Bahn-Slam · Standpunkt
„Willkommen an Bord. Sie hätten heute auch grün fahren können – aber der grüne Zug fuhr schon gestern.“
Mehr Wettbewerb im Fernverkehr?
→ 95 Prozent der Fernzüge sind rot-weiß. Muss das so bleiben – oder wird Bahnfahren besser, wenn mehr mitfahren dürfen?
Lesezeit: 8 Minuten · Markt & Politik
Worum es geht
Im Fernverkehr hat die Deutsche Bahn rund 95 Prozent Marktanteil – ein Quasi-Monopol. Seit 2018 fährt mit Flixtrain ein privater Wettbewerber mit, und ausländische Staatsbahnen wie die italienische FS denken über einen Einstieg nach. Mehr Wettbewerb könnte Preise senken und die Qualität heben. Er droht aber, nur die lukrativen Strecken abzuschöpfen und die Fläche der ohnehin kriselnden Bahn zu überlassen.
Auf fast jeder großen Strecke in Deutschland fährt ein rot-weißer Zug.
Der ICE, der IC, der EC – sie alle gehören der Deutschen Bahn.
Nur hier und da mischt sich ein grüner Flixtrain darunter, und am Horizont stehen ausländische Bahnen, die gern mitfahren würden.
Die Frage ist: Wäre Bahnfahren besser, wenn mehr Anbieter um die Fahrgäste kämpfen – so wie bei Fluglinien oder Mobilfunk?

Wie der Markt heute aussieht
Im Fernverkehr hält die Deutsche Bahn noch immer rund 95 Prozent Marktanteil. Im Güter- und Regionalverkehr haben Privatbahnen dem alten Monopolisten längst große Teile abgenommen – im Fernverkehr kaum.
Der Grund: Fernverkehr fährt „eigenwirtschaftlich“. Niemand bestellt und bezahlt ihn wie den Regionalverkehr; jeder Anbieter trägt das volle Risiko selbst.
Seit 2018 versucht es Flixtrain trotzdem – klein, günstig, auf wenigen Hauptstrecken. Und die italienische Staatsbahn prüft, ob sie mit Hochgeschwindigkeitszügen nach Deutschland kommt.
Warum ausgerechnet jetzt
Die Bahn steckt in der Krise: 2024 schrieb der Konzern rund 1,8 Milliarden Euro Verlust, jeder dritte Fernzug war verspätet.
Für die einen ist das der Beweis, dass Konkurrenz guttäte. Für die anderen zeigt es, dass man ein schwaches Unternehmen nicht auch noch schwächen sollte.
Die EU hat den Markt längst geöffnet. Ob er sich füllt, hängt an Trassen, Preisen und dem Mut der Wettbewerber.
Die Argumente
Dafür
+ Druck wirkt: Konkurrenz zwingt zu pünktlicheren Zügen, besserem Service und – siehe Flixtrain – oft günstigeren Preisen.
+ Mehr Angebot: Wettbewerber bedienen mitunter Verbindungen und Zeiten, die die Bahn aufgegeben hat.
+ Europa wächst zusammen: Ausländische Bahnen bringen Know-how und neue Direktverbindungen über die Grenzen.
+ Ein Anbieter mit 95 Prozent hat wenig Grund, sich anzustrengen. Konkurrenz gibt den Fahrgästen eine Wahl.
Dagegen
− Rosinenpickerei: Private fahren am liebsten die vollen Hauptstrecken. Die Fläche bliebe bei der Bahn – und die Quersubvention, die kleine Strecken stützt, bräche weg.
− Erst das Netz: Solange Gleise überlastet und marode sind, nützt mehr Wettbewerb wenig. Es fehlt schlicht der Platz für mehr Züge.
− Tarif-Wirrwarr: Mehr Anbieter heißt weniger durchgehende Tickets und Anschlüsse. Ein Flixtrain-Ticket gilt nicht im ICE – und umgekehrt.
− Geschwächte Grundversorgung: Eine ausgeblutete Staatsbahn kann Nachtzüge, Fläche und Notfahrpläne irgendwann nicht mehr stemmen.
Wie buche ich einen Wettbewerber?
Flixtrain hat ein eigenes Ticketsystem über App und Website; im DB-Navigator taucht er nur eingeschränkt auf. Fahrgastrechte gelten auch bei Wettbewerbern, aber getrennt: Ein DB-Ticket gilt nicht im Flixtrain und umgekehrt. Wer Anschlüsse plant, sollte die Umstiegszeit lieber großzügig wählen.
Und nun?
Mehr Wettbewerb ist kein Zaubertrick. Er senkt Preise dort, wo viele fahren, und hilft wenig dort, wo das Netz schon verstopft ist.
Die spannendere Frage ist nicht „Bahn oder Konkurrenz“, sondern: Wem gehört das Gleis, auf dem alle fahren?
Solange Netz und Betrieb im selben Konzern stecken, bleibt jeder Wettbewerber auf das Wohlwollen des größten Mitspielers angewiesen. Genau hier entscheidet sich, ob aus 95 Prozent je etwas anderes wird.
Weiterfahrt
→ Bahn aufspalten in Netz und Betrieb? – der verwandte Standpunkt
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