Der Wiener Nordwestbahnhof: Vom Prachtbau zum Güterareal vor dem Umbau

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Wiener Nordwestbahnhof: Vom Prachtbau zum Güterareal vor dem Umbau

Der Nordwestbahnhof in der Brigittenau war einer der sechs großen Wiener Kopfbahnhöfe des 19. Jahrhunderts. Der Personenverkehr endete 1959, die Halle ist seit 1952 abgetragen, und auf dem Areal soll ein neuer Stadtteil entstehen.

Die Abfahrtsseite des Nordwestbahnhofs, 1873.
Die Abfahrtsseite des Nordwestbahnhofs, 1873. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Kurz erklärt
1872
Eröffnung des Kopfbahnhofs
1952
Abtragung der Halle
1959
Ende des Personenverkehrs
2021
Güterbahnhof stillgelegt

Lage: Brigittenau, 20. Wiener Bezirk Status: Der Personenbahnhof ist seit 1959 aufgegeben, der Güterbahnhof wurde Ende 2021 stillgelegt. Heute: Das 44 Hektar große Areal gehört der ÖBB und soll zu einem Stadtteil umgebaut werden.

Der Wiener Nordwestbahnhof war der Kopfbahnhof der Österreichischen Nordwestbahn im Bezirk Brigittenau.

Er war nach dem Nordbahnhof der zweitgrößte der sechs im 19. Jahrhundert errichteten Wiener Kopfbahnhöfe.

Der Personenverkehr endete hier 1959 endgültig, das Empfangsgebäude mit der großen Halle wurde schon ab 1952 abgetragen.

Danach diente das Gelände als Frachtenbahnhof und Güterterminal, Ende 2021 wurde der Güterbahnhof stillgelegt.

Dieser Beitrag erzählt die Geschichte des aufgegebenen Personenbahnhofs und des Güterareals, das einem neuen Stadtteil weichen soll.

Eine Bahn auf dem Boden der Donauregulierung

Vor der Donauregulierung konnte das Gebiet wegen der wiederkehrenden Überschwemmungen nicht wirtschaftlich genutzt werden.

Der Bahnhof liegt im Bereich des früheren Fahnenstangenwassers, an dem das über die Donau gelieferte Holz abgeladen wurde.

Dieser Donauarm verschwand mit der Regulierung ab 1868, dadurch wurde Land für Bahnhöfe und Industriebetriebe gewonnen.

Die Nordwestbahn erhielt ihre Konzession am 8. September 1868.

Das Großprojekt wurde privat finanziert, weil der Staat nach dem Deutschen Krieg von 1866 stark belastete Finanzen hatte.

Die Nordwestbahn wurde ab dem 15. Oktober 1909 von den k.k. Staatsbahnen betrieben.

In der ersten Planungsphase um 1869 stritt man über den Standort zwischen Donaustrom und Donaukanal, über die Geländehöhe und über Durchlässe für die Anwohner.

Mitte Juni 1869 fand sich nach einer gänzlichen Umarbeitung des Projekts eine Lösung nahe der Taborstraße.

Das Empfangsgebäude von Wilhelm Bäumer

Mit dem Entwurf des Personenbahnhofs beauftragte die Baudirektion der Nordwestbahn den Stuttgarter Architekturprofessor Wilhelm Bäumer.

Als Bauleiter unterstützte ihn Theodor Reuter, Oberingenieur der Nordwestbahn.

Vorgabe war ein Bahnhof mit fünf Gleisen, der bei Bedarf erweiterbar sein sollte.

Die Bahnhofshalle in Konstruktion, 1871.
Die Bahnhofshalle in Konstruktion, 1871. Foto: Atelier J. Loewy, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Mit dem Bau der Halle wurde im Jänner 1870 begonnen.

Das Gelände war sumpfig, und wegen der Überschwemmungsgefahr musste bis zu vier Meter Erde aufgeschüttet werden.

Das Erdreich kam mit einer eigenen Feldbahn über den Donaukanal von Heiligenstadt.

Die Halle war 125 Meter lang und 39 Meter breit und trug ein Eisendach von 360 Tonnen Gewicht.

Sie wurde am 1. Jänner 1872 fertiggestellt.

Veranschlagt waren 1,5 bis 2 Millionen Gulden, die Kosten lagen nach einer Bauzeit von rund 17 Monaten bei 2,3 Millionen Gulden.

Stilistisch lehnte sich das Gebäude an italienische Renaissance-Palazzi an.

Die Hauptfassade war durch Risalite gegliedert, der Haupteingang erinnerte an ein Stadttor.

Die Fassade des Empfangsgebäudes, 1873.
Die Fassade des Empfangsgebäudes, 1873. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Auf der Abfahrtsseite an der Nordwestbahnstraße gab es eine halbrunde Vorhalle.

Dort waren allegorische Figuren für Städte angebracht, die durch die Nordwestbahn näher an Wien gerückt waren: Dresden, Leipzig, Breslau, Berlin, Hamburg und Bremen.

Der Bildhauer Franz Melnitzky schuf sie aus St. Margarethener Kalksandstein.

Der Maler Pietro Isella gestaltete die gewölbeartige Decke der Vorhalle.

Querschnitt der Bahnhofshalle, gezeichnet von Wilhelm Bäumer, 1871.
Querschnitt der Bahnhofshalle, gezeichnet von Wilhelm Bäumer, 1871. Foto: Wilhelm Bäumer, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: der Bahnhof im Betrieb

Am 1. Juni 1872 wurde der Bahnhof in noch unfertigem Zustand eröffnet.

Zunächst ging die Teilstrecke von Wien Nordwestbahnhof nach Jedlesee für Personen, Gepäck und Eilgut in Betrieb.

Der Fernverkehr mit Eilzügen nach Dresden und Berlin wurde aufgenommen.

Die Reise nach Berlin dauerte 19 Stunden, und die zweite Klasse kostete 15 Thaler und 26 Groschen.

Die Fertigstellung kam gerade noch rechtzeitig zur Weltausstellung 1873.

Die Bahnhofshalle, 1873.
Die Bahnhofshalle, 1873. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Bis 1914 wurde der Frachtenbahnhof mehrmals erweitert, insgesamt auf 51 Gleise mit Magazinen und Umladebühnen.

Einige der Lagerhallen stehen bis heute.

Ab 1899 trafen am Bahnhof Meeresfische aus der Nordsee ein, die in eigens gebauten Kühlwagen täglich geliefert wurden.

Seit Dezember 1912 wurden westindische Bananen importiert.

Die Anlieferung von Milch aus dem Umland führte zur Gründung mehrerer Milchverarbeitungsbetriebe wie der NÖM.

Im Kernbereich des Bahngeländes lagen die Speditionen, an den Rändern die Entlade- und Umschlagplätze für Kohle und Holz.

Der Niedergang der Personenhalle

Die Nordwestbahn verlor durch die Auflösung Österreich-Ungarns 1918 stark an Bedeutung.

Die Fahrgastzahlen lagen 1924 um zwei Drittel unter dem Stand von 1914.

Am 1. Februar 1924 wurde deshalb die Personenabfertigung im Nordwestbahnhof eingestellt, die Personenzüge fuhren nun vom Nordbahnhof ab.

Die Halle wurde danach für Ausstellungen, politische und sportliche Veranstaltungen genutzt.

Am 26. November 1927 eröffnete im umgebauten Gebäude der „Schneepalast“, in dem man auf einer schiefen Ebene Ski laufen konnte.

Im Anschluss an die Eröffnung wurde auf den Wiener Bürgermeister Karl Seitz ein Pistolenattentat verübt, bei dem er unverletzt blieb.

Auch als Abstellhalle für nicht gebrauchte Lokomotiven wurde die Halle genutzt.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs hielt Hermann Göring am 26. März 1938 in der Halle eine Propagandarede.

Am 9. April 1938 sprachen dort Adolf Hitler, Joseph Goebbels und weitere NS-Politiker, einen Tag vor der Volksabstimmung.

Danach zeigte die Halle die antisemitische Propagandaausstellung „Der ewige Jude“.

Krieg, Abbruch und das Ende des Personenverkehrs

Im Krieg nutzte die Wehrmacht das Gebäude als Lager.

Um den Nordbahnhof zu entlasten, forderte die Deutsche Reichsbahn den Bahnhof am 12. Dezember 1942 zurück und setzte ihn provisorisch wieder instand.

Am 1. November 1943 konnte der Personenverkehr zwischen dem Nordwestbahnhof und Jedlersdorf wieder aufgenommen werden.

Gegen Kriegsende beschädigten Luftangriffe und sowjetischer Artilleriebeschuss im April 1945 den Bahnhof schwer.

Die Nordwestbahnbrücke über die Donau war bereits am 25. August 1945 wieder befahrbar.

Deshalb endeten die Züge der Nordwestbahn bis 1959 am Nordwestbahnhof.

Ab dem 14. September 1952 wurde das Empfangsgebäude abgetragen.

Die Bahnsteige und eine Schalterhalle blieben bis 1959 bestehen.

Mit der Wiedereröffnung der Nordbahnbrücke nahm man den neuen Bahnhof Praterstern provisorisch in Betrieb.

Die Personenabfertigung am Nordwestbahnhof wurde daraufhin am 31. Mai 1959 endgültig eingestellt.

Die Nordwestbahnbrücke über die Donau wurde zur Straßenbrücke umgebaut.

Die Jahrzehnte als Güterbahnhof

In den 1970er Jahren wurde das Gelände zu einem damals modernen Güter- und Containerterminal mit Krananlagen und Lagerhäusern ausgebaut.

Am 29. September 1974 ging die Elektrifizierung der Gleisanlagen auf dem Bahnhof und der Zufahrtsgleise in Betrieb.

Das Postamt 1200 an der Nordwestbahnstraße, das frühere Hauptpostamt der Brigittenau, blieb nach 1959 bestehen.

Die Gleise 13, 15 und 17 am Nordwestbahnhof, 2016.
Die Gleise 13, 15 und 17 am Nordwestbahnhof, 2016. Foto: Linie29, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Im Jahr 2006 beschloss die ÖBB als Grundeigentümerin, den Containerumschlag schrittweise in das Güterzentrum Wien Süd zu verlegen.

Dieses Güterzentrum wurde 2016 eröffnet und konnte das Aufkommen des Terminals von rund 80.000 Einheiten pro Jahr übernehmen.

Ende 2017 liefen die regulären Mietverträge der Unternehmen auf dem Gelände aus, danach begann eine Phase der Zwischennutzung.

Ende 2021 wurde der Bahnhof endgültig stillgelegt.

Die Gleise 3, 5, 7 und 9 am Nordwestbahnhof, 2016.
Die Gleise 3, 5, 7 und 9 am Nordwestbahnhof, 2016. Foto: Linie29, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Lager des Filmrequisitenfundus, 2016.
Lager des Filmrequisitenfundus, 2016. Foto: Daniel-tbs, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher/Nachher: von der Halle zum Areal

Die Halle des Empfangsgebäudes ist seit der Abtragung ab 1952 verschwunden.

Die Lagerhallen aus der Zeit des Frachtenbahnhofs stehen dagegen zum Teil bis heute.

An der Taborstraße 89 bis 93 entstanden Wohnhäuser, und rund um den Bahnhof siedelten sich zahlreiche Speditionen mit Lagerhallen und Büros an.

Die Einfahrt Taborstraße am Nordwestbahnhof, 2008.
Die Einfahrt Taborstraße am Nordwestbahnhof, 2008. Foto: Priwo, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sieht es jetzt aus: Rückbau und Stadtteilplanung

Das Gelände liegt rund vier Kilometer vom Zentrum Wiens entfernt und umfasst etwa 44 Hektar.

Es grenzt an die äußere Taborstraße, die Nordwestbahnstraße, die Dresdner Straße und die Stromstraße.

Die Barriere des Bahnareals trennt den 20. Bezirk in zwei Teile.

Abbrucharbeiten am Nordwestbahnhof, 2015.
Abbrucharbeiten am Nordwestbahnhof, 2015. Foto: Joadl, CC BY-SA 3.0 at, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Aus einem Architekturwettbewerb im März 2008 ging das Schweizer Büro ernst niklaus fausch Architekten als Sieger hervor.

Der Plan sah ein Quartier in Blockrandbebauung mit einer „Grünen Mitte“ als parkartigem Zentrum vor.

Das Leitbild wurde 2016 überarbeitet, vorgesehen sind Wohnungen für 12.000 bis 15.000 Menschen und Arbeitsplätze für 5.000.

Die Angaben zum Zeitplan gehen auseinander, genannt werden 2033 und 2035 als Zeitpunkt für die Fertigstellung des Stadtteils.

Die Sichtachse zum Kahlenberg auf ehemaligen Gleisen des Nordwestbahnhofs, 2020.
Die Sichtachse zum Kahlenberg auf ehemaligen Gleisen des Nordwestbahnhofs, 2020. Foto: Clemens Mosch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Drei ältere Gebäude sollen erhalten bleiben: das Postamt an der Nordwestbahnstraße, ein Stellwerk im nördlichen Teil des Geländes und eine Lagerhalle.

Anfang 2026 rechneten die Verantwortlichen damit, 45 Altgebäude sowie befestigte Flächen abbrechen zu müssen.

Der Rückbau soll in zwei Phasen erfolgen und bis 2028 dauern.

Eine Lagerhalle am ehemaligen Nordwestbahnhof, 2024.
Eine Lagerhalle am ehemaligen Nordwestbahnhof, 2024. Foto: Andrzej Otrębski, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Für die Zulaufstrecke zur Donauuferbahn wurde ein Konzept nach dem Vorbild des High Line Parks in New York entwickelt.

Der knapp zwei Kilometer lange Bahndamm würde eine durchgehende Fuß- und Radverbindung zur Donau ermöglichen.

Die Eisenbahnbrücke über die Hellwagstraße sollte dafür erhalten bleiben.

Der Wiener Nordbahnhof, der größte der alten Kopfbahnhöfe, hat auf bahn-slam.de einen eigenen Beitrag: Der Wiener Nordbahnhof.

1868: Die Nordwestbahn erhält die Konzession, die Donauregulierung beginnt.

1869: Mitte Juni findet sich ein Standort nahe der Taborstraße.

Jänner 1870: Beginn des Hallenbaus.

1. Jänner 1872: Die Bahnhofshalle ist fertiggestellt.

1. Juni 1872: Eröffnung des Bahnhofs mit der Strecke nach Jedlesee.

1. Februar 1924: Die Personenabfertigung wird eingestellt.

26. November 1927: Eröffnung des Schneepalasts in der Halle.

1938: Propagandareden und die Ausstellung „Der ewige Jude“ in der Halle.

1. November 1943: Der Personenverkehr nach Jedlersdorf wird wieder aufgenommen.

April 1945: Sowjetischer Artilleriebeschuss beschädigt den Bahnhof schwer.

25. August 1945: Die Nordwestbahnbrücke ist wieder befahrbar.

14. September 1952: Beginn der Abtragung des Empfangsgebäudes.

31. Mai 1959: Die Personenabfertigung wird endgültig eingestellt.

29. September 1974: Die Elektrifizierung der Gleisanlagen geht in Betrieb.

2006: Die ÖBB beschließt, den Containerumschlag zu verlegen.

Ende 2017: Die regulären Mietverträge laufen aus.

Ende 2021: Der Güterbahnhof wird endgültig stillgelegt.

Anfang 2026: Für den Rückbau von 45 Altgebäuden wird bis 2028 gerechnet.

Wann endete der Personenverkehr am Nordwestbahnhof?
Die Personenabfertigung wurde am 31. Mai 1959 endgültig eingestellt, die Personenzüge der Nordwestbahn endeten danach am Bahnhof Praterstern.
Steht das Empfangsgebäude noch?
Nein, es wurde ab dem 14. September 1952 abgetragen, nur Bahnsteige und eine Schalterhalle blieben noch bis 1959 bestehen.
Was war der Schneepalast?
Der Schneepalast wurde am 26. November 1927 in der umgebauten Halle eröffnet und bot eine schiefe Ebene zum Skilaufen.
Was passiert mit dem Gelände?
Auf den rund 44 Hektar soll ein neuer Stadtteil mit Wohnungen, Arbeitsplätzen und einer „Grünen Mitte“ entstehen.
Kann man das Gelände besuchen?
Das Gelände gehört der ÖBB, über feste Besuchsmöglichkeiten ist nichts belegt, und wer es betreten möchte, sollte sich vorher beim Eigentümer erkundigen.
Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Wien Nordwestbahnhof · Wien Geschichte Wiki: Nordwestbahnhof

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →