Die Siemensbahn in Berlin: Eine S-Bahn für ein Werk, seit 1980 ohne Züge
1929 gebaut, damit Siemens-Beschäftigte schneller zur Arbeit kamen, 1980 nach dem Reichsbahnerstreik eingestellt: Seitdem verfällt die Hochbahn mit den Bahnhöfen Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld. Jetzt soll sie zurückkehren.


Lage: Berlin, von Jungfernheide über Wernerwerk und Siemensstadt nach Gartenfeld. Status: stillgelegt, Viadukt und Bahnhöfe verfallen, Reaktivierung geplant. Hinweis: Die Anlagen dürfen nicht betreten werden.
Im Westen Berlins läuft eine Hochbahn über die Straße, auf der seit Jahrzehnten kein Zug mehr fährt.
Unter dem Stahl wachsen Bäume, oben rostet der Bahnsteig von Wernerwerk vor sich hin.
Die Siemensbahn war einmal die Hausbahn eines Weltkonzerns.
17.000 Beschäftigte fuhren mit ihr zur Arbeit, in Spitzenzeiten im Fünf-Minuten-Takt.
Ihr Ende kam mit einem Streik, und der Verfall dauert nun schon über 45 Jahre.
Bald könnte sich das ändern, denn die Strecke soll wieder in Betrieb gehen.
Dieser Beitrag zeigt die Geschichte und den Zustand einer Berliner Ruine, die vielleicht nicht mehr lange eine ist.
Aus der Betriebszeit gibt es leider keine freien Fotos, unsere Bilder beginnen 1987.
Warum Siemens sich eine eigene S-Bahn baute
Schon 1905 ließ Siemens einen eigenen Bahnhof für die Belegschaft einrichten, nämlich Fürstenbrunn an der Hamburger und Lehrter Bahn.
Er lag aber ungünstig zum Werk.
In den 1920er-Jahren verlagerte sich das Werkszentrum außerdem in die nördliche Siemensstadt.
1925 einigten sich Siemens und die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft deshalb auf eine neue Strecke.
Die Siemens-Bauunion übernahm den Bau und die Ausrüstung der Bahnhöfe, der Konzern stellte das Gelände.
Die Reichsbahn sollte nur den Betrieb sicherstellen.
Möglich war das auch, weil Konzernchef Carl Friedrich von Siemens zugleich Präsident des Verwaltungsrats der Reichsbahn war.
So sah es vorher aus: eine Hochbahn durch das Werksviertel
Der Bau begann 1927, und am 18. Dezember 1929 fuhr der erste Zug.
Die Strecke beginnt am Bahnhof Jungfernheide und ist knapp viereinhalb Kilometer lang.
Über die Spree erreicht sie den Bahnhof Wernerwerk, dann folgt in einer weiten Kurve die Station Siemensstadt.
Nach gut einem Kilometer liegt der Endbahnhof Gartenfeld, ebenerdig, mit Reiterstellwerk und sechsgleisiger Abstellanlage.
Von der Spreebrücke bis etwa 250 Meter hinter Wernerwerk verläuft die Bahn auf 800 Metern als Viadukt, danach rund zwei Kilometer auf einem Damm.
Von den rund 90.000 Beschäftigten in Siemensstadt nutzten etwa 17.000 die S-Bahn im Fünf-Minuten-Takt.
In den ersten Jahren fuhren die Züge bis Neukölln oder Papestraße durch.
Krieg und Niedergang
Die Wehrmacht sprengte die Spreebrücke, am 17. September 1945 ersetzte sie eine Behelfsbrücke.
Das zweite Gleis ging als Reparation an die Sowjetunion.
Bis 1948 lief auf dem verbliebenen Gleis vorwiegend nachts auch Güterverkehr.
Am 3. Dezember 1956 war die neue Spreebrücke fertig, und der zweigleisige Betrieb konnte wieder beginnen.
Doch die Fahrgäste kamen nicht zurück.
Siemens hatte Ende 1949 wegen der unsicheren Lage West-Berlins seine Hauptsitze nach München und Erlangen verlegt.
Die Strecke wurde zu einer der am wenigsten genutzten der Berliner S-Bahn.
Zuletzt fuhren alte Züge im 20-Minuten-Takt mit nur 30 bis 40 Fahrgästen.
1980: das Ende nach dem Streik
Im September 1980 streikten Reichsbahner in West-Berlin, und danach blieb der Verkehr auf der Siemensbahn eingestellt.
Im Oktober 1980 eröffneten die U-Bahnhöfe Siemensdamm und Rohrdamm, die heute zur Linie U7 gehören.
Für die Menschen in der Siemensstadt war das eine Alternative zu den Bahnhöfen Wernerwerk und Siemensstadt.
Seitdem wurden an Gleisen, Unterbau und Bahnhöfen nur wenige Erhaltungsarbeiten durchgeführt.
Die Natur holte sich die Anlagen zurück.









Gartenfeld: das Ende der Strecke
Der Endbahnhof Gartenfeld liegt ebenerdig.
Gelände und Gebäude nutzte zwischenzeitlich ein inzwischen aufgegebenes Gartencenter.
Besonders auffällig ist das Reiterstellwerk, das über den Gleisen stand.
Im August 1995 wurde der Streckenteil zwischen der Bezirksgrenze zu Spandau und Gartenfeld unter Denkmalschutz gestellt.
Das historische Stellwerk soll im Zuge der Reaktivierung trotzdem zurückgebaut werden.




Pläne für die Ruine
2005 wurde beim Neubau der Schleuse Charlottenburg die Spree verlegt, dabei fiel ein Teil des Bahndamms weg, und die Vorlandbrücke der Spreebrücke wurde abgerissen.
2007 widersprach der Berliner Senat der beantragten Entwidmung des Geländes.
2014 entwarfen die Architektin Rebecca Chestnutt-Niess und Studierende eine Nachnutzung mit Schwimmbahn, begrüntem Viadukt sowie Fuß- und Radweg.
Dann änderte sich alles: 2018 beschloss die Siemens AG, in der Siemensstadt einen Campus für die Forschung zu errichten.
Konzern und Senat sprachen sich nun für die Rückkehr der Bahn aus.
2019 unterzeichneten Deutsche Bahn und Senat eine erste Finanzierungsvereinbarung über 2,3 Millionen Euro.
Anfang 2020 wurde die Strecke von Bewuchs befreit, im September 2020 begann der Rückbau alter Schwellen und Gleise.
Ende Oktober 2020 folgte eine Vereinbarung über rund 30 Millionen Euro für die Planung.
Eine Grobschätzung von 2021 nennt 320 Millionen Euro für den Wiederaufbau, ohne die Bahnhöfe.
Die Wiedereröffnung bis Gartenfeld ist für Herbst 2029 vorgesehen, der Planfeststellungsbeschluss steht aber noch aus.
Ob sich das lohnt, haben wir in einem eigenen Pro-und-Contra-Beitrag abgewogen.
So sieht es jetzt aus
Die Aufnahmen vom August 2026 zeigen die Bahn kurz vor einer möglichen Wende.
Unter dem Viadukt ist es still, oben ist noch immer kein Zug unterwegs.
Stahlträger und Stützen stehen wie vor 45 Jahren über der Straße.






Vorher und nachher: der Schriftzug
Der Bahnhofsname steht bis heute in der Wand von Wernerwerk.


Die Geschichte in Daten
1905: Siemens lässt den Bahnhof Fürstenbrunn einrichten.
1925: Einigung auf die neue Strecke.
18. Dezember 1929: Erster Zug.
17. September 1945: Behelfsbrücke über die Spree.
3. Dezember 1956: Wieder zweigleisiger Betrieb.
September 1980: Streik und Ende des Verkehrs.
August 1995: Denkmalschutz für den Abschnitt bis Gartenfeld.
2018: Siemens plant den Campus.
2019: Erste Finanzierungsvereinbarung.
Herbst 2029: Geplante Wiedereröffnung.
Häufige Fragen
Warum heißt die Strecke Siemensbahn?
Warum fährt dort kein Zug mehr?
Kommt die Siemensbahn zurück?
Darf man das Viadukt betreten?
Was von der Siemensbahn bleibt
Kaum eine Ruine in Berlin ist so gut sichtbar wie diese.
Sie erzählt von einem Konzern, der seine Stadt verließ, und von einer Bahn, die er zurückließ.
Vielleicht schreiben wir in ein paar Jahren den Nachher-Teil dieses Beitrags neu.
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