Standpunkt
„Achtung am Ablaufberg: Wagen 17 rollt Richtung Bayern, Wagen 18 in den Hafen, und kein Lastwagen muss dafür fahren.“
Sollte der Einzelwagenverkehr staatlich gefördert werden?
→ Ein Standpunkt zum Güterverkehr mit einzelnen Wagen.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt
Worum es geht
Ja. Ohne den Einzelwagenverkehr können viele Firmen ihre Güter gar nicht auf die Schiene bringen. Die Förderung muss aber an klare Ziele geknüpft sein, etwa mehr Kunden, schnellere Abläufe und moderne Technik.
Nicht jede Firma kann einen ganzen Güterzug füllen.
Für kleinere Mengen gibt es den Einzelwagenverkehr, bei dem einzelne Güterwagen über ein Netz von Bahnhöfen gesammelt und verteilt werden.
Dieses System ist aufwendig und teuer, deshalb wird darüber gestritten, wie viel Geld der Staat dafür ausgeben soll.

Wie der Einzelwagenverkehr funktioniert
Beim Einzelwagenverkehr reisen einzelne Güterwagen oder Wagengruppen verschiedener Versender und Empfänger durch ein mehrstufiges Netz.
Sie werden aus den Gleisanschlüssen der Firmen abgeholt und zu Knotenbahnhöfen gebracht.
In großen Rangierbahnhöfen werden die Züge zerlegt und für neue Ziele zusammengestellt.
Am Ziel läuft alles in umgekehrter Reihenfolge ab, bis jeder Wagen beim Empfänger ankommt.

Drei Wege auf der Schiene
Neben dem Einzelwagenverkehr gibt es im Schienengüterverkehr den Ganzzugverkehr und den Kombinierten Verkehr.
Ganzzüge bringen große Mengen gebündelt von einem Versender zu einem Empfänger.
Beim Einzelwagenverkehr sind dagegen deutlich mehr Beteiligte im Spiel, von den Versendern bis zu den Wagenvermietern.
Dafür kann er flexibel von und zu jedem Punkt fahren, der an das Netz angeschlossen ist.
Teures Netz, harter Wettbewerb
Durch die Bündelung vieler Wagen lassen sich Züge besser auslasten und Kosten senken.
Dem stehen hohe Kosten für das Netz und die Rangierbahnhöfe sowie ein großer organisatorischer Aufwand gegenüber.
Wegen der kleinen Sendungsgrößen steht der Einzelwagenverkehr in starkem Wettbewerb mit dem Lastwagen.
Das wirkt sich auf die Qualität und die Kosten des Angebots aus.
Staatsgeld schon heute
In Deutschland wird der Einzelwagenverkehr bereits mit rund 300 Millionen Euro öffentlicher Mittel pro Jahr bezuschusst.
Etwa 80 Prozent dieses Verkehrs betreibt die DB Cargo.
Im Jahr 2021 gründeten DB Cargo und elf weitere Eisenbahnunternehmen das Netzwerk Zukunft Einzelwagenverkehr.
Gemeinsam wollen sie das Angebot stärken.
Das Ziel von 25 Prozent
Nach Angaben der Bundesregierung lag der Marktanteil der Schiene im deutschen Güterverkehr 2020 bei etwa 18 bis 19 Prozent.
Bis 2030 sollte er auf 25 Prozent steigen.
Viele Firmen könnten zu diesem Ziel gar nicht beitragen, wenn es nur ganze Züge gäbe.
Der Einzelwagenverkehr ist deshalb ein wichtiger Baustein für die Verlagerung von der Straße auf die Schiene.
Was im Ausland passiert
In Italien gibt es den Einzelwagenverkehr nicht mehr, weil sich Bahnen wegen des Aufwands aus diesem Geschäft zurückzogen.
Die Schweiz fördert ihn dagegen in den Jahren 2026 bis 2029 mit 260 Millionen Franken.
Dort wird er von den Schweizerischen Bundesbahnen zusammen mit lokalen Eisenbahnunternehmen betrieben.
In Mitteleuropa haben sich sieben Bahnen zum grenzüberschreitenden Verbund Xrail zusammengeschlossen.
Eine lange Tradition
Das Geschäft mit einzelnen Wagen ist alt, schon 1899 wurde die Eisenbahn-Verkehrsmittel AG gegründet.
Sie ist heute im größten privaten europäischen Wagenvermieter VTG aufgegangen.
Über Jahrzehnte entstand so ein dichtes Netz aus Gleisanschlüssen, Güterbahnhöfen und Rangieranlagen.
Einmal abgebaut, lässt sich ein solches Netz nur mit großem Aufwand wieder herstellen.
Der Ablaufberg als Herzstück
Der größte Rangierbahnhof Europas liegt in Maschen südlich von Hamburg und wurde am 7. Juli 1977 offiziell eröffnet.
Bei der Eröffnung hatte er insgesamt 300 Kilometer Gleise und 825 Weicheneinheiten.
Über einen Ablaufberg rollen die Wagen dort einzeln oder in kleinen Gruppen durch die Schwerkraft in ihre Richtungsgleise.
Vorher muss ein Entkuppler an den richtigen Stellen die Kupplungen trennen, was Zeit und Personal kostet.
Was die Fahrgäste davon haben
Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.
Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.
Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.
Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.
So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.
Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
Pro und Contra
Dafür
+ Ohne Einzelwagenverkehr könnten viele kleinere Firmen gar keine Güter per Bahn verschicken.
+ Jeder Güterwagen auf der Schiene ersetzt Fahrten mit dem Lastwagen auf der Autobahn.
+ Das Ziel eines höheren Marktanteils der Schiene ist ohne dieses Angebot kaum zu erreichen.
+ Die Schweiz zeigt, dass ein Land den Einzelwagenverkehr bewusst stärken kann.
+ Wenn das Netz einmal verschwunden ist wie in Italien, ist es kaum wieder aufzubauen.
+ Gleisanschlüsse und Rangierbahnhöfe sind Infrastruktur, die sich wie Straßen nicht allein über Preise tragen muss.
Dagegen
− Schon heute fließen rund 300 Millionen Euro im Jahr in den Einzelwagenverkehr.
− Dauerhafte Zuschüsse können den Druck nehmen, Abläufe effizienter zu machen.
− Weil ein Unternehmen rund 80 Prozent des Marktes bedient, fließt ein großer Teil des Geldes an einen einzigen Anbieter.
− Rangieren kostet viel Zeit, und manche Kunden wechseln trotzdem zum schnelleren Lastwagen.
− Das Geld könnte auch in den Kombinierten Verkehr fließen, der ohne Rangieren auskommt.
− Förderung ohne klare Ziele kann alte Strukturen erhalten, statt neue Kunden zu gewinnen.
Unterm Strich
Der Einzelwagenverkehr ist das Rückgrat für alle Firmen, die keine ganzen Züge füllen können.
Er verdient staatliche Unterstützung, weil er Straßen entlastet und Klimaziele erreichbar macht.
Die Förderung sollte aber an Ziele gebunden sein, etwa mehr Kunden, schnellere Abläufe und moderne Technik in den Rangierbahnhöfen.
Dann ist jeder Euro gut angelegt, der einen Güterwagen auf der Schiene hält.
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