Die Sylter Inselbahn: Die Rasende Emma und ihre stillen Halte
Von 1888 bis 1970 fuhr auf Sylt eine Schmalspurbahn von Munkmarsch, Hörnum und List nach Westerland. Heute erinnern ein Radweg, ein Lokschuppen und einige Bahnsteigkanten an ihre Halte.

Lage: Insel Sylt, Schleswig-Holstein. Status: Alle Strecken der Inselbahn sind stillgelegt, die Marschbahn über den Hindenburgdamm ist in Betrieb. Heute: Die Trasse dient großteils als Rad- und Wanderweg.
Die Sylter Inselbahn, im Volksmund Rasende Emma genannt, war eine Schmalspurbahn mit 1000 Millimetern Spurweite, die von 1888 bis 1970 auf der Insel Sylt in Betrieb war.
Sie bestand aus drei Strecken: der Ostbahn nach Munkmarsch, der Nordbahn nach List und der Südbahn nach Hörnum.
Alle sind stillgelegt, die Insel hat seit 1927 über den Hindenburgdamm Anschluss ans Festland, der Damm ist in Betrieb und nicht Thema dieses Beitrags.
Freie Fotos gibt es nur wenige und keine von den einzelnen Haltepunkten, die Bilder zeigen Bahnhöfe, Fahrzeuge und die Trasse.
Für jeden Halt steht hier, was belegt ist.
Die Ostbahn: Munkmarsch, Lornsenhain und Westerland
Die Sylter Badedirektion nahm die Ostbahn am 8. Juli 1888 als erste Eisenbahnstrecke der Insel in Betrieb.
Sie war etwa 4,2 Kilometer lang und führte vom Hafen Munkmarsch an der Ostküste nach Westerland.
In Munkmarsch lag der Fährhafen, von dem die Sylter Dampfschiffahrtsgesellschaft eine Verbindung nach Hoyerschleuse unterhielt.
Auf dem Hafengelände standen ein Wartesaal im Fährhaus des Postschiffers und ein hölzerner Pavillon als Wetterschutz.
Bei Kilometer 1,5 lag der Haltepunkt Lornsenhain, der auch Viktoria-Hain hiess.
In Westerland endete die Bahn zunächst vor dem Kurhaus, ab dem Frühjahr 1890 gab es dort ein Bahnhofsgebäude.
Die Fahrt dauerte 1921 laut Fahrplan zwölf Minuten, im Winter ruhte der Verkehr weitgehend.
Weil die Fähren tidenabhängig fuhren, richteten sich die Abfahrtszeiten nach ihnen.
Im Winter wurde die Bahn zeitweise als Pferdebahn betrieben, um Kosten zu sparen.
1916 wurde in Höhe von Lornsenhain ein Abzweig bis an den westlichen Rand von Keitum gebaut, wo ein Lazarett eingerichtet war.
Diese Strecke und ihre hölzernen Stationsgebäude wurden kaum genutzt und nach sechs Jahren abgebaut.

Das Ende der Ostbahn
Am 1. Juni 1927 wurde der Hindenburgdamm eingeweiht und die Insel an das Netz der Reichsbahn angeschlossen.
Die Postschiffverbindung von Hoyerschleuse nach Munkmarsch wurde eingestellt, die Ostbahn wurde überflüssig.
Die Strecke wurde 1931 bei der Erweiterung des Flughafens vollständig abgebaut.
Ein großer Teil führte über das Gelände des heutigen Flughafens Sylt und ist nach umfassenden Baumaßnahmen nicht mehr zu erkennen.
Die Südbahn: Von Westerland nach Hörnum
Die HAPAG eröffnete am 1. Juli 1901 die Südbahn von der Landungsbrücke Hörnum nach Westerland Südbahnhof.
Sie sollte die am Hörnumer Anleger ankommenden Gäste bequem nach Westerland bringen.
In Westerland entstand ein großer Lokomotiv- und Wagenschuppen mit einem hölzernen Empfangsgebäude, das 1903 durch einen steinernen Bau ersetzt wurde.
In Hörnum endete das Gleis auf der eisernen Landungsbrücke, auch dort wurde das Empfangsgebäude 1903 durch einen aufwendigeren Bau ersetzt.
Die Südbahn setzte von Beginn an vierachsige Wagen mit gehobener Ausstattung ein.
Bis 1935 war sie die einzige Verbindung nach Hörnum, befestigte Strassen gab es nur bis Rantum, deshalb versorgte sie die südliche Insel auch mit Waren.
Südbahn: Dikjen-Deel und Haus Hanna
Dikjen-Deel war ein Haltepunkt bei Kilometer 2,9, Haus Hanna folgte bei 4,2.
Die Trasse verlief überwiegend durch Dünengebiete.
Zu beiden Halten ist nichts weiter belegt, wie an den meisten Halten gab es keine festen Bauwerke.
Südbahn: Rantum-Seeheim und Rantum
Rantum-Seeheim war bei Kilometer 6,3 ein Bahnhof, Rantum bei 7,0 ein Haltepunkt.
Rantum gehörte zu den Orten, die die Südbahn erschloss, bis 1935 reichten befestigte Strassen nur bis dorthin.
Südbahn: Samoa und Sansibar
Samoa lag bei Kilometer 8,6 und Sansibar bei 10,8, beide waren Haltepunkte.
Etwa ab den 1930er Jahren trugen drei Strände der Insel exotische Namen, die beiden südlich von Rantum hiessen Samoa und Sansibar.
Das Strandrestaurant Sansibar verdankt seinen Namen diesem Strandabschnitt.
Ob der Halt den Strand oder der Strand den Halt benannte, ist nicht belegt.
Südbahn: Puan Klent, Hörnum-Nord und Hörnum
Puan Klent war bei Kilometer 12,3 ein Haltepunkt, Hörnum-Nord bei 16,2 ein Bahnhof.
Hörnum Dorf lag bei Kilometer 18,2, die Seebrücke und der Hafen bei 18,8.
Im Winter 1921/22 wurde der Hörnumer Anleger durch Eisgang zerstört und sofort neu errichtet.
Auf der Zufahrtsstrasse des Jugendheims Puan Klent finden sich Reste des Gleisbettes an einem alten Bahnübergang.
An der Stelle des ehemaligen Bahnhofs Hörnum sind die Bahnsteigkante und der Plattenbelag des Bahnsteigs gut zu erkennen.
Die Nordbahn: Von Westerland nach List
Am 7. Juli 1903 nahm die Sylter Dampfspurbahn die Nordbahn zunächst bis Kampen in Betrieb.
Am 1. Juni 1908 wurde sie bis List verlängert, die Strecke war damit 17,5 Kilometer lang.
List bot stabilere Wassertiefen als der Fährhafen Munkmarsch.
Bis 1937 lag der Lister Bahnhof etwa 500 Meter südlich des Hafens, wegen militärischer Bautätigkeit wurde er rund 1.200 Meter nach Süden auf Kilometer 16,2 verlegt.
Die Fahrzeit zwischen Westerland und List betrug 1950 planmässig 41 Minuten.

Nordbahn: Westerland Tonderner Strasse und Wenningstedt
Der Haltepunkt Westerland Tonderner Strasse lag bei Kilometer 1,1.
Bei Kilometer 4,1 folgte Wenningstedt mit einem massiven Bahnhofsgebäude.
Die Gleisseite des Bahnhofs ist auf einem Foto von 1953 mit einem Triebwagen zu sehen.
Nordbahn: Kampen und Vogelkoje
Kampen bei Kilometer 6,1 hatte ein massives Bahnhofsgebäude, das 2004 abgerissen wurde.
Ein Stück der Bahnsteigkante ist entlang des Radwegs in Höhe des früheren Bahnhofs erhalten.
Vogelkoje war bei Kilometer 8,9 ein Bahnhof.
Nordbahn: Klappholttal, Westerheide und List
Klappholttal war bei Kilometer 10,8 ein Bahnhof, Westerheide/Blidsel bei 13,3 ein Haltepunkt.
In List endete die Bahn bei Kilometer 16,2, die Endstation List Hafen lag bei 17,4.
Das Bahnhofsgebäude in List wurde 2006 abgerissen.
Von den Betriebsgebäuden steht noch ein zweiständiger Lokschuppen im Bereich der früheren Drehscheibe, er dient heute als Werkstatt und Lagerhalle.
Zwei Anschlussstrecken zur Nordspitze, dem Listland und dem Ellenbogen, dienten militärischen Zwecken und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgebaut.

Westerland: Die Bahnhöfe der Inselbahn
Der Südbahnhof in Westerland erhielt nach dem Ende seiner ursprünglichen Nutzung in den 1920er Jahren eine wechselvolle Geschichte.
Zunächst zog das Meeresmuseum in das Gebäude, von den 1940er Jahren bis Ende der 1970er Jahre das Restaurant Sylter Hahn.
1979 wurde das Gebäude abgerissen, an seiner Stelle liegt ein Parkplatz.
Am 10. Oktober 1923 ging ein gemeinsamer Kleinbahnhof in Betrieb, 1927 entstand westlich des neuen Reichsbahnhofs ein Kleinbahnhof als zentraler Umsteigebahnhof der Süd- und Nordbahn.
Das Netz hatte eine Ausdehnung von 35,7 Kilometern.
So sah es vorher aus: Die Inselbahn in den 1950er Jahren
Nach dem Krieg verwaltete die Oberfinanzdirektion Kiel die Bahn, 1954 verkaufte der Bund sie an die Sylter Verkehrsgesellschaft.
Ab 1957 wurde sie nach der Strassenbahn-Bau- und Betriebsordnung betrieben, der Güterverkehr wurde eingestellt.
Die Stationen erhielten die grün-gelben Haltestellenzeichen.
In den Jahren 1952 bis 1954 baute die Gesellschaft fünf Borgward-Lastwagen-Sattelschlepper zu Leichttriebwagen um.
Sie hatten 88 Plätze, davon 53 Sitzplätze, und eine Länge von 14,4 Metern.

Das Ende der Inselbahn
Gegen Ende der 1960er Jahre war das Fahrgastaufkommen vor allem auf der Südbahn stark zurückgegangen.
Kostendeckend war der Betrieb nur noch in den Sommermonaten Juni bis August.
Eine dringende Modernisierung wurde wegen der unzureichenden Wirtschaftlichkeit verworfen.
Die Südbahn wurde 1969 stillgelegt, die Nordbahn am 29. Dezember 1970.
Busse der Sylter Verkehrsgesellschaft übernahmen den Verkehr.
So sieht es jetzt aus
Ein Großteil der Bahntrasse dient als Rad- und Wanderweg, der die Insel von Nord nach Süd erschliesst und auch beim Syltlauf von Hörnum nach List genutzt wird.
Die Strasse Bahnweg vom Zentralen Omnibusbahnhof Westerland nach Nordosten verläuft seit Ende der 1970er Jahre auf der früheren Trasse.
Vor dem Westerländer Bahnhof erinnert eine Tafel vor zwei Achsen eines Borgward-Leichttriebwagens auf einem Stück Gleisbett an die Bahn.
Der Leichttriebwagen LT 4 blieb erhalten, ein Reeder erwarb ihn zur Restaurierung.


Puttgarden: Ein anderes stilles Ende im Norden
Auch der Bahnhof Puttgarden hat seine Züge verloren, dort endete der Zugverkehr 2022.
Er hat einen eigenen Beitrag: Der Bahnhof Puttgarden: Gleisfeld ohne Züge am Tor nach Dänemark.
Die Geschichte in Daten
1888: Die Ostbahn wird am 8. Juli eröffnet.
1901: Die Südbahn Hörnum–Westerland wird am 1. Juli eröffnet.
1903: Die Nordbahn geht am 7. Juli bis Kampen in Betrieb.
1908: Die Nordbahn wird am 1. Juni bis List verlängert.
1927: Der Hindenburgdamm wird am 1. Juni eingeweiht, die Ostbahn wird überflüssig.
1931: Die Ostbahn wird vollständig abgebaut.
1954: Der Bund verkauft die Bahn an die Sylter Verkehrsgesellschaft.
1969: Die Südbahn wird im November stillgelegt.
1970: Die Nordbahn wird am 29. Dezember stillgelegt.
Häufige Fragen
Wann fuhr die Sylter Inselbahn?
Warum verschwand die Ostbahn schon 1931?
Kann man die Trasse heute nutzen?
Was ist vom Bahnhof Hörnum geblieben?
Was geschah mit den Bahnhofsgebäuden?
Die Rasende Emma ist verschwunden, ihre Trasse trägt heute Radfahrer und Wanderer.
Wikipedia: Sylter Inselbahn · Wikipedia: Sansibar (Sylt)
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