Der Bahnhof Wanfried: Von der Festfahrt 1902 zum Atelier im alten Bahnhof
Der Fachwerkbahnhof von Wanfried wurde 1902 mit einer Festfahrt eröffnet und lag später direkt an der innerdeutschen Grenze. Seit 1981 fährt hier kein Reisezug mehr, heute wohnen und malen Menschen im alten Empfangsgebäude.


Lage: Bahnhofstraße 16 in Wanfried (Werra-Meißner-Kreis, Hessen), nah an der Grenze zu Thüringen. Status: ohne Zugverkehr, Kulturdenkmal. Heute: bewohnt, mit Seniorenwohnungen und einem Atelier. Das Haus ist in Privatbesitz und wird nur von außen angesehen.
Der Bahnhof Wanfried steht im Nordosten Hessens, nur wenige Kilometer von Thüringen entfernt, und fällt sofort durch seinen Giebel mit den geschwungenen Fachwerkhölzern auf.
Reisende steigen hier nicht mehr ein, denn der letzte planmäßige Personenzug fuhr am 30. Mai 1981.
Das Haus ist trotzdem nicht verfallen, sondern wurde nach der Stilllegung saniert und neu genutzt.
Freie Fotos aus der Betriebszeit gibt es nur von der Einweihung 1902 und von der letzten Fahrt 1981, deshalb zeigt dieser Beitrag vor allem Aufnahmen von heute.
Das Gebäude ist bewohnt und in Privatbesitz, man sieht es sich von der Straße aus an und betritt das Grundstück nicht.
Wanfried wartet auf die Eisenbahn
Wanfried liegt an der Werra, und über Jahrhunderte war der Fluss der Verkehrsweg der Stadt.
Die Hafenanlage Schlagd am Ufer erinnert bis heute daran.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Schifffahrt auf Werra und Weser jedoch ihre Bedeutung.
Die Kanonenbahn von Eschwege nach Leinefelde ging 1880 in Betrieb, aber Wanfried lag abseits ihrer Trasse.
Am 12. Dezember 1879 trafen sich deshalb Vertreter des Kreises Eschwege, der Städte Wanfried und Treffurt und der umliegenden Dörfer.
Sie wollten eine Nebenbahn von Schwebda über Wanfried nach Treffurt erreichen und schrieben dazu eine Petition.
Ein Komitee aus acht Mitgliedern sollte alle weiteren Schritte betreiben.
Auch in Eisenach gründete sich am 28. Dezember 1882 ein Eisenbahnkomitee, dem vor allem Industrielle der Region angehörten.
Der Preußische Landtag beschloss 1894 schließlich den Bau der Verbindung Eschwege–Wanfried–Treffurt.
Die Stadt Wanfried hatte dem Kreis Eschwege schon am 25. Januar 1888 zugesagt, zwei Drittel der Grunderwerbskosten zu übernehmen.
Die Kosten für den Grunderwerb lagen insgesamt bei 107.010 Mark, der städtische Anteil bei 71.340 Mark.
Unterstützt wurde die Stadt dabei durch freiwillige private Beiträge von zusammen 30.000 Mark.

Der Bau und die Festfahrt am 1. Mai 1902
Die Arbeiten im Abschnitt von Schwebda nach Treffurt begannen am 17. Oktober 1900.
Er war 16,4 Kilometer lang, davon lagen 14,6 Kilometer im Regierungsbezirk Kassel und 1,8 Kilometer im Regierungsbezirk Erfurt.
Am 1. Mai 1902 wurde die Strecke Schwebda–Wartha eröffnet, zunächst bis Treffurt.
Zur Feier gab es eine Festfahrt von Eschwege nach Treffurt, an der Regierungspräsident von Trott zu Solz, Landrat von Keudell und Bürgermeister Vocke teilnahmen.
Der Sonderzug bestand aus zehn Wagen und wurde von der bekränzten preußischen T 3 mit der Nummer 1726 gezogen.
Am selben Tag wurde in Wanfried auch das neue Empfangsgebäude übergeben.
Der Fotograf Oscar Tellgmann aus Eschwege hielt die Einweihung in mehreren Aufnahmen fest, die heute auf Wikimedia Commons liegen.
Das Gebäude ist ein Typenbau, der dem Bahnhof Frieda ähnelt.
Auffällig sind die aufgelegten Fachwerkblenden am Giebel aus geschwungenen Hölzern.
Das Haus an der Bahnhofstraße 16 steht aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen als Kulturdenkmal unter Schutz.
So sah es vorher aus: Briefe mit der Kutsche, Glocken mit der Bahn
Wie sehr die Bahn den Alltag veränderte, zeigt die Post.
Im Jahr 1750 erreichten Wanfried noch rund 300 Briefe mit der Postkutsche.
Im Jahr 1906 gab es dagegen täglich neun Bahnpostverbindungen.
Am 30. September 1921 trafen zwei neue Glocken für die evangelische Stadtkirche am Bahnhof ein.
Die alten Glocken waren am 6. Juli 1917 zertrümmert und aus dem Turm geworfen worden, um sie im Ersten Weltkrieg als Metallspende abzugeben.
Die neuen Glocken kamen also mit der Bahn in die Stadt.

Fahrplan, Grenze und Niedergang
Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es zäh, bis ein brauchbarer Fahrplan zustande kam, erst um 1930 war er akzeptabel.
Im Sommer 1939 verkehrten werktags neun und sonntags acht Personenzüge in jeder Richtung.
Vor dem Kriegsende 1945 waren es noch vier Zugpaare am Tag, werktags fuhr ein fünftes mit.
Der letzte Fahrplan, der bis zum Kriegsende galt, trat am 3. Juli 1944 in Kraft.
Genau ein Jahr später, am 3. Juli 1945, war die Strecke zwischen Heldra und Treffurt durch die Demarkationslinie getrennt.
Der Verkehr nach Thüringen kam damit ganz zum Erliegen, und Wanfried verlor seine Verbindung nach Osten.
Die Strecke endete nun in Heldra, und auf dem Weg dorthin lief sie vor dem Bahnhof Großburschla etwa 320 Meter an der Grenze entlang.
Der Zaun wurde neben dem Gleis gebaut, damit die Züge weiterfahren konnten.
Am 12. August 1946 fuhren zwischen Eschwege und Heldra wieder Personenzüge, doch das Verkehrsaufkommen erreichte die Vorkriegszeit nicht mehr.
Im Jahr 1966 wurden die Reisezüge zwischen Wanfried und Heldra wegen des schlechten Oberbaus eingestellt, stattdessen fuhren sechs Busse der Bundesbahn am Tag.
Zugleich gab man den Haltepunkt Spinnhütte in Wanfried und den Schrankenposten 1 zwischen Mühlhäuser und Celler Straße auf.
Am 17. Juli 1967 begann in beschränktem Umfang wieder Güterverkehr zwischen Wanfried und Großburschla, mit einer Kleinlok.
Der Abschnitt zwischen Großburschla und Heldra wurde am 2. Februar 1970 stillgelegt.
Am 2. Juni 1973 fuhr zum letzten Mal planmäßig eine Dampflok der Baureihe 50 zwischen Wanfried und Eschwege.
Danach übernahmen Diesellokomotiven den Güterverkehr.

Das Ende der Reisezüge 1981
Am 15. Mai 1980 feierte die Bundesbahn in Wanfried das 100-jährige Bestehen der Strecke Eschwege–Schwebda–Leinefelde.
Über 1.000 Fahrgäste folgten der Einladung zu einer Jubiläumsfahrt, gezogen von der Diesellok 216 215 mit sieben Wagen.
Weil die Wagen nicht alle fassen konnten, brachte ein Schienenbus noch einmal 200 Fahrgäste nach Wanfried.
Entlang der Strecke winkten Tausende Schaulustige.
Nur ein Jahr später war Schluss, am 30. Mai 1981 fuhr das letzte Zugpaar auf der Strecke Eschwege–Wanfried.
Der letzte Zug erreichte Wanfried morgens um 6:51 Uhr.
Die Eschweger Eisenbahnfreunde hatten die Front des Triebwagens mit einem Schild mit der Aufschrift „Letzte Fahrt des Botenlieschens“ geschmückt.
Die Bundesbahn ließ eine Sonderrückfahrkarte für die Zugnummern 7943 und 7944 drucken.
Seitdem fahren Busse zwischen Wanfried und Eschwege.


Schließung, Kleinlok und die letzten Fahrten
Der Güterverkehr zwischen Eschwege und Großburschla lief noch bis Anfang der 1990er Jahre weiter.
Der Bahnhof Wanfried selbst wurde am 22. Februar 1988 wegen Krankheit und Personalmangels zunächst vorübergehend geschlossen.
Am 31. März 1988 wurde die Schließung endgültig.
Am 19. Dezember 1992 wurde die 1934 bei Krupp gebaute Kleindiesellok Kö 4579 in Saalfeld ausgemustert.
Eisenbahnfreunde kauften sie und brachten sie nach Wanfried, und im März 1993 gründete sich der Verein Eisenbahnfreunde Wanfried.
Der Verein wollte Lok und weitere Fahrzeuge betreuen, doch der geplante Museumsbetrieb kam nie zustande, weil die Strecke zwischen Wanfried und Eschwege später vollständig zurückgebaut wurde.
Die Lok ging 1996 an die Eisenbahnfreunde Walburg und im April 2015 an eine Interessengemeinschaft in Sondershausen.
Am 11. Dezember 1993 fuhren rund 70 Eisenbahnfans mit einem Schienenbus von Heidelberg nach Wanfried.
Die Anreise dauerte über fünf Stunden, die Rückfahrt nach Eschwege verlief im Schleichtempo über verrostete Schienen und zugewachsene Schwellen.
Die allerletzte Fahrt auf der Strecke fand Ende Mai oder Anfang Juni 1995 statt, die Quellen nennen unterschiedliche Tage.
Ein Zug aus vier Wagen mit Protestplakaten gegen die Stilllegung, der auch die Kleinlok des Wanfrieder Vereins mitführte, fuhr mit etwa 30 Kilometern pro Stunde bis zum Bahnhof Eschwege West.
Zum 31. Dezember 1995 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.
Zuletzt hatte der Güterverkehr nur noch 65 Waggons im Jahr betragen.
Rückbau und Radweg
Ab dem Sommer 1998 baute die Bahn die Strecke zurück.
Am 16. Oktober 1998 wurden die letzten Schienen vor dem Empfangsgebäude entfernt.
Auf weiten Teilen der Trasse der Werratalbahn verläuft heute der Werratal-Radweg.

In Wanfried selbst blieben einzelne Spuren stehen.
In der Plouescatstraße liegen noch Reste von Eisenbahnschienen.
An der Straße „Vor dem Gatter“ überquert die ehemalige Eisenbahnbrücke den Gatterbach.



So sieht es jetzt aus
Ein ortsansässiger Mediziner und Unternehmer kaufte der Deutschen Bahn das Gebäude ab.
Von 2002 bis 2005 wurde es saniert und umgebaut.
Im Haus entstanden acht getrennte Seniorenwohnungen mit 36 bis 60 Quadratmetern, im Erdgeschoss kam ein Café dazu.
Auf einer Aufnahme von 2023 steht an der Fassade noch das Wort „Café“.
Im Jahr 2020 plante derselbe Eigentümer, auf den ehemaligen Gleisen kleine Häuser im Stil von Eisenbahnwaggons zu bauen.
Vorgesehen waren vier bis sechs barrierearme Objekte mit etwa 60 Quadratmetern, versorgt über Photovoltaik und Geothermie.
Ob sie gebaut wurden, ist nicht belegt.
Seit dem 11. März 2023 befinden sich in einem Teil der Räume eine Galerie und ein Kursraum für Malerei.
Unter dem Namen „Atelier im alten Bahnhof“ werden unter der Adresse Bahnhofstraße 16 Malkurse in Acryl und Pastell angeboten.


Vorher und nachher
Die Postkarte von 1902 zeigt das Haus mit Girlanden und mit Menschen auf dem Bahnsteig.
Das Dach, die Fachwerkgiebel und die Aufteilung der Fenster sind auf dem heutigen Foto leicht wiederzuerkennen.
Einen Bahnsteig gibt es dort nicht mehr, vor dem Gebäude liegt eine Wiese.
Gleise gibt es seit 1998 nicht mehr.
Vor dem Haus wachsen heute Büsche, und es dient dem Wohnen und der Kunst.


Die Geschichte in Daten
12.12.1879: Eine Versammlung in der Region fordert eine Nebenbahn von Schwebda über Wanfried nach Treffurt.
1894: Der Preußische Landtag beschließt den Bau der Verbindung Eschwege–Wanfried–Treffurt.
17.10.1900: Die Bauarbeiten im Abschnitt Schwebda–Treffurt beginnen.
1.5.1902: Eröffnung der Strecke Schwebda–Wartha und des Bahnhofs Wanfried.
3.7.1945: Die Strecke zwischen Heldra und Treffurt wird durch die Demarkationslinie unterbrochen.
1966: Die Reisezüge zwischen Wanfried und Heldra werden eingestellt, Busse ersetzen sie.
2.6.1973: Letzter planmäßiger Einsatz einer Dampflok der Baureihe 50 zwischen Wanfried und Eschwege.
30.5.1981: Der letzte planmäßige Personenzug fährt nach Wanfried.
31.3.1988: Der Bahnhof Wanfried wird endgültig geschlossen.
31.12.1995: Offizielle Stilllegung der Strecke.
16.10.1998: Die letzten Schienen vor dem Empfangsgebäude werden entfernt.
2002 bis 2005: Das Gebäude wird saniert und zu Seniorenwohnungen mit Café umgebaut.
11.3.2023: In einem Teil des Hauses eröffnen eine Galerie und ein Kursraum für Malerei.
Häufige Fragen
Fährt in Wanfried noch ein Zug?
Darf man den alten Bahnhof betreten?
Wann wurde der Bahnhof gebaut?
Warum endete die Strecke nach Osten schon 1945?
Was wurde aus der Kleinlok der Eisenbahnfreunde?
Gibt es auch einen Beitrag zur Kanonenbahn?
Der Bahnhof Wanfried ist ein Beispiel dafür, dass ein stillgelegter Bahnhof nicht leer stehen muss.
Mehr zur Kanonenbahn lesen Sie im Beitrag über den Bahnhof Lengenfeld unterm Stein.
Wikipedia: Bahnhof Wanfried · Wikipedia: Bahnstrecke Schwebda–Wartha · Wikipedia: Bahnstrecke Leinefelde–Treysa · Veranstaltungslisting: Atelier im alten Bahnhof Wanfried (mvp.de) · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen der verwendeten Bilder
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