Die Siemensbahn in Berlin: Eine S-Bahn für ein Werk, seit 1980 ohne Züge

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Siemensbahn in Berlin: Eine S-Bahn für ein Werk, seit 1980 ohne Züge

1929 gebaut, damit Siemens-Beschäftigte schneller zur Arbeit kamen, 1980 nach dem Reichsbahnerstreik eingestellt: Seitdem verfällt die Hochbahn mit den Bahnhöfen Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld. Jetzt soll sie zurückkehren.

VORHER · 1987

Der Bahnhof Wernerwerk sieben Jahre nach dem Ende des Verkehrs.

Der Bahnhof Wernerwerk sieben Jahre nach dem Ende des Verkehrs. Foto: Roehrensee, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2026

Das Viadukt im August 2026.

Das Viadukt im August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1929
Erster Zug
4,5 km
Streckenlänge
1980
Verkehr eingestellt
2029
Geplante Rückkehr

Lage: Berlin, von Jungfernheide über Wernerwerk und Siemensstadt nach Gartenfeld. Status: stillgelegt, Viadukt und Bahnhöfe verfallen, Reaktivierung geplant. Hinweis: Die Anlagen dürfen nicht betreten werden.

Im Westen Berlins läuft eine Hochbahn über die Straße, auf der seit Jahrzehnten kein Zug mehr fährt.

Unter dem Stahl wachsen Bäume, oben rostet der Bahnsteig von Wernerwerk vor sich hin.

Die Siemensbahn war einmal die Hausbahn eines Weltkonzerns.

17.000 Beschäftigte fuhren mit ihr zur Arbeit, in Spitzenzeiten im Fünf-Minuten-Takt.

Ihr Ende kam mit einem Streik, und der Verfall dauert nun schon über 45 Jahre.

Bald könnte sich das ändern, denn die Strecke soll wieder in Betrieb gehen.

Dieser Beitrag zeigt die Geschichte und den Zustand einer Berliner Ruine, die vielleicht nicht mehr lange eine ist.

Aus der Betriebszeit gibt es leider keine freien Fotos, unsere Bilder beginnen 1987.

Warum Siemens sich eine eigene S-Bahn baute

Schon 1905 ließ Siemens einen eigenen Bahnhof für die Belegschaft einrichten, nämlich Fürstenbrunn an der Hamburger und Lehrter Bahn.

Er lag aber ungünstig zum Werk.

In den 1920er-Jahren verlagerte sich das Werkszentrum außerdem in die nördliche Siemensstadt.

1925 einigten sich Siemens und die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft deshalb auf eine neue Strecke.

Die Siemens-Bauunion übernahm den Bau und die Ausrüstung der Bahnhöfe, der Konzern stellte das Gelände.

Die Reichsbahn sollte nur den Betrieb sicherstellen.

Möglich war das auch, weil Konzernchef Carl Friedrich von Siemens zugleich Präsident des Verwaltungsrats der Reichsbahn war.

So sah es vorher aus: eine Hochbahn durch das Werksviertel

Der Bau begann 1927, und am 18. Dezember 1929 fuhr der erste Zug.

Die Strecke beginnt am Bahnhof Jungfernheide und ist knapp viereinhalb Kilometer lang.

Über die Spree erreicht sie den Bahnhof Wernerwerk, dann folgt in einer weiten Kurve die Station Siemensstadt.

Nach gut einem Kilometer liegt der Endbahnhof Gartenfeld, ebenerdig, mit Reiterstellwerk und sechsgleisiger Abstellanlage.

Von der Spreebrücke bis etwa 250 Meter hinter Wernerwerk verläuft die Bahn auf 800 Metern als Viadukt, danach rund zwei Kilometer auf einem Damm.

Von den rund 90.000 Beschäftigten in Siemensstadt nutzten etwa 17.000 die S-Bahn im Fünf-Minuten-Takt.

In den ersten Jahren fuhren die Züge bis Neukölln oder Papestraße durch.

Krieg und Niedergang

Die Wehrmacht sprengte die Spreebrücke, am 17. September 1945 ersetzte sie eine Behelfsbrücke.

Das zweite Gleis ging als Reparation an die Sowjetunion.

Bis 1948 lief auf dem verbliebenen Gleis vorwiegend nachts auch Güterverkehr.

Am 3. Dezember 1956 war die neue Spreebrücke fertig, und der zweigleisige Betrieb konnte wieder beginnen.

Doch die Fahrgäste kamen nicht zurück.

Siemens hatte Ende 1949 wegen der unsicheren Lage West-Berlins seine Hauptsitze nach München und Erlangen verlegt.

Die Strecke wurde zu einer der am wenigsten genutzten der Berliner S-Bahn.

Zuletzt fuhren alte Züge im 20-Minuten-Takt mit nur 30 bis 40 Fahrgästen.

1980: das Ende nach dem Streik

Im September 1980 streikten Reichsbahner in West-Berlin, und danach blieb der Verkehr auf der Siemensbahn eingestellt.

Im Oktober 1980 eröffneten die U-Bahnhöfe Siemensdamm und Rohrdamm, die heute zur Linie U7 gehören.

Für die Menschen in der Siemensstadt war das eine Alternative zu den Bahnhöfen Wernerwerk und Siemensstadt.

Seitdem wurden an Gleisen, Unterbau und Bahnhöfen nur wenige Erhaltungsarbeiten durchgeführt.

Die Natur holte sich die Anlagen zurück.

Der Bahnhof Wernerwerk im Dezember 2014.
Der Bahnhof Wernerwerk im Dezember 2014. Foto: Denis Apel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Viadukt am Bahnhof Wernerwerk, Dezember 2014.
Das Viadukt am Bahnhof Wernerwerk, Dezember 2014. Foto: Denis Apel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnhof Wernerwerk von Norden, November 2019.
Der Bahnhof Wernerwerk von Norden, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Trasse Richtung Süden, November 2019.
Die Trasse Richtung Süden, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Trasse Richtung Norden, November 2019.
Die Trasse Richtung Norden, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnsteig von Wernerwerk, November 2019.
Der Bahnsteig von Wernerwerk, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das alte Bahnsteigdach, November 2019.
Das alte Bahnsteigdach, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Treppe zum Bahnsteig, November 2019.
Die Treppe zum Bahnsteig, November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Viadukt in Berlin-Siemensstadt, März 2015.
Das Viadukt in Berlin-Siemensstadt, März 2015. Foto: Bodo Kubrak, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Gartenfeld: das Ende der Strecke

Der Endbahnhof Gartenfeld liegt ebenerdig.

Gelände und Gebäude nutzte zwischenzeitlich ein inzwischen aufgegebenes Gartencenter.

Besonders auffällig ist das Reiterstellwerk, das über den Gleisen stand.

Im August 1995 wurde der Streckenteil zwischen der Bezirksgrenze zu Spandau und Gartenfeld unter Denkmalschutz gestellt.

Das historische Stellwerk soll im Zuge der Reaktivierung trotzdem zurückgebaut werden.

Das Stellwerk Gartenfeld im Dezember 2015.
Das Stellwerk Gartenfeld im Dezember 2015. Foto: Christian Liebscher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Stellwerk an der Straße Am Bahndamm, März 2015.
Das Stellwerk an der Straße Am Bahndamm, März 2015. Foto: Bodo Kubrak, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Empfangsgebäude von Gartenfeld, Dezember 2015.
Das Empfangsgebäude von Gartenfeld, Dezember 2015. Foto: Christian Liebscher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnsteig von Gartenfeld, Dezember 2015.
Der Bahnsteig von Gartenfeld, Dezember 2015. Foto: Christian Liebscher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Pläne für die Ruine

2005 wurde beim Neubau der Schleuse Charlottenburg die Spree verlegt, dabei fiel ein Teil des Bahndamms weg, und die Vorlandbrücke der Spreebrücke wurde abgerissen.

2007 widersprach der Berliner Senat der beantragten Entwidmung des Geländes.

2014 entwarfen die Architektin Rebecca Chestnutt-Niess und Studierende eine Nachnutzung mit Schwimmbahn, begrüntem Viadukt sowie Fuß- und Radweg.

Dann änderte sich alles: 2018 beschloss die Siemens AG, in der Siemensstadt einen Campus für die Forschung zu errichten.

Konzern und Senat sprachen sich nun für die Rückkehr der Bahn aus.

2019 unterzeichneten Deutsche Bahn und Senat eine erste Finanzierungsvereinbarung über 2,3 Millionen Euro.

Anfang 2020 wurde die Strecke von Bewuchs befreit, im September 2020 begann der Rückbau alter Schwellen und Gleise.

Ende Oktober 2020 folgte eine Vereinbarung über rund 30 Millionen Euro für die Planung.

Eine Grobschätzung von 2021 nennt 320 Millionen Euro für den Wiederaufbau, ohne die Bahnhöfe.

Die Wiedereröffnung bis Gartenfeld ist für Herbst 2029 vorgesehen, der Planfeststellungsbeschluss steht aber noch aus.

Ob sich das lohnt, haben wir in einem eigenen Pro-und-Contra-Beitrag abgewogen.

So sieht es jetzt aus

Die Aufnahmen vom August 2026 zeigen die Bahn kurz vor einer möglichen Wende.

Unter dem Viadukt ist es still, oben ist noch immer kein Zug unterwegs.

Stahlträger und Stützen stehen wie vor 45 Jahren über der Straße.

Unter dem Viadukt, August 2026.
Unter dem Viadukt, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Stützen und Träger, August 2026.
Stützen und Träger, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick unter das Bauwerk, August 2026.
Blick unter das Bauwerk, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Unterseite des Viadukts, August 2026.
Die Unterseite des Viadukts, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Straße am Viadukt, August 2026.
Die Straße am Viadukt, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Viadukt im Stadtbild, August 2026.
Das Viadukt im Stadtbild, August 2026. Foto: NutzerAusBerlin, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: der Schriftzug

Der Bahnhofsname steht bis heute in der Wand von Wernerwerk.

VORHER · 2006

Der Schriftzug Bahnhof Wernerwerk im Mai 2006.

Der Schriftzug Bahnhof Wernerwerk im Mai 2006. Foto: Mangan2002 (sv.wikipedia.org), CC BY 2.5, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2019

Derselbe Schriftzug im November 2019.

Derselbe Schriftzug im November 2019. Foto: Julius Tens, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1905: Siemens lässt den Bahnhof Fürstenbrunn einrichten.

1925: Einigung auf die neue Strecke.

18. Dezember 1929: Erster Zug.

17. September 1945: Behelfsbrücke über die Spree.

3. Dezember 1956: Wieder zweigleisiger Betrieb.

September 1980: Streik und Ende des Verkehrs.

August 1995: Denkmalschutz für den Abschnitt bis Gartenfeld.

2018: Siemens plant den Campus.

2019: Erste Finanzierungsvereinbarung.

Herbst 2029: Geplante Wiedereröffnung.

Häufige Fragen

Warum heißt die Strecke Siemensbahn?
Siemens baute sie zwischen 1927 und 1929 in Eigenregie für die eigenen Werke.
Warum fährt dort kein Zug mehr?
Nach dem Reichsbahnerstreik im September 1980 wurde der Verkehr eingestellt.
Kommt die Siemensbahn zurück?
Das ist geplant, vorgesehen ist Herbst 2029. Der Planfeststellungsbeschluss steht noch aus.
Darf man das Viadukt betreten?
Nein, die Anlagen sind nicht öffentlich zugänglich. Sehen kann man sie von den Straßen aus.

Was von der Siemensbahn bleibt

Kaum eine Ruine in Berlin ist so gut sichtbar wie diese.

Sie erzählt von einem Konzern, der seine Stadt verließ, und von einer Bahn, die er zurückließ.

Vielleicht schreiben wir in ein paar Jahren den Nachher-Teil dieses Beitrags neu.

Quellen und Bildrechte

Siemensbahn, Wikipedia

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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