Die stillen Kreisbahnen um Nauen: Von Rathenow und von Ketzin
Die Schmalspurbahn Rathenow–Senzke–Nauen und die Kleinbahn Nauen–Ketzin endeten beide in Nauen. Dieser Beitrag geht beide Strecken und ihre Halte durch.

Lage: Havelland, Brandenburg. Status: Beide Strecken sind für den Personenverkehr stillgelegt. Heute: Auf Teilen der Trasse der Kreisbahn liegen Radwege, in Ketzin sammelt ein Verein historische Fahrzeuge.
Im Havelland bauten die beiden Landkreise im Westen und Osten Bahnen, die beide in Nauen enden sollten.
Die Kreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen war eine Schmalspurbahn mit 750 Millimetern Spurweite und von 1900 bis 1961 in Betrieb.
Die Kleinbahn Nauen–Ketzin der Osthavelländischen Kreisbahnen eröffnete schon 1893.
Dieser Beitrag geht beide Strecken Halt für Halt durch, soweit Quellen etwas hergeben.
Alte freie Fotos der Halte stehen nicht zur Verfügung, deshalb zeigen die Bilder den Zustand aus neuerer Zeit.
Der Bahnhof Rathenow, an dem die Kreisbahn begann, hat einen eigenen Beitrag: Der Bahnhof Rathenow.
Die Kreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen
Die Kreisbahn war die einzige Schmalspurbahn im damaligen Landkreis Westhavelland und gehörte dem Kreis selbst.
Ihr Sitz war Rathenow.
Sie diente der Erschließung des Landstrichs zwischen der Hamburger Bahn im Norden und der Lehrter Bahn im Süden.
Weil sich die Trasse durch das Land schlängelte, um möglichst viele Ortschaften anzuschließen, erhielt die Bahn den Beinamen Krumme Pauline.
Häufig wurde sie auch Stille Pauline genannt.
Von 1932 bis zum 31. März 1949 hieß sie Kreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen.

Planung und Eröffnung
Der Kreistag in Rathenow erörterte 1895 Kleinbahnprojekte, um das von der Landwirtschaft geprägte Kreisgebiet besser zu erschließen.
Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten war nur bereit, eine schmalspurige Kleinbahn nach dem Kleinbahngesetz von 1892 zu genehmigen.
Am 29. Juni 1897 stimmte der Kreistag dem Bau zu.
Die Strecke sollte von Rathenow über Stechow, Ferchesar, Kotzen, Landin, Kriele, Haage, Senzke, Wagenitz und Brädikow nach Paulinenaue führen.
Am 28. Oktober 1898 genehmigte der Regierungspräsident in Potsdam Bau und Betrieb.
Anfang 1899 begannen die Bauarbeiten.
Am 10. April 1899 beschloss der Kreistag, anstelle einer Zweigbahn nach Pessin eine Ergänzungsstrecke nach Nauen zu bauen.
Sie sollte über Pessin, Retzow, Selbelang, Ribbeck, Berge und Lietzow führen.
Am 2. April 1900 wurde die 31,5 Kilometer lange Kleinbahn zwischen Rathenow und Paulinenaue eröffnet.
Die Zweigstrecke nach Nauen nahm man am 20. September 1901 ab, am 1. Oktober 1901 ging sie mit 20,1 Kilometern Länge in Betrieb.
Rathenow
Die Betriebsverwaltung und die Werkstätten der Kreisbahn lagen in Rathenow.
Der niedrigste Punkt des Streckennetzes befand sich hier, 27 Meter über Normalnull.
Auf dem Bahnhofsvorplatz liegt noch ein kurzes Stück Gleis, das unter Denkmalschutz steht.
Die Kreisbahn unterquerte in Rathenow die Brandenburgische Städtebahn.

Stechow und Ferchesar
Von Rathenow nach Ferchesar setzte die Bahn in den Sommermonaten Verstärkungszüge für den Ausflugsverkehr ein.
Auf dem Streckenabschnitt Rathenow–Stechow wurde später ein Bahntrassenradweg gebaut, der zum Havelland-Radweg gehört.
Der höchste Punkt des Netzes lag zwischen Ferchesar und Kotzen, 47 Meter über Normalnull.
Kotzen
Bei Kotzen mussten die Züge den Höhenzug Hohes Rott überwinden.
Dessen nördliche Ausläufer bewältigte die Bahn auf einer Länge von 1.000 Metern mit 17 Metern Höhenunterschied.
Auf dem Abschnitt über das Hohe Rott und von Kotzen bis Senzke gibt es heute Bahntrassenradwege.
Kriele
Zwischen Kriele und Kotzen mussten wegen des moorigen Untergrunds Einschnitte und bis zu zwei Meter hohe Dämme angelegt werden.
Im Sommer 1945 wurde der Abschnitt von Rathenow bis Kriele als Reparation demontiert, 17 Kilometer.
Kriele war damit der Endpunkt der Reststrecke.
Im Winterfahrplan 1946/47 fuhr dienstags und sonnabends ein Zug von Nauen nach Kriele, die Fahrzeit betrug 105 Minuten.
Senzke
In Senzke zweigte die 20 Kilometer lange Strecke über Ribbeck nach Nauen ab.
Hier kreuzten sich die Züge von Rathenow und Nauen, und die Lokomotiven wechselten.
Im Zweiten Weltkrieg sprengten deutsche Verbände wenige Tage nach dem 20. April 1945 die beiden Kleinbahnbrücken über dem Havelländischen Hauptkanal.
Der Verkehr zwischen Nauen und Senzke kam am 9. Februar 1946 wieder in Gang, nachdem die Brücke bei Senzke repariert war.
Wagenitz
Am 1. Januar 1924 wurde der Reiseverkehr auf der Teilstrecke Senzke–Paulinenaue eingestellt, und der Güterverkehr wurde auf den Abschnitt Senzke–Wagenitz beschränkt.
Am 31. März 1943 endete der Bedarfsgüterverkehr auf der Teilstrecke Senzke–Wagenitz, die Gleise wurden sofort abgebaut.
Paulinenaue
Paulinenaue lag an der Hamburger Bahn und war ursprünglich das Ziel der Kreisbahn.
Am 1. April 1924 wurde die Kreisbahn von der Beförderungspflicht zwischen Wagenitz und Paulinenaue entbunden.
Die Gleise blieben zunächst liegen und wurden erst Mitte der 1930er Jahre abgebaut.
Selbelang
Auf dem Gelände des ehemaligen Gutes Selbelang ist ein Stück des Anschlussgleises erhalten geblieben.
Im Wald zwischen Selbelang und Ribbeck sowie zwischen Selbelang und Retzow sind noch Reste des früheren Bahndamms zu erkennen.
Ribbeck
Zwischen Ribbeck und Nauen wurde ein Bahntrassenradweg gebaut, der zum Havelland-Radweg gehört.
Besonders in der Rübenkampagne rollten ständig Bedarfsgüterzüge nach Nauen.
Das Ende der Kreisbahn
Bis 1914 beförderte die Bahn jährlich durchschnittlich 100.000 Personen und knapp 50.000 Tonnen Güter.
Im Zweiten Weltkrieg stieg der Reiseverkehr auf mehr als 200.000 Personen pro Jahr, weil in Rathenow stationierte Wehrmachtsangehörige die preisgünstige Verbindung nach Nauen nutzten.
1945 musste der Verkehr erneut eingestellt werden, weil die Kreisbahn unter die Reparationsleistungen an die UdSSR gefallen war.
Im Spätsommer 1945 überzeugte der Rathenower Landrat die Besatzungsmacht von der Notwendigkeit der Bahn.
Die Kreisbahn kam später zur Deutschen Reichsbahn.
Der Personenverkehr hielt sich bis zum 24. Januar 1961.
Am 1. April 1961 endete der Güterverkehr.
Die Osthavelländischen Kreisbahnen
Unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Preußischen Kleinbahngesetzes 1893 beschlossen der Landkreis Osthavelland, die Gemeinden Nauen und Ketzin und die Zuckerfabrik Nauen, das Kreisgebiet mit Eisenbahnen zu erschließen.
Die erste Strecke war die 16 Kilometer lange Kleinbahn von Nauen nach Ketzin.
Sie wurde am 4. Oktober 1893 für den Güterverkehr und am 13. Dezember 1893 für den Personenverkehr eröffnet.
Für Rechnung des Kreises baute die Gesellschaft außerdem die Strecke von Nauen nach Velten, die am 1. Oktober 1904 eröffnet wurde.
1924 kaufte die Gesellschaft beide Strecken auf, und das Netz erreichte 60 Kilometer Länge.
Die Gesellschaft wurde 1946 von der Sowjetischen Besatzungsmacht enteignet.
Nauen Kleinbahnhof
Die Strecke nach Ketzin begann im Kleinbahnhof der Kreisstadt an der Berlin-Hamburger Bahn.
Die Strecke nach Velten hatte ihren Bahnhof nördlich des Staatsbahnhofs, die nach Ketzin südlich davon.
Erst bei der Höherlegung der Staatsbahn wurde eine Unterführung gebaut und die Veltener Bahn in den südlichen Bahnhof eingeführt.
Der Kleinbahnhof Nauen wurde 1966 aufgegeben.
Auf der Strecke Nauen–Velten endeten der Personenverkehr am 8. Dezember 1963 und der Güterverkehr am 31. Mai 1964, sie wurde bis auf einen Rest in Nauen abgebaut.
Nauen Berliner Straße
An der Strecke nach Ketzin gab es die Haltestelle Nauen Berliner Straße.
Im Sommerfahrplan 1939 gab es vier tägliche Verbindungen von Nauen nach Ketzin und drei zurück.
Die Züge brauchten für die 15,6 Kilometer etwas unter 40 Minuten.
Röthehof
Bei Röthehof kreuzte die Strecke die Bahnstrecke Berlin–Lehrte.
Von dort bestand seit dem 1. Juli 1896 eine Verbindungsbahn für die Übergabe von Güterwagen zur Station Neugarten.
Der frühere Abzweigbahnhof Röthehof steht noch.

Ketzin
Der Bahnhof Ketzin war der Endbahnhof der Strecke und wurde 1893 eröffnet.
Ab 1913 hatte hier die Hauptwerkstatt der Kreisbahnen ihren Sitz.
Drei Jahre nach der Enteignung wurde Ketzin 1949 Bahnbetriebswerk der Deutschen Reichsbahn.
Der Personenverkehr nach Nauen endete in den 1960er Jahren, die Angaben nennen den 22. Mai 1963 und den 21. Mai 1966.
Im Güterverkehr blieb der Bahnhof bis 1997 in Betrieb, 1984 wurde noch eine Farbgebungshalle gebaut.
Am 15. September 1997 endete der Güterverkehr zwischen der Mülldeponie Ketzin und Ketzin, am 1. Juli 2000 zwischen dem Anschluss Mosolf und der Mülldeponie.
Das ehemalige Empfangsgebäude ist ein zweistöckiger Putzbau und wird als Wohnhaus genutzt.
Der Bahnhof hat vier Hauptgleise und drei Gleise zum Be- und Entladen.



Vorher und nachher: der Bahnhof Ketzin
2007 wurde der Förderverein Bahnhof Ketzin gegründet, um das Empfangsgebäude zu sanieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Drei Jahre später änderte der Verein seinen Namen in Arbeitsgemeinschaft Osthavelländische Kreisbahnen.
Er übernahm ein drei Kilometer langes Streckenstück und das Bahnhofsgelände ohne das Empfangsgebäude.
Auf dem Gelände stehen historische Lokomotiven, Triebzüge und Wagen der Reichsbahn.
Bis April 2018 war der Triebwagen VT 18.16.07 als Dauerleihgabe des DB-Museums ausgestellt.

So sieht es jetzt aus
Von der Kreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen ist fast nichts mehr zu sehen.
Gleisreste liegen auf dem Bahnhofsvorplatz in Rathenow und auf dem Gelände des ehemaligen Gutes Selbelang.
Auf mehreren Abschnitten verlaufen Radwege auf der Trasse.
Seit 2019 setzt sich die Stadt Ketzin für eine Nahverkehrsverbindung nach Wustermark über Röthehof und Neugarten ein.
Eine Machbarkeitsstudie vom Dezember 2019 sieht batterieelektrische Fahrzeuge im Stundentakt vor und schätzt die Kosten auf 15 Millionen Euro.
1893: Am 4. Oktober und am 13. Dezember eröffnet die Kleinbahn Nauen–Ketzin für Güter und Personen.
1896: Am 1. Juli beginnt die Verbindungsbahn von Röthehof nach Neugarten.
1900: Am 2. April wird die Kleinbahn Rathenow–Paulinenaue eröffnet.
1901: Am 1. Oktober geht die Zweigstrecke nach Nauen in Betrieb.
1904: Am 1. Oktober wird die Strecke Nauen–Velten eröffnet.
1924: Am 1. Januar endet der Reiseverkehr zwischen Senzke und Paulinenaue.
1943: Am 31. März endet der Güterverkehr zwischen Senzke und Wagenitz.
1945: Im Sommer wird der Abschnitt Rathenow–Kriele als Reparation demontiert.
1946: Am 9. Februar fährt der Verkehr zwischen Nauen und Senzke wieder.
1961: Am 24. Januar endet der Personenverkehr, am 1. April der Güterverkehr der Kreisbahn.
1963: Am 8. Dezember endet der Personenverkehr zwischen Nauen und Velten.
1966: Der Kleinbahnhof Nauen wird aufgegeben.
1997: Am 15. September endet der Güterverkehr bis Ketzin.
2007: Der Förderverein Bahnhof Ketzin wird gegründet.
Warum hieß die Kreisbahn Krumme Pauline?
Wurde die Kreisbahn nach 1945 als Reparation abgebaut?
Wann fuhr der letzte Personenzug der Kreisbahn?
Wann endete der Personenverkehr Nauen–Ketzin?
Gibt es noch Gleise?
Beide Bahnen enden heute ohne Personenverkehr, geblieben sind Gleisreste, Radwege und der Bahnhof in Ketzin.
Wikipedia: Kreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen · Wikipedia: Osthavelländische Kreisbahnen · Wikipedia: Bahnhof Ketzin · Wikimedia Commons: Bilder zu den Strecken
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