Der Bahnhof Puttgarden: Gleisfeld ohne Züge am Tor nach Dänemark

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Puttgarden: Gleisfeld ohne Züge am Tor nach Dänemark

Fast 60 Jahre fuhren hier Schnellzüge direkt aufs Schiff. Seit 2022 fährt auf Fehmarns Nordspitze kein Zug mehr, und das riesige Gleisfeld liegt brach.

VORHER · 1963

Blick vom Deck eines Fährschiffes auf den Bahnhof Puttgarden, aufgenommen am 15. Mai 1963.

Blick vom Deck eines Fährschiffes auf den Bahnhof Puttgarden, aufgenommen am 15. Mai 1963. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2008

Der Bahnhof von der Fährseite, gesehen durch das Frontfenster des EC 38 im Oktober 2008.

Der Bahnhof von der Fährseite, gesehen durch das Frontfenster des EC 38 im Oktober 2008. Foto: KlausFoehl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1963
Eröffnung der Vogelfluglinie
1997
Der Güterverkehr zieht um
2019
Fernzüge enden, Fähren ohne Bahn
2022
Letzter Zug am 31. August

Lage: Nordspitze der Insel Fehmarn, Schleswig-Holstein, am Fährhafen nach Rødby. Status: Zugverkehr seit 31. August 2022 eingestellt, Busse ersetzen die Bahn. Der Fährhafen selbst arbeitet weiter. Heute: Die Gleisanlagen liegen weitgehend brach und sind Bahngelände, das nicht betreten werden darf.

Puttgarden ist kein Geisterbahnhof im romantischen Sinn.

Der Fährhafen nebenan läuft weiter, Autos und Lkw rollen täglich auf die Schiffe nach Dänemark.

Nur die Bahn ist weg: Seit dem 31. August 2022 fährt hier kein Zug mehr, und der Rest des Bahnhofs liegt brach.

Wer die Gleise sieht, ahnt noch, was hier einmal los war.

Der Bahnhof hatte ursprünglich Platz für ganze Güterzüge, die direkt auf die Fähre rollten.

Gute Fotos aus der Betriebszeit gibt es auf Wikimedia Commons ab 1963, darunter einige Aufnahmen vom Tag nach der Eröffnung.

Ein Fährbahnhof für die Vogelfluglinie

Hinter dem Bahnhof steht eine alte Idee.

Der dänische Baumeister Gustav Kröhnke legte schon am 4. Juni 1863 Pläne für die kürzeste Verbindung zwischen Kopenhagen und Hamburg vor.

Sie folgte ungefähr der Route der Zugvögel, daher der Name Vogelfluglinie.

Bis zur Umsetzung dauerte es genau ein Jahrhundert.

Die Strecke von Großenbrode nach Puttgarden begann man erst 1958 zu bauen.

Ab 1961 entstanden die Fehmarnsundbrücke und der Fährbahnhof.

Am 14. Mai 1963 weihten Bundespräsident Heinrich Lübke und der dänische König Frederik IX. die Verbindung ein.

Der neue Bahnhof ersetzte die Eisenbahnfähre Großenbrode–Gedser, die von 1951 bis 1963 gefahren war.

Hintergrund war die Teilung Deutschlands, denn die alte Verbindung von Warnemünde nach Gedser lag hinter dem Eisernen Vorhang.

Auf der Vogelfluglinie fuhren bald bedeutende Fernzüge wie der Nord-Express von Kopenhagen nach Paris, der Italia-Express nach Rom und der Trans-Europ-Express Merkur nach Stuttgart.

Dazu kam ein reger Güterverkehr: 1994 wurden noch 190.757 Güterwagen über die Fähre befördert.

Die Zugangshalle mit Blick zum Bahnhof, 1963.
Die Zugangshalle mit Blick zum Bahnhof, 1963. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Eine weitere Aufnahme vom Fährdeck auf das Hafenbecken, ebenfalls aus dem Jahr 1963.
Eine weitere Aufnahme vom Fährdeck auf das Hafenbecken, ebenfalls aus dem Jahr 1963. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sah es vorher aus: 22 Kilometer Gleis

Puttgarden war ein Bahnhof der Superlative.

Er besaß insgesamt 22 Kilometer Gleise und 145 Weichen, 1986 waren es 126 Weichen.

Das Stellwerk steuerte ursprünglich 130 Weichen, davon 96 elektrische, dazu Signale, Gleissperren und Rangierstraßen.

Die Fährbetten 1 bis 3 im angrenzenden Hafen hatten einen Gleisanschluss.

Die Fährbecken brachten die Züge direkt an Bord, vier Becken gab es insgesamt, zwei davon mit Zugang für Passagiere.

Fährhafen und Bahnhof Puttgarden um 1966.
Fährhafen und Bahnhof Puttgarden um 1966. Foto: ANKAWÜ, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Zum Bahnhof gehörte auch ein eigenes Bahnbetriebswerk.

Es nahm am 1. Mai 1963 seinen Dienst auf und war das jüngste Bahnbetriebswerk der Bundesbahndirektion Hamburg.

Zugleich hatte es die kürzeste Lebensdauer: Schon Ende 1967 war Puttgarden kein Heimat-Bw mehr.

Dampfloks gab es hier nicht, es fehlten Drehscheibe und Kohlebunker.

Wenn doch einmal Dampf kam, mussten die Loks auf einem Gleisdreieck bei Burg auf Fehmarn wenden.

Das Bw betreute vor allem die Rangierloks, die im Fährhafen die Wagen auf die Schiffe schoben.

Der Fährbahnhof im Juli 1981: An den Anlegern liegen die Fähren Kong Frederik IX der DSB und Theodor Heuss der DB.
Der Fährbahnhof im Juli 1981: An den Anlegern liegen die Fähren Kong Frederik IX der DSB und Theodor Heuss der DB. Foto: Mariolu04, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Verladen war aufwendig.

Bis 1993 koppelte man die Lok im Hafen ab, und eine weitere Lok schob die Wagen auf das Fährschiff.

Am Zielhafen zog eine andere Lok sie wieder vom Deck.

Erst die dieselelektrischen IC3-Züge der Dänen machten das Rangieren überflüssig, denn sie ließen sich ohne Lok trennen und vereinen.

Der Niedergang

Der Einschnitt kam 1997 mit der Brücke und dem Tunnel über den Großen Belt in Dänemark.

Danach fuhr der Güterverkehr zwischen Hamburg und Kopenhagen aus wirtschaftlichen Gründen über Flensburg und Fredericia, ein Umweg von 160 Kilometern.

In Puttgarden brach das Geschäft ein, und die weitläufigen Gleisanlagen verloren ihre Aufgabe.

Zwischen 1996 und 1998 modernisierte die Reederei Scandlines den Fährbahnhof grundlegend.

Die Trajektierung von Güter- und Reisezugwagen endete mit der Umstellung auf Doppelendfähren 1997.

Seitdem fuhren nur noch Dieseltriebzüge über die Fährstrecke.

Ein Triebzug der Baureihe 628 im Bahnhof Puttgarden, Oktober 2006.
Ein Triebzug der Baureihe 628 im Bahnhof Puttgarden, Oktober 2006. Foto: Johannes Uhl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

2007 wurde der Bahnhof noch einmal komplett umgebaut.

Es entstand ein ebenerdiger Zugang zu den beiden noch genutzten Bahnsteiggleisen mit einer gläsernen automatischen Tür.

Der Bahnsteig wurde dabei erheblich verkürzt und etwas angehoben.

Die überdachte Brücke, die früher alle Bahnsteige verband und auch Fußgängern den Weg zu den Fähren bot, wurde gesperrt.

Von Dezember 2007 bis Dezember 2017 ergänzten ICE-Triebzüge der Baureihe 605 mit Dieselantrieb die dänischen IC3.

Dänische IC3-Zugteile im Bahnhof Puttgarden: Ein Teil wartet auf die Weiterfahrt mit dem Fährschiff, ein Teil bleibt in Deutschland (Juli 2007).
Dänische IC3-Zugteile im Bahnhof Puttgarden: Ein Teil wartet auf die Weiterfahrt mit dem Fährschiff, ein Teil bleibt in Deutschland (Juli 2007). Foto: M.Bienick, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein ICE-Triebzug der Reihe 605 als ICE 33 Hamburg–Kopenhagen auf dem Hauptdeck der Fähre Schleswig-Holstein, 2013.
Ein ICE-Triebzug der Reihe 605 als ICE 33 Hamburg–Kopenhagen auf dem Hauptdeck der Fähre Schleswig-Holstein, 2013. Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Im August 2010 wurde in Burg auf Fehmarn ein Haltepunkt reaktiviert.

Ab Dezember 2010 begannen und endeten die Intercity der Linie 31 dort und fuhren nicht mehr bis Puttgarden.

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 bedienten nur noch dänische IC3-Züge und der Nahverkehr den Fährbahnhof.

Ungenutzte Bahnsteige und Gleisanlagen im Juni 2013: Nur noch ein Inselbahnsteig mit zwei Gleisen und ein Fährbett sind in Betrieb.
Ungenutzte Bahnsteige und Gleisanlagen im Juni 2013: Nur noch ein Inselbahnsteig mit zwei Gleisen und ein Fährbett sind in Betrieb. Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Eisenbahn-Bundesamt gab im September 2018 dem Antrag der DB Netz AG statt, mehrere Gleise dauerhaft stillzulegen.

Betroffen waren die Gleise 5, 6, 8, 9 und 72 bis 78.

Die Begründung lautete, dass diese Gleise nicht genutzt und nicht nachgefragt wurden.

Die zum Zeitpunkt der Aufnahme einzige nutzbare Plattform in Puttgarden, März 2014.
Die zum Zeitpunkt der Aufnahme einzige nutzbare Plattform in Puttgarden, März 2014. Foto: G och J, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Überwachsene Plattformen im Bahnhof Puttgarden, März 2014.
Überwachsene Plattformen im Bahnhof Puttgarden, März 2014. Foto: G och J, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Ende des Zugverkehrs

Im Dezember 2019 endete die Fährverbindung für Züge.

Die EuroCity-Züge von Hamburg nach Kopenhagen fuhren ab dem Fahrplanwechsel über die Jütlandlinie und die Querung des Großen Belts.

Grund waren vorbereitende Bauarbeiten für den Fehmarnbelt-Tunnel auf dänischer Seite.

Damit endeten nach 56 Jahren der Fernverkehr und die Trajektierung von Zügen in Puttgarden.

Seit dem 15. Dezember 2019 gibt es keine planmäßige Beförderung von Eisenbahnfahrzeugen auf den Fähren mehr.

Ein Triebwagen der Baureihe 648 der DB Regio als RB 85 nach Lübeck, aufgenommen im Juli 2018 am Bahnsteig in Puttgarden.
Ein Triebwagen der Baureihe 648 der DB Regio als RB 85 nach Lübeck, aufgenommen im Juli 2018 am Bahnsteig in Puttgarden. Foto: Riba149, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Übrig blieb der Regionalverkehr nach Lübeck.

Doch auch der endete: Zum 31. August 2022 wurde der Zugbetrieb zwischen Neustadt in Holstein und Puttgarden eingestellt.

Die Strecke dient seitdem als Baugleis für die Hinterlandanbindung der Fehmarnbelt-Querung.

Die Bahn ist wegen des zweigleisigen Ausbaus und der Elektrifizierung gesperrt, die sieben Jahre dauern sollen.

Ein stündlicher Ersatzverkehr mit Bussen verbindet Puttgarden mit Lübeck und bietet Anschluss an den Zug in Haffkrug.

Der Fahrplan 2024/25 der Nahverkehrsgesellschaft führt die Linie RB 85 / X 85 als Bus von Puttgarden über Fehmarn-Burg und Neustadt nach Lübeck.

Als letzte betriebliche Einheit ging Ende 2024 das Streckenstellwerk Puttgarden außer Betrieb.

So sieht es jetzt aus

Der Eingang des Bahnhofs Puttgarden, August 2017.
Der Eingang des Bahnhofs Puttgarden, August 2017. Foto: Rsa, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Verlassene Gleise am Bahnhof Puttgarden, aufgenommen am 18. Juli 2018.
Verlassene Gleise am Bahnhof Puttgarden, aufgenommen am 18. Juli 2018. Foto: Liberaler Humanist, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Fährhafen daneben ist weiterhin in Betrieb, nur ohne Schienenfahrzeuge.

Die Gleisanlagen des Bahnhofs liegen weitgehend brach.

Südlich und östlich des Personenbahnhofs standen früher umfangreiche Abstellgleise und das Bahnbetriebswerk.

Von dem Bahnbetriebswerk sind laut Wikipedia die Gebäude noch vorhanden, auch wenn die Außenstelle aufgelöst wurde.

Eine Wiedereröffnung des alten Bahnhofs ist nicht geplant.

Ob nach der Eröffnung des Tunnels ein neuer Haltepunkt etwas südöstlich an der neuen Trasse entsteht, ist offen.

Das Gleisfeld ist Bahngelände und liegt unmittelbar neben dem laufenden Fährbetrieb.

Das Betreten der Gleise ist verboten und wegen des Fahrzeugverkehrs gefährlich.

Man sieht das Gelände am besten aus dem öffentlichen Bereich.

Puttgarden hat auch eine kleine Filmgeschichte.

Der Bahnhof war zusammen mit dem Nord-Express Drehort des Tatorts „Kressin stoppt den Nordexpress“.

Auch Teile des Films „Zugvögel … Einmal nach Inari“ wurden hier gedreht.

Die Geschichte in Daten

1863: Gustav Kröhnke legt Pläne für die Vogelflug-Linie vor.

1951: Eisenbahnfähre Großenbrode–Gedser nimmt den Betrieb auf.

1958: Baubeginn der Verbindung nach Puttgarden.

1963: Am 14. Mai wird die Vogelfluglinie mit dem Fährbahnhof eröffnet.

1997: Große-Belt-Querung eröffnet, der Güterverkehr verlässt die Vogelfluglinie.

2007: Umbau des Bahnhofs, Bahnsteig wird verkürzt.

2018: Eisenbahn-Bundesamt genehmigt die Stilllegung mehrerer Gleise.

Dez. 2019: Fernverkehr und Trajektierung von Zügen enden.

2022: Am 31. August endet der Zugverkehr nach Puttgarden.

Ende 2024: Das Stellwerk Puttgarden wird außer Betrieb genommen.

Häufige Fragen

Wann wurde der Bahnhof Puttgarden eröffnet?
Zusammen mit der Vogelfluglinie am 14. Mai 1963, in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke und König Frederik IX. von Dänemark.
Wann fuhr der letzte Zug?
Der Zugbetrieb nach Puttgarden endete am 31. August 2022. Seitdem ersetzen Busse den Zug.
Fährt von Puttgarden noch ein Schiff?
Ja, der Fährhafen mit der Verbindung nach Rødby ist weiter in Betrieb. Nur Züge werden nicht mehr verladen.
Wann endete der Fernverkehr über Puttgarden?
Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2019. Die Züge nach Kopenhagen fahren seitdem über Flensburg und den Großen Belt.
Kann man die Gleise besichtigen?
Nein. Es ist Bahngelände neben dem Fährbetrieb und darf nicht betreten werden.
Kommt die Bahn zurück?
Eine Wiedereröffnung des alten Bahnhofs ist laut Wikipedia nicht geplant. Ob ein neuer Haltepunkt entsteht, ist offen.

Puttgarden war 59 Jahre lang ein Tor zwischen Mitteleuropa und Skandinavien.

Heute zeigt der Bahnhof, wie schnell ein Verkehrsknoten seine Aufgabe verliert.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Puttgarden · Wikipedia: Vogelfluglinie · Wikipedia: Bahnstrecke Lübeck–Puttgarden · Wikipedia: Bahnbetriebswerk Puttgarden · NAH.SH: Fahrplan RB85/X85 (Bus) 2024/25

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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