Die Vogelsberger Südbahn: Eine Kleinbahn von Wächtersbach nach Hartmannshain
32 Kilometer Normalspur führten ab 1898 aus dem Kinzigtal in den Vogelsberg. 1967 fuhr der letzte Personenzug, heute liegt auf Teilen der Trasse ein Radweg.

Lage: Von Wächtersbach über Birstein nach Hartmannshain, 32 Kilometer Normalspur. Status: Alle elf Halte des Pakets sind ehemalig, die Strecke ist stillgelegt. Heute: Teile der Trasse nutzt der Vogelsberger Südbahnradweg.
Die Bahnstrecke Wächtersbach–Hartmannshain war eine Nebenbahn in Hessen.
Sie wurde von der Wächtersbach-Birsteiner Kleinbahn-Gesellschaft erbaut und betrieben.
Zuletzt fuhren die Gelnhäuser Kreisbahnen auf ihr als Vogelsberger Südbahn.
Sie zweigte in Wächtersbach von der Strecke Frankfurt–Göttingen ab und führte im Süden des Vogelsberges über Birstein nach Hartmannshain.
Der Bahnhof Wächtersbach an der Hauptstrecke ist weiter in Betrieb und nicht Teil dieses Beitrags.
Es geht um die elf Halte der Kleinbahn selbst, die heute alle ohne Zugverkehr sind.
Die Strecke, die in Hartmannshain einmündete, behandelt der Beitrag zur Oberwaldbahn.
Beide Strecken sind nicht zu verwechseln.
Entstehung: eine Bahn für die Steingutfabrik
Am Anfang stand eine Initiative der Gemeinden Schlierbach und Birstein.
Mit dabei waren die Steingutfabrik Waechtersbacher Keramik und der Landrat Wilhelm Ludwig von Baumbach.
1897 führte das zur Gründung einer Aktiengesellschaft zum Bau der Strecke von Wächtersbach nach Birstein.
Den Kauf der notwendigen Grundstücke finanzierten die Fürstenhäuser zu Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach und zu Isenburg in Birstein.
Die Strecke verlief im Tal von Kinzig, Bracht und Reichenbach und war technisch einfach zu bauen.
Die Bauzeit betrug nur ein halbes Jahr.
Am 30. Juni 1898 wurde sie durch die Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Vering & Waechter eröffnet.
Der Bau der nördlichen Fortsetzung von Birstein nach Hartmannshain scheiterte lange an der Finanzierung.
Am 23. Dezember 1934, 36 Jahre nach der Südstrecke, wurde dort der planmäßige Betrieb aufgenommen.
Der Bau war um ein Vielfaches teurer als der erste Abschnitt, er kostete 2,1 Millionen Mark.
So sah es vorher aus: normalspurig durch Tal und Berg
Die Strecke war eingleisig und normalspurig gebaut.
Dadurch konnten Güterwagen von der Staatsbahn auf die Vogelsberger Südbahn übergehen und umgekehrt.
Wegen des erheblichen Gefälles war das nur für Wagen mit eigener Bremse zulässig.
Die Strecke war 32 Kilometer lang.
Am Endpunkt in Hartmannshain lag sie 575 Meter über NHN, 425 Meter höher als Wächtersbach.
Zwischen Lichenroth und Hartmannshain waren Steigungen von 1:36 und 1:40 nötig.
Lokschuppen gab es in Wächtersbach, Birstein und Hartmannshain.
Wächtersbach Kreisbahnhof (Kilometer 0,0)
Die Endhaltestelle der Kleinbahn lag ursprünglich etwa 300 Meter östlich vom Staatsbahnhof.
Später wurde sie bis direkt vor das Bahnhofsgebäude verlegt.
Das kam der Akzeptanz des Abschnitts zugute.
Wächtersbach hatte außerdem einen Lokschuppen der Kleinbahn.
Wächtersbach Schwimmbad (Kilometer 1,4)
Der Haltepunkt Schwimmbad lag 1,4 Kilometer hinter dem Kreisbahnhof.
Darüber hinaus ist über diesen Halt nichts Weiteres belegt.
Weilers (Kilometer 4,3)
Weilers hatte eine Haltestelle an der Bahn.
Die Bahn verband Wächtersbach bis 1967 mit der Vogelsbergbahn.
Heute führt auf der ehemaligen Trasse der Südbahnradweg nach Norden.
Er bietet Anschluss an den Vulkanradweg.
Schlierbach (Kilometer 6,4)
Von 1898 bis 1967 fuhr die Bahn durch Schlierbach.
Der Ort besaß einen eigenen Bahnhof.
Die Inbetriebnahme der Bahn 1898 war ein besonderer Schub für Ort, Region und Unternehmen.
Die Steingutfabrik in Schlierbach hatte damals etwa 800 Mitarbeiter.
Sie war der Hauptkunde der Bahn.
Die Fabrik ließ Rohmaterial und Produkte transportieren und beförderte einen Teil ihrer Mitarbeiter mit der Bahn.
Auf eigenem Gelände verfügte die Waechtersbacher Keramik über 1.000 Meter Betriebsgleise, die direkt an die Südbahn angeschlossen waren.
Hellstein (Kilometer 8,1)
Auch die Quarzwerke in Hellstein waren für ihre Massentransporte von Quarzsand auf die Bahn angewiesen.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Hellstein wurde 1924 erbaut.

Birstein (Kilometer 12,2)
Birstein war zunächst der Endpunkt der Strecke von 1898.
In Birstein hatte die Bahn einen Lokschuppen.
Das Haus Isenburg finanzierte hier den Grundstückskauf mit.
Eine Diesellok des Typs VL 13, die bis 1967 auf der Strecke verkehrte, steht heute als Lokdenkmal in Birstein.


Unterreichenbach (Kilometer 13,8)
Unterreichenbach war ein Haltepunkt zwischen Birstein und Fischborn.
Der Abschnitt nördlich von Birstein war von Beginn an das Sorgenkind der Bahn.
Über den Halt selbst ist nichts Weiteres belegt.
Fischborn (Kilometer 16,8)
Der Halt Fischborn-Oberreichenbach lag im nördlichen Teilstück zwischen Birstein und Hartmannshain.
Dieses Teilstück bereitete von Beginn an erhebliche Probleme.
1938 wurde festgestellt, dass selbst bei eingeschränktem Verkehr an nur vier Tagen in der Woche mit einem jährlichen Verlust von 25.000 Reichsmark zu rechnen sei.
Radmühl-Wettges (Kilometer 20,6)
Auch Radmühl-Wettges lag auf der exponierten, kurvenreichen Strecke mit hohen Dämmen und tiefen Einschnitten.
Wiederholte strenge Winter mit Frost und viel Schnee führten auf der Nordstrecke zu Schneeverwehungen.
Das löste teilweise wochenlange Stillstände aus.
Notwendige Instandsetzungen erhöhten die wirtschaftliche Belastung der Betreiber.
Wüstwillenroth (Kilometer 23,3)
Die Bahn verlief entlang des Ortes Wüstwillenroth.
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten viele Anwohner die Nordstrecke für den Weg zur Arbeit im Rhein-Main-Gebiet nach Hanau, Offenbach und Frankfurt am Main.
Diese Belebung dauerte nur wenige Jahre.
Lichenroth (Kilometer 25,6)
Mit der Verlängerung von 1934 erhielt Lichenroth einen Anschluss an das Eisenbahnnetz.
Der Bahnhof lag westlich des Ortes.
Zum Ende des Bahnhofs gehen die Angaben auseinander.
Eine Darstellung nennt 1958 als Jahr der Stilllegung.
Für den Abschnitt zwischen Birstein und Völzberg wurde die Stilllegung dagegen am 12. Mai 1959 beantragt.
Auf dem früheren Bahnhofsgelände ließ sich 1960 zuerst eine Möbelfabrik nieder.
1961 folgte ein Bauunternehmen, 1963 eine Metallbaufirma.
Dort ist ein Industriegebiet entstanden.

Das Ende der Strecke
Die Strecke wurde zwischen 1958 und 1967 abschnittsweise außer Betrieb gesetzt.
Am 28. September 1958 erfolgte die Stilllegung der Teilstrecke Völzberg–Hartmannshain für den Gesamtverkehr.
Die Schienen wurden aufgrund ihres desolaten Zustands noch 1959 im Abschnitt Völzberg–Hartmannshain abgebaut.
Im Jahr darauf folgte der Abbau bis Birstein.
Auf dem verbliebenen Südabschnitt besserte die wachsende Pkw-Motorisierung das Fahrgastaufkommen nicht.
Am 27. Mai 1967 fuhr die letzte Fahrt eines Personenzuges von Wächtersbach nach Birstein.
Der Güterverkehr wurde zum 1. Juni 1967 eingestellt.
Die Bahnanlagen wurden danach abgebaut, Wagen und eine Lokomotive wurden verkauft.
So sieht es jetzt aus: der Radweg
Schon kurz nach der Stilllegung entstand die Idee eines Radwegs auf der alten Trasse.
Der Vogelsberger Südbahnradweg wurde 2004 eröffnet.
Er verläuft allerdings teilweise unabhängig von der größtenteils nicht mehr nutzbaren und teilweise überbauten Trasse.
Im Brachttal-Museum in Brachttal-Spielberg steht ein Modelleisenbahn-Nachbau der Strecke.
Die Geschichte in Daten
1897: Gründung der Aktiengesellschaft zum Bau der Strecke Wächtersbach–Birstein.
1898: Am 30. Juni wird die Strecke Wächtersbach–Birstein eröffnet.
1934: Am 23. Dezember wird der Betrieb bis Hartmannshain aufgenommen.
1938: Für die Nordstrecke wird ein jährlicher Verlust von 25.000 Reichsmark erwartet.
1958: Am 28. September wird die Teilstrecke Völzberg–Hartmannshain stillgelegt.
1959: Am 12. Mai wird die Stilllegung des Abschnitts Birstein–Völzberg beantragt.
1960: Die Schienen sind bis Birstein abgebaut, in Lichenroth siedelt sich eine Möbelfabrik an.
1967: Am 27. Mai fährt der letzte Personenzug, der Güterverkehr endet zum 1. Juni.
2004: Der Vogelsberger Südbahnradweg wird eröffnet.
Häufige Fragen
Wie lang war die Vogelsberger Südbahn?
Wann fuhr der letzte Personenzug?
Warum wurde der Nordteil früher stillgelegt?
Ist die Vogelsberger Südbahn die Oberwaldbahn?
Gibt es etwas zu sehen?
Die Bahn lebte vom Kinzigtal und vor allem von der Steingutfabrik.
Im Norden blieb sie ein teures Sorgenkind.
Wikipedia: Bahnstrecke Wächtersbach–Hartmannshain · Wikipedia: Lichenroth · Wikipedia: Weilers · Wikipedia: Schlierbach (Brachttal) · Wikipedia: Birstein · Wikipedia: Bahnstrecke Bad Vilbel–Lauterbach (Hess) Nord
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