Die Stendaler Kleinbahn: Arendsee, Arneburg, Pretzier und Niedergörne

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Stendaler Kleinbahn: Arendsee, Arneburg, Pretzier und Niedergörne

Nördlich von Stendal führten drei Kleinbahnen und später eine Atomkraftwerksstrecke in die Altmark. Drei davon sind stillgelegt, auf der vierten rollt nur noch Fracht.

VORHER · 1995

Ein Zug fährt am 27. Januar 1995 von Niedergörne nach Stendal.

Ein Zug fährt am 27. Januar 1995 von Niedergörne nach Stendal. Foto: Phil Richards from London, UK, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2010

Der Bahnsteig im Bahnhof Niedergörne im Jahr 2010.

Der Bahnsteig im Bahnhof Niedergörne im Jahr 2010. Foto: Mef.ellingen, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1899
Stendal–Arneburg eröffnet
1908
Stendal–Arendsee eröffnet
1914
Osterburg–Pretzier eröffnet
1995
Personenverkehr nach Niedergörne endet

Strecken: Stendal–Arendsee (49,3 Kilometer), Stendal–Arneburg (12,7), Osterburg–Pretzier (39,0) und Borstel–Niedergörne (rund 17). Status: Die ersten drei sind stillgelegt, Borstel–Niedergörne dient dem Güterverkehr.

Wer von Stendal in die nördliche Altmark wollte, hatte ab 1899 eine Kleinbahn zur Wahl.

Nacheinander entstanden die Strecken nach Arneburg, nach Arendsee und von Osterburg nach Pretzier, in den 1970er Jahren kam die Strecke Borstel–Niedergörne für ein Kernkraftwerk hinzu.

Dieser Beitrag stellt die Halte dieser vier Strecken vor, von denen drei stillgelegt sind.

Die Strecke Borstel–Niedergörne selbst ist nicht stillgelegt, dort endete nur der Personenverkehr.

Freie Fotos gibt es nur von einzelnen Halten, deshalb zeigen die Bilder nur Niedergörne und Arneburg.

Entstehung: Kleinbahnen nach dem Gesetz von 1892

Die Kleinbahn AG Stendal–Arneburg wurde am 17. März 1898 gegründet, Preußen und die Provinz Sachsen übernahmen jeweils knapp ein Viertel der Aktien.

Am 8. August 1899 eröffnete sie eine meterspurige Strecke von Stendal Ost nach Arneburg an der Elbe.

Um 1900 entstand der Wunsch, das Gebiet zwischen den Staatsbahnstrecken Stendal–Uelzen und Stendal–Wittenberge anzuschließen, begünstigt durch das Preußische Kleinbahngesetz von 1892.

Am 22. März 1906 wurde dafür die Kleinbahn AG Stendal–Arendsee gegründet, mit einem Kapital von über zwei Millionen Mark.

Am 25. November 1908 ging die Strecke bis Lückstedt-Dewitz in Betrieb, am 8. Dezember desselben Jahres bis Arendsee.

Am 15. Juli 1914 folgte die 39 Kilometer lange Strecke Osterburg–Pretzier, deren Kleinbahn-AG am 25. Januar 1913 gegründet worden war.

So sah es vorher aus: Fünf Zugpaare und Rollböcke

Auf der Arendseer Strecke zählte die Bahn 1913 insgesamt 159.000 Fahrgäste.

Im Güterverkehr wurden 56.617 Tonnen landwirtschaftliche Erzeugnisse und 16.756 Tonnen Futter- und Düngemittel befördert.

Auf der Arneburger Strecke fuhren 1914, 1935 und 1951 täglich jeweils fünf Personenzugpaare, 1968 waren es werktags sieben Zugpaare und an Sonn- und Feiertagen fünf.

Auf der Strecke Osterburg–Pretzier wurden 1916 insgesamt 82.601 Personen befördert, 1939 waren es 98.821.

Stendal Ost: Der Keilbahnhof

Stendal Ost lag bei Kilometer 5,0 der Arendseer Strecke und war zunächst Endbahnhof der Arneburger Kleinbahn im Osten der Stadt an der Arneburger Straße.

Nach der Umspurung 1914 wurde Stendal Ost zum Keilbahnhof, die Züge nach Arneburg hatten ihren Bahnsteig in einer Kurve südlich der Arneburger Straße, die Bahnsteige nach Arendsee lagen nördlich der Straße am stattlichen Empfangsgebäude.

Wegen des Güterverkehrs wurde 1912 eine Rollbockgrube angelegt.

Von 1909 bis 1926 gab es hier Anschluss an die Pferdebahn der Stendaler Straßenbahn, danach an einen Bus zum Staatsbahnhof.

1928 entstand ein Anschlussgleis vom Bahnhof zum Sachsenwerk.

Borstel und Peulingen

Borstel liegt bei Kilometer 9,1, hier zweigte die Strecke zum Flugplatz Stendal-Borstel ab.

Im Zweiten Weltkrieg verkehrten zusätzlich zu vier regulären Zugpaaren zwei weitere Züge je Richtung zwischen Stendal und Borstel, um den Militärflugplatz besser anzubinden.

Peulingen bei Kilometer 12,4 war Abzweigbahnhof, hier begann die Strecke nach Bismark.

Weitere Einzelheiten zum Halt Peulingen sind nicht belegt.

Zwischen Peulingen und Klein Rossau

Hinter Peulingen folgten Neuendorf am Speck bei Kilometer 13,8 und Groß Schwechten bei 16,1.

Weiter ging es über Rochau-Schwarzenhagen (20,5), Schartau (21,9), Groß Ballerstedt (24,9) und Flessau (28,9).

Alle diese Halte sind ehemalig.

Klein Rossau: Das Kreuz der Kleinbahnen

Klein Rossau bei Kilometer 32,0 wurde 1914 zum Kreuzungsbahnhof umgebaut, als die Strecke Osterburg–Pretzier eröffnet wurde.

Beide Strecken führten von Süden in den Bahnhof, deshalb mussten die Züge hier „Kopf machen“.

Die niveaugleiche Einfädelung südlich von Klein Rossau ermöglichte durchgehende Verbindungen zwischen Osterburg und Arendsee.

1928 gab es dafür neben drei bis vier Zugpaaren Stendal–Arendsee ein weiteres Zugpaar von Osterburg nach Arendsee.

Auf der Strecke Osterburg–Pretzier lag Klein Rossau bei Kilometer 9,6.

Von Groß Rossau bis Neulingen

Hinter Klein Rossau lagen Groß Rossau (33,3), Bretsch-Stapel (36,1), Wohlenberg (37,7) und Lückstedt-Dewitz (39,0), das bis zum 8. Dezember 1908 Endpunkt war.

Es folgten Gagel (41,4) und Neulingen (43,4), bevor die Strecke bei Kilometer 49,3 Arendsee erreichte.

Die Fahrzeit betrug mehr als zwei Stunden, das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 24 Kilometern pro Stunde.

Arneburg und die Halte davor

Die Arneburger Strecke war 12,7 Kilometer lang und führte meist in der Nähe der Arneburger Straße nach Osten.

Ihre Halte waren Heinrichslust (1,2), Jarchau (3,44), Hassel (5,6), Sanne (7,61) und Arneburg West (10,47), Endpunkt war Arneburg (Elbe).

Bei der Umspurung wurde in Arneburg die Lage des Bahnhofs verändert und ein eigener Lokschuppen errichtet.

Am 2. Mai 1914 wurde die normalspurige Strecke eröffnet.

Am 1. Oktober 1972 wurde sie stillgelegt und bald danach abgebaut.

Der Bahnhof Arneburg, Gleisseite, im Jahr 2015.
Der Bahnhof Arneburg, Gleisseite, im Jahr 2015. Foto: Mef.ellingen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der ehemalige Güterbahnhof Arneburg im Jahr 2015.
Der ehemalige Güterbahnhof Arneburg im Jahr 2015. Foto: Mef.ellingen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Hassel: Aus der Kleinbahn wird ein Gleisanschluss

Zwischen Hassel und Sanne wurde das Planum der Arneburger Kleinbahn für die 1975/76 erbaute Strecke Borstel–Niedergörne verwendet.

Hassel ist heute eine Ausweichanschlussstelle dieser Strecke.

Seit dem 31. Oktober 2003 hat die Stadt Arneburg die Bahn ab der Anschlussstelle Hassel gepachtet.

Geliefert werden Rundholz und Hackschnitzel zur Zellstoff Stendal GmbH im Industriepark Altmark.

Stendal-Stadtsee: Der Zwischenhalt

Auf der Strecke Borstel–Niedergörne wurde der Personenverkehr ab Stendal mit dem Zwischenhalt Stendal-Stadtsee bedient.

Der einst rege Personenverkehr wurde in den 1990er Jahren schrittweise ausgedünnt und am 29. Dezember 1995 ganz eingestellt.

Zuletzt verkehrten zwei Personenzugpaare am Tag.

Weitere Einzelheiten zum Halt Stendal-Stadtsee sind nicht belegt.

Niedergörne: Endstation am Kernkraftwerk

Die Strecke Borstel–Niedergörne wurde am 3. Januar 1977 eröffnet.

Sie war als Anschluss für das Kernkraftwerk Stendal gedacht, das jedoch nie in Betrieb ging.

Der Endbahnhof Niedergörne liegt bei der Ortschaft Klein Ellingen und ist ein ehemaliger Personenbahnhof.

Im Bahnhof gab es ein Gleis zum Kernkraftwerk mit Spitzkehre, dazu kommen ein Gleis vom Industriepark und der Anschluss der Sofidel GmbH.

Ein Zug in Niedergörne vor dem Kernkraftwerk, 1991.
Ein Zug in Niedergörne vor dem Kernkraftwerk, 1991. Foto: Mef.ellingen, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Bahnhofsgebäude Niedergörne im Jahr 2010.
Das Bahnhofsgebäude Niedergörne im Jahr 2010. Foto: Mef.ellingen, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Stellwerk im Bahnhof Niedergörne, 2010.
Das Stellwerk im Bahnhof Niedergörne, 2010. Foto: Mef.ellingen, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Bahnhofsschild am Stellwerk Niedergörne, 2010.
Das Bahnhofsschild am Stellwerk Niedergörne, 2010. Foto: Mef.ellingen, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Osterburg–Pretzier: Von Schilddorf bis Pretzier

Die Strecke begann in Osterburg Süd und führte über Osterburg Schilddorf (2,2), Osterburg Siedlung (3,3), Storbeck (6,7) und Klein Rossau (9,6) nach Rönnebeck (11,8), Orpensdorf-Natterheide (13,4), Schmersau (14,4), Gladigau (16,5) und Boock (18,7).

Weiter ging es über Kleinau (21,8), Kleinau West (24,6), Sanne-Kerkuhn (27,3), Schernikau (30,4), Vissum (33,2) und Klein Gartz (35,8) bis Pretzier (39,0) an der Hauptbahn Stendal–Salzwedel.

Pretzier hieß damals Deutsch Pretzier.

Den Betrieb führte die Eisenbahnabteilung des Provinzialverbandes Sachsen in Merseburg.

Kleinau und Kleinau West: Denkmalgeschützte Gebäude

Kleinau liegt bei Kilometer 21,8, Kleinau West bei 24,6.

Kleinau West hieß früher Dessau in der Altmark und war Haltepunkt.

Mehrere Bahnhofsgebäude der Strecke sind erhalten geblieben, die in Kleinau und Kleinau West stehen unter Denkmalschutz.

Niedergang: Straße gegen Schiene

Auf der Arendseer Strecke verlor die Kleinbahn durch bessere Straßen an Bedeutung.

Zwischen Klein Rossau und Arendsee endete der Güterverkehr am 31. Mai 1970.

Der Personenverkehr wurde am 28. Mai 1978 eingestellt, auf dem Abschnitt Stendal–Klein Rossau ein Jahr später am 26. Mai 1979.

Der Güterverkehr zwischen Stendal und Klein Rossau hielt sich bis zum 2. Juni 1985.

Auf der Strecke Osterburg–Pretzier endete der Personenverkehr zwischen Kleinau West und Pretzier am 29. August 1968, der Güterverkehr am 31. Mai 1969.

Auf dem verbliebenen Teil fuhren noch bis zum 1. Oktober 1974 Personenzüge, danach Busse im Schienenersatzverkehr, die offizielle Einstellung folgte am 29. September 1975.

Der restliche Güterverkehr endete am 26. September 1976.

So sieht es jetzt aus: Güter ja, Personen nein

Von dem Anschlussgleis bis zu einer Molkerei und einem Getreidelager in Osterburg-Schilddorf blieben zwei Kilometer liegen, sie wurden 2005 größtenteils abgebaut.

Auf der Strecke Borstel–Niedergörne rollen Güterzüge, geliefert werden Rundholz, Hackschnitzel, Zellstoff und Industriechemikalien.

Die Strecke zwischen Borstel und Niedergörne soll im Rahmen des Programms Elektrische Güterbahn elektrifiziert werden, die Inbetriebnahme ist nach dem Stand von Februar 2024 für 2030 vorgesehen.

1898: Am 17. März wird die Kleinbahn AG Stendal–Arneburg gegründet.

1899: Am 8. August wird die meterspurige Strecke Stendal–Arneburg eröffnet.

1908: Am 25. November erreicht die Strecke Stendal–Arendsee Lückstedt-Dewitz, am 8. Dezember Arendsee.

1914: Am 2. Mai wird die normalspurige Strecke nach Arneburg eröffnet, am 15. Juli die Strecke Osterburg–Pretzier.

1968: Der Personenverkehr zwischen Kleinau West und Pretzier endet am 29. August.

1972: Die Strecke Stendal–Arneburg wird am 1. Oktober stillgelegt.

1975: Am 29. September wird die Strecke Osterburg–Pretzier offiziell eingestellt.

1977: Am 3. Januar wird die Strecke Borstel–Niedergörne eröffnet.

1978: Am 28. Mai endet der Personenverkehr nach Arendsee.

1985: Am 2. Juni endet der Güterverkehr zwischen Stendal und Klein Rossau.

1995: Am 29. Dezember wird der Personenverkehr nach Niedergörne ganz eingestellt.

2003: Am 31. Oktober pachtet die Stadt Arneburg die Bahn ab Hassel.

Welche Strecken gehörten zur Stendaler Kleinbahn?
Die Kleinbahn AG Stendal–Arendsee änderte am 23. November 1915 ihren Namen in Stendaler Kleinbahn AG und fusionierte mit der Kleinbahn AG Stendal–Arneburg, die Angaben zum Zeitpunkt der Übernahme der Arneburger Strecke gehen allerdings auseinander.
Wann endete der Personenverkehr nach Arendsee?
Am 28. Mai 1978, auf dem Abschnitt Stendal–Klein Rossau am 26. Mai 1979.
Wieso baute man die Strecke nach Niedergörne?
Sie war als Anschluss für das Kernkraftwerk Stendal bestimmt, das nie in Betrieb ging.
Welche Bahnhofsgebäude stehen unter Denkmalschutz?
Die Gebäude in Kleinau und Kleinau West an der Strecke Osterburg–Pretzier.
Fährt auf der Strecke nach Niedergörne noch ein Zug?
Ja, die Strecke dient dem Güterverkehr zwischen Stendal und dem Industriegebiet Arneburg-Niedergörner Damm, Personenzüge fahren dort seit dem 29. Dezember 1995 nicht mehr.

Die Kleinbahnen nördlich von Stendal sind zum größten Teil verschwunden, zurück bleiben ehemalige Bahnhöfe wie Kleinau, Arneburg und Niedergörne.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Stendal–Arendsee · Wikipedia: Bahnstrecke Stendal–Arneburg · Wikipedia: Bahnstrecke Osterburg–Pretzier · Wikipedia: Bahnstrecke Borstel–Niedergörne · Wikipedia: Hassel (Altmark)

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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