ist beschlossen.
+ Die neue Brücke dient Straße und Schiene zugleich, ihre Kosten gehen also nicht allein auf das Konto der Bahn.
+ Der Tourismusverband hält den Nutzen für größer, als das alte Gutachten errechnet hat.
Dagegen
− Das Gutachten von 2009 sah den Nutzen unter den Kosten, mit einem Verhältnis von 0,88.
− Die Kostenschätzungen sind von 48 Millionen Euro im Jahr 2009 auf rund 115 Millionen Euro im Jahr 2019 gestiegen.
− Außerhalb der Urlaubszeit dürften deutlich weniger Fahrgäste unterwegs sein.
− Die ganze Strecke soll erst in den 2030er Jahren fertig werden, nach mehr als zwanzig Jahren Planung.
− In Zingst ist die alte Trasse überbaut, eine neue Führung kostet zusätzlich Geld und Fläche.
− Klagen des Landes und einer Gemeinde haben gezeigt, wie umstritten das Projekt lange war.
Unterm Strich
Die Darßbahn war einst die Lebensader der Halbinsel und kann es wieder werden.
Bei nur zwei Straßen und vielen Urlaubern ist eine Bahn bis Prerow eine sinnvolle Ergänzung.
Die gestiegenen Kosten sind ärgerlich, doch der Bau ist beschlossen und sollte jetzt zügig vorankommen.
Dann heißt es an der Ostsee bald wieder: Nächster Halt Zingst.
Weiterfahrt
