Darmstadts verschwundene Bahnhöfe: Ludwigsbahnhof und Main-Neckar-Bahnhof
Bis 1912 standen am Darmstädter Steubenplatz zwei Bahnhöfe nebeneinander. Heute ist von beiden kaum etwas erhalten, nur Teile ihrer Bahnsteigdächer stehen in Langen.

Lage: Steubenplatz in Darmstadt, rund 800 Meter östlich des heutigen Hauptbahnhofs. Status: Beide Bahnhöfe 1912 geschlossen, Empfangsgebäude 1955 abgerissen. Heute: Der heutige Hauptbahnhof Darmstadt ist in Betrieb; Teile der alten Bahnsteigdächer sind in Langen und Buchschlag-Sprendlingen erhalten.
Darmstadt hatte bis 1912 zwei Bahnhöfe nebeneinander, den Main-Neckar-Bahnhof und den Ludwigsbahnhof.
Beide lagen am heutigen Steubenplatz und wurden 1912 durch den Hauptbahnhof ersetzt, der rund 800 Meter weiter westlich liegt.
Dieser heutige Hauptbahnhof ist in Betrieb und nicht Thema dieses Beitrags, zu ihm gibt es einen eigenen Ortstermin.
Hier geht es um die beiden Vorgänger, die verschwunden sind.
Alte Fotos und Zeichnungen sind frei verfügbar, neue Aufnahmen der Bahnhöfe gibt es nicht, weil beide Empfangsgebäude 1955 abgerissen wurden.
Der Main-Neckar-Bahnhof von 1846
Der Main-Neckar-Bahnhof diente der Strecke Frankfurt–Heidelberg, die als Main-Neckar-Bahn bekannt war.
Er ging am 22. Juni 1846 in Betrieb.
Bauherrin war die Main-Neckar-Eisenbahn-Gesellschaft.
Der Bahnhof war ihr größter und hatte das prächtigste Empfangsgebäude.
Architekt war Friedrich Lichthammer, der ab 1857 den Vorsitz im Direktorium der Gesellschaft führte.
Im Bahnhof waren auch die Verwaltung der Main-Neckar-Bahn und die zentralen Werkstätten untergebracht.
Dazu kamen zwei Wagenhallen und eine Konvoihalle, in der Züge geschützt zusammengestellt werden konnten.
Der Bahnhof war ein Durchgangsbahnhof und lag an der Westseite des heutigen Steubenplatzes.

Der Ausbau des Main-Neckar-Bahnhofs
1861 wurde die ursprüngliche Bahnsteigüberdachung aus Eisen und Zinkblech durch eine glasgedeckte Bahnsteighalle ersetzt.
1871 wurde die Station nach Westen erweitert, 1873 kam ein Beamtenwohnhaus dazu und 1875 ein neuer Lokomotivschuppen.
1877 erhielt das Empfangsgebäude über den Wartesälen und den Pavillons ein zusätzliches Stockwerk.
1882 bekam der Bahnhof ein Zentralstellwerk.
1885 baute die Firma Schuckert & Co. aus Nürnberg elektrische Beleuchtung ein, auch für die Direktionsbüros und die Werkstätten.
Der Güterbahnhof wurde 1890 stark erweitert.
Am 17. Mai 1891 wurde ein Fußgängertunnel unter den Bahnanlagen eröffnet.


Der Ludwigsbahnhof der Hessischen Ludwigsbahn
Der Ludwigsbahnhof war ein Kopfbahnhof und lag an der Nordseite des heutigen Steubenplatzes.
Er diente der Hessischen Ludwigsbahn als Endpunkt ihrer Strecken nach Mainz und Aschaffenburg, der Rhein-Main-Bahn, sowie der Riedbahn nach Worms und der Odenwaldbahn.
Die Fronten der beiden Empfangsgebäude lagen rechtwinklig zueinander.
Als die Rhein-Main-Bahn 1858 eröffnet wurde, nutzte sie in Darmstadt zunächst vier Gleise im nordöstlichen Bereich des Main-Neckar-Bahnhofs und dessen Empfangsgebäude.
Wegen des wachsenden Verkehrs entstand 1873 bis 1875 ein eigenes Empfangsgebäude im Stil der Neorenaissance nach einem Entwurf von Philipp Johann Berdellé.
Es wurde am 15. Oktober 1875 eröffnet.
Der Ludwigsbahnhof war einer der wichtigsten Bahnhöfe der Ludwigsbahn und diente der Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Hessen, deshalb war er besonders repräsentativ ausgestattet.
1899 bestand im Ludwigsbahnhof eine Telegrafenmeisterei, die in „Telegraphenmeisterei I“ umbenannt und um eine „Telegraphenmeisterei II“ ergänzt wurde.



So sah es vorher aus: zwei Bahnhöfe, ein Platz
Nach der Verstaatlichung zum 1. April 1897 gehörte die ehemalige Hessische Ludwigsbahn zur Eisenbahndirektion Mainz.
Zum 1. Oktober 1902 wurde die Main-Neckar-Eisenbahn-Gesellschaft aufgelöst, ihr in Hessen liegender Teil fiel an die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft.
Die Direktion in Mainz fasste nun beide Bahnhöfe zu Darmstadt Hauptbahnhof zusammen.
Um Verwechslungen bei den Reisenden zu vermeiden, behielten die beiden Bahnhofsteile aber getrennte Bezeichnungen, Hessischer Ludwigsbahnhof und Main-Neckarbahnhof.
Der Name Hauptbahnhof bezeichnete damals also noch die beiden Bahnhöfe am Steubenplatz und nicht den Bau von 1912.

Niedergang: warum beide weichen mussten
Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Platzverhältnisse auf beiden Bahnhöfen bei zunehmendem Verkehr sehr beengt.
Das städtische Wachstum hatte das Bahnareal erreicht, an Ort und Stelle war keine Erweiterung möglich.
Die Trennung in zwei Bahnhöfe störte den Betrieb, ebenso der höhengleich kreuzende Straßenverkehr auf der Rheinstraße.
Ab 1901 wurden vier verschiedene Entwürfe erarbeitet und verworfen.
Im März 1906 einigten sich Stadtverwaltung und Eisenbahndirektion Mainz auf einen fünften Entwurf.
Er sah vor, etwa 800 Meter westlich der alten Bahnhöfe auf einem freien Areal einen neuen Durchgangsbahnhof zu bauen.
Die Arbeiten an den Bahnanlagen dauerten von 1907 bis 1912 und kosteten insgesamt 17 Millionen Mark.
Das Ende im Frühjahr 1912
Der neue Hauptbahnhof wurde am 28. April 1912 feierlich eröffnet.
Für den Güterverkehr wurden die alten Bahnhöfe bereits am 27. April 1912 geschlossen.
Am 1. Mai 1912 wurde der größte Teil des Personenverkehrs auf den neuen Bahnhof verlegt.
Ausgenommen war zunächst der Verkehr der Odenwaldbahn einschließlich der Verbindung nach Groß-Zimmern.
Erst ab dem 15. Mai 1912 wurden auch diese Verbindungen in den neuen Hauptbahnhof eingeführt und die alten Bahnhöfe endgültig geschlossen.
Eine museale Darstellung nennt für den Main-Neckar-Bahnhof dagegen das Jahr 1913 als Ende, die Angaben gehen also auseinander.
Ludwigsbahnhof nach der Schließung
Die Bahnsteigüberdachung des Ludwigsbahnhofs wurde nach dem Ersten Weltkrieg abgebaut und in den Bahnhöfen Buchschlag-Sprendlingen und Langen wieder verwendet.
Während des Ersten Weltkriegs diente das Empfangsgebäude als Unterkunft des II. Ersatzbataillons des hessischen Infanterieregiments Nr. 115, das Mitte 1917 aufgelöst wurde.
Zwischen den beiden Weltkriegen nutzten es verschiedene städtische Dienststellen als Amtsgebäude.
Im Zweiten Weltkrieg zerstörte ein Luftangriff das Gebäude, die Ruine wurde 1955 abgerissen.
Main-Neckar-Bahnhof nach der Schließung
Die Stützen der Bahnsteighalle des Main-Neckar-Bahnhofs wurden nach 1912 für die Bahnsteigüberdachung des Bahnhofs Langen erneut verwendet.
Das Empfangsgebäude wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe beschädigt.
1947 bis 1948 nutzte die Jüdische Berufsfachschule Masada das Gebäude.
1955 wurde es abgerissen.
So sieht es jetzt aus
Beide Empfangsgebäude wurden 1955 abgerissen.
Der Main-Neckar-Bahnhof ist vom Steubenplatz überbaut, dort ist von ihm nichts mehr zu sehen.
Erhalten sind die Bahnsteigdach-Teile in den Bahnhöfen Langen und Buchschlag-Sprendlingen, die als Kulturdenkmäler nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz geschützt sind.
Das Museum zeigt außerdem ein Modell des Bahnhofs im Zustand von 1846 im Maßstab 1:87, mehr zum Museum steht im Beitrag über das Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein.
Vorher und nachher: aus Darmstadt nach Langen
Vor 1877 zeigt die Aufnahme der Bahnsteighalle den Main-Neckar-Bahnhof in Darmstadt, in dem Züge unter einer glasgedeckten Halle hielten.
Im Bahnhof Langen trägt heute eine Eisenkonstruktion auf gusseisernen Säulen das Bahnsteigdach.
Dort wird die Dachkonstruktion des Ludwigsbahnhofs von den Stützen der Bahnsteighalle der Main-Neckar-Bahn getragen.


Die Geschichte in Daten
1846: Am 22. Juni geht der Main-Neckar-Bahnhof in Betrieb.
1858: Die Rhein-Main-Bahn wird eröffnet und nutzt zunächst den Main-Neckar-Bahnhof mit.
1861: Eine glasgedeckte Bahnsteighalle ersetzt die Eisenüberdachung.
1873: Der Bau des Ludwigsbahnhofs beginnt, ein Beamtenwohnhaus entsteht am Main-Neckar-Bahnhof.
1875: Am 15. Oktober wird das Empfangsgebäude des Ludwigsbahnhofs eröffnet.
1877: Das Empfangsgebäude des Main-Neckar-Bahnhofs wird um ein Stockwerk erhöht.
1882: Der Main-Neckar-Bahnhof erhält ein Zentralstellwerk.
1891: Am 17. Mai wird ein Fußgängertunnel eröffnet.
1897: Die Hessische Ludwigsbahn ist verstaatlicht, Stichtag ist der 1. April.
1902: Zum 1. Oktober wird die Main-Neckar-Eisenbahn-Gesellschaft aufgelöst, beide Bahnhöfe werden zu Darmstadt Hauptbahnhof zusammengefasst.
1906: Im März einigen sich Stadt und Eisenbahndirektion auf den Bau eines neuen Bahnhofs weiter westlich.
1912: Am 28. April wird der neue Hauptbahnhof eröffnet, ab dem 15. Mai sind die alten Bahnhöfe endgültig geschlossen.
1947: Die Jüdische Berufsfachschule Masada nutzt das Empfangsgebäude des Main-Neckar-Bahnhofs bis 1948.
1955: Beide Empfangsgebäude werden abgerissen.
Häufige Fragen
Gibt es die alten Darmstädter Bahnhöfe noch?
Warum gab es zwei Bahnhöfe nebeneinander?
Wo liegt der heutige Hauptbahnhof?
Wann wurden die alten Bahnhöfe geschlossen?
Welcher Bahnhof war der ältere?
Am Steubenplatz haben zwei Bahngesellschaften fast sieben Jahrzehnte lang nebeneinander gearbeitet, bis 1912 der gemeinsame Hauptbahnhof weiter westlich ihre Aufgaben übernahm.
Erhalten haben sich vor allem die Bahnsteigdächer in Langen und Buchschlag-Sprendlingen.
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