Die stillen Halte der Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn
31,2 Kilometer Schmalspur von Gera nach Wuitz-Mumsdorf: Ein Unwetter im Mai 1969 beendete die Reise der Meterspurbahn. Heute steht in Pölzig ein Museum und in Söllmnitz ein Kulturzentrum im alten Bahnhof.


Strecke: Gera-Pforten–Wuitz-Mumsdorf, 31,2 Kilometer, Meterspur. Status: stillgelegt und abgebaut. Heute: Museum im Bahnhof Pölzig, Kulturzentrum im Bahnhof Söllmnitz.
Die Bahnstrecke Gera-Pforten–Wuitz-Mumsdorf war eine meterspurige Schmalspurbahn von 31,2 Kilometern Länge.
Betrieben wurde sie anfangs von der Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn-AG, kurz GMWE.
Sie fuhr von 1901 bis 1969 und führte vom Bahnhof Gera-Pforten zur Station Wuitz-Mumsdorf an der Normalspurstrecke Zeitz–Altenburg.
Dieser Beitrag geht die Halte der Reihe nach durch, von Gera aus.
Aus der Betriebszeit gibt es nur wenige freie Fotos, die meisten Bilder zeigen den Zustand nach dem Ende der Bahn.
Warum eine Schmalspurbahn nach Gera
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann im Gebiet um Meuselwitz der Abbau von Braunkohle.
Vor allem Gera als aufstrebende Industriestadt sollte vom Bahnbau profitieren.
1878 gründeten sich Komitees in Meuselwitz und Gera, um über die Secundärbahn Meuselwitz–Gera zu beraten.
Weder die preußische noch die sächsische Staatseisenbahn zeigte nennenswertes Interesse an Bau und Betrieb.
Die Planungen zogen sich bis 1884 hin, wurden dann nicht weiterverfolgt und 1894 wieder aufgegriffen.
Es sollte eine meterspurige Schmalspurbahn entstehen, um Umladekosten zu sparen, denn viele Briketts wurden über die 1892 eröffnete Geraer Straßenbahn zugestellt.
Die Gesellschaft wurde am 6. Juli 1900 unter wesentlicher Mitwirkung der Bahnbaufirma Vering & Waechter gegründet.
Am 12. November 1901 ging die Strecke in Betrieb, am 12. Dezember folgte ein 2,04 Kilometer langes Anschlussgleis ab Söllmnitz zum Dachziegelwerk Reußengrube.
Der Name der Gesellschaft ist irreführend, denn die Bahn führte nicht nach Meuselwitz.
Gera-Pforten
Der Bahnhof Gera-Pforten wurde 1901 eröffnet.
Er besaß keinen Übergangsbahnhof zu einer regelspurigen Bahn, die Verbindung zum Güterbahnhof in der Reichsstraße, dem heutigen Gera Süd, lief nur über die meterspurige Geraer Straßenbahn.
Dafür wurde die Lindenthaler Strecke am 8. November 1901 bis zum Bahnhof Pforten verlängert, vier Tage später eröffnete die GMWE.
Der Standort im Süden Geras hat seinen Grund darin, dass die Preußischen Staatseisenbahnen einen Anschluss an ihren Bahnhof im Norden von Gera verweigerten.
Das neugotische Empfangsgebäude mit Treppengiebel und Uhrenturm ähnelt dem 1894 eröffneten Wörlitzer Bahnhof in Dessau, den ebenfalls Vering & Waechter errichtet haben.
Außerdem gab es einen Lokschuppen und eine Bahnwerkstatt, in die die Fahrzeuge mit einer Schiebebühne gebracht wurden, sie wurde 2013 abgerissen.
Das Bahnhofsareal diente bis kurz nach der Jahrtausendwende als Busbahnhof mit Busdepot, danach entstand eine Eigenheimsiedlung mit dem Namen Am Pfortener Bahnhof.

Leumnitz, Trebnitz und Schwaara
Von Pforten verlief die Trasse entlang des Zaufensgrabens nach Leumnitz.
Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Gera-Leumnitz ist heute Sitz einer Baufirma, die auf dem Gelände Baumaterial lagert.
Seit Anfang der 1990er Jahre wird das Gebiet von der Südost-Tangente durchschnitten.
Die Haltestelle Trebnitz am südöstlichen Rand des Ortes bestand zwischen 1901 und 1969.
Zwischen Trebnitz und Schwaara unterquerte die Strecke die heutige Autobahn 4.
Obwohl die Bahn seit 1901 durch die Flur von Schwaara fuhr, bekam der Ort erst 1953 eine eigene Station westlich des Ortes, die nur dem Personenverkehr diente.
In Schwaara erinnert ein kleines Denkmal aus zwei Radsätzen auf einem kurzen Gleisstück an die GMWE.

Brahmenau Süd und Brahmenau
Der Haltepunkt Brahmenau Süd lag südlich des Ortsteils Zschippach, dessen Namen er ursprünglich trug.
Der Bahnhof Brahmenau wurde unter dem Namen Culm in Betrieb genommen.
Bei der Eröffnung 1901 hatte er nur ein Nebengleis, 1902 entstand mit der Eröffnung der Geraer Kalkwerke ein 170 Meter langes Umsetzgleis.
Die Station diente dem Transport von Brennstoffen und den Produkten der Ziegelei Culm, im Ersten Weltkrieg auch der Getreideumsetzung.
1937 wurde die Gemeinde Culm in Brahmenau umbenannt, danach auch der Bahnhof.
Söllmnitz: vom Bahnhof zum Kulturzentrum
Der Bahnhof Söllmnitz wurde 1901 am Südostrand des Ortes eröffnet.
Er war Trennungsbahnhof, denn hier zweigte das Anschlussgleis zur Dachziegelfabrik Reußengrube in Cretzschwitz ab.
Eine Tonverladeanlage und eine Schüttrampe sind bis heute erhalten, der Ton wurde mit einer Grubenbahn herangebracht.
Der letzte, bereits nicht mehr öffentliche Zug fuhr Mitte Mai 1969 durch Söllmnitz und holte die in Gera-Pforten stehen gebliebenen Wagen nach Wuitz-Mumsdorf.
1977 wurden als Denkmal für die GMWE die Dampflok 99 555 und zwei Personenwagen aufgestellt, die allerdings Spurweite 750 Millimeter hatten.
Im August 2002 übernahm der Interessenverband der Zittauer Schmalspurbahnen die drei Fahrzeuge.
Das Empfangsgebäude wird seit 1974 als Kulturzentrum und Gaststätte genutzt.


Wernsdorf und Pölzig
Die Haltestelle Wernsdorf lag östlich des Ortes an der Straße nach Hirschfeld.
Bis zur Gründung des Landes Thüringen 1920 war sie aus Richtung Gera die letzte Station im Fürstentum Reuß.
Der Bahnhof Pölzig lag auf der Flur des heutigen Ortsteils Beiersdorf nordwestlich von Pölzig.
Er war die einzige Station der Strecke auf dem Gebiet von Sachsen-Altenburg, sodass bis 1920 vor und hinter Pölzig jeweils eine Landesgrenze passiert wurde.
Ab 1952 war Pölzig aus Richtung Gera-Pforten der letzte Bahnhof im Bezirk Gera.
Seit 2010 ist das Empfangsgebäude ein Museum und der Sitz des Vereins IG GMWE – Bahnhof Pölzig.
Am 17. Juni 2012 wurde vor dem Gebäude der zweiachsige gedeckte Güterwagen 99-61-01 aufgestellt, der frühere GMWE-Wagen Nr. 17.




Wittgendorf, Kayna und Oelsen
Zwischen Pölzig und Wittgendorf verlief die heutige Landesgrenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Der Haltepunkt Wittgendorf südlich des Ortsrandes war aus Richtung Gera die erste Station im Landkreis Zeitz.
Der Bahnhof Kayna lag am Nordwestrand des Ortes, sein Empfangsgebäude wird als Wohnhaus genutzt.
Im Tal der Großen Schnauder lag der Anschluss der Kaynaer Quarzwerke, von hier fuhr nach dem Ende des Personenverkehrs bis zum 28. Dezember 1969 werktags noch ein Güterzug mit bis zu sechs Selbstentladewagen nach Wuitz-Mumsdorf.
Der Haltepunkt Oelsen lag im Nordwesten des Ortes in der Sporaer Straße.
Spora und Zipsendorf
Der Bahnhof Spora lag nicht im Ort, sondern in der nördlich gelegenen Siedlung nahe der Braunkohlegrube Leonhard II.
Neben den schmalspurigen Gleisen führte auch die normalspurige Bahnstrecke Meuselwitz–Spora zum Bahnhof, die dem Bergbau diente.
Das Empfangsgebäude ist bis heute erhalten.
Der Haltepunkt Zipsendorf lag westlich des Ortes, wo die Schmalspurbahn in einem Gleisbogen an die Strecke Zeitz–Altenburg heranführte.
Das Areal wurde in den Jahren nach 1975 verfüllt.
Wuitz-Mumsdorf: der Bahnhof ohne Ort
Der Bahnhof Wuitz-Mumsdorf wurde am 15. Juli 1872 kurz nach Eröffnung der Strecke Zeitz–Altenburg als Haltepunkt in Betrieb genommen.
1901 wurde er mit der Schmalspurbahn zur Haltestelle, 1905 zum Bahnhof gewidmet, das Empfangsgebäude entstand 1901, 1925 kam ein Stellwerk dazu.
Der Bahnhof lag zwischen dem Ort Mumsdorf im Norden und dem preußischen Wuitz im Süden.
Der Ort Wuitz wurde von 1954 bis 1956 wegen des Tagebaus Zipsendorf-Süd abgebrochen, nur der Bahnhof überlebte.
Ende 1969 wurde die Station zum Haltepunkt zurückgestuft, am 29. September 2002 außer Betrieb genommen.
Alle Hochbauten wie die massive Wartehalle wurden abgerissen, nur die bei der Eröffnung gepflanzten Kastanien stehen noch.
Die Jahre bis 1969
Nach dem Ersten Weltkrieg stagnierte das Verkehrsaufkommen, Ende der 1920er Jahre stellte die GMWE den Betrieb ein.
Geraer Industrielle kauften die Aktien, beschafften neue Betriebsmittel und führten 1929 den Rollwagenbetrieb ein, außerdem kam ein Schienenbus für den Personenverkehr zum Einsatz.
In den 1930er Jahren wurden Strecken begradigt, unter anderem im Schwaaraer Grund.
1946 wurden die Eigentümer ohne Entschädigung enteignet und die GMWE in Volkseigentum überführt.
1949 wurde die Bahn in die Deutsche Reichsbahn eingegliedert.
Wegen der regionalen Bedeutung wurde die Strecke nicht als Reparation abgebaut.
Ab 22. Mai 1955 lag die Bahn fast vollständig in der Reichsbahndirektion Dresden.
Das Unwetter vom 3. Mai 1969
Abnehmende Kohlevorräte und die Konkurrenz des Kraftverkehrs hatten die Wirtschaftlichkeit der Strecke gesenkt, für 1970 war die Stilllegung geplant.
Am 3. Mai 1969 ging zwischen Gera-Pforten und Gera-Leumnitz ein starkes Unwetter nieder, Bahndämme wurden unterspült, der Bahnhof Gera-Pforten stand zu großen Teilen unter Wasser.
Am folgenden Tag beschloss die Reichsbahn die sofortige Einstellung des Personenverkehrs.
Noch am selben Tag wurde ein Schienenersatzverkehr zwischen Gera und Wuitz-Mumsdorf eingerichtet, ab dem 10. Mai fuhren Busse.
Der Abschnitt Gera-Pforten–Wittgendorf wurde per 6. Mai 1969 stillgelegt.
Am 19. Mai 1969 verließ um 15 Uhr ein Räumzug mit drei Lokomotiven und sechs Personenwagen zum letzten Mal Gera-Pforten.
Der Güterverkehr zwischen dem Quarzwerk Kayna und Wuitz-Mumsdorf lief bis zum 28. Dezember 1969.
Die amtliche Stilllegung des Abschnitts Wittgendorf–Wuitz-Mumsdorf datiert auf den 1. Januar 1970.
Abbau und Spuren
Der Abbau der Gleise begann in Gera-Pforten und zog sich lange hin.
In Brahmenau und Söllmnitz bauten Mitarbeiter der örtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die Gleise ab.
Das Anschlussgleis ab Söllmnitz demontierten Arbeiter des Dachziegelwerkes Cretzschwitz.
Im Sommer 1970 war der Abbau bis Spora fortgeschritten, den letzten Abschnitt bis Wuitz-Mumsdorf entfernten Studentenbrigaden bis 1975.
Einige der abgebauten Weichen aus Wuitz-Mumsdorf wurden später bei Umbauarbeiten im Bahnhof Wernigerode Westerntor eingesetzt.
Die Geschichte in Daten
1878: Gründung von Komitees in Meuselwitz und Gera für eine Bahn.
06.07.1900: Gründung der Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn-AG.
12.11.1901: Eröffnung der Strecke.
12.12.1901: Anschlussgleis ab Söllmnitz in Betrieb.
1929: Einführung des Rollwagenbetriebs und eines Schienenbusses.
1946: Enteignung der Eigentümer.
1949: Eingliederung in die Deutsche Reichsbahn.
1953: Schwaara erhält eine eigene Station.
22.05.1955: Die Strecke liegt fast ganz in der Reichsbahndirektion Dresden.
03.05.1969: Unwetter in Gera-Pforten.
04.05.1969: Beschluss zur Einstellung des Personenverkehrs.
19.05.1969: Letzter Zug verlässt Gera-Pforten.
28.12.1969: Ende des Güterverkehrs.
01.01.1970: Amtliche Stilllegung des Abschnitts Wittgendorf–Wuitz-Mumsdorf.
1974: Söllmnitz: Empfangsgebäude wird Kulturzentrum.
1975: Abbau bis Wuitz-Mumsdorf abgeschlossen.
29.09.2002: Wuitz-Mumsdorf außer Betrieb.
2010: Museum im Bahnhof Pölzig.
Häufige Fragen
Wann fuhr die Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn?
Wodurch endete der Personenverkehr?
Was gibt es heute im Bahnhof Pölzig?
Was ist aus dem Bahnhof Söllmnitz geworden?
Warum heißt die Bahn Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn, obwohl sie nicht nach Meuselwitz fuhr?
Wikipedia: Bahnstrecke Gera-Pforten–Wuitz-Mumsdorf
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