Helmstedt–Börßum: Die Halte Jerxheim und Mattierzoll

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Helmstedt–Börßum: Die Halte Jerxheim und Mattierzoll

Jerxheim war bis 1945 ein bedeutender Eisenbahnknoten, Mattierzoll eine Station nahe der späteren innerdeutschen Grenze. Der Beitrag erzählt, wie die Strecke Helmstedt–Börßum entstand und warum auf ihr kaum noch etwas fährt.

Das erste Empfangsgebäude des Bahnhofs Jerxheim, Ansicht von Südosten, 2018.
Das erste Empfangsgebäude des Bahnhofs Jerxheim, Ansicht von Südosten, 2018. Foto: Global Fish, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1858
Strecke nach Helmstedt eröffnet
1976
Mattierzoll ohne Verkehr
2007
Letzte Reisezüge in Jerxheim
2009
Stilllegung Jerxheim–Schöningen

Lage: Landkreise Helmstedt und Wolfenbüttel in Niedersachsen. Status: Die Strecke ist weitestgehend stillgelegt und entwidmet. Heute: In Mattierzoll sind alle Gleise abgebaut, in Jerxheim sind die Bahnanlagen ungenutzt, beide Empfangsgebäude dort sind denkmalgeschützt.

Die Bahnstrecke Helmstedt–Börßum ist eine weitestgehend stillgelegte und entwidmete Nebenbahn in Niedersachsen.

Sie wurde 1858 eröffnet und erschloss den Bereich südöstlich des Elms.

In der Mitte lag Jerxheim, bis 1945 ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt.

Mattierzoll, unmittelbar an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, hatte seit 1868 eine Bahnstation.

In Jerxheim endete der Reiseverkehr 2007, in Mattierzoll schon 1976.

Der Bahnhof Schöningen an derselben Strecke hat einen eigenen Beitrag, auf den weiter unten verwiesen wird.

Freie Fotos aus der Betriebszeit sind nur aus den Jahren 1991 und 1993 belegt, dazu gibt es ein Ölbild von 1844.

Von Braunschweig nach Magdeburg: Wie die Strecken entstanden

Am 16. Juli 1843 eröffnete die Herzoglich Braunschweigische Staatseisenbahn die Strecke von Wolfenbüttel nach Oschersleben.

Damit entstand eine durchgehende Verbindung von Braunschweig nach Magdeburg.

Bahnhöfe entstanden unter anderem am Kiebitzdamm bei Jerxheim.

Die Strecke war bis zur Eröffnung der Berlin-Lehrter Eisenbahn 1871 Teil der kürzesten Verbindung zwischen Hannover und Berlin.

1853 wurde die Strecke zwischen Jerxheim und Oschersleben zweigleisig ausgebaut, ein Jahr später auch zwischen Schöppenstedt und Jerxheim.

Am 20. Juli 1858 nahm die Stichstrecke von Jerxheim über Schöningen nach Helmstedt den Verkehr auf.

Sie war bis 1872 die einzige Bahnanbindung von Helmstedt.

1868 folgte die Verlängerung nach Börßum, die eine Verbindung zur Braunschweigischen Südbahn nach Kreiensen schuf.

Der Abschnitt Jerxheim–Schöningen wurde zweigleisig ausgebaut und war im Güterverkehr vor allem für die Braunkohlengruben und Zuckerfabriken der Region wichtig.

1890 kam die Nebenbahn von Jerxheim nach Nienhagen hinzu, 1902 die Braunschweig-Schöninger Eisenbahn.

Jerxheim: Ein Knotenbahnhof im Großen Bruch

Der Bahnhof Jerxheim liegt im Großen Bruch, einer langgestreckten Niederung zwischen Hornburg und Oschersleben.

Wegen des Höhenunterschieds von rund 40 Metern musste er etwa zwei Kilometer südlich der Ortslage gebaut werden.

Um das Bahnhofsgelände entwickelte sich der Ortsteil Jerxheim-Bahnhof.

Das repräsentative erste Empfangsgebäude ging mit dem Bau der Strecke in Betrieb.

Am 9. September 1844 entgleiste ein Reisezug der Herzoglich Braunschweigischen Staatseisenbahn bei Jerxheim.

Die Ursache wird unterschiedlich angegeben.

Der Unfall wurde in der zeitgenössischen Kunst aufgegriffen.

Eisenbahnunfall von Jerxheim, Ölbild auf Blech, um 1844.
Eisenbahnunfall von Jerxheim, Ölbild auf Blech, um 1844. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Hauptbahn nach Börßum war 1868 die erste, die gleich zweigleisig gebaut wurde.

Dabei wurde der Bahnhof umgebaut und erweitert.

Haltende und rangierende Züge behinderten den Verkehr auf dem Kiebitzdamm stark, deshalb wurden die Bahnsteige nach Westen verlegt.

Dort entstand 1869 ein neues Bahnhofsgebäude.

Das alte Empfangsgebäude an der heutigen Bundesstraße wurde verkauft und wird seitdem anderweitig genutzt.

Beide Empfangsgebäude stehen heute unter Denkmalschutz.

Der Bahnhof Jerxheim kommt in Sten Nadolnys Erzählung Netzkarte vor.

Das erste Empfangsgebäude des Bahnhofs Jerxheim, Gleisseite, 2018.
Das erste Empfangsgebäude des Bahnhofs Jerxheim, Gleisseite, 2018. Foto: Global Fish, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Teilung 1945 und das Ende der Reisezüge

Nach 1945 trennte die Teilung Deutschlands die Strecken nach Osten.

Der letzte planmäßige Zug zwischen Jerxheim und Gunsleben fuhr am 30. Juni 1945.

Auch die Nebenbahn nach Nienhagen wurde unterbrochen.

Bis 1948 verschwanden die Gleise zwischen Jerxheim und der Grenze.

Am 31. Dezember 1975 verkehrte der letzte Reisezug in Richtung Börßum.

In Jerxheim blieb nur noch der Zugverkehr zwischen Wolfenbüttel, Jerxheim und Helmstedt.

Danach wurde ein Großteil der Gleise im Bahnhof abgebaut.

Am 1. Oktober 1984 stufte die Deutsche Bundesbahn den Bahnhof zum Haltepunkt herab.

Bis zum 8. Dezember 2007 fuhren Regionalzüge von Braunschweig über Wolfenbüttel, Schöppenstedt, Jerxheim und Schöningen nach Helmstedt, zuletzt als Südelmbahn vermarktet.

Auf dem Abschnitt Schöppenstedt–Schöningen lag die Zahl der Fahrgäste bei knapp über 200 am Tag.

Eine Verlegung der Strecke wegen der Erweiterung der Tagebaue galt als zu aufwendig.

Die Angaben zum Ende des Reiseverkehrs in Jerxheim schwanken zwischen Dezember 2007 und Dezember 2008.

Ein Nahverkehrszug von Helmstedt über Schöningen und Schöppenstedt nähert sich dem Bahnhof Jerxheim, Februar 1991.
Ein Nahverkehrszug von Helmstedt über Schöningen und Schöppenstedt nähert sich dem Bahnhof Jerxheim, Februar 1991. Foto: Stefan K-50678, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein Zug nahe dem Bahnhof Jerxheim, Februar 1993.
Ein Zug nahe dem Bahnhof Jerxheim, Februar 1993. Foto: Stefan K-50678, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Mattierzoll: Die Station an der Grenze

Mattierzoll ist ein Ortsteil der Gemeinde Winnigstedt im Landkreis Wolfenbüttel.

Mit dem Bau der Hauptbahn Jerxheim–Börßum bekam der Ort 1868 eine Bahnstation.

1870 baute die Braunschweiger Maschinen-Bauanstalt in Mattierzoll eine Rübenzuckerfabrik.

Um 1900 verarbeitete die Fabrik zwischen 600.000 und 800.000 Zentner Zuckerrüben.

1925 schloss sich die Fabrik der Zuckerfabrik Hessen an.

Die Fertigstellung der Privatbahn nach Heudeber im Jahr 1898 und der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn 1902 machte den Ort zum kleinen Eisenbahnknotenpunkt.

Die Kleinbahn Heudeber–Mattierzoll, rund 21 Kilometer lang, nahm am 1. August 1898 den Güterverkehr auf, der Personenverkehr folgte einen Monat später.

Im Sommer 1945 unterbrachen die Besatzungszonen den Verkehr zwischen Mattierzoll und Veltheim.

Die Verbindung nach Oschersleben und die nach Heudeber waren damit getrennt.

Der Bahnverkehr lief bis 1975 weiter und beschränkte sich auf die Strecken nach Jerxheim und Helmstedt sowie nach Börßum.

Zuckerrüben aus der Umgebung fuhren mit der Bahn von Mattierzoll nach Börßum und weiter nach Hornburg.

Nach der Schließung der Fabrik in Hornburg 1965 wurden sie zur Rübenzuckerfabrik Schladen gebracht.

Am 1. Januar 1976 wurde der Personen- und Güterverkehr von Jerxheim bis Mattierzoll eingestellt.

Am 28. Mai 1988 endete auch der Güterverkehr von Mattierzoll bis Börßum.

Der ehemalige Bahnhof Mattierzoll in Winnigstedt, Mai 2007.
Der ehemalige Bahnhof Mattierzoll in Winnigstedt, Mai 2007. Foto: de:Benutzer:AxelHH, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Schöningen und die Stichstrecke nach Helmstedt

Das Teilstück zwischen Jerxheim und Schöningen wurde zum 21. Mai 2009 stillgelegt.

Teile der Strecke zwischen Helmstedt und Schöningen wurden für den Tagebau beseitigt.

2020 beschloss der Regionalverband Großraum Braunschweig eine Machbarkeitsstudie für den Abschnitt Helmstedt–Schöningen.

Vorgesehen war damals eine rund drei Kilometer lange Neubaustrecke von der Anschlussstelle Alversdorf zum Bahnhof Schöningen.

Der Bahnhof Schöningen ist Thema des Beitrags Zwei Bahnen am Eisernen Vorhang: Oschersleben–Schöningen und Marienborn–Beendorf.

So sieht es jetzt aus

In Mattierzoll sind alle Gleise der Strecken Jerxheim–Börßum und Heudeber–Mattierzoll abgebaut.

Das Bahnhofsgebäude steht unter Denkmalschutz.

Die Strecke Jerxheim–Börßum wurde 1988 nach Mattierzoll vollständig eingestellt.

In Jerxheim sind die Bahnanlagen seit der Stilllegung ungenutzt.

Der Abschnitt von Helmstedt bis zur Ladestelle Alversdorf wird als Anschlussbahn betrieben.

Gleisreste im Bahnhof Jerxheim, 2018.
Gleisreste im Bahnhof Jerxheim, 2018. Foto: Global Fish, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der ehemalige Bahnhof Jerxheim, 2021.
Der ehemalige Bahnhof Jerxheim, 2021. Foto: Kirchenfan, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.
Der ehemalige Bahnhof Jerxheim aus anderer Richtung, 2021.
Der ehemalige Bahnhof Jerxheim aus anderer Richtung, 2021. Foto: Kirchenfan, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.
Stillgelegte Bahnstrecke in Jerxheim, 2021.
Stillgelegte Bahnstrecke in Jerxheim, 2021. Foto: Kirchenfan, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.
Die Trasse der Strecke Wolfenbüttel–Oschersleben an der früheren Grenze zwischen Gunsleben und Jerxheim, 2018. Von links nach rechts kreuzt ein Postenweg.
Die Trasse der Strecke Wolfenbüttel–Oschersleben an der früheren Grenze zwischen Gunsleben und Jerxheim, 2018. Von links nach rechts kreuzt ein Postenweg. Foto: Global Fish, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1843: Am 16. Juli wird die Strecke Wolfenbüttel–Oschersleben mit dem Bahnhof am Kiebitzdamm eröffnet.

1858: Am 20. Juli nimmt die Stichstrecke von Jerxheim über Schöningen nach Helmstedt den Verkehr auf.

1868: Die Strecke Jerxheim–Börßum geht in Betrieb, Mattierzoll bekommt eine Bahnstation.

1869: Jerxheim erhält ein neues Bahnhofsgebäude.

1898: Am 1. August beginnt der Güterverkehr der Kleinbahn Heudeber–Mattierzoll.

1902: Die Braunschweig-Schöninger Eisenbahn geht in Betrieb.

1945: Am 30. Juni fährt der letzte planmäßige Zug zwischen Jerxheim und Gunsleben.

1975: Am 31. Dezember verkehrt der letzte Reisezug in Richtung Börßum.

1976: Am 1. Januar wird der Verkehr von Jerxheim bis Mattierzoll eingestellt.

1984: Am 1. Oktober wird der Bahnhof Jerxheim zum Haltepunkt herabgestuft.

1988: Am 28. Mai endet der Güterverkehr von Mattierzoll bis Börßum.

2007: Am 8. Dezember endet der Regionalverkehr bis Helmstedt.

2009: Am 21. Mai wird der Abschnitt Jerxheim–Schöningen stillgelegt.

Häufige Fragen

Wann fuhr der letzte Reisezug von Jerxheim nach Börßum?
Am 31. Dezember 1975. Am 1. Januar 1976 wurde der Personen- und Güterverkehr von Jerxheim bis Mattierzoll eingestellt.
Seit wann ist der Bahnhof Jerxheim nur noch Haltepunkt?
Seit dem 1. Oktober 1984, als die Deutsche Bundesbahn ihn abstufte.
Wann endeten die Reisezüge zwischen Schöppenstedt und Helmstedt?
Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2007. Der Abschnitt Jerxheim–Schöningen wurde zum 21. Mai 2009 stillgelegt.
Was ist vom Bahnhof Mattierzoll erhalten?
Das Bahnhofsgebäude steht unter Denkmalschutz, alle Gleise der Strecken sind abgebaut.
Gab es in Jerxheim ein Unglück?
Am 9. September 1844 entgleiste ein Reisezug der Herzoglich Braunschweigischen Staatseisenbahn bei Jerxheim.
Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Jerxheim · Wikipedia: Bahnstrecke Helmstedt–Börßum · Wikipedia: Bahnstrecke Wolfenbüttel–Oschersleben · Wikipedia: Mattierzoll · Wikipedia: Bahnstrecke Heudeber–Mattierzoll · Helmstedt-Wiki: Jerxheim-Bahnhof

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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