Sollte der Staat die ETCS-Ausrüstung der Züge bezahlen?

Standpunkt

„Dieser Zug kann die neue Strecke leider nicht befahren, ihm fehlt das passende Gerät an Bord.“

Sollte der Staat die ETCS-Ausrüstung der Züge bezahlen?

→ Ein Standpunkt zur Digitalisierung der Schiene.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Ja, zum größten Teil. Die digitale Zugsicherung nützt dem ganzen Netz, deshalb sollte der Bund die Umrüstung der Fahrzeuge weitgehend bezahlen, verbunden mit festen Fristen und einem fairen Eigenanteil der Betreiber.

Die Eisenbahnen in Europa sollen mit einem gemeinsamen digitalen Zugsicherungssystem fahren, dem ETCS.

Dafür reicht es nicht, Strecken umzubauen, auch jeder Zug braucht ein passendes Gerät an Bord.

Wer soll diese teure Nachrüstung bezahlen, die Betreiber der Züge oder der Staat?

Eurobalise Toledo
Foto: Stino, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein System für ganz Europa

ETCS steht für European Train Control System.

Es soll die vielen unterschiedlichen nationalen Zugsicherungssysteme in Europa ablösen.

Das soll die Kosten für international fahrende Züge senken und Zeit an den Grenzen sparen.

In Deutschland gehören die älteren Systeme PZB und LZB zu diesen nationalen Lösungen.

Sie dürfen neben ETCS vorerst weiter genutzt werden.

Eurobalises Utrecht CS noordzijde sporen 11 13
Foto: Marten de Vries, CC0, via Wikimedia Commons

Die ersten Schritte in Deutschland

Seit 1999 wurde ETCS unter anderem bei der Deutschen Bahn getestet.

Eine frühe Pilotstrecke mit ETCS Level 2 war die Verbindung von Ludwigsfelde über Jüterbog nach Halle und Leipzig.

Dort wurden am Ende 155 Streckenkilometer ausgerüstet.

Seit 2015 wurden in Deutschland mehrere Strecken mit ETCS in Betrieb genommen.

Die Züge des Fernverkehrs sind inzwischen weitgehend mit ETCS ausgerüstet.

Ohne Bordgerät geht nichts

ETCS funktioniert nur, wenn Strecke und Fahrzeug zusammenarbeiten.

Informationen fließen dabei von der Strecke zum Zug und auch in die umgekehrte Richtung.

Ein Zug ohne passende Ausrüstung kann eine Strecke, die nur noch mit ETCS gesichert ist, nicht befahren.

Bei Nachrüstungen versucht man oft, vorhandene Technik mit möglichst wenigen Änderungen anzubinden, um Aufwand bei der Zulassung zu sparen.

Trotzdem ist jede Umrüstung ein Eingriff in ein sicherheitskritisches System.

Das Beispiel Stuttgart

Im Digitalen Knoten Stuttgart sollen die Züge mit ETCS und weiteren digitalen Techniken fahren.

Dafür werden 333 Triebzüge mehrerer Baureihen nachgerüstet.

Das Land Baden-Württemberg kauft zusätzlich 161 neue Coradia-Max-Züge, die schon entsprechend ausgerüstet sind.

Ende Juni 2026 waren mehr als 150 Triebzüge umgerüstet, mehr als 100 davon fuhren wieder mit Fahrgästen.

Die Nachrüstung aller 333 Züge soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein.

Wer in Stuttgart bezahlt

Der Bund fördert die Ausrüstung der Fahrzeuge dort im Rahmen eines Modellvorhabens mit voraussichtlich 724 Millionen Euro.

Prototypen werden mit bis zu 50 Prozent gefördert, die Ausrüstung in Serie mit bis zu 90 Prozent.

Bis Mitte 2026 wurden 339 Millionen Euro an Fördermitteln bewilligt.

Das Land Baden-Württemberg steuert für seine Fahrzeuge rund 70 Millionen Euro bei.

Weitere Förderung kommt von der Europäischen Union.

Ersatzzüge während der Umrüstung

Während Züge in der Werkstatt stehen, müssen andere Fahrzeuge ihre Fahrten übernehmen.

Das Land mietete dafür zunächst zehn Züge aus Lok und Wagen ohne ETCS an.

Außerdem beschafft es 28 Mireo-Triebzüge mit vollständiger digitaler Ausrüstung als weitere Ersatzflotte.

Dazu kommen 28 gemietete Talent-3-Züge, die während der Nachrüstung aushelfen sollen.

Die Umrüstung kostet also nicht nur Technik, sondern auch Zeit und zusätzliche Fahrzeuge.

Das große Ziel für das ganze Netz

Im September 2020 erklärten Deutsche Bahn, Eisenbahn-Bundesamt und Bahnindustrie, die Stellwerkstechnik bis 2035 komplett digitalisieren zu wollen.

Zuvor war das Jahr 2040 angestrebt worden.

Die Bahn erwartet von ihrem Programm Digitale Schiene Deutschland Kapazitätssteigerungen von bis zu 20 Prozent.

Diesen Gewinn gibt es aber nur, wenn auch die Züge die neue Technik an Bord haben.

Jeder nicht umgerüstete Zug bremst so das ganze System.

Viele Betreiber, viele Fahrzeuge

Auf deutschen Gleisen fahren Züge vieler Unternehmen, vom Fernverkehr über den Nahverkehr bis zum Güterverkehr.

Für kleine Güterbahnen und Nahverkehrsbetreiber ist eine Nachrüstung eine große Investition.

Die Einführung von ETCS wird bereits durch verschiedene Förderprogramme unterstützt.

Offen bleibt, ob solche Hilfen für alle Fahrzeuge im Land reichen werden.

Ohne klare Finanzierung droht ein Flickenteppich aus modernen Strecken und alten Zügen.

Warum die Bahn für das ganze Land zählt

Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.

Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.

Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.

Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.

Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.

So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.

Warum sich der Blick aufs Detail lohnt

Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.

Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.

Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.

Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.

Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.

Die Bahn und der Klimaschutz

Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.

Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.

Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.

Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.

Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.

Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.

Pro und Contra

Dafür

+  Die digitale Zugsicherung nützt dem ganzen Netz, also sollte sie auch gemeinsam bezahlt werden.

+  Mehr Kapazität auf denselben Gleisen kann teure Neubaustrecken ersparen.

+  Ohne Förderung würden viele Betreiber mit der Umrüstung warten, und das Netz bliebe halb analog.

+  In Stuttgart zeigt das Modellvorhaben, dass eine hohe Förderquote die Umrüstung in Gang bringt.

+  Kleine Güterbahnen und Nahverkehrsbetreiber könnten die Kosten allein kaum stemmen.

+  Einheitliche Technik in ganz Europa erleichtert Züge über die Grenze und stärkt die Schiene gegenüber Lkw und Flugzeug.

Dagegen

−  Die Fahrzeuge gehören den Unternehmen, also sollten sie auch deren Ausrüstung bezahlen.

−  Staatliches Geld für Fahrzeuge fehlt womöglich bei Brücken, Gleisen und Stellwerken.

−  Eine Vollförderung könnte Betreiber verleiten, Kosten nicht genau zu prüfen.

−  Neue Züge werden ohnehin mit ETCS gekauft, die Nachrüstung alter Züge lohnt sich nicht immer.

−  Die Umrüstung bindet Werkstätten und erfordert Ersatzflotten, das lässt sich nicht einfach mit Geld beschleunigen.

−  Wer Förderung verspricht, muss zugleich feste Fristen setzen, sonst warten alle auf noch bessere Bedingungen.

Unterm Strich

ETCS ist ein Gemeinschaftsprojekt, das nur funktioniert, wenn Strecke und Zug zusammenpassen.

Deshalb sollte der Staat die Nachrüstung der Fahrzeuge zum größten Teil bezahlen.

Im Gegenzug brauchen die Betreiber feste Fristen und einen fairen Eigenanteil.

So wird aus der digitalen Schiene kein halbfertiges Versprechen.

Weiterfahrt

→ Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →