Die Salzwedeler Kleinbahnen: Zwei Strecken nach Diesdorf und Badel
Von Salzwedel Neustadt führten zwei Kleinbahnen in den Süden der Altmark, eine nach Diesdorf, eine nach Badel. Die Züge fuhren bis 1980 beziehungsweise 1995, die Strecken wurden 1997 stillgelegt.


Strecken: Salzwedel–Diesdorf (36,2 Kilometer) und Salzwedel–Badel (20,0 Kilometer). Status: Diesdorf-Strecke zum 1. April 1997 stillgelegt, Personenverkehr nach Badel 1980 beendet. Rückbau: Gleise der Diesdorf-Strecke 2004 entfernt, Empfangsgebäude Salzwedel Neustadt 2005 abgerissen.
Die Salzwedeler Kleinbahnen erschlossen ab 1900 den Raum südlich von Salzwedel mit zwei Strecken, die beide am Bahnhof Salzwedel Neustadt begannen.
Die eine führte nach Diesdorf, die andere nach Badel und zeitweise weiter in Richtung Kalbe (Milde).
Dieser Beitrag stellt beide Strecken und ihre Halte vor, außerdem den Bahnhof Kalbe (Milde) als Betriebsmittelpunkt der Nachbarbahn.
Freie historische Fotos der beiden Strecken sind kaum vorhanden, deshalb ist die Bildauswahl klein.
Entstehung: Zwei Gesellschaften, ein Ziel
Am 29. Mai 1899 wurde die Salzwedeler Kleinbahn GmbH gegründet, am 29. Mai 1901 die Salzwedeler Kleinbahn-Gesellschaft Südost GmbH.
An beiden war neben privaten Anlegern die Provinz Sachsen beteiligt.
Am 24. November 1921 schlossen sich die Gesellschaften zu den Salzwedeler Kleinbahnen GmbH zusammen.
Seit 1942/43 firmierte das Unternehmen als Salzwedeler Eisenbahn GmbH.
Beide Strecken wurden zunächst mit einer Spurweite von 1.000 Millimetern gebaut, um Kosten zu sparen.
In Salzwedel entstand dafür unmittelbar östlich des Staatsbahnhofs der Bahnhof Salzwedel Neustadt.
So sah es vorher aus: Schmalspur mit Rollböcken
Auf der Diesdorfer Strecke fuhren die ersten Züge im Oktober 1900 nach Wallstawe, im Dezember 1900 wurde Dülseberg erreicht.
Am 15. Oktober 1901 erreichten die Züge nach rund 30 Kilometern Diesdorf.
Die Strecke nach Badel ging abschnittsweise in Betrieb, am 5. Dezember 1901 bis Mahlsdorf, am 24. Dezember 1901 bis Büssen und am 1. September 1902 bis Winterfeld.
Güter wurden im Rollbockverfahren befördert, bei dem Normalspurwagen auf Schmalspurfahrzeugen verladen werden.
Eingesetzt wurden dreiachsige Tenderlokomotiven, die ersten fabrikneu von Hanomag in Hannover.
1909 verkehrten vier Zugpaare als gemischte Züge auf der Diesdorfer Strecke, sie brauchten rund 110 Minuten.
Die Zuckerfabrik in Salzwedel hatte an der Diesdorfer Strecke einen besonders hohen Güterumschlag, ihre Lokomotive hieß im Volksmund „Zuckerlieschen“.
Schon 1902 wurden die Gleisanlagen in Salzwedel Neustadt erweitert, weil mehr Verkehr aufkam als erwartet.
Salzwedel Neustadt: Der gemeinsame Ausgangspunkt
Von Salzwedel Neustadt, Kilometer 0,0, fuhren die Züge in beide Richtungen.
Am 20. Juni 1927 wurde der Bahnhof im Zuge der Umspurung vorübergehend stillgelegt.
In den 1930er Jahren erhielt er ein neues Empfangsgebäude.
Im Zweiten Weltkrieg erhielt der Bahnhof Bombentreffer.
Das Gleis wurde 2004 entfernt, 2005 wurde das Empfangsgebäude abgerissen.
Salzwedel Neuetor und Altperver Tor
Bei Kilometer 1,6 lag der Bahnhof Salzwedel Altperver Tor, wo die Strecken nach Diesdorf und nach Badel auseinandergingen.
Auch dieser Bahnhof erhielt im Zweiten Weltkrieg Bombentreffer.
Die Schranke am Bahnübergang musste zuletzt vom Zugbegleitpersonal bedient werden, sodass der Zug hier zweimal hielt.
Ein Stück der Trasse nahe Altperver Tor wurde später von einer Umgehungsstraße überbaut.
Die schmalspurige Diesdorfer Strecke kreuzte die Staatsbahn nach Oebisfelde niveaugleich im südlichen Stadtgebiet, wenige Meter südwestlich der Kreuzung lag der Bahnhof Salzwedel Neuetor, der bis 1927 bestand.
Steinitz, Wieblitz-Eversdorf, Tylsen und Wallstawe
Hinter der Stadt folgten Steinitz Ost bei Kilometer 5,7 und Steinitz bei Kilometer 6,5, später Wieblitz-Eversdorf bei 9,5 und Tylsen bei 11,7.
Wallstawe bei Kilometer 13,9 war im Oktober 1900 das erste Ziel der Schmalspurbahn.
Wieblitz-Eversdorf hieß vor 1928 nur Wieblitz.
Güterladeeinrichtungen wurden in mehreren Bahnhöfen der Strecke erweitert.
Ellenberg, Wiershorst und Dähre
Ellenberg lag bei Kilometer 18,3, Wiershorst bei 20,7, Dähre bei 22,3.
Wiershorst hieß zunächst Deutschhorst und dann Wiershorst-Deutschhorst.
Die Normalspur erreichte am 5. Oktober 1927 zuerst Dähre.
In den 1930er Jahren bekam Dähre ein neues Empfangsgebäude.
Von Dähre aus fuhren bis 1928 noch Schmalspurzüge nach Diesdorf, danach lief die Strecke auf einer 15 Kilometer langen Neubautrasse weiter westlich, die um sechs Kilometer länger war.
Bonese, Schadeberg und Diesdorf
Hinter Dähre folgten Dähre West bei Kilometer 25,4, Bonese Ost bei 26,9, Bonese bei 27,8 und Bonese Süd bei 29,4.
Weiter ging es über Schadeberg-Dülseberg bei 30,8 und Schadeberg bei 32,5 sowie Schadeberg-Schadewohl bei 33,6.
Diesdorf bei Kilometer 36,2 war der Endpunkt, hier trafen die normalspurigen Strecken Beetzendorf–Rohrberg–Diesdorf und Wittingen–Zasenbeck–Diesdorf der Altmärkischen Kleinbahn zusammen.
Krinau und Fuchsberg: Die Strecke nach Badel
Krinau, früher Kricheldorf, lag bei Kilometer 4,1 der Strecke nach Badel und erhielt 1951 seinen heutigen Namen.
Der Bahnhof Fuchsberg, ab 1957 Krinau Fuchsberger Straße, lag bei Kilometer 6,1.
Hier sorgte ein Hartsteinwerk für zusätzliche Fracht.
1935 wurde am Bahnhof Fuchsberg der Flugplatz Salzwedel als Luftwaffenstützpunkt ausgebaut, er erhielt einen Gleisanschluss mit 4,3 Kilometern Schienenlänge.

Stappenbeck, Mahlsdorf, Benkendorf und Jeggeleben
Stappenbeck Nord, früher Buchwitz, lag bei Kilometer 6,9 und Stappenbeck bei 7,8.
Mahlsdorf bei Kilometer 9,7 war im Dezember 1901 der erste Endpunkt dieser Strecke.
Benkendorf lag bei 11,8, Benkendorf Süd, früher Büssen, bei 13,5.
Jeggeleben folgte bei Kilometer 15,5.
Jeggeleben Süd, früher Mösenthin-Zierau, entstand mit der Neutrassierung 1926 bei Kilometer 17,6.
Zuvor hatte die Strecke von Jeggeleben aus direkt nach Winterfeld geführt.
Winterfeld und Badel
Die Schmalspurbahn endete bei Kilometer 19,0 in Winterfeld, rund fünf Kilometer westlich von Badel.
Nach der Umspurung 1926 führte die neue, rund einen Kilometer längere Strecke bis nach Badel, weil so weitere Dörfer angeschlossen und die Strecke in Richtung Kalbe (Milde) verkürzt werden konnten.
Am 2. Oktober 1926 begann der Normalspurbetrieb nach Badel mit Güterzügen, am 29. Oktober desselben Jahres auch der Personenverkehr.
Badel bei Kilometer 20,0 war Endpunkt der Strecke und Anschluss an die Bahn nach Kalbe (Milde).
Zu den wichtigsten Güterkunden zählte ab 1903 bis zur Schließung 1990 die Chemische Fabrik Neukranz im Salzwedeler Stadtteil Perver, die später VEB Alcid hieß und Apatit von der sowjetischen Halbinsel Kola erhielt.
Kalbe (Milde): Betriebsmittelpunkt der Nachbarbahn
Der Bahnhof Kalbe (Milde) war jahrzehntelang der Betriebsmittelpunkt des rund 127 Kilometer langen Netzes der Altmärkischen Eisenbahn-AG und ihrer Vorgängergesellschaften.
Von Kalbe aus gingen zeitweise Züge in fünf Richtungen.
1937 waren dort bis zu neun Lokomotiven stationiert, nach der Übernahme durch die Reichsbahn gehörte der Lokbahnhof zum Bahnbetriebswerk Salzwedel.
Mit der Strecke von Salzwedel bestand ein Anschluss in Badel, 1938/39 fuhren drei der vier werktäglichen Zugpaare von Salzwedel bis Kalbe.
2025 wurde auf dem ehemaligen Bahndamm zwischen Kalbe und Bismark ein 2,5 Meter breiter betonierter Weg eröffnet.
Niedergang auf der Strecke nach Diesdorf
1927 begann die Umspurung auf Normalspur, am 4. Oktober 1928 verkehrten Züge auf der gesamten Strecke in Normalspur.
Täglich fuhren zunächst drei Zugpaare, Triebwagen übernahmen den Personenverkehr.
Im Fahrplanjahr 1938/39 verkehrten werktags vier und sonntags fünf Personenzugpaare, 245.403 Personen und 289.716 Tonnen Güter wurden befördert.
1945 wurde der Betrieb zwischen Dähre und Diesdorf wegen der Nähe der innerdeutschen Grenze eingestellt, die Sperrung wurde am 27. Februar 1946 aufgehoben.
Am 1. April 1949 übernahm die Deutsche Reichsbahn die Kleinbahnen.
Ab 1963 fuhren Schienenbusse der Baureihe VT 2.09.
Am 25. Juni 1979 wurde der Betrieb wegen schlechten Oberbaus eingestellt, doch Treibstoffknappheit und hohes Güteraufkommen führten zur Sanierung.
Rund 170 Studenten aus mehreren RGW-Staaten halfen im Sommer 1982 im „Internationalen Studentensommer“ bei der Sanierung des Abschnitts Salzwedel–Dähre.
Seit dem 23. Mai 1982 verkehrten wieder Züge auf der Gesamtstrecke.
Nach der Wende nahm das Verkehrsaufkommen deutlich ab, die Zuckerfabrik schloss 1991.
Am 23. Mai 1993 endete der Personenverkehr zwischen Dähre und Diesdorf, am 31. Dezember 1995 auch auf dem restlichen Streckenstück.
Der Güterverkehr war zwischen Dähre und Diesdorf am 22. Mai 1993 eingestellt worden, zwischen Salzwedel und Dähre am 31. Dezember 1994.
Zum 1. April 1997 wurde die Strecke stillgelegt.
Niedergang auf der Strecke nach Badel
Aufgrund des hohen Güteraufkommens für das Düngemittelwerk wurde die Strecke 1966 verlegt, die Personenzüge fuhren nun ab Salzwedel über Salzwedel Altstadt und eine rund ein Kilometer lange Neubaustrecke nach Krinau.
Im Winterfahrplan 1975/76 verkehrten täglich drei Personenzugpaare, zwei davon bis Kalbe, die Fahrzeit für die 21,9 Kilometer betrug rund eine Stunde.
Ab dem Sommerfahrplan 1979 fuhren die Züge wegen des schlechten Oberbaus höchstens 10 Kilometer pro Stunde.
Zum Winterfahrplan 1980/81 wurde die Stilllegung beschlossen, am 27. September 1980 fuhr der letzte Personenzug.
Auch der Güterverkehr zwischen Krinau Fuchsberger Straße und Badel endete zu diesem Zeitpunkt.
So sieht es jetzt aus: Gleise weg, Bahnhof abgerissen
Die Gleise der Diesdorfer Strecke wurden 2004 entfernt.
Das Empfangsgebäude von Salzwedel Neustadt wurde 2005 abgerissen.
Auf einem Teil der Strecke nahe Altperver Tor wurde eine Umgehungsstraße erbaut.
Vorher und nachher: Diesdorf
Die Aufnahmen aus den Jahren 1993 und 2010 zeigen den Bahnhof Diesdorf vor und nach dem Ende des Zugverkehrs.
Zuletzt fuhren Schienenbusse der Baureihe 771.
1897: In Salzwedel wird ein Komitee für den Bau der Strecke nach Diesdorf gegründet.
1900: Die ersten Züge fahren nach Wallstawe, im Dezember wird Dülseberg erreicht.
1901: Am 15. Oktober erreicht die Schmalspurbahn Diesdorf.
1902: Am 1. September erreicht die Kleinbahn Südost Winterfeld.
1921: Am 24. November entstehen die Salzwedeler Kleinbahnen durch Fusion.
1926: Am 2. Oktober beginnt der Normalspurbetrieb nach Badel.
1928: Am 4. Oktober verkehren Züge auf der gesamten Diesdorfer Strecke in Normalspur.
1949: Am 1. April übernimmt die Deutsche Reichsbahn die Kleinbahnen.
1966: Die Strecke nach Badel wird bei Salzwedel verlegt.
1980: Am 27. September fährt der letzte Personenzug nach Badel.
1982: Am 23. Mai wird der Verkehr nach Diesdorf nach Sanierung wiederaufgenommen.
1993: Am 23. Mai endet der Personenverkehr zwischen Dähre und Diesdorf.
1995: Am 31. Dezember endet der Personenverkehr zwischen Salzwedel und Dähre.
1997: Zum 1. April wird die Strecke stillgelegt.
2004: Die Gleise der Diesdorfer Strecke werden entfernt.
2005: Das Empfangsgebäude Salzwedel Neustadt wird abgerissen.
Wer betrieb die Salzwedeler Kleinbahnen?
Wann endete der Personenverkehr nach Diesdorf?
Wann endete der Personenverkehr nach Badel?
Warum wurde die Strecke nach Badel 1966 verlegt?
Was ist vom Bahnhof Salzwedel Neustadt geblieben?
Wer weiter im Westen der Altmark unterwegs ist, findet die Staatsbahnstrecke Oebisfelde–Salzwedel mit ihren stillen Halten im Beitrag Oebisfelde–Salzwedel.
Wikipedia: Salzwedeler Kleinbahnen · Wikipedia: Bahnstrecke Salzwedel–Diesdorf · Wikipedia: Bahnstrecke Salzwedel–Badel · Wikipedia: Altmärkische Kleinbahn · Wikipedia: Kalbe (Milde)
Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.
