Die Strecke Wriezen–Neurüdnitz: Oderbrücke, Militärgleis und stille Halte im Oderbruch
Die Strecke durch das Oderbruch sollte Berlin mit der Neumark verbinden und wurde zur Nebenbahn mit Militärauftrag. Heute führt ein Radweg über ihre Trasse und über die Oder.


Lage: Oderbruch, von Wriezen bis zur Oder bei Neurüdnitz, Fortsetzung in Polen bis Godków. Status: stillgelegt und abgebaut. Heute: Radweg auf der Trasse, Oderbrücke als Europabrücke für Fuß- und Radverkehr.
Die Bahnstrecke Wriezen–Godków, bis 1945 Wriezen–Jädickendorf, ist eine stillgelegte und teilweise abgebaute Nebenbahn in Brandenburg und der polnischen Woiwodschaft Westpommern.
Die 1892 eröffnete Strecke diente anfangs als Meliorationsbahn und war nach der Eröffnung der Wriezener Bahn Teil einer direkten Verbindung zwischen Berlin und Königsberg in der Neumark.
Der deutsche Abschnitt führte von Wriezen über Alt-Mädewitz und Altreetz bis Neurüdnitz an der Oder.
Auf dieser Seite werden die stillen Halte der deutschen Seite beschrieben.
Aus der Zeit vor 1945 sind freie Fotos der einzelnen Halte nicht vorhanden, alte Ansichtskarten zeigen nur die Oderbrücke.
Entstehung: eine Brücke über die Oder
Pläne für eine Bahn von Berlin in die Neumark gab es seit den 1860er Jahren, sie scheiterten zunächst am Geld.
Am 12. Oktober 1883 ordnete Wilhelm I. eine feste Oderbrücke an, die zugleich die Eisenbahnstrecken beider Ufer verbinden sollte.
Am 19. April 1886 verabschiedete der Preußische Landtag das Eisenbahnanleihe-Gesetz, das den Bau der Nebenbahn von Wriezen nach Jädickendorf vorsah.
Die Stadt Wriezen stellte 40.000 Mark zur Verfügung, der Kreis Königsberg in der Neumark unterstützte das Vorhaben mit 300.000 Mark.
Das preußische Kriegsministerium verlangte, dass die Strecke Militärzüge in zweistündiger Folge in beiden Richtungen aufnehmen konnte.
Für den Bau waren 4.045.000 Mark veranschlagt, davon 1.280.000 Mark für die Oderbrücken.
Der Bau der Brücke bei Zäckerick begann im Mai 1890, sie bestand aus einer Strombrücke und einer Flutbrücke.
Am 20. Dezember 1892 ging die Strecke feierlich in Betrieb.
So sah es vorher aus: Zoll, Zuckerrüben und Militärzüge
Die Brücke stand anfangs nur zu bestimmten Tageszeiten für Fuhrwerke und Fußgänger offen.
Es wurde ein Brückenzoll erhoben, für Fuhrwerke 20 Pfennig, für Fußgänger und Kleintiere fünf Pfennig.
Ab dem 1. Januar 1896 war die Brücke zwischen sieben Uhr morgens und acht Uhr abends für den allgemeinen Verkehr freigegeben, mit Ausnahme der Stunden des Eisenbahnverkehrs.
1910 musste sie um 1,60 Meter angehoben werden, damit schwerere Züge und größere Schiffe passieren konnten.

Anfangs pendelten täglich drei Zugpaare zwischen Wriezen und Jädickendorf.
Nach der Eröffnung der Strecke Berlin–Wriezen fuhren die Züge in der Regel bis Berlin durch, in Wriezen wurde die Lokomotive gewechselt.
Im Sommer 1914 waren sechs Zugpaare eingelegt, bis 1939 stieg das Angebot auf sechs Personenzugpaare, von denen fünf von und nach Berlin verkehrten.
Im Güterverkehr dominierten Vieh, Holz und landwirtschaftliche Produkte, hinzu kamen ab 1911 die Zuckerrüben für eine der 18 Zuckerfabriken des Oderbruchs.
Alt-Mädewitz und Altreetz: die kleinen Halte
Alt-Mädewitz lag bei Kilometer 3,8 und war zunächst ein Haltepunkt.
1893 wurde er zur Haltestelle erweitert und für den Güterverkehr freigegeben.
Das Empfangsgebäude wurde 1945 zerstört, 1957 ging der Halt als Haltestelle mit einseitig angeschlossenem Ladestraßengleis wieder in Betrieb.
Weitere Angaben sind nicht belegt.
Altreetz bei Kilometer 6,5 galt als Musterprojekt der Bahnhofsanlagen der Strecke.
Es hatte neben dem Hauptgleis und dem Kreuzungsgleis ein Ladegleis, ein Stumpfgleis mit Kopfseitenrampe und ein Aufstellgleis.
Das Empfangsgebäude hatte einen Dienstraum für die Eisenbahner und einen für den Postdienst, dazu je einen Warteraum für die II. und III. Klasse.
Das Gebäude wurde 1945 zerstört, der Halt ging 1957 wieder in Betrieb.


Neurüdnitz: ein Bahnhof für den Ernstfall
Fünf Jahre nach der Eröffnung ging bei Kilometer 8,34 der Bahnhof Neu Rüdnitz in Betrieb.
Die gleichnamige Gemeinde hatte dafür einen Baukostenzuschuss von 10.000 Mark gezahlt.
Er wurde in gleicher Anordnung wie Altreetz angelegt.
Nach 1957 erhielt der Bahnhof zwei Ausweich- und Überholgleise mit über 730 Metern Nutzlänge und zwei mechanische Stellwerke.
Die für den örtlichen Verkehr überdimensionierten Anlagen hatten militärstrategische Gründe.
1985 ließ die Eisenbahntransportkommandantur eine Behelfsrampe für Militärtransporte bauen, das Ladegleis musste dafür um 100 Meter verkürzt werden.

Krieg und Neubeginn
Am 30. Januar 1945 fuhr der vorerst letzte Zug über die Oderbrücke.
Sowjetische Panzer drangen einen Tag später entlang der Strecke ins Oderbruch vor, die Oderbrücke wurde gesprengt.
Beim Vormarsch auf Wriezen Anfang April 1945 wurden Stadt und Strecke schwer beschädigt, die Empfangsgebäude von Altreetz und Altmädewitz wurden zerstört.
Nach Kriegsende kam der Abschnitt östlich der Oder zu Polen.
Den deutschen Abschnitt demontierte man Ende 1945 zu Reparationszwecken.
Anfang der 1950er Jahre begann die Reichsbahn mit dem Wiederaufbau der Eisenbahnbrücke, die Belastung des Brückenzuges wurde am 28. Juni 1955 erprobt.
Am 15. Oktober 1957 ging die Strecke wieder in Betrieb.
Die Brücken sollten im Falle einer militärischen Konfrontation als Nachschublinien dienen.
Der Güterverkehr wurde am 1. Februar 1965 eingestellt, Militärzüge konnten die Grenze weiter passieren.

Objekt 83: das Gleis zum Deich
1976 wies die Reichsbahn-Generaldirektion an, an einer neuen Abzweigstelle ein rund 1,3 Kilometer langes Gleis zum Oderdeich zu bauen.
Es sollte der Verteidigungsbereitschaft dienen, die interne Bezeichnung lautete „Objekt 83“.
Beide Gleise, deutsch und polnisch, sollten im Bedarfsfall durch eine Pontonbrücke verbunden werden.
Für die Dammgründung wurden 220.000 Kubikmeter Kies herangefahren, die Kosten betrugen 9,4 Millionen Mark.
Im September 1979 waren die Arbeiten auf polnischer Seite beendet.
Beim gemeinsamen Manöver „Barriere 79“ bauten Einheiten der Nationalen Volksarmee, der Polnischen Volksarmee und der Sowjetarmee die Brücke auf, die Bauzeit der Pontonbrücke betrug 68 Stunden.
Es war die einzige jemals genutzte Pontonbrücke dieser Art entlang der Oder-Neiße-Grenze.
Die Deichscharte wurde nach der Wende im Zuge der Deichverstärkung zugeschüttet.
Niedergang: von 1982 bis 1993
Zum 1. Februar 1982 stellte die Reichsbahn den Personenverkehr zwischen Wriezen und Neurüdnitz wegen zu geringer Auslastung ein.
Zuletzt fuhren täglich vier Personenzugpaare.
Das Deichgleis wurde zum 22. April 1993 stillgelegt, die Strecke zum 31. Dezember 1993.
Anfang 2001 fand der Streckenabbau statt.
Auf polnischer Seite endete der Personenverkehr zwischen Godków und Siekierki am 31. Juli 1991, der Güterverkehr 1999.
So sieht es jetzt aus: Radweg und Europabrücke
2005 entstand auf der Trasse ein asphaltierter Radweg.
Die alten Bahnhofsgebäude wurden an private Nutzer verkauft und sind teilweise restauriert.
Ab 2014 war die Oderbrücke zeitweise für Draisinen geöffnet, 2015 musste sie auf Betreiben der Unteren Naturschutzbehörde wieder geschlossen werden.
Nach einer Sanierung wird sie als Europabrücke für Fuß- und Radverkehr genutzt.
Der polnische Abschnitt wurde im Juni 2021 eröffnet, die deutsche Seite am 25. Juni 2022.



Vorher und nachher: die Oderbrücke
Die erste Brücke von 1892 war eine gemischte Eisenbahn- und Straßenbrücke.
1929 beschloss die Reichsbahn einen Neubau oberhalb des bestehenden Bauwerks, der durch seinen tomatenroten Anstrich auffiel.
Die alte Brücke diente danach nur noch dem Straßenverkehr.
Am Ende des Krieges wurden beide Brücken zerstört, die Eisenbahnbrücke wurde in den 1950er Jahren wieder aufgebaut.
Sie ist heute die Grundlage der Europabrücke.
Die Geschichte in Daten
1883: Am 12. Oktober ordnet Wilhelm I. den Bau einer festen Oderbrücke an.
1886: Am 19. April sieht das Eisenbahnanleihe-Gesetz die Nebenbahn Wriezen–Jädickendorf vor.
1892: Am 20. Dezember geht die Strecke in Betrieb.
1897: Der Bahnhof Neu Rüdnitz geht in Betrieb.
1945: Am 30. Januar fährt der vorerst letzte Zug über die Oderbrücke, die Brücke wird gesprengt.
1957: Am 15. Oktober geht die wiederaufgebaute Strecke in Betrieb.
1965: Am 1. Februar endet der Güterverkehr.
1979: Im Manöver „Barriere 79“ wird die Pontonbrücke aufgebaut.
1982: Am 1. Februar endet der Personenverkehr.
1993: Am 31. Dezember wird die Strecke stillgelegt.
2022: Am 25. Juni wird die deutsche Seite der Europabrücke eröffnet.
Häufige Fragen
Fahren hier noch Züge?
Kann man die Trasse nutzen?
Kann man über die Oder gehen?
Was war Objekt 83?
Gehören die Bahnhofsgebäude noch der Bahn?
Die Strecke Wriezen–Neurüdnitz wurde für den Verkehr gebaut und mehrfach für das Militär ausgebaut.
Heute verbindet ihre Brücke Menschen zu Fuß und mit dem Rad.
Wikipedia: Bahnstrecke Wriezen–Godków
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