Die Karniner Hubbrücke: Das Stahltor im Peenestrom, das nirgendwo hinführt

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Die Karniner Hubbrücke: Das Stahltor im Peenestrom, das nirgendwo hinführt

1933 fertig, im April 1945 gesprengt, und seitdem steht nur noch der Hubteil mitten im Strom: Die Karniner Brücke war die Bahnverbindung von Berlin nach Usedom. Ihr Rest ist heute Denkmal, Vogelheimat und Streitfall.

Die Hubbrücke im Oktober 2013, mitten im Strom zwischen Kamp und Karnin.
Die Hubbrücke im Oktober 2013, mitten im Strom zwischen Kamp und Karnin. Foto: Dirk Vorderstraße, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1933
Fertigstellung
28.4.1945
Sprengung
35 m
Höhe des Hubteils
52 m
Erhaltener Teil von 360 m

Lage: zwischen Kamp und Karnin auf Usedom. Status: technisches Denkmal, der Hubteil steht frei im Wasser. Auch im Beitrag: der frühere Bahnhof Karnin.

Im Peenestrom vor Usedom steht ein riesiges Stahlgerüst im Wasser.

Es ist 35 Meter hoch, trägt keine Schienen mehr zum Ufer und führt nirgendwo hin.

Das obere Brückenteil hängt noch immer in der höchsten Stellung, in die es im April 1945 gefahren wurde.

Der Bau ist der mittlere Teil der einstigen Karniner Brücke.

Über sie fuhren die Züge von Berlin auf die Insel Usedom.

Dieser Beitrag zeigt, was sie war, warum sie zerstört wurde und was heute von ihr und vom Bahnhof Karnin steht.

Aus der Betriebszeit gibt es leider keine freien Fotos, deshalb zeigen unsere Bilder nur den Zustand seit 2004.

Die Bahn nach Usedom

Schon 1875 ging eine Brücke an dieser Stelle zusammen mit der Bahn von Ducherow nach Heringsdorf in Betrieb.

In ihrer Mitte lag eine eingleisige, von Hand betriebene Drehbrücke.

1908 wurde die Strecke zweigleisig ausgebaut.

Mehr Züge und höhere Lasten machten 1932/33 ein neues Bauwerk nötig.

Die Brücke war die wichtigste Verkehrsanbindung von Usedom an das Festland.

Für den Tourismus auf der Insel war sie entscheidend, aber auch für militärische Einrichtungen wie die Heeresversuchsanstalt Peenemünde ab 1936.

So sah es vorher aus: eine Brücke mit Fahrstuhl

Die neue Brücke war ein technisches Glanzstück.

Bei der Hubbrücke kam dasselbe Prinzip zum Einsatz wie beim gleichzeitig gebauten Schiffshebewerk Niederfinow, mit Gegengewichten an Seilen.

Die Hubbrücke macht etwa 52 Meter der einst rund 360 Meter langen Gesamtbrücke aus.

Sie ist 35 Meter hoch, die Hubhöhe beträgt 28 Meter, die Spannweite 47 Meter.

Der Mittelpfeiler der alten Drehbrücke blieb als zusätzliches Auflager für die abgesenkte Hubplatte stehen.

Das ermöglichte eine leichte Bauweise und schnelle Bewegungen.

Links und rechts schlossen sich feste Bogenbrücken an.

Die Hubbrücke im Juli 2004.
Die Hubbrücke im Juli 2004. Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick von Kamp, August 2005.
Blick von Kamp, August 2005. Foto: Helmut Seger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Stahlrahmen aus der Nähe, August 2006.
Der Stahlrahmen aus der Nähe, August 2006. Foto: Markus Schweiss, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Tragwerk oben auf der Hubbrücke, September 2017.
Das Tragwerk oben auf der Hubbrücke, September 2017. Foto: Cherubino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gebäude am Fuß der Brücke, September 2017.
Das Gebäude am Fuß der Brücke, September 2017. Foto: Cherubino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gebäude von der anderen Seite, September 2017.
Das Gebäude von der anderen Seite, September 2017. Foto: Cherubino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

April 1945: die Sprengung

Am 28. April 1945 sprengte die Wehrmacht die Brücke, um der Roten Armee den Vormarsch zu erschweren.

Zerstört wurden die festen Brückenteile auf beiden Seiten.

Die eigentliche Hubbrücke blieb unbeschädigt.

Begründet wurde das mit den Marineeinheiten im Stettiner Haff, denen ein Fluchtweg in die Ostsee offen bleiben sollte.

Der Hubteil wurde vorher in die oberste Stellung gefahren, wo er bis heute verklemmt schwebt.

Die in den Strom gestürzten Träger wurden geborgen und teilweise für den Wiederaufbau der Oderbrücken in Küstrin verwendet.

Ein Rest des Bauwerks am Ufer, Juni 2013.
Ein Rest des Bauwerks am Ufer, Juni 2013. Foto: Niteshift, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Am Wasser bei der Hubbrücke, Juni 2013.
Am Wasser bei der Hubbrücke, Juni 2013. Foto: Niteshift, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Überreste des Brückenanschlusses am Ufer, Juni 2013.
Überreste des Brückenanschlusses am Ufer, Juni 2013. Foto: Niteshift, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Betonrest an Land, September 2017.
Betonrest an Land, September 2017. Foto: Cherubino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Warum die Brücke nie zurückkam

Die Strecke führte nun zuerst ins polnisch gewordene Swinemünde.

Die Verbindung wurde bis Ahlbeck demontiert.

In den 1960er-Jahren plante man den Wiederaufbau, verschob ihn aber immer wieder.

Lange gab es auf der Reststrecke nur Inselbetrieb.

Erst seit dem Jahr 2000 besteht über die neue Peenebrücke in Wolgast wieder eine Bahnverbindung ans Festland.

Gerettet von Turmfalken

Im Frühjahr 1990 sollte die Hubbrücke abgerissen werden.

Das Spezialschiff war bereits von Stralsund aus unterwegs.

Da wurden der Kreisnaturschutzbeauftragte Claus Schönert und der Zirchower Pfarrer Otto Simon aktiv.

Zusammen mit Jugendlichen machten sie auf die Brutkolonie von Turmfalken auf der Brücke aufmerksam.

So gewannen sie Zeit.

Um den Brückenbauingenieur Hans Nadler fanden sich Gleichgesinnte zusammen, 1992 entstanden die Usedomer Eisenbahnfreunde.

Heute stehen Hubbrücke und das Empfangsgebäude des Bahnhofs Karnin unter Denkmalschutz.

Der Bahnhof Karnin

Auf der Usedomer Seite steht das frühere Empfangsgebäude.

Die Eisenbahnfreunde restaurierten es ab 1997.

Von 1999 bis 2005 zeigten sie dort eine Ausstellung zur Geschichte der Strecke.

Davor liegen noch Gleisreste im Gras.

Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Karnin, Juni 2012.
Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Karnin, Juni 2012. Foto: Marcinekk2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnhof im März 2016.
Der Bahnhof im März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Bahnhofsgebäude von vorn, März 2016.
Das Bahnhofsgebäude von vorn, März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Gleisreste am Bahnhof, März 2016.
Gleisreste am Bahnhof, März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die alte Trasse Richtung Hubbrücke, März 2016.
Die alte Trasse Richtung Hubbrücke, März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Rest einer Schiene, März 2016.
Rest einer Schiene, März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die alten Gleise mit Blick zur Hubbrücke, Juni 2012.
Die alten Gleise mit Blick zur Hubbrücke, Juni 2012. Foto: Marcinekk2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Anschlussgleise im Gras, Juni 2013.
Anschlussgleise im Gras, Juni 2013. Foto: Niteshift, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Streit um den Wiederaufbau

Seit Jahren wird über eine neue Bahnverbindung nach Usedom gestritten.

Durch sie würde die Fahrzeit von Berlin auf die Insel von fast vier auf etwa zwei Stunden sinken.

Am 9. April 2010 gründeten rund 50 Politiker und Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und Polen das Aktionsbündnis Karniner Brücke.

2012 nannte die Bundesregierung das Vorhaben unwirtschaftlich, eine neue Studie der DB sah dann eine Klappbrücke hinter der Hubbrücke für 100 Millionen Euro vor.

Im März 2016 schied das Projekt aus dem Entwurf des Bundesverkehrswegeplans aus.

Im September 2022 nannten die Usedomer Eisenbahnfreunde Voruntersuchungen mit Kosten von etwa 550 Millionen Euro.

Unser Pro-und-Contra-Beitrag wägt die Argumente ab.

So sieht es jetzt aus

Der Hubteil steht bis heute als Fragment im Wasser, als technisches Denkmal.

Vom Ufer bei Kamp ist er gut zu sehen, auch aus Karnin.

Im Winter friert der Peenestrom manchmal zu.

Die Hubbrücke im August 2006.
Die Hubbrücke im August 2006. Foto: Kläuser, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Brücke im Oktober 2007.
Die Brücke im Oktober 2007. Foto: Gerolsteiner91, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick über das Wasser, März 2008.
Blick über das Wasser, März 2008. Foto: Radosław Drożdżewski (Zwiadowca21), CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der gefrorene Peenestrom bei Kamp, Januar 2016.
Der gefrorene Peenestrom bei Kamp, Januar 2016. Foto: KaroMauritz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Hubbrücke im März 2016.
Die Hubbrücke im März 2016. Foto: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Stahlgerüst im September 2017.
Das Stahlgerüst im September 2017. Foto: Cherubino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1875: Erste Brücke mit Drehteil.

1908: Zweigleisiger Ausbau der Strecke.

1932/33: Bau der Hubbrücke.

28. April 1945: Sprengung durch die Wehrmacht.

Frühjahr 1990: Abriss wird abgewendet.

1992: Gründung der Usedomer Eisenbahnfreunde.

2000: Neue Peenebrücke in Wolgast.

9. April 2010: Aktionsbündnis Karniner Brücke.

März 2016: Das Projekt fällt aus dem Entwurf des Bundesverkehrswegeplans.

2022: Kostenschätzung von etwa 550 Millionen Euro.

Häufige Fragen

Warum steht die Brücke mitten im Wasser?
1945 wurden die Brückenteile links und rechts gesprengt, nur der mittlere Hubteil blieb stehen.
Warum hängt die Brücke oben?
Der Hubteil wurde vor der Sprengung in die oberste Stellung gefahren und klemmt dort bis heute.
Warum wurde sie nicht abgerissen?
Eine Brutkolonie von Turmfalken und der Einsatz von Naturschützern verhinderten 1990 den Abriss.
Wird die Brücke wieder aufgebaut?
Darüber wird seit Jahren gestritten, entschieden ist es nicht.

Was von der Karniner Brücke bleibt

Sie ist Mahnmal für das Kriegsende und Symbol für eine Verbindung, die vielen auf Usedom fehlt.

Und sie ist ein Beispiel dafür, dass auch Vögel etwas retten können.

Ob hier je wieder Züge fahren, ist offen.

Quellen und Bildrechte

Hubbrücke Karnin, Wikipedia

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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