Die Oberwaldbahn: Eine Vogelsberg-Strecke, die heute Vulkanradweg heißt

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Oberwaldbahn: Eine Vogelsberg-Strecke, die heute Vulkanradweg heißt

Von Stockheim über Gedern und Hartmannshain nach Lauterbach führte die Vogelsbergbahn, im Volksmund Oberwaldbahn. Seit 1975 fährt dort kein Reisezug mehr, und auf der Trasse liegt heute der Vulkanradweg.

Der Radweg auf der früheren Bahntrasse in Hartmannshain.
Der Radweg auf der früheren Bahntrasse in Hartmannshain. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1888
Stockheim–Gedern eröffnet
1906
Durchgehend bis Lauterbach
1975
Letzter Personenzug
2001
Letzter Rest stillgelegt

Lage: von Glauburg-Stockheim durch den Vogelsberg nach Lauterbach in Hessen. Status: Personenverkehr 1975 eingestellt, Güterverkehr schrittweise bis 2001, Gleise abgebaut. Heute: Vulkanradweg auf der Trasse, einige Bahnhofsgebäude in privater Nutzung.

Die Oberwaldbahn war der Teil der Bahnstrecke Bad Vilbel–Lauterbach (Hess) Nord, der von Glauburg-Stockheim über den Vogelsberg nach Lauterbach führte.

Ursprünglich hieß sie Vogelsbergbahn, den Namen Oberwaldbahn trägt sie nach dem Bahnhof Oberwald bei Bermuthshain.

Der südliche Abschnitt bis Stockheim fährt als Niddertalbahn weiter, der Rest ist stillgelegt.

Dieser Beitrag geht die Halte nach Stockheim einzeln durch, soweit sie belegt sind.

Der Bahnhof Lauterbach Nord ist weiterhin in Betrieb und kommt hier deshalb nicht vor.

Alte freie Fotos der Halte sind selten, die Bilder zeigen vor allem den heutigen Zustand.

Wie die Strecke entstand

Die Durchquerung des Vogelsbergs war für Planung und Trassierung eine topografische Herausforderung.

Die Bahn wurde deshalb in mehreren Abschnitten gebaut.

Zuerst entstand der 18,5 Kilometer lange, noch relativ ebene Abschnitt von Stockheim nach Gedern, der am 1. Oktober 1888 eingeweiht wurde.

Im ersten Betriebsjahr beförderte er etwa 50.000 Personen und mehr als 10.000 Tonnen Fracht, hauptsächlich Holz.

Am 31. Januar 1901 folgte der 21,7 Kilometer lange nördliche Abschnitt von Lauterbach nach Grebenhain.

Der 24,8 Kilometer lange höchstgelegene Abschnitt über die Rhein-Weser-Wasserscheide wurde am 1. April 1906 übergeben.

In Stockheim musste für den Anschluss an die Strecke Gießen–Gelnhausen der Bahnhof erheblich erweitert werden.

Die Stadt Ortenberg hatte vergeblich verlangt, die Linie nach Büdingen statt nach Stockheim zu führen.

So sah es vorher aus: Holz, Wintersport, Dampf

Bis in die 1960er Jahre zogen hauptsächlich Dampfloks der Baureihe 86 die Züge.

Östlich von Gedern stieg die Strecke über mehrere Kehren zur Hauptkette des Vogelsbergs an.

Der Abschnitt bis Ober-Seemen wurde wegen seiner Streckenführung auch für Versuchsfahrten benutzt.

Bei entsprechender Schneelage fuhren Sonderzüge, die Wintersportler von Frankfurt nach Hartmannshain brachten.

Eine Besonderheit war Eckartsborn, wo das Gleis auf der Dorfstraße verlief.

Das Ende: Stilllegung in Etappen

Die Strecke wurde in den 1960er Jahren wegen des Individualverkehrs und paralleler Bahnbusse zunehmend unrentabel.

Ab Mitte der 1970er Jahre legte die Bundesbahn sie schrittweise still.

Am 28. September 1975 wurde der Personenverkehr zwischen Glauburg-Stockheim und Lauterbach eingestellt, außerdem der gesamte Verkehr zwischen Ober-Seemen und Oberwald.

Der Güterverkehr zwischen Gedern und Ober-Seemen endete am 23. Mai 1982, zwischen Stockheim und Gedern am 1. Juni 1984.

Danach wurde der Südteil bis Stockheim zurückgebaut.

Im Norden hielt sich der Verkehr länger, weil eine Firma auf dem Gelände einer früheren Munitionsanstalt das Anschlussgleis nutzte.

Der Bahnhof Oberwald wurde am 31. März 1991 mit dem Teilstück bis Grebenhain geschlossen.

Am 29. Mai 1994 wurde die Strecke von Grebenhain bis Lauterbach Süd stillgelegt, am 31. Mai 2001 der letzte Abschnitt bis Lauterbach Nord.

Anfang 2005 wurden die Gleise bis Lauterbach Süd abgebaut.

Selters

In Selters, heute ein Stadtteil von Ortenberg, gab es den Haltepunkt Selters (Hess).

Ein Foto von 2005 zeigt den früheren Haltepunkt am Vulkanradweg.

Weitere Einzelheiten zu diesem Halt sind in den gesichteten Quellen nicht belegt.

Der frühere Haltepunkt Selters am Vulkanradweg, 2005.
Der frühere Haltepunkt Selters am Vulkanradweg, 2005. Foto: MdE, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ortenberg

Am 1. Oktober 1888 erhielt Ortenberg Anschluss an die Eisenbahn.

1975 wurde der Personenverkehr eingestellt, 1984 auch der Güterverkehr, und die Bahn wurde abgebaut.

Auf der Trasse verläuft heute der Vulkanradweg durch den Ort.

Eckartsborn

Eckartsborn hatte einen Haltepunkt an der Strecke.

Das Gleis verlief hier auf der Dorfstraße.

Seit 1984 ist die Strecke auch für den Güterverkehr stillgelegt, die Gleisanlagen wurden zurückgebaut.

Heute läuft der Vulkanradweg über die frühere Trasse.

Lißberg

Die Oberwaldbahn führte früher durch Lißberg, das seit 1971 zur Stadt Ortenberg gehört.

Heute nutzt der Vulkanradweg die Trasse.

Zu einem Bahnhofsgebäude in Lißberg ist in den gesichteten Quellen nichts Näheres belegt.

Hirzenhain

Hirzenhain war ein Bahnhof der Oberwaldbahn.

Ab Hirzenhain verließ die Strecke das Tal der Nidder und verlief durch ein enges Nebental.

Heute verläuft der Vulkanradweg auf der Trasse durch den Ort.

Merkenfritz

Merkenfritz gehört seit 1971 zur Gemeinde Hirzenhain.

Der Vulkanradweg führt auf der Trasse der früheren Oberwaldbahn am Ortsrand vorbei.

Zu einem Bahnhof Merkenfritz sind in den gesichteten Quellen keine Einzelheiten belegt.

Gedern

Der frühere Bahnhof wird heute als Gaststätte genutzt.

Zwischen Gedern und Ober-Seemen liegt die Trasse heute unter dem Vulkanradweg, mit einer alten Bahnbrücke an der Otto-Müller-Straße.

Der Güterverkehr Gedern–Ober-Seemen endete 1982, der von Stockheim nach Gedern 1984.

Die frühere Eisenbahnbrücke an der Otto-Müller-Straße zwischen Gedern und Ober-Seemen, Blick nach Osten.
Die frühere Eisenbahnbrücke an der Otto-Müller-Straße zwischen Gedern und Ober-Seemen, Blick nach Osten. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die frühere Eisenbahnbrücke an der Otto-Müller-Straße zwischen Gedern und Ober-Seemen, Blick nach Westen.
Die frühere Eisenbahnbrücke an der Otto-Müller-Straße zwischen Gedern und Ober-Seemen, Blick nach Westen. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick vom Vulkanradweg bei Gedern, 2011.
Blick vom Vulkanradweg bei Gedern, 2011. Foto: Dirk Schmidt (Celsius auf Wikivoyage), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ober-Seemen

Ober-Seemen erhielt Anfang des 20. Jahrhunderts Anschluss an die Eisenbahn.

1975 wurde der Personenverkehr eingestellt, 1982 der Güterverkehr, und die Bahnanlagen wurden bald abgerissen.

Das Empfangsgebäude des Bahnhofs war ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz.

Es musste wegen des Verfalls abgerissen werden.

Hartmannshain

Der Bahnhof Hartmannshain wurde am 1. April 1906 zusammen mit der Strecke als dreigleisiger Durchgangsbahnhof eröffnet.

Er lag auf rund 572 Metern Höhe und war der höchstgelegene Bahnhof des Großherzogtums Hessen.

Nach der ersten Planung hätte die Bahn nicht über Hartmannshain, sondern über Völzberg geführt.

Die Variante über Hartmannshain wurde aus Kostengründen und wegen der günstigeren Topografie gebaut.

Vor dem Ersten Weltkrieg erhielt der Bahnhof ein mechanisches Stellwerk und ein Wohnhaus für den Bahnmeister.

Der Radweg neben dem früheren Bahnhof Hartmannshain.
Der Radweg neben dem früheren Bahnhof Hartmannshain. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Am 23. Dezember 1934 ging die Kleinbahn Birstein–Hartmannshain der Vogelsberger Südbahn in Betrieb.

Dafür wurde der Bahnhof ausgebaut, und es gab nun zwei Bahnhöfe nebeneinander, den Staatsbahnhof und den Privatbahnhof Hartmannshain Kreisbf.

Ein Zaun trennte beide, und Reisende der Kleinbahn mussten die Staatsbahngleise queren und durch ein Tor gehen.

Für ein eigenes Empfangsgebäude hatte das Geld der Kleinbahn nicht gereicht.

Hartmannshain war wichtig für den Tourismus, im Sommer als Ausgangspunkt für den Hohen Vogelsberg, im Winter für das Skigebiet Herchenhainer Höhe.

Schon seit den 1920er Jahren fuhren an Sonn- und Feiertagen beschleunigte Ausflugszüge, die Bundesbahn nahm das ab 1950 wieder auf.

Die Kreisbahn zwischen Völzberg und Hartmannshain wurde zum 28. September 1958 stillgelegt, ihr Lokschuppen 1967 abgerissen.

Mit der Einstellung des Personenverkehrs am 28. September 1975 war der Bahnhof Hartmannshain stillgelegt.

Eine Brücke über den Vulkanradweg in Hartmannshain.
Eine Brücke über den Vulkanradweg in Hartmannshain. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Empfangsgebäude wurde 1933 und 1934 nach abgewandelten Plänen des Architekten Ludwig Hofmann errichtet und steht unter Denkmalschutz.

Heute wird es als privates Wohnhaus genutzt.

Der frühere Bahnhof ist zugleich der höchste Punkt des Vulkanradwegs auf etwa 580 Metern.

Eine Bogenbrücke in Hartmannshain, 2024.
Eine Bogenbrücke in Hartmannshain, 2024. Foto: UuMUfQ, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Oberwald

Die Haltestelle Oberwald wurde mit der Eröffnung des Streckenabschnitts am 1. April 1906 eingerichtet.

Sie lag etwa 700 Meter westlich einer Villa und diente vor allem als Holzverladebahnhof.

Von 1936 bis 1945 bestand nahe dem Bahnhof die Luftmunitionsanstalt Hartmannshain mit einem eigenen Anschlussgleis.

Auf dem Gelände der früheren Anstalt siedelte sich 1966 ein Verpackungsunternehmen an, das den Gleisanschluss bis weit in die 1980er Jahre nutzte.

Erst nach der Verlagerung der Transporte auf die Straße wurde der Bahnhof Oberwald am 31. März 1991 geschlossen.

Im Frühjahr 1997 wurde das Gleis zwischen Oberwald und der Anschlussstelle demontiert.

Bermuthshain

Bermuthshain war im 19. Jahrhundert zeitweise von großer Armut geprägt.

Die wirtschaftliche Lage entspannte sich durch den Bau der Nebenbahn, nach deren Vollendung 1906 der Ort eine eigene Bahnstation erhielt.

Von 1919 bis etwa 1980 bestand ein Sägewerk am Bahnhof.

Die Strecke blieb bis 1975 im Personenverkehr, der Abbau der Gleise erfolgte 1997.

Der frühere Bahnhof ist heute ein privat genutztes Wohnhaus.

Lauterbach Süd

Der Bahnhof Lauterbach Süd lag günstiger zum Stadtzentrum und zu den Schulen als der Nordbahnhof.

In den 1910er und 1920er Jahren entstanden in seiner Nähe von Gärten umgebene Wohnhäuser, darunter Arbeiterwohnhäuser für Beschäftigte der Betriebe nördlich der Gleise.

Die Strecke bis Lauterbach Süd wurde am 29. Mai 1994 stillgelegt, die Gleise wurden Anfang 2005 abgebaut.

Der Vulkanradweg beginnt im Lauterbacher Stadtpark.

So sieht es jetzt aus

Auf dem größten Teil der Trasse wurde in den Jahren 2000 bis 2003 der Vulkanradweg gebaut.

Er ist 94 Kilometer lang und heute Teil des Bahnradwegs Hessen.

Der Radweg ist durchgängig asphaltiert, die Steigung beträgt höchstens 3 Prozent.

Einige Bahnhöfe dienen als Rastplatz oder Gaststätte, andere wie Hartmannshain, Herbstein, Ilbeshausen und Bermuthshain sind privat bewohnt.

In Lauterbach stehen noch die beiden Formsignale an der Einfahrt des Nordbahnhofs.

Private Bahnhofsgrundstücke sollte man nicht betreten, der Radweg ist der öffentliche Weg.

Vorher und nachher: Hartmannshain

Hartmannshain war ein Bahnhof mit sechs Gleisen, zwei Bahnhofsteilen und beschleunigten Ausflugszügen.

Heute führt ein asphaltierter Radweg am Gebäude vorbei, und das Empfangsgebäude ist ein Wohnhaus.

Der höchste Punkt der Strecke ist heute der höchste Punkt des Radwegs.

1888: Am 1. Oktober wird der Abschnitt Stockheim–Gedern eingeweiht.

1901: Am 31. Januar eröffnet der Abschnitt Lauterbach–Grebenhain.

1906: Am 1. April wird der Abschnitt über die Wasserscheide übergeben, die Strecke ist durchgehend.

1934: Am 23. Dezember geht die Kleinbahn nach Hartmannshain in Betrieb.

1975: Am 28. September endet der Personenverkehr.

1982: Der Güterverkehr zwischen Gedern und Ober-Seemen endet.

1984: Der Güterverkehr zwischen Stockheim und Gedern endet.

1991: Der Bahnhof Oberwald wird geschlossen.

1994: Die Strecke bis Lauterbach Süd wird stillgelegt.

2001: Der letzte Abschnitt nach Lauterbach Nord wird stillgelegt.

2003: Der Vulkanradweg ist weitgehend fertig.

Wie hieß die Strecke?
Ursprünglich Vogelsbergbahn, später meist Oberwaldbahn nach dem Bahnhof Oberwald.
Wann endete der Personenverkehr?
Am 28. September 1975 zwischen Glauburg-Stockheim und Lauterbach.
Was war der höchste Bahnhof?
Hartmannshain auf etwa 572 Metern, der höchstgelegene Bahnhof des Großherzogtums Hessen.
Gibt es noch Gleise?
Nein, die Gleise wurden abgebaut, zuletzt 1997 bei Oberwald und 2005 in Lauterbach.
Wie kommt man heute auf die Trasse?
Der 94 Kilometer lange Vulkanradweg folgt ihr und ist an das Netz bei Altenstadt, Glauburg und Lauterbach angebunden.

Die Oberwaldbahn zeigt, wie eine Nebenbahn in drei Jahrzehnten Stück für Stück verschwand.

Von ihr bleiben Brücken, Einschnitte und ein Radweg über die Wasserscheide.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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