Der Bahnhof Sassnitz Hafen: Wo die Züge aufs Schiff nach Schweden rollten
1897 als Umschlagplatz für die Post gebaut, ab 1909 Fährbahnhof der Königslinie, 1998 von Mukran abgelöst: Im Hafen von Sassnitz rollten ganze Züge von der Schiene aufs Schiff. Heute steht der Glasbahnhof leer.


Lage: Stadthafen von Sassnitz, Rügen. Status: stillgelegt, Gleise weitgehend abgebaut, unter Denkmalschutz. Nicht verwechseln: Der Bahnhof Sassnitz in der Stadt ist ein anderer Bahnhof.
Am Stadthafen von Sassnitz spazieren heute Urlauber über eine Fußgängerbrücke zum Wasser.
Unter ihnen liegt ein leeres Bauwerk aus Stahl und Glas.
Hier endete jahrzehntelang der Schienenweg von Berlin nach Schweden.
Personenzüge und Güterwagen wurden direkt auf Schiffe gesetzt und nach Trelleborg gebracht.
Die Königslinie war die kürzeste direkte Fährverbindung zwischen Deutschland und Schweden.
Dieser Beitrag zeigt den Hafenbahnhof in seiner großen Zeit und seinen Zustand heute.
Eine Fähre für den Postverkehr
Am 1. Mai 1897 begann die Postschifflinie zwischen Sassnitz und Trelleborg, gleichzeitig wurde die Stichstrecke zum Hafen eröffnet.
Der Bahnhof diente zunächst nur dem Warenumschlag zwischen Schiff und Bahn.
Das Umladen dauerte aber lange, und die Dampfer kamen schnell an ihre Grenzen.
Am 15. November 1907 schlossen Deutschland und Schweden deshalb einen Staatsvertrag über eine Eisenbahnfähre.
Von 1901 bis 1909 entstand die 1.510 Meter lange Ostmole.
Am 7. Juli 1909 begann der fahrplanmäßige Fährbetrieb.
Die Reisezeit zwischen Berlin und Stockholm sank gegenüber den Postschiffen um etwa fünf Stunden.
So sah es vorher aus: ein Bahnhof über dem Hafen
Der Weg zum Wasser war schwierig.
Die knapp zwei Kilometer lange Stichstrecke vom Bahnhof Sassnitz führte in einem Bogen um die Innenstadt.
Sie überwand über 30 Meter Höhenunterschied mit bis zu 27 Promille Gefälle.
Das zweimalige Kopfmachen in Sassnitz und Sassnitz Hafen war umständlich, die Länge der Züge war durch die Steigung begrenzt.
Herzstück der Anlage waren zwei Fährbetten mit Fährbrücken, je einer Vierfachweiche und ein Zollbahnsteig.
Dazu kam später der Glasbahnhof als Zugang zu den Schiffen, in Stahlskelettbauweise zwischen den beiden Fährbetten.
Eine Fußgängerbrücke verband ihn mit dem Zollbahnsteig.
Für Autos entstand 1957 eine 150 Meter lange Brücke über das Bahnhofsgelände.
Sassnitz Hafen war außerdem Grenzbahnhof mit Pass- und Zollkontrolle.
Zwischen 1922 und 1926 war er sogar einer der Ausgangspunkte des Luxuszugs Skandinavien-Schweiz-Express.

Krieg und Neubeginn
Am 26. November 1944 wurden die schwedischen Häfen für deutsche Schiffe gesperrt.
Ein Bombenangriff am 6. März 1945 zerstörte weite Teile der Hafen- und Bahnhofsanlagen.
1947/48 wurde der Hafen provisorisch wieder aufgebaut, am 16. März 1948 fuhr die Fähre wieder.
Ab 1958 setzten die schwedische Staatsbahn und die Deutsche Reichsbahn große viergleisige Fähren ein.
Am 6. Juli 1959 waren die Umbauten abgeschlossen, und das Fährschiff Sassnitz nahm den Dienst auf.
Bis August 1961 durften DDR-Bürger die Fähren bis Trelleborg nutzen, aber dort nicht von Bord gehen.
Mit dem Mauerbau endete auch das.
Die große Zeit
1977 fuhren die Schiffe Sassnitz, Rügen und Stubbenkammer der Reichsbahn und die Trelleborg, Skåne und Svealand der schwedischen Bahn.
Im selben Jahr kam die Rostock hinzu, mit 605 Metern Gleislänge für 49 Wagen.
Täglich konnten bis zu 1.000 Wagen übergesetzt werden.
Kurz vor der Wiedervereinigung erreichte der Güterverkehr mit knapp fünf Millionen Tonnen seinen Höchststand.
Am 27. Mai 1989 wurde die Hafenbahn elektrifiziert.
Im Personenverkehr fuhren Züge wie der Berlinaren von Berlin nach Malmö, mit Kurswagen nach Stockholm.



1998: das Ende am Stadthafen
Nach der Wende ging der Trajektverkehr im neuen Fährhafen Mukran stark zurück.
Dadurch wurden dort Kapazitäten frei, und die Königslinie konnte umziehen.
1996 und 1997 wurden dafür 175 Millionen DM investiert.
Am 7. Januar 1998 um 7:15 Uhr legte mit der Trelleborg die letzte Fähre im alten Fährbahnhof an.
Sechs Stunden später wurde die Sassnitz als erstes Schiff in Mukran empfangen.
Im selben Jahr kam das Hafengelände mit den Bahnanlagen auf die Denkmalliste.
Ende 2000 wurde die Strecke stillgelegt.
Im Jahr 2000 wurden Gleisanlagen, Grenzturm und Straßenbrücke ohne Genehmigung zurückgebaut, der Landkreis sah von einer Verfolgung ab.
So sieht es jetzt aus
Die Bahntrasse ist heute ein Fuß- und Radweg.
Seit 2007 überspannt eine Fußgängerbrücke fast an der Stelle der alten Autobrücke das Gelände.
Die Brücke zum Fährbett II besteht noch, ebenso ein Güterschuppen aus den Anfängen des Fährverkehrs.
Der Glasbahnhof, der ab 1996 das Fischerei- und Hafenmuseum beherbergte, steht inzwischen leer.
Der Hafen selbst ist heute ein touristischer Schwerpunkt der Stadt, mit Ausflugsschiffen und dem britischen U-Boot Otus.










Vorher und nachher: das Fährbett
Die Blickwinkel sind nicht gleich, aber der Wandel ist deutlich: Wo eine Lok Wagen aufs Schiff schob, ist heute ein leeres Gelände.


Die Geschichte in Daten
1. Mai 1897: Postschifflinie und Stichstrecke.
15. November 1907: Staatsvertrag über die Eisenbahnfähre.
7. Juli 1909: Beginn des Fährbetriebs.
6. März 1945: Bombenangriff auf den Hafen.
16. März 1948: Die Fähre fährt wieder.
6. Juli 1959: Umbau mit Glasbahnhof abgeschlossen.
27. Mai 1989: Elektrifizierung der Hafenbahn.
7. Januar 1998: Letzte Fähre im alten Fährbahnhof.
2000: Rückbau der Gleise, Stilllegung der Strecke.
2007: Neue Fußgängerbrücke.
Häufige Fragen
Ist das der Bahnhof Sassnitz?
Was ist die Königslinie?
Was ist der Glasbahnhof?
Warum wurde der Bahnhof aufgegeben?
Was vom Hafenbahnhof bleibt
Mit dem Zug nach Schweden, einfach aufs Schiff: Das klingt heute fast wie aus einer anderen Welt.
Am Stadthafen von Sassnitz lässt sich diese Welt noch ahnen.
Der leere Glasbahnhof wartet weiter auf eine neue Aufgabe.
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