Die Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück: 48 Jahre auf 750 Millimetern

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück: 48 Jahre auf 750 Millimetern

Von 1904 bis 1952 verband eine Schmalspurbahn Lingen und Quakenbrück über 56,9 Kilometer. Heute erinnern ein Bahnhofsgebäude, zwei Denkmäler und Spuren der Trasse an sie.

Der ehemalige Bahnhof Bawinkel an der Kleinbahn, 2019.
Der ehemalige Bahnhof Bawinkel an der Kleinbahn, 2019. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1904
Kleinbahn eröffnet
750 mm
Spurweite
56,9 km
Streckenlänge
1952
Betrieb eingestellt

Lage: Zwischen Lingen und Quakenbrück über Bawinkel, Wettrup, Vechtel, Berge und Menslage. Status: Am 31. Mai 1952 stillgelegt und abgebaut. Heute: Erhalten sind die Bahnhofsgebäude in Bawinkel und Quakenbrück sowie Denkmäler in Bawinkel und Berge.

Die schmalspurige Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück erschloss zwischen dem 31. Mai 1904 und ihrer Stilllegung am 31. Mai 1952 den ländlichen Raum zwischen den beiden Städten.

Sie war 56,9 Kilometer lang und hatte eine Spurweite von 750 Millimetern.

Für den Beginn des Betriebs wird auch der 1. Juni 1904 genannt, die Angaben gehen also um einen Tag auseinander.

Mit dem Bahnhofsgebäude in Bawinkel und dem Gebäude in Quakenbrück sind zwei Empfangsgebäude erhalten.

Alle Fotos zeigen die Reste von heute, denn freie Aufnahmen des Betriebs fehlen bis auf zwei Abbildungen der Lokomotiven.

Wie die Kleinbahn entstand

Die Kleinbahn entstand aus dem Bestreben der Gemeinde Berge, den umgebenden ländlichen Raum verkehrsmäßig besser anzuschließen.

Ein erster Versuch, ein solches Bahnprojekt zu verwirklichen, scheiterte 1897.

Erst als auch die Gemeinde Wettrup Interesse an einer Bahnverbindung gezeigt hatte, wurde ein Komitee der Kreise Lingen und Bersenbrück und der Ortschaften an der Strecke gegründet.

Dieses Komitee arbeitete bis zum Jahresende 1899 die Vorarbeiten aus.

Am 2. Oktober 1901 wurde die Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück GmbH gegründet.

Von den 1.307.600 Mark Gründungskapital übernahm das Land Preußen ein Drittel, den Rest brachten die Ortschaften, der Kreis Lingen und Privatleute auf.

Aus Kostengründen wurde die Bahn mit nur 750 Millimetern Spurweite gebaut.

Der erste Spatenstich war im Juni 1902, und die feierliche Eröffnung fand am 31. Mai 1904 statt.

An beiden Endpunkten entstand eine Verknüpfung mit der Staatsbahn.

Schmalspurige Kleinbahnlokomotive der Bauart C-Zwilling-Nassdampf, Abbildung um 1920.
Schmalspurige Kleinbahnlokomotive der Bauart C-Zwilling-Nassdampf, Abbildung um 1920. Foto: Unknown photographer, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Die Tenderlokomotive III der Kleinbahn, Werksfoto von Hanomag, um 1921.
Die Tenderlokomotive III der Kleinbahn, Werksfoto von Hanomag, um 1921. Foto: Hanomag Werksfoto, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Lingen: Kleinbahnhof und Hafenstichstrecke

Die Strecke begann am Kleinbahnhof Lingen, einige hundert Meter nördlich des Bahnhofs der Staatsbahn.

Reisende mussten diese Strecke zu Fuß zurücklegen.

Am Kleinbahnhof lagen auch die Werkstatt und der größte der drei Lokschuppen der Bahn.

Außerdem gab es eine Grube für Rollwagen zum Wagenaustausch mit der Staatsbahn.

Vom Bahnhof zweigte eine Stichstrecke zum Lingener Hafen am Dortmund-Ems-Kanal ab, an der mehrere Lingener Firmen Gleisanschlüsse besaßen.

Am Hafen stand für das Umladen ein dampfbetriebener Kran.

Nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof überquerte die Kleinbahn auf einer Brücke die Staatsbahnstrecke und passierte die Bedarfshaltestelle Lingen-Stadtflur.

Der ungefähre Standort des Kleinbahnhofes Lingen an der Straßenbrücke zur B 70, aufgenommen im Januar 2008.
Der ungefähre Standort des Kleinbahnhofes Lingen an der Straßenbrücke zur B 70, aufgenommen im Januar 2008. Foto: Ramsch 14:55, 17. Jan. 2008 (CET), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Lokschuppen in Lingen stand nach der Stilllegung noch einige Jahre und wurde Ende der 1970er Jahre beim Bau der Nordbrücke, der heutigen Ludwig-Erhard-Brücke, abgerissen.

Erhalten sind noch Reste der steinernen Brückenwiderlager und des Bahndamms in Höhe der Überquerung der Staatsbahn.

Brögbern, Clusorth und Plankorth

Hinter Lingen folgten Brögbern bei Kilometer 4,7, Clusorth bei Kilometer 6,3 und Plankorth bei Kilometer 7,8.

In Clusorth wurde 1904 ein Bahnhof eröffnet.

Zwischen Lingen-Stadtflur und Bawinkel nutzte die Bahn als Trasse die vorhandene Straße, die zum Teil die heutige Bundesstraße 213 ist.

Die ehemalige Trasse der Kleinbahn, aufgenommen im Januar 2008.
Die ehemalige Trasse der Kleinbahn, aufgenommen im Januar 2008. Foto: Ramsch 15:09, 17. Jan. 2008 (CET), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Bawinkel

Der Bahnhof Bawinkel lag bei Kilometer 10,2 und hatte ein Stationsgebäude und eine Verladerampe.

Hier wurden hauptsächlich Holz und Vieh umgeschlagen.

Die Fahrzeit auf der etwa zehn Kilometer langen Strecke nach Lingen betrug etwa 35 Minuten.

Die Materialanfuhr für den Bau der Pfarrkirche St. Alexander in den Jahren 1904 bis 1906 erfolgte mit der Kleinbahn.

Das Empfangsgebäude steht noch.

Das Kleinbahndenkmal in Bawinkel, 2019.
Das Kleinbahndenkmal in Bawinkel, 2019. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Bregenbeck, Gersten, Lengerich und Wettrup

Hinter Bawinkel folgte die Bedarfshaltestelle Bregenbeck, danach der Bahnhof Gersten bei Kilometer 17,1.

Lengerich hatte einen Bedarfshaltepunkt, der einige Kilometer nördlich außerhalb des Ortes lag.

Verladen wurden dort überwiegend Holz, Baumaterial und Vieh.

Der Personenverkehr spielte stets nur eine untergeordnete Rolle, obwohl er sich besser entwickelte als angenommen.

Wettrup, dessen Interesse die Gründung des Komitees ausgelöst hatte, bekam einen Bahnhof bei Kilometer 23,8.

In Gersten und Wettrup standen eigene Bahnhofsgebäude.

Handrup und Vechtel

Am Kloster Handrup gab es bei Kilometer 24,9 eine Ladestelle.

Vechtel lag bei Kilometer 27,3 etwa in der Mitte der Strecke.

Seit 1911 besaß Vechtel einen Lokschuppen, weil hier die Abendzüge aus beiden Richtungen endeten und morgens wieder eingesetzt wurden.

Der Bahnhof in Vechtel war damit Einsatzstelle und Übernachtungsstation für die Züge der Kleinbahn.

Ohrtermersch und Ohrte

Weiter führte die Strecke über Ohrtermersch bei Kilometer 30,2 nach Ohrte bei Kilometer 31,2.

In Ohrte gab es seit etwa 1910 einen Abzweig zur Ziegelei.

Die Ziegelei war mit ihrem Bedarf an Kohle und dem Transport von Klinker und Tonrohren einer der wichtigsten Frachtkunden der Kleinbahn.

Bei Kilometer 35,0 wurde seit 1920 im Berger Hügelland eine Kiesgrube betrieben, die über ein Anschlussgleis verfügte.

Links auf der Rasenfläche lag der Bahnhof Ohrtermersch, 2022.
Links auf der Rasenfläche lag der Bahnhof Ohrtermersch, 2022. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Trasse der Kleinbahn zwischen Vechtel und Ohrtermersch, 2022.
Die Trasse der Kleinbahn zwischen Vechtel und Ohrtermersch, 2022. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Berge, Dalvers und Renslage

Mit dem Bahnhof Berge bei Kilometer 37,1 wurde die größte Zwischenstation erreicht.

Von hier wurde vor allem Holz aus den Berger Waldungen abgefahren.

Danach folgten die Stationen Dalvers bei Kilometer 40,7 und Renslage bei Kilometer 42,1.

Der Berger Bahnhof war bis 2008 Sitz der Gemeindeverwaltung.

Das Empfangsgebäude in Berge wurde 2013 abgerissen.

Auf der ehemaligen Gleisfläche erinnern zwei Güterwagen als Denkmal an die Kleinbahn.

Der Heimatverein Berge kümmert sich um das Andenken der Kleinbahn, und das Denkmal wurde 1977 eingeweiht.

Zwei Güterwagen als Denkmal vor dem ehemaligen Bahnhof Berge.
Zwei Güterwagen als Denkmal vor dem ehemaligen Bahnhof Berge. Foto: User:Stefan Kunzmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Andorf, Menslage, Schandorf, Wierup und Bottorf

Es folgten Andorf bei Kilometer 44,9 und Menslage bei Kilometer 46,0.

In Menslage stand ein eigenes Bahnhofsgebäude, und der Ort war von 1904 bis 1952 an die Kleinbahn angeschlossen.

Danach ging es über die Bedarfshaltestellen Schandorf bei Kilometer 47,0 und Wierup bei Kilometer 48,2 zum Bahnhof Bottorf bei Kilometer 50,2.

Bedarfshaltestellen waren auch Wasserhausen bei Kilometer 52,0 und Hasebrücke bei Kilometer 53,1.

An den Stationen ohne eigenes Gebäude wurden Fahrkarten verkauft und Stückgut abgefertigt, und zwar durch Agenten, oft die Dorfwirte.

Quakenbrück: der Umstieg zu Fuß

Der Bahnhof Quakenbrück lag bei Kilometer 55,3 dem Staatsbahnhof etwas versetzt gegenüber.

Ein direktes Umsteigen zwischen Kleinbahn und Staatsbahn war wegen rechtlicher Streitigkeiten nicht möglich.

Die Reisenden mussten einen mehrere hundert Meter langen Umweg zu Fuß zurücklegen.

Auf dem nördlichen Streckenabschnitt wurden keine Rollwagen eingesetzt, und die Güter wurden am Quakenbrücker Bahnhof von Hand zwischen den Wagen der Kleinbahn und der Staatsbahn umgeladen.

Zur Unterscheidung vom Bahnhof der Kleinbahn wurde der Staatsbahnhof Hauptbahnhof genannt.

Fahrzeuge und Verkehr

Zur Betriebseröffnung gab es vier Lokomotiven, fünf Personenwagen, zwei Post- und Gepäckwagen und 22 Güterwagen.

Die ersten Lokomotiven waren dreiachsige Tenderlokomotiven von Hanomag, 1908 kam eine weitere hinzu.

Mit diesen fünf Lokomotiven wurde bis 1922 der Verkehr bewältigt, dann ersetzten Borsig-Lokomotiven drei der alten.

1936 wurde eine gebrauchte Malletlokomotive erworben, die im Zweiten Weltkrieg abgegeben werden musste, und 1948 kaufte man eine weitere gebrauchte Malletlok von der Gartetalbahn.

Die fünf Personenwagen hatten je ein Abteil 2. Klasse und zwei Abteile 3. Klasse, die Abteile 2. Klasse wurden später wieder ausgebaut.

Der Personenverkehr blieb spärlich, doch entwickelte sich rasch ein starker Güterverkehr.

Kurz vor der Stilllegung bestanden 29 geschlossene und 40 offene Güterwagen sowie vier Rollwagen für normalspurige Güterwagen.

In den 1930er Jahren gab es ein Zwischenhoch, als beim Bau des Quakenbrücker Flugplatzes Kies mit der Kleinbahn transportiert wurde.

Das Ende 1952

Nach dem Zweiten Weltkrieg gefährdete der stärker werdende Kraftverkehr die Existenzgrundlage der Kleinbahn.

Nötige Erneuerungen an Material und Wagenpark konnten nicht mehr vorgenommen werden.

Am 1. Januar 1951 wurde ein Antrag auf Entbindung von der Beförderungspflicht gestellt.

Am 31. Mai 1952 wurde der Betrieb eingestellt, und bald darauf wurden die Betriebsanlagen demontiert.

So sieht es jetzt aus

An die Kleinbahn erinnern die erhaltenen Bahnhofsgebäude in Bawinkel und Quakenbrück.

Hinzu kommen die Denkmäler in Bawinkel und Berge und Reste der steinernen Brückenwiderlager und des Bahndamms in Lingen.

In Lingen liegt an der Kiwittstraße ein Anschlussgleis der Firma Kynast, das vor 1953 die Trasse der Kleinbahn war.

Beginn einer Rillenschiene am Bahnübergang Kiwittstraße, ehemaliges Anschlussgleis der Firma Kynast, vor 1953 Trasse der Kleinbahn, 2024.
Beginn einer Rillenschiene am Bahnübergang Kiwittstraße, ehemaliges Anschlussgleis der Firma Kynast, vor 1953 Trasse der Kleinbahn, 2024. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnübergang Kiwittstraße am Anschlussgleis der Firma Kynast, vor 1953 Trasse der Kleinbahn, 2024.
Der Bahnübergang Kiwittstraße am Anschlussgleis der Firma Kynast, vor 1953 Trasse der Kleinbahn, 2024. Foto: Ramsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

1897: Der erste Versuch, ein Bahnprojekt zu verwirklichen, scheitert.

1899: Zum Jahresende sind die Vorarbeiten des Komitees abgeschlossen.

1901: Am 2. Oktober wird die Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück GmbH gegründet.

1902: Im Juni ist der erste Spatenstich.

1904: Am 31. Mai wird die Strecke feierlich eröffnet.

1908: Eine weitere baugleiche Hanomag-Lokomotive kommt hinzu.

1910: Etwa um diese Zeit entsteht der Abzweig zur Ziegelei in Ohrte.

1911: Vechtel erhält einen Lokschuppen.

1920: Bei Kilometer 35,0 wird eine Kiesgrube mit Anschlussgleis betrieben.

1948: Eine gebrauchte Malletlok der Gartetalbahn wird gekauft.

1951: Am 1. Januar wird der Antrag auf Entbindung von der Beförderungspflicht gestellt.

1952: Am 31. Mai wird der Betrieb eingestellt.

1977: Das Denkmal in Berge wird eingeweiht.

2008: Der Berger Bahnhof ist nicht mehr Sitz der Gemeindeverwaltung.

2013: Das Empfangsgebäude in Berge wird abgerissen.

Häufige Fragen

Wie lang war die Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück?
Sie war 56,9 Kilometer lang und hatte eine Spurweite von 750 Millimetern.
Wann fuhr die Kleinbahn?
Vom 31. Mai 1904 bis zum 31. Mai 1952, also 48 Jahre lang.
Warum wurde sie stillgelegt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Kraftverkehr zu, und nötige Erneuerungen an Material und Wagenpark konnten nicht mehr bezahlt werden. Am 1. Januar 1951 wurde ein Antrag auf Entbindung von der Beförderungspflicht gestellt.
Was ist von der Kleinbahn erhalten?
Die Bahnhofsgebäude in Bawinkel und Quakenbrück, Denkmäler in Bawinkel und Berge und Reste der Brückenwiderlager und des Bahndamms in Lingen.
Wo endeten die Züge abends?
In Vechtel, wo es seit 1911 einen Lokschuppen gab. Dort begannen sie morgens auch wieder.
Wie kamen Reisende in Quakenbrück zur Staatsbahn?
Sie mussten einen mehrere hundert Meter langen Umweg zu Fuß zurücklegen, weil ein direktes Umsteigen wegen rechtlicher Streitigkeiten nicht möglich war.
Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Kleinbahn Lingen–Berge–Quakenbrück · Wikipedia: Bawinkel · Wikipedia: Berge (Niedersachsen) · Wikipedia: Lengerich (Emsland) · Wikipedia: Menslage · Wikipedia: Bippen · Wikipedia: Clusorth-Bramhar · Wikipedia: Bahnhof Quakenbrück

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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