Der Haltepunkt Werleshausen und das Wanfrieder Abkommen
Der Haltepunkt Werleshausen lag 1945 kurz in der Sowjetischen Besatzungszone und blockierte die wichtige Nord-Süd-Strecke. Ein Gebietstausch im September 1945 hielt sie offen, 1978 endete der Reiseverkehr.

Lage: Werleshausen, Stadtteil von Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis, bei Streckenkilometer 220,76. Status: Der Haltepunkt ist ohne Reiseverkehr, die Strecke Göttingen–Bebra ist in Betrieb. Heute: Es gibt noch die Überleitstelle Werleshausen Bebenroth vor dem südlichen Tunneleingang.
Werleshausen ist ein Stadtteil von Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis.
Der Haltepunkt an der Bahnstrecke Göttingen–Bebra bekam 1901 zwei Bahnsteige und ein kleines einstöckiges Bahnhofsgebäude.
1945 lag er zeitweise in der Sowjetischen Besatzungszone und unterbrach die wichtige Nord-Süd-Verbindung.
Das Wanfrieder Abkommen vom 17. September 1945 tauschte Gebiete, damit die Strecke wieder durchgehend im Westen lag.
Seit 1978 hält in Werleshausen kein Reisezug mehr.
Die Strecke selbst ist in Betrieb, vom Haltepunkt gibt es noch die Überleitstelle Werleshausen Bebenroth.
Alte freie Fotos des Haltepunkts sind nicht belegt, die Bilder zeigen die Strecke seit 2015 und Karten.
Die Strecke durch das Werratal
Seit 1876 verläuft östlich von Werleshausen der Abschnitt Niederhone–Eichenberg–Friedland der Bahnstrecke Göttingen–Bebra.
Bis zum Zweiten Weltkrieg diente die Strecke hauptsächlich dem Verkehr zwischen Frankfurt und Leipzig.
Südlich von Eichenberg führt sie durch den Bebenroth-Tunnel, der 1876 mit dem Abschnitt als zweigleisige Röhre in Betrieb ging.
Der historische Tunnel war 930 Meter lang und liegt bei Streckenkilometer 222,5.

Der Haltepunkt Werleshausen
Im Jahr 1901 erhielt Werleshausen bei Streckenkilometer 220,76 einen einfachen Haltepunkt.
Er hatte zwei Bahnsteige und ein kleines einstöckiges Bahnhofsgebäude.
Personell besetzt war der Haltepunkt bis 1963.
Sommer 1945: Eine Grenze durch die Strecke
Nach der Festlegung der Grenzen zwischen den Besatzungszonen verlief die Bahnstrecke zwischen Bad Sooden-Allendorf und Eichenberg auf vier Kilometern Länge durch die Sowjetische Besatzungszone.
Es handelte sich um eine wichtige Nachschublinie der US-Besatzungsmacht.
Nach der Behebung von Kriegsschäden war die Strecke vom 10. August 1945 an wieder provisorisch befahrbar.
Danach besetzten sowjetische Streitkräfte den Haltepunkt Werleshausen in diesem Abschnitt.
Sie unterbrachen damit zunächst die Verbindung zwischen dem Nachschubhafen der US-Armee in der Exklave Bremerhaven und dem Hauptteil der Amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland.
Vom 13. bis zum 15. September 1945 blockierte die sowjetische Seite die Strecke noch einmal.
Um weiteren Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, vereinbarten beide Besatzungsmächte am 17. September 1945 einen Gebietstausch.
Verhandelt und unterzeichnet wurde der Vertrag auf dem Gut Kalkhof bei Wanfried.
Verhandlungsführer waren Brigadegeneral William Thaddeus Sexton für die USA und Generalmajor Wassili Askalepow für die Sowjetunion.
Der neue Grenzverlauf wurde spöttisch Whisky-Wodka-Linie genannt.
Wanfried selbst liegt nicht in den getauschten Gebieten, zu seinem Bahnhof gibt es den Beitrag Der Bahnhof Wanfried: Von der Festfahrt 1902 zum Atelier im alten Bahnhof.

Was das Abkommen regelte
Die hessischen Dörfer Sickenberg, Asbach, Vatterode, Weidenbach und Hennigerode wurden Teil der Sowjetischen Besatzungszone.
Sie hatten zusammen 429 Einwohner und eine Gemarkungsfläche von 761 Hektar.
Die Eichsfelder Dörfer Neuseesen und Werleshausen kamen mit 560 Einwohnern und 845 Hektar zur Amerikanischen Besatzungszone.
Der Vertrag trat sofort in Kraft, die abgegebenen Gebiete mussten bis zum Abend des 19. September 1945 geräumt sein.
Durch den Tausch kamen der Streckenabschnitt von Kilometer 219,021 bis 223,063 und der Haltepunkt Werleshausen in amerikanische Hand.
Das südliche Ende des Abschnitts lag auf der Mitte der Werrabrücke bei Oberrieden, das nördliche im Bebenroth-Tunnel bei Unterrieden.
Die Bevölkerung blieb mit ihrem Eigentum in den getauschten Orten.
Bis zum Winter 1953/1954 stellte die Deutsche Reichsbahn in ihrem Kursbuch den alten Grenzverlauf dar.
In den 1950er Jahren gab es deshalb Überlegungen für eine westliche Umgehung zwischen Oberrieden und Eichenberg.
Mit den Grenzsperranlagen der DDR wurde die neue Zugehörigkeit der Orte auch faktisch besiegelt.
Nach 1990 wurde das Abkommen nicht rückgängig gemacht, die fünf ehemals hessischen Dörfer gehören zu Thüringen und die beiden ehemals thüringischen Dörfer zu Hessen.
Das Ende der Reisezüge und der Ausbau der Strecke
Ab 1978 wurde der Personenverkehr in Werleshausen eingestellt.
Die nächstgelegenen Bahnhöfe sind heute Witzenhausen-Nord an der Bahnstrecke Kassel–Göttingen und Eichenberg an der Nord-Süd-Strecke.
Die Strecke wurde bis 1963 elektrifiziert.
Im Bebenroth-Tunnel mussten dafür der Tunnelboden um bis zu 90 Zentimeter abgesenkt und der Gleisabstand auf mindestens 3,75 Meter erweitert werden.
Die Arbeiten dauerten von April 1960 bis Dezember 1962, der Tunnel wurde in dieser Zeit eingleisig betrieben.
Im Sommer 1989 fuhren zwischen Göttingen und Bebra 37 Fernzüge pro Tag und Richtung.

So sieht es jetzt aus
Von dem Haltepunkt gibt es heute die Überleitstelle Werleshausen Bebenroth vor dem südlichen Tunneleingang.
Mitte der 1990er Jahre war der Bebenroth-Tunnel wieder ein Sanierungsfall.
Die Entscheidung fiel zugunsten einer zweiten Röhre, die westlich der bestehenden entstand.
Die neue, 1030 Meter lange Röhre ging im Dezember 2012 in Betrieb und kostete 49 Millionen Euro.
Bis zum November 2015 fuhren die Züge eingleisig, dann war auch die historische Röhre saniert.
Beide Röhren sind heute eingleisig, die Sanierung der alten Röhre kostete 33 Millionen Euro.
Die beiden neuromanischen Portale des ersten Tunnels sind erhalten, das Südportal aus Buntsandstein und das Nordportal aus Backstein.
Beide sind nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz Kulturdenkmäler.



Oberrieden: Der Nachbar im Werratal
Auch das benachbarte Oberrieden hat keinen Reiseverkehr mehr.
Mit dem Bau der Strecke erhielt der Ort um 1876 bei Kilometer 218,33 einen einfachen Haltepunkt.
1896 kam eine Güterabfertigung hinzu, 1911 wurde ein Überholungsgleis gelegt und die Station zum Bahnhof hochgestuft.
1937 ging das Stellwerk Oberrieden Süd in Betrieb, 1963 wurde es durch ein Drucktastenstellwerk abgelöst.
Im Juli 1945 lagen Eichenberg und Oberrieden in der Amerikanischen Besatzungszone, Werleshausen in der Sowjetischen.
1978 wurde der Personenverkehr in Oberrieden eingestellt, die Bahnsteige wurden entfernt.
2010 wurde das Stellwerk außer Betrieb genommen, danach wurden alle nicht mehr benötigten Gleise entfernt.
Die Geschichte in Daten
1876: Der Abschnitt Niederhone–Eichenberg–Friedland und der Bebenroth-Tunnel gehen in Betrieb.
1901: Werleshausen erhält einen Haltepunkt bei Streckenkilometer 220,76.
1945: Im Juli liegt der Haltepunkt in der Sowjetischen Besatzungszone.
1945: Am 10. August ist die Strecke wieder provisorisch befahrbar, danach besetzen sowjetische Streitkräfte den Haltepunkt.
1945: Vom 13. bis 15. September wird die Strecke erneut blockiert.
1945: Am 17. September wird das Wanfrieder Abkommen auf dem Gut Kalkhof unterzeichnet.
1945: Bis zum Abend des 19. September müssen die getauschten Gebiete geräumt sein.
1960: Von April 1960 bis Dezember 1962 wird der Bebenroth-Tunnel für die Elektrifizierung umgebaut.
1963: Der Haltepunkt ist letztmals personell besetzt.
1978: Der Personenverkehr in Werleshausen wird eingestellt.
2012: Im Dezember geht die zweite Röhre des Bebenroth-Tunnels in Betrieb.
2015: Im November ist auch die historische Röhre saniert.
Häufige Fragen
Seit wann hält in Werleshausen kein Reisezug mehr?
Was ist das Wanfrieder Abkommen?
Wo wurde das Abkommen unterzeichnet?
Zu welchem Land gehört Werleshausen heute?
Was ist von dem Haltepunkt erhalten?
Der Haltepunkt Werleshausen liegt seit 1978 ohne Reiseverkehr an einer Strecke, die der Gebietstausch von 1945 für den Westen sicherte.
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