Der Bahnhof Puttgarden: Gleisfeld ohne Züge am Tor nach Dänemark
Fast 60 Jahre fuhren hier Schnellzüge direkt aufs Schiff. Seit 2022 fährt auf Fehmarns Nordspitze kein Zug mehr, und das riesige Gleisfeld liegt brach.


Lage: Nordspitze der Insel Fehmarn, Schleswig-Holstein, am Fährhafen nach Rødby. Status: Zugverkehr seit 31. August 2022 eingestellt, Busse ersetzen die Bahn. Der Fährhafen selbst arbeitet weiter. Heute: Die Gleisanlagen liegen weitgehend brach und sind Bahngelände, das nicht betreten werden darf.
Puttgarden ist kein Geisterbahnhof im romantischen Sinn.
Der Fährhafen nebenan läuft weiter, Autos und Lkw rollen täglich auf die Schiffe nach Dänemark.
Nur die Bahn ist weg: Seit dem 31. August 2022 fährt hier kein Zug mehr, und der Rest des Bahnhofs liegt brach.
Wer die Gleise sieht, ahnt noch, was hier einmal los war.
Der Bahnhof hatte ursprünglich Platz für ganze Güterzüge, die direkt auf die Fähre rollten.
Gute Fotos aus der Betriebszeit gibt es auf Wikimedia Commons ab 1963, darunter einige Aufnahmen vom Tag nach der Eröffnung.
Ein Fährbahnhof für die Vogelfluglinie
Hinter dem Bahnhof steht eine alte Idee.
Der dänische Baumeister Gustav Kröhnke legte schon am 4. Juni 1863 Pläne für die kürzeste Verbindung zwischen Kopenhagen und Hamburg vor.
Sie folgte ungefähr der Route der Zugvögel, daher der Name Vogelfluglinie.
Bis zur Umsetzung dauerte es genau ein Jahrhundert.
Die Strecke von Großenbrode nach Puttgarden begann man erst 1958 zu bauen.
Ab 1961 entstanden die Fehmarnsundbrücke und der Fährbahnhof.
Am 14. Mai 1963 weihten Bundespräsident Heinrich Lübke und der dänische König Frederik IX. die Verbindung ein.
Der neue Bahnhof ersetzte die Eisenbahnfähre Großenbrode–Gedser, die von 1951 bis 1963 gefahren war.
Hintergrund war die Teilung Deutschlands, denn die alte Verbindung von Warnemünde nach Gedser lag hinter dem Eisernen Vorhang.
Auf der Vogelfluglinie fuhren bald bedeutende Fernzüge wie der Nord-Express von Kopenhagen nach Paris, der Italia-Express nach Rom und der Trans-Europ-Express Merkur nach Stuttgart.
Dazu kam ein reger Güterverkehr: 1994 wurden noch 190.757 Güterwagen über die Fähre befördert.


So sah es vorher aus: 22 Kilometer Gleis
Puttgarden war ein Bahnhof der Superlative.
Er besaß insgesamt 22 Kilometer Gleise und 145 Weichen, 1986 waren es 126 Weichen.
Das Stellwerk steuerte ursprünglich 130 Weichen, davon 96 elektrische, dazu Signale, Gleissperren und Rangierstraßen.
Die Fährbetten 1 bis 3 im angrenzenden Hafen hatten einen Gleisanschluss.
Die Fährbecken brachten die Züge direkt an Bord, vier Becken gab es insgesamt, zwei davon mit Zugang für Passagiere.

Zum Bahnhof gehörte auch ein eigenes Bahnbetriebswerk.
Es nahm am 1. Mai 1963 seinen Dienst auf und war das jüngste Bahnbetriebswerk der Bundesbahndirektion Hamburg.
Zugleich hatte es die kürzeste Lebensdauer: Schon Ende 1967 war Puttgarden kein Heimat-Bw mehr.
Dampfloks gab es hier nicht, es fehlten Drehscheibe und Kohlebunker.
Wenn doch einmal Dampf kam, mussten die Loks auf einem Gleisdreieck bei Burg auf Fehmarn wenden.
Das Bw betreute vor allem die Rangierloks, die im Fährhafen die Wagen auf die Schiffe schoben.

Das Verladen war aufwendig.
Bis 1993 koppelte man die Lok im Hafen ab, und eine weitere Lok schob die Wagen auf das Fährschiff.
Am Zielhafen zog eine andere Lok sie wieder vom Deck.
Erst die dieselelektrischen IC3-Züge der Dänen machten das Rangieren überflüssig, denn sie ließen sich ohne Lok trennen und vereinen.
Der Niedergang
Der Einschnitt kam 1997 mit der Brücke und dem Tunnel über den Großen Belt in Dänemark.
Danach fuhr der Güterverkehr zwischen Hamburg und Kopenhagen aus wirtschaftlichen Gründen über Flensburg und Fredericia, ein Umweg von 160 Kilometern.
In Puttgarden brach das Geschäft ein, und die weitläufigen Gleisanlagen verloren ihre Aufgabe.
Zwischen 1996 und 1998 modernisierte die Reederei Scandlines den Fährbahnhof grundlegend.
Die Trajektierung von Güter- und Reisezugwagen endete mit der Umstellung auf Doppelendfähren 1997.
Seitdem fuhren nur noch Dieseltriebzüge über die Fährstrecke.

2007 wurde der Bahnhof noch einmal komplett umgebaut.
Es entstand ein ebenerdiger Zugang zu den beiden noch genutzten Bahnsteiggleisen mit einer gläsernen automatischen Tür.
Der Bahnsteig wurde dabei erheblich verkürzt und etwas angehoben.
Die überdachte Brücke, die früher alle Bahnsteige verband und auch Fußgängern den Weg zu den Fähren bot, wurde gesperrt.
Von Dezember 2007 bis Dezember 2017 ergänzten ICE-Triebzüge der Baureihe 605 mit Dieselantrieb die dänischen IC3.


Im August 2010 wurde in Burg auf Fehmarn ein Haltepunkt reaktiviert.
Ab Dezember 2010 begannen und endeten die Intercity der Linie 31 dort und fuhren nicht mehr bis Puttgarden.
Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 bedienten nur noch dänische IC3-Züge und der Nahverkehr den Fährbahnhof.

Das Eisenbahn-Bundesamt gab im September 2018 dem Antrag der DB Netz AG statt, mehrere Gleise dauerhaft stillzulegen.
Betroffen waren die Gleise 5, 6, 8, 9 und 72 bis 78.
Die Begründung lautete, dass diese Gleise nicht genutzt und nicht nachgefragt wurden.


Das Ende des Zugverkehrs
Im Dezember 2019 endete die Fährverbindung für Züge.
Die EuroCity-Züge von Hamburg nach Kopenhagen fuhren ab dem Fahrplanwechsel über die Jütlandlinie und die Querung des Großen Belts.
Grund waren vorbereitende Bauarbeiten für den Fehmarnbelt-Tunnel auf dänischer Seite.
Damit endeten nach 56 Jahren der Fernverkehr und die Trajektierung von Zügen in Puttgarden.
Seit dem 15. Dezember 2019 gibt es keine planmäßige Beförderung von Eisenbahnfahrzeugen auf den Fähren mehr.

Übrig blieb der Regionalverkehr nach Lübeck.
Doch auch der endete: Zum 31. August 2022 wurde der Zugbetrieb zwischen Neustadt in Holstein und Puttgarden eingestellt.
Die Strecke dient seitdem als Baugleis für die Hinterlandanbindung der Fehmarnbelt-Querung.
Die Bahn ist wegen des zweigleisigen Ausbaus und der Elektrifizierung gesperrt, die sieben Jahre dauern sollen.
Ein stündlicher Ersatzverkehr mit Bussen verbindet Puttgarden mit Lübeck und bietet Anschluss an den Zug in Haffkrug.
Der Fahrplan 2024/25 der Nahverkehrsgesellschaft führt die Linie RB 85 / X 85 als Bus von Puttgarden über Fehmarn-Burg und Neustadt nach Lübeck.
Als letzte betriebliche Einheit ging Ende 2024 das Streckenstellwerk Puttgarden außer Betrieb.
So sieht es jetzt aus


Der Fährhafen daneben ist weiterhin in Betrieb, nur ohne Schienenfahrzeuge.
Die Gleisanlagen des Bahnhofs liegen weitgehend brach.
Südlich und östlich des Personenbahnhofs standen früher umfangreiche Abstellgleise und das Bahnbetriebswerk.
Von dem Bahnbetriebswerk sind laut Wikipedia die Gebäude noch vorhanden, auch wenn die Außenstelle aufgelöst wurde.
Eine Wiedereröffnung des alten Bahnhofs ist nicht geplant.
Ob nach der Eröffnung des Tunnels ein neuer Haltepunkt etwas südöstlich an der neuen Trasse entsteht, ist offen.
Das Gleisfeld ist Bahngelände und liegt unmittelbar neben dem laufenden Fährbetrieb.
Das Betreten der Gleise ist verboten und wegen des Fahrzeugverkehrs gefährlich.
Man sieht das Gelände am besten aus dem öffentlichen Bereich.
Puttgarden hat auch eine kleine Filmgeschichte.
Der Bahnhof war zusammen mit dem Nord-Express Drehort des Tatorts „Kressin stoppt den Nordexpress“.
Auch Teile des Films „Zugvögel … Einmal nach Inari“ wurden hier gedreht.
Die Geschichte in Daten
1863: Gustav Kröhnke legt Pläne für die Vogelflug-Linie vor.
1951: Eisenbahnfähre Großenbrode–Gedser nimmt den Betrieb auf.
1958: Baubeginn der Verbindung nach Puttgarden.
1963: Am 14. Mai wird die Vogelfluglinie mit dem Fährbahnhof eröffnet.
1997: Große-Belt-Querung eröffnet, der Güterverkehr verlässt die Vogelfluglinie.
2007: Umbau des Bahnhofs, Bahnsteig wird verkürzt.
2018: Eisenbahn-Bundesamt genehmigt die Stilllegung mehrerer Gleise.
Dez. 2019: Fernverkehr und Trajektierung von Zügen enden.
2022: Am 31. August endet der Zugverkehr nach Puttgarden.
Ende 2024: Das Stellwerk Puttgarden wird außer Betrieb genommen.
Häufige Fragen
Wann wurde der Bahnhof Puttgarden eröffnet?
Wann fuhr der letzte Zug?
Fährt von Puttgarden noch ein Schiff?
Wann endete der Fernverkehr über Puttgarden?
Kann man die Gleise besichtigen?
Kommt die Bahn zurück?
Puttgarden war 59 Jahre lang ein Tor zwischen Mitteleuropa und Skandinavien.
Heute zeigt der Bahnhof, wie schnell ein Verkehrsknoten seine Aufgabe verliert.
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