Das Thurnauer Bockela: stille Halte zwischen Bayreuth Altstadt und Kulmbach

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Das Thurnauer Bockela: stille Halte zwischen Bayreuth Altstadt und Kulmbach

Die Nebenbahn von Bayreuth über Thurnau nach Kulmbach hieß im Volksmund Thurnauer Bockela. 1973 endete der Reiseverkehr bis Thurnau, 1993 auch zwischen Thurnau und Kulmbach.

Reste des Bahnhofs Thurnau, 2013.
Reste des Bahnhofs Thurnau, 2013. Foto: Roehrensee, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1908
Thurnau–Kulmbach eröffnet
1909
Bayreuth–Thurnau eröffnet
1973
Reiseverkehr bis Thurnau endet
1993
Reiseverkehr bis Kulmbach endet

Lage: Oberfranken, von Bayreuth Altstadt über Thurnau nach Kulmbach. Status: Die Strecke ist stillgelegt, zwischen Bayreuth und Thurnau wurden die Gleise bis 1983 zurückgebaut. Heute: Der überwiegende Rest der Trasse wurde zum Rotmain-Radweg umgebaut.

Die Bahnstrecke Bayreuth Altstadt–Kulmbach war eine Nebenbahn in Oberfranken.

Sie verlief von Bayreuth über Thurnau nach Kulmbach.

Im Volksmund hieß die stillgelegte Strecke im Raum Kulmbach Thurnauer Bockela und im Bayreuther Raum Thurnauer Bockala.

Der Bahnhof Bayreuth Altstadt am Ausgangspunkt ist im Beitrag über die Bahnstrecke Bayreuth–Hollfeld beschrieben, Kulmbach ist in Betrieb.

Freie Fotos aus der Betriebszeit der Strecke liegen nicht vor, die wenigen Bilder zeigen den Zustand nach der Stilllegung.

Entstehung: drei Anläufe

Am 17. August 1872 beantragte der Markt Thurnau, die geplante Bahnlinie Forchheim–Hollfeld–Bayreuth über Thurnau nach Kulmbach zu führen.

Die Generaldirektion der Königlich Bayerischen Verkehrsanstalten lehnte entsprechende Vorstellungen am 16. Mai 1878 aus betriebstechnischen Erwägungen entschieden ab.

Am 13. Oktober 1880 richteten die Landgemeinden des Amtsgerichts Thurnau eine Petition an König Ludwig II. mit der Bitte um eine Bahnlinie von Bayreuth über Thurnau und Weismain.

Der König lehnte ab, da die Bahnlinie nicht zum vordringlichen Bedarf gehörte.

Etwa zehn Jahre später bildete sich ein Lokalbahnkomitee Thurnau, das mit einem Gesuch vom 14. Januar 1891 den Bau einer Lokalbahn Bayreuth–Thurnau erbat.

Am 8. März 1891 beantragte ein Lokalbahnkomitee Kulmbach eine Lokalbahn von Kulmbach nach Hollfeld.

Am 20. Juli 1901 lud die Generaldirektion beide Komitees zu einer Besprechung nach Kasendorf ein.

Dort wurde ihnen die Aufnahme einer Lokalbahn Bayreuth–Thurnau–Kulmbach in das nächste Lokalbahngesetz eröffnet, die Komitees vereinigten sich spontan.

Den Ehrenvorsitz übernahm der Thurnauer Reichsgraf Karl Gottfried von Giech.

Der Streit um die Trasse und der Bau

Bei einer Besprechung am 2. September 1903 wurde die Linienführung endgültig festgelegt.

Die Gemeinde Melkendorf erreichte, dass die Bahn über Melkendorf und nicht über Burghaig führte.

Der Reichsgraf von Giech setzte einen Haltepunkt in Krumme Fohre durch, mit dem seine Kalksandsteinfabrik Anschluss an das Bahnnetz erhielt, dafür schenkte er 43.000 Quadratmeter Grund.

Das Lokalbahngesetz vom 10. August 1904 genehmigte den Bau neben 29 weiteren Lokalbahnen.

Am 1. Mai 1907 erfolgte der erste Spatenstich auf der Teilstrecke Thurnau–Kulmbach, am 1. Februar 1908 auf der Teilstrecke Bayreuth–Thurnau.

Die Bauarbeiten erfolgten in Handarbeit, zum Transport der Erdmassen stand neben Pferdefuhrwerken eine Schmalspurbahn mit 750 Millimetern Spurweite zur Verfügung.

Verlegt wurden gebrauchte, sechs Meter lange Schienen auf Holzschwellen, als Gleisbettung dienten unter anderem Jurakalk aus Plankenfels, Hornblendegneis aus Marktschorgast und Granit aus dem Fichtelgebirge.

Eine Münchner Baufirma beschäftigte zwischen Unterobsang und Krumme Fohre italienische Arbeiter, die an Ort und Stelle Spaghetti zubereiteten.

Der Abschnitt Thurnau–Kulmbach wurde am 11. Oktober 1908 eröffnet, der Abschnitt Bayreuth–Thurnau am 26. Juni 1909.

Der öffentliche Verkehr begann am 28. Juni 1909.

So sah es vorher aus: Schienenbusse und Dampfloks

Der erste Zug fuhr am 10. Oktober 1908 als Probefahrt von Kulmbach nach Thurnau.

Die Fahrt von Thurnau nach Kulmbach dauerte 42 Minuten, mit der Postkutsche brauchte man knapp zwei Stunden.

Laut erstem Fahrplan verkehrten täglich drei Personenzugpaare.

Die Lokomotiven und das Personal übernachteten in Thurnau.

1949 gab es auf dem Kulmbacher Ast sechs werktägliche Personenzugpaare, sonntags vier.

Im Mai 1953 wurde der Fahrplan umgestaltet, seitdem fuhren Schienenbusse der Baureihe VT 95 in einem gemeinsamen Umlauf für beide Äste.

Zwischen Thurnau und Kulmbach waren es 15 Züge am Tag, auf dem Bayreuther Ast zwölf.

Dampfgetriebene Motorlokomotiven der Baureihe ML 2/2 waren bis in die 1920er Jahre in Thurnau stationiert.

Ab 1927 waren vier Lokomotiven der späteren Baureihe 98.6 in Thurnau beheimatet, die letzte wurde 1932 ausgemustert.

1932 erhielt der Lokomotivbahnhof Thurnau fabrikneue Dampfloks der Baureihe 98.10.

Die Baureihe 98.11 verkehrte bis zum Ende des Dampfbetriebs im Jahr 1962.

Drossenfeld: ein Bahnhof ohne Ort

Der Bahnhof Drossenfeld lag bei Streckenkilometer 16,0.

Zur Zeit des Bahnbaus gab es keinen Ort Drossenfeld, der Bahnhof befand sich in Altdrossenfeld, nicht weit vom größeren Neudrossenfeld.

Die Namensgebung hatte einen salomonischen Charakter.

Der Güterverkehr zwischen Bayreuth und Drossenfeld endete am 3. Juni 1973.

Das Empfangsgebäude in Drossenfeld wurde 1987 abgerissen.

Neuenreuth: Haltepunkt mit Anschlussgleis

Neuenreuth bei Thurnau bei Kilometer 19,1 war ein Haltepunkt mit Ladestelle und Anschlussgleis.

Hinter Neuenreuth am Main begann der kurvenreiche Anstieg durch den Limmersdorfer Forst.

Limmersdorf: die steilste Stelle

Limmersdorf bei Kilometer 24,5 war ein Haltepunkt mit Ladestelle, außerdem gab es einen Anschluss für ein Holzwerk.

Kurz vor Limmersdorf lag der Scheitelpunkt der Strecke.

Bei Limmersdorf gab es mit über 25 Promille die größte Neigung.

Der Rotmain-Radweg mit einer Steigung im Wald nach Limmersdorf, 2008.
Der Rotmain-Radweg mit einer Steigung im Wald nach Limmersdorf, 2008. Foto: Benreis, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Thurnau: Mittelpunkt mit Maschinenhaus

Der Bahnhof Thurnau bei Kilometer 26,3 war der frühere Streckenmittelpunkt.

Er hatte zwei Hauptgleise, ein Gleis für die Fahrten der Lokomotiven zum und vom Maschinenhaus, ein Weichentrapez mit zwei Ladegleisen und mehrere kurze Gleisstutzen.

Der Lokomotivschuppen war zweigleisig, insgesamt gab es zwölf Weichen, darunter eine Doppelte Kreuzungsweiche.

Es gab ein barackenähnliches hölzernes Bahnhofsgebäude, eine ebensolche Güterhalle und ein abgelegenes Aborthäuschen.

Das Maschinenhaus mit Räumen für übernachtende Eisenbahner war gemauert, der angebaute zweiständige Lokschuppen aus Holz.

Für die Thurnauer Eisenbahner gab es ein zweistöckiges Wohnhaus mit Holzlege.

Am nördlichen Bahnhofsende lag die niveaugleiche Kreuzung mit der Bahnhofstraße.

Ab dem 30. Dezember 1982 endete auch der Güterverkehr zwischen Thurnau und Drossenfeld.

Die Gleisanlagen im Bahnhof Thurnau wurden erheblich reduziert, das Empfangsgebäude und die Güterhalle wurden im Dezember 1985 abgerissen.

Kasendorf: Besprechung und Bahnhof

In Kasendorf bei Kilometer 30,1 lud die Generaldirektion am 20. Juli 1901 die beiden Lokalbahnkomitees zu der Besprechung ein, die den Bau möglich machte.

Die Station Kasendorf lag zwischen Thurnau und Krumme Fohre.

Der Rotmain-Radweg mit Einhausung am Golfplatz in Thurnau, 2008.
Der Rotmain-Radweg mit Einhausung am Golfplatz in Thurnau, 2008. Foto: Benreis, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Katschenreuth: Brücke über den Roten Main

Der Haltepunkt Katschenreuth bei Kilometer 37,0 hatte eine Ladestelle.

Bei Katschenreuth überquerte die Strecke den Roten Main auf einer Blechbalkenbrücke mit 25 Metern lichter Weite.

Westlich davon existierten zwei kleinere Flutbrücken.

Insgesamt hatte die Strecke 23 Brücken.

Melkendorf: Gleise bis zum Bahnübergang

Der Haltepunkt Melkendorf bei Kilometer 38,9 hatte eine Ladestelle.

Am 3. September 1993 wurde der Personenverkehr zwischen Kulmbach und Thurnau endgültig eingestellt, gleichzeitig der Güterverkehr zwischen Melkendorf und Thurnau.

Bis Melkendorf war Güterverkehr noch bis zum 31. Dezember 1998 möglich, seitdem wird nur noch die Anschlussstelle bedient.

Die Gleise liegen nur noch vom Bahnhof Kulmbach bis zum Bahnübergang in Melkendorf.

Herzoghöhe: der Fahrkartenverkäufer

Herzoghöhe war als Haltepunkt mit Ladestelle die letzte Station im Bayreuther Stadtgebiet.

Ein nicht unbedeutender Teil des Personenverkehrs aus und nach Thurnau lief über Herzoghöhe, so sparte man den zeitraubenden Umweg zum Hauptbahnhof.

Seit 1929 war dort Karl Heuberger als Fahrkartenverkäufer tätig.

Als die Station am 1. April 1968 in eine unbesetzte Haltestelle umgewandelt wurde, beendete er mit 83 Jahren seinen Dienst als ältester aktiver Eisenbahner Deutschlands.

Niedergang: Abschiedstag und Rückbau

Am 27. Mai 1973 wurde für den Abschnitt Bayreuth Altstadt–Thurnau ein Abschiedstag organisiert.

Ein Personenzug aus 16 Wagen pendelte sechsmal zwischen dem Bayreuther Hauptbahnhof und Thurnau.

Gezogen wurde er von zwei Loks der Baureihe 64, die Tender an Tender gekuppelt waren, am Schluss lief eine Dampflok der Baureihe 86.

In Thurnau hielt der Bayreuther Oberbürgermeister Hans Walter Wild eine Abschiedsrede.

Der letzte reguläre Personenzug zwischen Bayreuth und Thurnau fuhr am 2. Juni 1973, seit dem 3. Juni 1973 ist der Personenverkehr dort eingestellt.

Die Gleisanlagen wurden bis zum 7. Dezember 1983 vollständig zurückgebaut, unter anderem beim Neubau der B 85 mit der Ortsumgehung Neudrossenfeld.

Die beiden Einbogen-Steinbrücken in Bayreuth über die Bamberger Straße und über die Adlerstraße wurden schon Mitte der 1970er Jahre abgebrochen.

So sieht es jetzt aus: Rotmain-Radweg

Die ehemalige Trasse wurde in den 1970er Jahren zwischen Oberobsang und Heinersreuth für den Ausbau der B 85 herangezogen.

Der überwiegende Rest wurde als Bahntrassenweg zum Rotmain-Radweg von Bayreuth nach Kulmbach umgebaut.

Im Bayreuther Stadtplan wird die ehemalige Strecke als Thurnauer Weg ausgewiesen.

Die Geschichte in Daten

1872: Am 17. August beantragt der Markt Thurnau eine Bahnlinie über Thurnau nach Kulmbach.

1891: Am 14. Januar bittet das Lokalbahnkomitee Thurnau um eine Lokalbahn Bayreuth–Thurnau.

1901: Am 20. Juli treffen sich die Komitees in Kasendorf.

1904: Am 10. August genehmigt das Lokalbahngesetz den Bau.

1908: Am 11. Oktober wird der Abschnitt Thurnau–Kulmbach eröffnet.

1909: Am 26. Juni wird der Abschnitt Bayreuth–Thurnau eröffnet.

1953: Im Mai beginnt der Einsatz von Schienenbussen im gemeinsamen Umlauf.

1962: Der Dampfbetrieb endet.

1973: Am 2. Juni fährt der letzte reguläre Personenzug zwischen Bayreuth und Thurnau.

1982: Am 30. Dezember endet der Güterverkehr zwischen Thurnau und Drossenfeld.

1983: Am 7. Dezember sind die Gleise zwischen Bayreuth und Thurnau zurückgebaut.

1985: Im Dezember werden Empfangsgebäude und Güterhalle in Thurnau abgerissen.

1987: Das Empfangsgebäude in Drossenfeld wird abgerissen.

1993: Am 3. September endet der Personenverkehr zwischen Kulmbach und Thurnau.

1998: Am 31. Dezember endet der Güterverkehr bis Melkendorf.

Häufige Fragen

Woher stammt der Name Thurnauer Bockela?
So hieß die Strecke im Volksmund im Raum Kulmbach, im Bayreuther Raum Thurnauer Bockala.
Wann fuhr der letzte reguläre Zug nach Thurnau?
Der letzte reguläre Personenzug zwischen Bayreuth und Thurnau fuhr am 2. Juni 1973.
Wann endete der Reiseverkehr nach Kulmbach?
Am 3. September 1993 wurde der Personenverkehr zwischen Kulmbach und Thurnau eingestellt.
Gibt es den Bahnhof Thurnau noch?
Das Empfangsgebäude und die Güterhalle wurden im Dezember 1985 abgerissen.
Kann man die Trasse nutzen?
Der überwiegende Rest wurde zum Rotmain-Radweg von Bayreuth nach Kulmbach umgebaut.
Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Bayreuth Altstadt–Kulmbach · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →