Der Bahnhof Stahnsdorf: Die Friedhofsbahn, die mit dem Mauerbau endete
Eine eigene S-Bahn zu einem Friedhof: Von 1913 bis 1961 führte die Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf. Der Mauerbau beendete sie, das Empfangsgebäude wurde 1976 gesprengt. Im Wald liegen noch immer ihre Reste.


Lage: Stahnsdorf, Landkreis Potsdam-Mittelmark, am Südwestkirchhof. Status: stillgelegt, Bahnsteig zugewachsen. Erhalten: Bahnhofsgaststätte und Eisenbahnerwohnanlage, beide unter Denkmalschutz.
Südwestlich von Berlin liegt mitten im Wald ein zugewachsener Bahnsteig.
Dort, wo heute Bäume zwischen den Kanten stehen, hielt einst die Berliner S-Bahn.
Sie fuhr nicht zu einem Stadtviertel, sondern zu einem Friedhof.
Der Südwestkirchhof Stahnsdorf lag so weit draußen, dass die Berliner Kirchen eine eigene Bahnstrecke bauen ließen.
1961 trennte die Mauer diese Strecke von West-Berlin.
Dieser Beitrag zeigt, was von der Friedhofsbahn geblieben ist.
Fotos vom Bahnhof aus der Betriebszeit sind leider nicht frei verfügbar, deshalb beginnen unsere Bilder im Jahr 1984.
Warum ein Friedhof eine Bahn bekam
Berlin wuchs schnell, und die kleinen Friedhöfe in der Stadt reichten auf Dauer nicht aus.
Der Berliner Stadtsynodalverband kaufte deshalb große Grundstücke außerhalb, darunter das Gelände in Stahnsdorf.
Am 28. März 1909 wurde der Südwestkirchhof eröffnet.
Schon im November 1902 hatte die Stadtsynode die preußische Staatsbahn um eine Bahnlinie gebeten.
Als Ausgangspunkt stand schnell der Bahnhof Wannsee fest.
Am 21. Oktober 1909 kam der Vertrag zustande, und die Synode übernahm den Bau selbst.
Veranschlagt waren 1,7 Millionen Mark und dazu 660.000 Mark für den Grunderwerb.
Die Staatsbahn sicherte Betrieb und Unterhalt auf eigene Kosten zu.
So sah es vorher aus: ein Bahnhof gegenüber dem Friedhofstor
Am 3. Juni 1913 ging der Bahnhof als Endpunkt der Friedhofsbahn in Betrieb.
Er hieß zunächst Stahnsdorf Friedhof.
Das Empfangsgebäude, entworfen vom Königlichen Baurat Gustav Werner, stand gegenüber dem Haupteingang des Friedhofs.
Der Bahnhof lag bei Streckenkilometer 4,2 und hatte anfangs drei Gleise mit einem 220 Meter langen Mittelbahnsteig.
Ein Personentunnel verband den Bahnsteig mit dem Empfangsgebäude.
Die eingleisige Strecke war geradlinig und kreuzte alle Wege niveaufrei, auf Dämmen und in Einschnitten.
Ihr größtes Bauwerk war die Brücke über den Teltowkanal mit 62 Metern Spannweite.
Die einzige Zwischenstation lag in Dreilinden.
1914 wurden täglich etwa 550 bis 1.200 Fahrkarten ausgegeben, je nach Zahl der Beerdigungen.
Auch Särge kamen per Bahn zum Friedhof, dafür gab es westlich des Bahnsteigs ein Gütergleis.
Am 10. Juli 1928 hielt der erste elektrisch betriebene Zug der S-Bahn in Stahnsdorf.
Krieg, Teilung und das Ende
Im April 1945 sprengten Soldaten der Wehrmacht die Brücke über den Teltowkanal.
Die Züge endeten danach in Dreilinden, erst im Mai 1948 fuhren sie wieder bis Stahnsdorf.
Die Lage direkt an West-Berlin belastete den Betrieb immer stärker.
Am 19. Januar 1953 wurde der Verkehr eingestellt, am 11. September 1954 lief der S-Bahn-Betrieb wieder an.
Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 endete der Zugverkehr auf der gesamten Strecke.
Das Empfangsgebäude wurde noch bis Dezember 1973 genutzt.
1976 wurde es gesprengt.






So sieht es jetzt aus
Das Bahnhofsgebäude existiert nicht mehr.
Der Bahnsteig ist noch da, aber deutlich zugewachsen.
Erhalten sind das Gebäude der früheren Bahnhofsgaststätte und eine Eisenbahnerwohnanlage, beide stehen unter Denkmalschutz.
Die Brücke über den Teltowkanal wurde 2018 abgebaut, nur die Widerlager erinnern noch an sie.
Zwischen den Bäumen liegen stellenweise noch Gleise.
Am früheren Bahnhof Dreilinden führt heute ein Wanderweg entlang.
Anlässlich des 100. Jahrestags der Eröffnung entstand 2013 am Bahnhofsvorplatz ein Denkmal.
Geplant ist außerdem eine Verlängerung der S-Bahn von Teltow Stadt zu einer neuen Station Stahnsdorf Sputendorfer Straße.
Die alte Friedhofsbahn wäre das aber nicht.











Vorher und nachher: zwei direkte Vergleiche
Beide Bildpaare zeigen denselben Ort, wenn auch nicht aus exakt demselben Blickwinkel.




Die Geschichte in Daten
28. März 1909: Eröffnung des Südwestkirchhofs.
21. Oktober 1909: Vertrag über den Bahnbau.
3. Juni 1913: Betriebsaufnahme.
10. Juli 1928: Erster elektrischer Zug.
April 1945: Sprengung der Teltowkanalbrücke.
Mai 1948: Wiedereröffnung bis Stahnsdorf.
19. Januar 1953: Verkehr eingestellt.
11. September 1954: S-Bahn-Betrieb wieder aufgenommen.
13. August 1961: Ende durch den Mauerbau.
1976: Sprengung des Empfangsgebäudes.
2018: Abbau der Teltowkanalbrücke.
Häufige Fragen
Warum heißt die Strecke Friedhofsbahn?
Wann fuhr der letzte Zug?
Was ist vom Bahnhof übrig?
Kommt die S-Bahn zurück nach Stahnsdorf?
Was von der Friedhofsbahn bleibt
Die Friedhofsbahn war eine Bahn für einen besonderen Weg.
Geblieben sind ein zugewachsener Bahnsteig, ein paar Gleisstücke im Wald und Brücken, unter denen kein Zug mehr hindurchfährt.
Der Friedhof selbst besteht weiter, mit dem Zug erreicht man ihn von hier aus aber nicht mehr.
Bahnhof Stahnsdorf, Wikipedia · Bahnstrecke Berlin-Wannsee–Stahnsdorf, Wikipedia · Südwestkirchhof Stahnsdorf, Wikipedia
Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.
