Die Kleinbahnen des Kreises Jerichow I: Ein Schmalspurnetz mit 102 Kilometern
Von 1896 bis 1965 verband ein 750-Millimeter-Netz Burg, Ziesar, Loburg und Gommern. Heute erinnert vor allem die Museumsbahn in Magdeburgerforth an die Strecken.


Netz: 750 Millimeter Spurweite, rund 102 Kilometer, davon 12 Kilometer dreischienig. Status: 1965 stillgelegt. Museum: Der Bahnhof Magdeburgerforth ist Baudenkmal und Museumsbahnhof.
Die Kleinbahnen des Kreises Jerichow I waren ein Eigenbetrieb des ehemaligen Landkreises Jerichow I.
Das Netz hatte eine Spurweite von 750 Millimetern und rund 102 Kilometer Länge, davon waren 12 Kilometer dreischienig angelegt.
Es umfasste die Strecken Burg–Magdeburgerforth–Ziesar Ost, Burg Mitte–Lübars und Gommern–Loburg–Lübars–Magdeburgerforth sowie die Hafenbahn in Burg.
Dieser Beitrag geht die Halte der Strecken durch und beschreibt die Museumsbahn, die in Magdeburgerforth ein Stück der alten Trasse wiederaufbaut.
Die Museumsbahn in Magdeburgerforth ist kein stillgelegter Halt, der Bahnhof dort ist Baudenkmal und Museumsbahnhof.
Entstehung: Vier Jahre Bau, sieben Jahre Ausbau
1894 beantragte der Kreis eine Konzession für die Strecken Burg–Ziesar–Brandenburg und Burg–Groß Lübars.
Schon vor der Genehmigung begann 1895 der Bau.
Am 4. April 1896 eröffnete die Bahn die Abschnitte Burg–Grabow–Magdeburgerforth und Burg Zerbster Tor–Stegelitz.
Am 19. Juli 1896 folgten Stegelitz–Groß Lübars und Magdeburgerforth–Ziesar Ost, am 8. Oktober 1896 Magdeburgerforth–Altengrabow–Groß Lübars.
Am 12. Dezember 1896 ging der Anschluss zum Ihlehafen in Burg in Betrieb.
Am 21. Juli 1902 wurde der Abschnitt zwischen Groß Lübars und Loburg eröffnet, am 20. April 1903 die Strecke von Loburg nach Gommern an der Hauptbahn Magdeburg–Dessau.
Die ursprünglich geplante Strecke Ziesar–Brandenburg wurde nicht gebaut.
So sah es vorher aus: Drei Zugpaare und ein Bus
Bis zum Ersten Weltkrieg verkehrten auf den Strecken jeweils drei Zugpaare.
1918 übernahm die Kleinbahnabteilung der Provinz Sachsen die Betriebsführung.
Geplant war eine Umspurung des Netzes, die durch die Weltwirtschaftskrise 1929 nicht umgesetzt werden konnte.
Ab dem 16. August 1934 wurde der Personenverkehr schrittweise auf bahneigene Omnibuslinien verlagert.
1939 standen der Bahn 13 Dampflokomotiven, 25 Personenwagen und 251 Güterwagen zur Verfügung.
Anschlussbahnen führten unter anderem von Stresow zum Gut Ziegelsdorf, von Kalitz nach Göbel und in Gommern zur Zuckerfabrik.

Burg: Umladebahnhof, West, Mitte und Ost
Das Netz begann am Burger Umladebahnhof bei Kilometer 0,0, der auch Burg Kleinbahnhof hieß.
Von hier ging ein Hafenanschluss zum Ihlekanal ab.
Bei Kilometer 1,2 lag Burg West, auch Burg Magdeburger Tor genannt, bei 2,1 Burg Mitte, auch Zerbster Tor.
Hier zweigte die Strecke nach Lübars ab.
Burg Ost folgte bei Kilometer 4,2.
Von Gütter bis Reesdorf
Auf dem Weg nach Magdeburgerforth lagen Gütter bei Kilometer 5,6, Polzuhn bei 7,8 und Grabow bei 9,4.
Hinter Grabow überquerte die Bahn die Ihle auf einer Brücke.
Es folgten Kähnert (12,1), Stresow (13,8), Theeßen (16,8), Küsel (18,8), Waldrogäsen (20,9), Wüstenjerichow (22,5) und Reesdorf (25,9).
Bei Reesdorf kam die Strecke von Gommern hinzu.
Alle diese Halte sind ehemalig.
Magdeburgerforth: Der Bahnhof des Museums
Der Bahnhof Magdeburgerforth bei Kilometer 28,2 der Strecke nach Ziesar war ein viergleisiger Trennungsbahnhof.
Das zweistöckige Empfangsgebäude von 1896 steht unter Denkmalschutz, es ist ein Fachwerkhaus mit roten Klinkern und einer hölzernen Veranda zu den Gleisen.
Dazu gehören ein Güterschuppen und ein Fachwerklokschuppen aus den 1920er Jahren.
Der 2000 gegründete Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I e. V. kaufte 2005 das Gelände des ehemaligen Bahnhofs und restaurierte Empfangsgebäude und Lokschuppen.
Seit dem 7. Mai 2011 gibt es auf einem 800 Meter langen Abschnitt zwischen Magdeburgerforth und dem Haltepunkt Lumpenbahnhof öffentlichen Fahrbetrieb mit historischen Fahrzeugen.
Der Name Lumpenbahnhof stammt von einem Anschlussgleis zur Rohpappenfabrik, zu der Lumpen auf offenen Wagen geliefert wurden.
Am 24. September 2016 wurde die Strecke um 500 Meter bis zum Haltepunkt Lindenstraße verlängert, wofür der Verein 50.000 Euro Fördermittel vom Land Sachsen-Anhalt erhielt.
Der neue Bahnhof Magdeburgerforth Mitte mit Umfahrungsgleis und Verladerampe wurde am 8. Oktober 2021 eröffnet.






Schopsdorf, Gehlsdorf und Ziesar
Hinter Magdeburgerforth lagen Schopsdorf bei Kilometer 30,4 und Gehlsdorf bei 32,3.
Bei Gehlsdorf kreuzte die Strecke die Bahnstrecke Güsen–Ziesar, kurz darauf verlief die Landesgrenze zu Brandenburg.
Ziesar West folgte bei Kilometer 35,3, Endpunkt war Ziesar Ost bei 37,1.
Die Schmalspurstrecke zwischen Ziesar West und Ost, nahe dem Hauptbahnhof der regelspurigen Genthiner Kleinbahn, diente ab 1934 nur noch dem Güterverkehr und wurde nach 1946 abgebaut.
Nach der Eröffnung der Staatsbahnlinie Güsen–Ziesar 1917 war die Kleinstadt von einem Ring von Eisenbahnen umgeben.
Burg–Lübars: Madel, Stegelitz und weitere Halte
Die Strecke von Burg Mitte nach Lübars war 28,5 Kilometer lang.
Ihre Halte waren Madel (6,6), Stegelitz (11,7), Tryppehna (14,7), Pabsdorf (Friedensau) bei 17,1, Lüttgenziatz (19,5), Hohenziatz (19,3) und Riesdorf (25,6).
Bei Lüttgenziatz gab es einen Anschluss zu einer Mühle, bei Hohenziatz einen zu einem Gut mit Brennerei.
Am 26. Juni 1965 wurde der Güterverkehr zwischen Burg und Lübars eingestellt, am 1. Juli 1965 auch der Personenverkehr.
Lübars, Bomsdorf und Loburg
Lübars (Kreis Loburg) war Knoten der Strecken aus Burg, Gommern und Magdeburgerforth.
Von hier ging es nach Bomsdorf bei Kilometer 2,5 der Loburger Zählung und weiter nach Loburg.
Der Abschnitt Groß Lübars–Loburg wurde im Gegensatz zu den übrigen Strecken mit einem Dreischienengleis gebaut.
So konnten Schmalspurfahrzeuge und normalspurige Fahrzeuge aus Biederitz ihn nutzen, die über die Staatsbahnstrecke nach Loburg zum Truppenübungsplatz Altengrabow gelangten.
Loburg ist der Anschluss an die Staatsbahnstrecke von Biederitz, die 1892 eröffnet worden war.



Gommern–Loburg: Dannigkow, Leitzkau, Ladeburg und weitere Halte
Von Gommern aus, wo die Kleinbahn Anschluss an die Hauptbahn Magdeburg–Dessau hatte, führte die Strecke 21,3 Kilometer nach Loburg.
Die Halte waren Gommern Haltestelle (20,5), Dannigkow (18,5), Leitzkau-West bei Kressow (15,8), Leitzkau (12,9), Ladeburg (11,3), Dalchau (8,4), Brietzke (6,6), Kalitz bei Göbel (5,2), Klepps-Ziegelei (2,7) und Loburg-Süd (1,7).
Der Personenverkehr zwischen Gommern und Loburg endete am 2. Mai 1960.
Am 10. März 1962 wurde der verbliebene Güterverkehr zwischen Gommern und Leitzkau eingestellt.
Altengrabow: Kleinbahnhof am Truppenübungsplatz
Der Kleinbahnhof Altengrabow lag bei Kilometer 12,1 der Strecke von Loburg.
Nach Dörnitz bei 14,0 und Magdeburgerforth Mitte bei 16,4 folgte Magdeburgerforth bei 17,4.
Der Bahnhof Altengrabow hat ein Empfangsgebäude von 1912 behalten, das sich in Privatbesitz befindet.
Bei Altengrabow entstand ein großer Truppenübungsplatz.
Die Schmalspurloks transportierten dafür regelspurige Wagen mit einem Zwischenwaggon.
Auf der Normalspur hielt sich der Personenverkehr zwischen Loburg und Altengrabow bis 1999, in den Monaten davor reisten durchschnittlich nur sechs Fahrgäste am Tag.

Niedergang: Schrittweise bis 1965
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kreisbahnbetrieb am 15. Dezember 1946 den Sächsischen Provinzbahnen GmbH unterstellt, am 1. April 1949 der Deutschen Reichsbahn.
Am 2. Mai 1960 begann die Einstellung des Personenverkehrs mit dem Abschnitt von Gommern nach Loburg.
Am 10. März 1962 wurde der Schmalspurverkehr zwischen Loburg und Altengrabow eingestellt.
Die Stilllegung war am 26. September 1965 mit den Strecken von Burg über Magdeburgerforth nach Ziesar und von Magdeburgerforth nach Altengrabow abgeschlossen.
So sieht es jetzt aus: Museumsbahn und Normalspurrest
Von Magdeburgerforth aus entsteht auf der alten Trasse nach Altengrabow (5,6 Kilometer) ein Fahrbetrieb mit historischen Fahrzeugen.
Der Verein besitzt die Diesellokomotiven 199 041 und 199 042 vom Typ LKM V 10 C sowie historische Wagen der Kleinbahn.
Die Normalspurstrecke von Loburg nach Altengrabow ist weiterhin vorhanden und wird von der Dampfzug-Betriebs-Gemeinschaft e. V. in Loburg genutzt.
Vorher und nachher: Altengrabow
Die Aufnahmen von 1993 und 2020 zeigen den Bahnhof Altengrabow.
Im Jahr 2020 ist rechts die Bahnsteigkante des nicht mehr genutzten Bahnsteigs zu sehen.
1894: Der Kreis beantragt eine Konzession für Burg–Ziesar–Brandenburg und Burg–Groß Lübars.
1896: Am 4. April nimmt die Bahn mit den Abschnitten Burg–Magdeburgerforth und Burg Zerbster Tor–Stegelitz den Betrieb auf.
1902: Am 21. Juli wird der Abschnitt Groß Lübars–Loburg eröffnet.
1903: Am 20. April ist das Netz mit der Strecke Loburg–Gommern vollendet.
1934: Ab dem 16. August wird der Personenverkehr schrittweise auf Omnibuslinien verlagert.
1949: Am 1. April wird die Bahn der Deutschen Reichsbahn unterstellt.
1960: Am 2. Mai beginnt die Einstellung des Personenverkehrs zwischen Gommern und Loburg.
1962: Am 10. März endet der Güterverkehr zwischen Gommern und Leitzkau.
1965: Am 26. September ist die Stilllegung abgeschlossen.
2000: Der Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I wird gegründet.
2005: Der Verein erwirbt den Bahnhof Magdeburgerforth.
2011: Am 7. Mai beginnt der öffentliche Fahrbetrieb der Museumsbahn.
2016: Am 24. September wird die Strecke um 500 Meter bis zum Haltepunkt Lindenstraße verlängert.
2021: Am 8. Oktober eröffnet der Bahnhof Magdeburgerforth Mitte.
Welche Spurweite hatten die Kleinbahnen?
Wie lang war das Netz?
Wann wurde das Netz stillgelegt?
Kann man Magdeburgerforth besuchen?
Fahren auf der Strecke Loburg–Altengrabow noch Züge?
Wikipedia: Kleinbahnen des Kreises Jerichow I · Wikipedia: Bahnhof Magdeburgerforth · Wikipedia: Bahnstrecke Biederitz–Altengrabow
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