Der Aspangbahnhof in Wien: Vom Ausflugsbahnhof zum Ort der Deportationen
Von hier fuhren die Wiener an den Schneeberg. Zwischen 1939 und 1942 wurden von diesem Bahnhof etwa 50.000 Jüdinnen und Juden in 47 Transporten verschleppt. Das Gebäude ist verschwunden, ein Mahnmal erinnert an sie.


Lage: Wien-Landstraße, Aspanggründe. Status: abgerissen, Gelände neu bebaut. Heute: Leon-Zelman-Park mit Mahnmal, Platz der Opfer der Deportation.
Der Aspangbahnhof lag im dritten Wiener Bezirk, zwischen Rennweg und Landstraßer Gürtel.
Für viele Wienerinnen und Wiener begann hier einmal der Sonntagsausflug.
In den Jahren 1939 bis 1942 wurde er zu einem Ort des Verbrechens.
Von hier aus wurden etwa 50.000 Jüdinnen und Juden in Ghettos und Vernichtungslager deportiert.
Dieser Ort ist deshalb kein Lost Place im üblichen Sinn, sondern ein Gedenkort.
Der Beitrag zeigt, wie der Bahnhof aussah, was hier geschah und was heute an dieser Stelle steht.
Fotos der Deportierten zeigen wir nicht.
Ein Bahnhof anstelle eines Hafens
Der Wiener Neustädter Kanal galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als unwirtschaftlich.
Seine Betreibergesellschaft bemühte sich deshalb 1872 erfolgreich um die Konzession für eine Eisenbahn, die Aspangbahn.
Im Juli 1879 endete die Schifffahrt im Wiener Stadtgebiet, und das Hafenbecken wurde zugeschüttet.
An seiner Stelle entstand 1880/81 der Bahnhof der Eisenbahn Wien-Aspang.
Benannt wurde er nach der Marktgemeinde Aspang im südlichsten Niederösterreich.

So sah es vorher aus: ein Bahnhof im Stil der Renaissance
Das Aufnahmsgebäude entwarf Franz von Gruber, Professor an der Technischen Militärakademie, im historisierenden Renaissancestil.
Es war 97 Meter lang und besaß ein modernes Postamt mit Telegrafenamt und Rohrpost.
Der Perron maß 160 Meter und war auf der Länge des Gebäudes überdacht.
Dazu gab es eine Gastwirtschaft mit großem Restaurantsaal.
Das Areal umfasste etwa acht Hektar, mit 7,7 Kilometern Gleisen und 45 Weichen.
Hier lag auch das betriebliche Zentrum der Bahn mit Heizhäusern, Wagenremise und Werkstätte.
Nach der Übernahme der Schneebergbahn 1899 wurde der Bahnhof zum Ausgangspunkt für viele Wochenend- und Ausflugsfahrten.
1902 fuhr auch Kaiser Franz Joseph I. von hier zu seinem Besuch auf dem Schneeberg.
1937 übernahmen die Bundesbahnen Österreichs den Betrieb pachtweise, weil die Gesellschaft überschuldet war.
1939 bis 1942: die Deportationen
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 änderte sich die Bedeutung dieses Ortes.
Von Oktober 1939 bis Oktober 1942 wurden etwa 50.000 Jüdinnen und Juden zusammengetrieben und vom Aspangbahnhof aus deportiert.
Die 47 Transporte führten zunächst in Sammellager, die Ghettos genannt wurden, und später direkt in Konzentrations- und Vernichtungslager.
Ab 1943 wurden die Deportationszüge vom Nordbahnhof aus abgefertigt.
Das Mahnmal von 2017 nennt 47.035 Deportierte und 1.073 Überlebende.


Nach dem Krieg: Verfall und Abriss
Anfang 1945 kam der Betrieb kriegsbedingt zum Erliegen, am 26. Juli 1945 fuhr wieder der erste Zug.
Bis 1947 gab es wegen Kohlemangels nur einen Zug pro Tag.
Bis 1955 nutzten die britischen Besatzungstruppen den Bahnhof für ihre Züge in die Steiermark und nach Kärnten.
Auch danach wurde kaum erneuert, und die Anlagen verfielen zunehmend.
Der letzte Dampfzug nach Puchberg am Schneeberg fuhr am 26. September 1970 ab.
Mit der Schnellbahn-Haltestelle Rennweg verlor der Bahnhof im Mai 1971 seine Funktion im Personenverkehr, zum 31. Mai 1971 wurde er dafür gesperrt.
Im Sommer 1977 wurde das Aufnahmegebäude abgerissen, dabei fand man römische Mauern und zahlreiche antike Artefakte.
Für den Güterverkehr blieb er noch bis 2001 erhalten.
2001/02 wurde die Strecke in den St. Marxer Tunnel verlegt, und das gesamte Gelände wurde aufgelassen.
Das Erinnern
1983 wurde durch die Initiative einer Privatperson ein Gedenkstein gesetzt.
Seit dem 9. November 1994 hält die Initiative Aspangbahnhof hier jährlich eine Mahnwache und Kundgebung ab.
Am 8. Mai 1995, dem 50. Jahrestag der Befreiung, wurde der Platz der Opfer der Deportation eingeweiht.
Im September 2017 wurde im Leon-Zelman-Park das 30 Meter lange Mahnmal eröffnet.
Seine spitz zulaufenden Schienen aus Beton führen in einen schwarzen Betonblock hinein.







So sieht es jetzt aus
Die Fläche des abgerissenen Bahnhofs blieb lange unbebaut.
Erst ab 2003 kam es zu konkreten Planungen für das Stadtentwicklungsgebiet Aspanggründe.
Insgesamt entstanden rund 1.200 Wohnungen, und im Bereich des ehemaligen Bahnhofs wurde der Leon-Zelman-Park angelegt.
Die Aufnahmen vom Juni 2015 zeigen das neue Quartier während des Baus.
Eine zweite Entwicklungsphase mit dem Namen Village im Dritten war zuletzt mit rund 1.900 Wohnungen geplant.






Die Geschichte in Daten
Juli 1879: Ende der Schifffahrt im Wiener Stadtgebiet.
1881: Eröffnung des Bahnhofs.
1899: Übernahme der Schneebergbahn.
Oktober 1939 bis Oktober 1942: 47 Transporte mit etwa 50.000 Jüdinnen und Juden.
1945–1955: Züge der britischen Besatzungstruppen.
26. September 1970: Letzter Dampfzug nach Puchberg.
31. Mai 1971: Ende des Personenverkehrs.
Sommer 1977: Abriss des Aufnahmegebäudes.
1983: Gedenkstein.
8. Mai 1995: Einweihung des Platzes der Opfer der Deportation.
2001/02: Auflassung des Geländes.
September 2017: Eröffnung des Mahnmals.
Häufige Fragen
Wo lag der Aspangbahnhof?
Wie viele Menschen wurden von hier deportiert?
Steht vom Bahnhof noch etwas?
Was steht heute dort?
Warum dieser Ort bleibt
Vom Aspangbahnhof ist nichts mehr zu sehen.
Geblieben sind ein Stein, ein Mahnmal und der Name eines Platzes.
Sie erinnern an Menschen, die von hier aus verschleppt wurden und in den meisten Fällen nicht zurückkehrten.
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