Zwei Bahnen am Eisernen Vorhang: Oschersleben–Schöningen und Marienborn–Beendorf

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Zwei Bahnen am Eisernen Vorhang: Oschersleben–Schöningen und Marienborn–Beendorf

Die Grenze zerschnitt die eine Bahn, ein Kalibergwerk bestimmte das Schicksal der anderen. Der Beitrag folgt beiden Strecken in der Börde und nennt, was zu ihren stillgelegten Halten belegt ist.

Postkarte mit dem Bahnhof und dem Sportplatz in Hötensleben.
Postkarte mit dem Bahnhof und dem Sportplatz in Hötensleben. Foto: Kaufhaus Otto Gebhardt, Hötensleben, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Kurz erklärt
1899
Beide Bahnen eröffnet
1945
Hötensleben–Schöningen unterbrochen
1962
Letzter Personenzug nach Beendorf
1969
Verkehr nach Hötensleben endet

Lage: Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen. Status: Beide Strecken sind stillgelegt, Marienborn selbst liegt an einer aktiven Hauptstrecke. Heute: Das Grenzdenkmal Hötensleben ist frei zugänglich, das Endlager Morsleben wird stillgelegt.

Zwei Nebenbahnen der Börde gingen im selben Jahr in Betrieb und endeten beide im Schatten der innerdeutschen Grenze.

Die Oschersleben-Schöninger Eisenbahn verband Oschersleben mit dem braunschweigischen Schöningen, die Marienborn-Beendorfer Kleinbahn führte von Marienborn zum Kaliwerk Beendorf.

Beide Strecken sind stillgelegt, Marienborn selbst liegt weiter an einer aktiven Hauptstrecke und ist deshalb nicht Thema.

Es gibt nur wenige freie Bilder: eine Postkarte aus Hötensleben, eine Aktie der Kleinbahn und Aufnahmen vom früheren Gelände, aber keine von den einzelnen Halten.

Dieser Beitrag nennt zu jedem stillgelegten Halt, was belegt ist, und lässt weg, was sich nicht belegen lässt.

Oschersleben–Schöningen: Eine Bahn zwischen zwei Ländern

Die Oschersleben-Schöninger Eisenbahn-Gesellschaft eröffnete am 20. Dezember 1899 den Personenverkehr auf der 24 Kilometer langen, normalspurigen Strecke.

Güterzüge fuhren schon seit dem 2. November 1899.

Die Bahn begann in Oschersleben in der preußischen Provinz Sachsen und führte nach Nordwesten bis ins damals braunschweigische Schöningen.

Grundlage waren Staatsverträge zwischen Preußen und Braunschweig, die 1895 abgeschlossen worden waren.

Die Aktienmehrheit lag zunächst bei der Westdeutschen Eisenbahn-Gesellschaft und ging 1928 an die AG für Verkehrswesen.

Seit dem 1. April 1932 führte die Allgemeine Deutsche Eisenbahn-Betriebs-GmbH den Betrieb.

So sah es vorher aus: Kohle und fünf Züge am Tag

Der Braunkohleabbau bei Hötensleben, Kauzleben und Neindorf sorgte für regen Güterverkehr.

Die Grube Marie Louise bei Neindorf hatte eine eigene Anschlussbahn, ebenso zwei Gruben im Bereich des Bahnhofs Kauzleben.

Mit der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn teilte sich die Bahn den Bahnhof Schöningen Süd, so dass es direkte Züge nach Braunschweig gab.

Im Personenverkehr fuhren werktags meist um die fünf Züge, sonntags weniger.

Zwischen Hötensleben und Schöningen verkehrten zusätzliche Züge.

Die Halte der Strecke

Der Personenbahnhof der Kleinbahn hieß Oschersleben Nordwest und lag westlich des Staatsbahnhofs, der Güterbahnhof Oschersleben Nord war der der Gesellschaft.

Bei Kilometer 4,0 folgte Hornhausen, bei 5,3 Hornhausen Nord, bei 10,7 Ottleben und bei 12,6 Ausleben.

Barneberg bei Kilometer 15,5 war ein Haltepunkt.

Kauzleben bei Kilometer 17,2 war wegen der beiden Gruben mit ihren Anschlussbahnen ein Güterplatz.

Zu den einzelnen Gebäuden der Halte Hornhausen, Ottleben, Ausleben und Barneberg ist nichts weiter belegt, alle sind außer Betrieb.

Hötensleben: Der Bahnhof an der Grenze

Hötensleben lag bei Kilometer 19,7, Schöningen Süd bei 24,1.

Der Abschnitt zwischen Hötensleben und Schöningen war wegen der Grenzziehung seit Kriegsende 1945 dauerhaft unterbrochen.

Auf westlicher Seite wurde er bald nach 1945 abgebaut.

In Hötensleben war die Ortsbebauung bis an die Grenze herangerückt, deshalb konnten die üblichen Abstände der Grenzanlagen dort nicht eingehalten werden.

Auf dem verbliebenen Stück fuhren auch nach der Grenzziehung zuletzt fünf Züge.

Ein Stück der ehemaligen Bahnstrecke bei Hötensleben, 2007.
Ein Stück der ehemaligen Bahnstrecke bei Hötensleben, 2007. Foto: Michael Köhler, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Deutsche Reichsbahn hielt den Verkehr bis zum 22. Dezember 1969 aufrecht.

Anschließend wurden die Gleise bis auf ein Teilstück auf Oscherslebener Gebiet abgebaut, das noch Gleisanschlüsse bediente.

So sieht es jetzt aus: Das Grenzdenkmal Hötensleben

Westlich der Ortslage von Hötensleben ist ein Stück der Grenzanlagen der DDR erhalten.

Die Anlage ist 350 Meter lang und umfasst 6,5 Hektar, sie zeigt den Ausbauzustand des Jahres 1989.

Am 12. Januar 1990 wurde sie noch während des Bestehens der DDR unter Denkmalschutz gestellt.

Der 1993 gegründete Grenzdenkmalverein Hötensleben setzt sich für den Erhalt ein.

Seit Januar 2004 liegt die Trägerschaft beim Land Sachsen-Anhalt, das Denkmal gehört zur Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

2011 wurde die Anlage mit der Gedenkstätte in Marienborn Teil des Europäischen Kulturerbes.

Das Gelände ist frei zugänglich.

Das Grenzdenkmal Hötensleben, 2020.
Das Grenzdenkmal Hötensleben, 2020. Foto: Radler59, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Südlich der Straße nach Schöningen sind Reste einer früheren Eisenbahnbrücke mit einem Telegrafenmast erhalten.

Auf der Trasse zwischen Hötensleben und Schöningen liegen noch Gleisreste.

Gleisreste an der früheren Trasse zwischen Hötensleben und Schöningen, 2023.
Gleisreste an der früheren Trasse zwischen Hötensleben und Schöningen, 2023. Foto: HighVoltage 5576, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein Turm im Grenzdenkmal Hötensleben, 2022.
Ein Turm im Grenzdenkmal Hötensleben, 2022. Foto: Clemensfranz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Seit 2020 erwägt der Regionalverband Großraum Braunschweig einen langfristigen Neubau des Abschnitts Schöningen–Hötensleben als letzte Option der Reaktivierung Helmstedt–Schöningen.

Das ist nur diskutabel, wenn sich die Reaktivierung Helmstedt–Schöningen als wirtschaftlich erweist.

Die Grenzanlage im Denkmal, 2022.
Die Grenzanlage im Denkmal, 2022. Foto: Clemensfranz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Marienborn–Beendorf: Die Kleinbahn zum Kali

Die Marienborn-Beendorfer Kleinbahn wurde am 17. September 1899 eröffnet.

Sie begann im Bahnhof Marienborn an der Hauptstrecke Magdeburg–Braunschweig und führte nach Nordwesten nach Beendorf am Lappwald.

Hauptaktionärin war die Gewerkschaft Burbach, die ihren Kalibergbau dort verkehrlich erschließen wollte.

Der Güterverkehr erfüllte die Erwartungen der Gründer: Kali- und Steinsalz wurden in großen Mengen transportiert, dazu kam der Anschluss der Zuckerfabrik in Alleringersleben.

Der Personenverkehr war dagegen gering, das Maximum waren vier Zugpaare im Jahr 1914.

1922 wurde der Antrag gestellt, den Personenverkehr einzustellen, ab 1923 entfielen zunächst nur die Fahrten am Wochenende.

In den 1930er und 1940er Jahren beschränkte man sich auf einen Zug an Werktagen.

Aktie der Marienborn-Beendorfer Kleinbahn-Gesellschaft über 1000 Mark von 1922.
Aktie der Marienborn-Beendorfer Kleinbahn-Gesellschaft über 1000 Mark von 1922. Foto: Unbekannte Autoren und Grafiker; Scan von Auktionshaus Vladi, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Halte: Alleringersleben, Morsleben, Bartensleben, Beendorf

Bei Kilometer 1,8 zweigte die Anschlussbahn zur Grube Alleringersleben und zur Zuckerfabrik ab, sie ist außer Betrieb.

Morsleben bei Kilometer 3,0 war ein Haltepunkt und ist stillgelegt.

Morsleben liegt im oberen Allertal an der Grenze zu Niedersachsen, der ehemalige Grenzübergang Marienborn befand sich auf dem Gemeindegebiet.

Bei Kilometer 4,5 zweigte der Anschluss zum Schacht Bartensleben ab.

Der Bahnhof Beendorf bei Kilometer 5,4 war der Endpunkt, die Strecke reichte danach noch bis zum Schacht Marie.

Beendorf lag nach einer Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung mitten im ehemaligen Sperrgebiet.

Die Gewerkschaft Burbach in Beendorf in den 1920er Jahren.
Die Gewerkschaft Burbach in Beendorf in den 1920er Jahren. Foto: Rudolf Hatzold, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Beendorf in der NS-Zeit

Mit der Munitionsanstalt in einem stillgelegten Kalischacht nahm der Güterverkehr der Kleinbahn zu, die Angaben zum Beginn gehen auseinander: Eine Quelle nennt 1935, eine andere den 1. Mai 1937.

Bis Kriegsende wurde dort Munition gefertigt und gelagert, teilweise von KZ-Häftlingen.

Im Februar und März 1944 wurde in Beendorf ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet.

Häftlinge aus Ungarn, Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und der Sowjetunion wurden dorthin gebracht, andere aus Buchenwald, Sachsenhausen, Auschwitz, Bergen-Belsen und Neuengamme.

Die männlichen Häftlinge bauten vor allem die unterirdischen Anlagen aus, die weiblichen mussten in der Rüstungsproduktion arbeiten.

Die Schicht dauerte zwölf Stunden, je Häftling waren es 72 Stunden in der Woche.

Ein offizieller Bericht vom 25. März 1945 nennt 2021 Frauen und 749 Männer im Lager.

Auf dem Ortsfriedhof erinnern ein Gemeinschaftsgrab und ein Gedenkstein von 1958 an 250 KZ-Häftlinge, die Opfer der Zwangsarbeit wurden.

Ob die Kleinbahn für Transporte der Häftlinge genutzt wurde, ist nicht belegt.

Die Schachtanlage Marie in Beendorf, 2011.
Die Schachtanlage Marie in Beendorf, 2011. Foto: User:Koegel, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Ende der Kleinbahn

Nach dem Krieg unterstellte man die Kleinbahn den Sächsischen Provinzbahnen und zum 1. April 1949 der Deutschen Reichsbahn.

Vom 12. März bis zum Herbst 1949 war sie die einzige Bahn der Sowjetischen Besatzungszone, die offiziell nicht volkseigen war.

In der DDR ließ vor allem die Lage im Grenzgebiet den Verkehr nicht wachsen.

Der letzte Personenzug fuhr am 29. September 1962.

Der Güterverkehr lief noch bis zur Stilllegung der Grube Bartensleben im Jahr 1969, am 29. Januar 1970 fuhr der letzte Güterzug.

Kurz danach begann der Abbau, die offizielle Stilllegung erfolgte am 31. Juli 1970.

Der Schacht Bartensleben bei Morsleben, 2006.
Der Schacht Bartensleben bei Morsleben, 2006. Foto: AxelHH, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sieht es jetzt aus: Das Endlager Morsleben

Das Salzbergwerk Bartensleben wurde 1970 von der DDR-Regierung als Endlager für radioaktive Abfälle ausgewählt.

Die Entscheidung für Morsleben als Standort war schon 1965 gefallen.

Von 1971 bis 1998 wurden dort mindestens 36.753 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfälle eingelagert.

1998 wurde die Einlagerung nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Magdeburg ausgesetzt.

Seit 2005 läuft das Genehmigungsverfahren zur Stilllegung, die Bundesgesellschaft für Endlagerung betreibt die Anlage seit 2017.

Die Grube gilt als stark einsturzgefährdet und wird stabilisiert.

Der Schacht Marie in Beendorf gehört ebenfalls zum Endlager.

Ob die Kleinbahn Abfälle oder Baustoffe für das Endlager beförderte, ist nicht belegt.

Der Haupteingang der Anlage in Morsleben, 2007.
Der Haupteingang der Anlage in Morsleben, 2007. Foto: Wusel007, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Eine Seilscheibe erinnert in Beendorf an den Kalibergbau, 2022.
Eine Seilscheibe erinnert in Beendorf an den Kalibergbau, 2022. Foto: TeWeBs, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1899: Die Marienborn-Beendorfer Kleinbahn wird am 17. September eröffnet, die Oschersleben-Schöninger Eisenbahn am 20. Dezember.

1914: Die Kleinbahn fährt mit vier Zugpaaren so viele Personenzüge wie nie.

1944: In Beendorf wird ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet.

1945: Der Abschnitt Hötensleben–Schöningen ist durch die Grenzziehung dauerhaft unterbrochen.

1962: Der letzte Personenzug fährt nach Beendorf.

1969: Der Verkehr Oschersleben–Hötensleben endet am 22. Dezember.

1970: Marienborn–Beendorf wird am 31. Juli offiziell stillgelegt.

1990: Das Grenzdenkmal Hötensleben wird am 12. Januar unter Denkmalschutz gestellt.

2011: Hötensleben und Marienborn werden Teil des Europäischen Kulturerbes.

Häufige Fragen

Fahren auf diesen Strecken noch Züge?
Nein, beide Strecken sind stillgelegt, Marienborn liegt aber an einer aktiven Hauptstrecke.
Kann man das Grenzdenkmal Hötensleben besuchen?
Ja, das Gelände ist frei zugänglich.
Wann endete der Personenverkehr nach Beendorf?
Der letzte Personenzug fuhr am 29. September 1962.
Warum endete die Strecke nach Schöningen in Hötensleben?
Wegen der Grenzziehung ist der Abschnitt Hötensleben–Schöningen seit Kriegsende 1945 dauerhaft unterbrochen.
Wird die Strecke nach Schöningen wieder gebaut?
Seit 2020 wird ein Neubau Schöningen–Hötensleben nur langfristig und als letzte Option erwogen, eine Entscheidung ist nicht belegt.

Beide Bahnen zeigen, wie stark die Lage an der Grenze und die Geschichte der Bergwerke ihr Schicksal bestimmten.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Oschersleben–Schöningen · Wikipedia: Bahnstrecke Marienborn–Beendorf · Wikipedia: Grenzdenkmal Hötensleben · Wikipedia: Endlager Morsleben · Wikipedia: U-Verlagerung Bulldogge · Wikipedia: Hötensleben · Wikipedia: Beendorf · Wikipedia: Morsleben · Bundeszentrale für politische Bildung: Beendorf

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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