Die Boxteler Bahn am Niederrhein: Drei stille Halte und eine gesprengte Rheinbrücke
Die Boxteler Bahn, niederländisch Duits Lijntje, verband Boxtel mit Wesel und trug internationale Schnellzüge nach Berlin. In Deutschland endete der Verkehr 1966 und 1967, übrig blieben Hassum, Uedem, Xanten West und die Pfeiler der Weseler Rheinbrücke.


Lage: Niederrhein, Kreise Kleve und Wesel, von Hassum über Goch, Uedem und Xanten nach Büderich und Wesel. Status: Stillgelegt, die deutsche Strecke ist abgebaut. Heute: Die Gebäude in Uedem und Hassum sind teils erhalten, in Xanten West steht ein Gewerbegebiet, von der Rheinbrücke bei Wesel stehen noch Teile.
Die Boxteler Bahn, auf Niederländisch Duits Lijntje, war eine knapp 100 Kilometer lange Bahnstrecke von Boxtel in Noord-Brabant über Schijndel, Veghel, Uden, Gennep, Goch, Xanten und Büderich nach Wesel.
Gebaut und betrieben wurde sie von der Noord-Brabantsch-Duitsche Spoorweg-Maatschappij, kurz NBDS, die am 28. Mai 1869 in Rotterdam von niederländischen und deutschen Aktionären gegründet worden war.
Die deutsche Konzession stammt vom 14. Januar 1873.
In Deutschland ist die Strecke seit 1966 und 1967 ohne Bahnverkehr und abgebaut.
Dieser Beitrag behandelt die Halte Hassum, Uedem und Xanten West, dazu die Rheinbrücke bei Wesel, über die die Züge fuhren.
Alte freie Fotos der Halte gibt es nicht, die Bilder der Halte stammen aus den Jahren 2013 bis 2018, die ältesten Aufnahmen zeigen die Rheinbrücke.
Entstehung: Mit Anstrengung zur Rheinbrücke
Am 15. Juli 1873 eröffnete die NBDS ihr erstes, 62 Kilometer langes eingleisiges Stück von Boxtel bis Goch.
Die restlichen 30 Kilometer von Goch über Xanten bis Büderich gingen am 1. Juli 1878 in Betrieb, insgesamt war die Strecke 92,7 Kilometer lang.
Auf den letzten acht Kilometern von Büderich nach Wesel benutzte die NBDS die 1.950 Meter lange Rheinbrücke der Cöln-Mindener Eisenbahn.
Ein weiteres bedeutendes Bauwerk war die 300 Meter lange eingleisige Brücke über die Maas bei Gennep.
In Goch entstand 1878 zusammen mit der Rheinischen Eisenbahn ein großer Gemeinschaftsbahnhof.
Am 15. Mai 1881 entstand eine internationale Bahnpostlinie von Vlissingen nach Hamburg und Berlin, mit Anschluss an die Fähre nach England.
Ab 1897 liefen Speisewagen, ab 1904 auch Schlafwagen auf der Strecke.
1908 schaffte die NBDS als erste niederländische Eisenbahngesellschaft schwere Schnellzuglokomotiven an, die wegen ihres blauen Anstrichs Blaue Brabanter hießen.
Die Strecke zwischen Boxtel und Goch wurde zweigleisig ausgebaut, die Angaben nennen als Ende der Arbeiten 1911 und 1912.
Die Zahl der Reisenden stieg von 189.560 im Jahr 1877 auf 876.213 im Jahr 1913.
Hassum: Der Bahnhof mit dem Zollamt
Die Strecke von Gennep nach Goch wurde am 14. Juni 1873 eröffnet, damals war in Hassum noch kein Halt vorgesehen.
Auf Antrag vom 22. August 1877 nahm der Bahnhof Hassum am 1. November 1877 den Personen- und Güterverkehr auf.
Er lag bei Streckenkilometer 38,0, die Landesgrenze bei 40,2.
Ab 1877 verband eine schmalspurige Pferdebahn den Bahnhof mit der Viller Mühle, transportiert wurden vor allem Getreide, Ölsamen und Kohle.
Reisende aus den Niederlanden mussten zunächst bis Goch fahren, dort durch den Zoll und zurückfahren.
1902 regte das Provinzialsteueramt an, die Abfertigung nach Hassum zu verlegen.
1908 entstand das neue Bahnhofsgebäude mit angegliedertem Zollamt, Nahverkehrszüge wurden nun in Hassum abgefertigt, Fernzüge weiterhin in Goch.
Am 1. Juli 1925 ging die Verwaltung von der NBDS an die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft über.
Nach dem Gleisplan von 1939 hatte der Bahnhof sechs Durchfahrgleise, zwei Ladegleise und ein Rangiergleis.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nahm man den Personenverkehr zwischen Goch und Hassum am 30. Oktober 1945 wieder auf.
Am 15. Mai 1949 endete der Personenverkehr, am 1. März 1967 der Güterverkehr.
Danach wurde die Strecke abgebaut.
Das 1908 erbaute Empfangsgebäude wird nach der Ortsbeschreibung heute als Wohnhaus genutzt.

Uedem: Ein Bahnhof südlich des Ortes
Der Bahnhof Uedem wurde 1878 als Preußisch Uedem eröffnet und lag bei Streckenkilometer 22,5 unmittelbar südlich des Ortes.
Die Eröffnung brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung, unter anderem durch den Anschluss an das Ruhrgebiet und direkte Verbindungen nach London, Berlin und Sankt Petersburg.
1897 entstand ein neues Empfangsgebäude mit Wohnung für den Bahnhofsvorsteher, das Gebäude von 1878 wurde abgerissen.
1901 folgten ein neuer Güterschuppen und eine Viehrampe.
Die Bahnhofspläne von 1910 und 1940 zeigen vier Durchgangsgleise und drei Lade- und Abstellgleise.
Im Juni 1925 übernahm die Reichsbahn den Bahnhof, er war von 7:00 bis 21:15 Uhr besetzt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde in drei Schichten durchgehend gearbeitet.
Im April 1946 begann wieder der Personenverkehr zwischen Goch und Uedem, danach gab es 13 bis 15 Zugpaare täglich.
Im Güterverkehr gingen Dünger, Saatkartoffeln, Kohle und Rohstoffe, außerdem Schuhe, landwirtschaftliche Geräte und wöchentlich Schlachttiere ins Ruhrgebiet.
Flugbenzin für die britischen Truppen in Laarbruch wurde in Uedem umgeladen, bis eine Pipeline fertiggestellt war.
In den 1950er Jahren wurde der Bahnhof zu einer Verkehrsstelle herabgestuft, die von der Fahrdienstleitung Goch betrieben wurde.
Am 26. Mai 1963 endete der Personenverkehr nach Goch, 1966 der Güterverkehr.
Das Gebäude wurde danach umgebaut und dient heute als Wohnhaus.
Der ehemalige Gleisbereich wird von der Landesstraße 77 genutzt, ein Erinnerungsplatz zeigt alte Formsignale.
Die Trasse ist im Verlauf der L 77 zwischen Uedem und Goch noch erhalten.

Xanten West: Der Bahnhof, der die Strecke verlegte
Der Bahnhof Xanten West war der älteste Bahnhof der Stadt und ging 1878 in Betrieb.
Die NBDS plante zunächst einen weitgehend geradlinigen Verlauf von Goch über Uedem nach Wesel unter Umgehung Xantens.
Verhandlungen des Bürgermeisters Schleß änderten das, die Stadt überließ der NBDS das Gelände für den Bahnhof unentgeltlich.
Im Gegenzug erklärte sich die NBDS bereit, alle Züge in Xanten halten zu lassen.
Der Bau begann 1875 und zog sich bis 1878, zwischen Uedem und Birten waren umfangreiche Erdarbeiten und drei Berge von 30 bis 40 Metern Höhe zu überwinden.
Der Bahnhof lag bei Streckenkilometer 10,21 und etwa anderthalb Kilometer südwestlich der Stiftskirche St. Viktor.
1940 hatte er drei Durchfahrtsgleise, ein Ladegleis und einen Gleisanschluss.
1902 wurde ein neues Empfangsgebäude fertig, das das hölzerne von 1878 ersetzte.
Es hatte Diensträume, eine Bahnhofsgaststätte und drei Dienstwohnungen und war der größte Bahnhofsbau der NBDS im Deutschen Reich.
Ab dem 15. Mai 1880 fuhr der erste Schnellzug zwischen Vlissingen und Oberhausen mit Kurswagen nach Berlin.
Der letzte Schnellzug wurde 1923 eingestellt.
Xanten hatte den höchsten Viehumschlag der NBDS, in den Jahren 1903 und 1906 wurden jeweils über 10.000 Stück umgeschlagen.
Der Güterumschlag lag 1903 bei 30.566 Tonnen und sank nach der Eröffnung der Strecke Rheinhausen–Kleve auf 17.276 Tonnen im Jahr 1906.
Zu den Anschließern zählten ein Steinmetzbetrieb, ein Zementwerk, ein Emaillierwerk, eine Schuhfabrik, eine Obstgeleefabrik und eine Fassfabrik.
Seit 1925 hieß der Bahnhof Xanten West, der frühere Staatsbahnhof der Strecke Rheinhausen–Kleve hieß nun Xanten.
Am 26. Februar 1945 wurde der Bahnhof bei einem Nachtangriff stark zerstört.
Der Verkehr wurde danach nicht wieder aufgenommen.
Die Deutsche Bundesbahn vermietete die Wohnungen im Empfangsgebäude privat, die Stadt Xanten erwarb das Gebäude 1972 für 688.270,22 D-Mark.
Die letzte Wohnung wurde im Februar 1973 geräumt, fünf Jahre später wurde das Gebäude abgerissen.
Das Gelände wurde mit einem Gewerbegebiet überbaut.
Wesel: Die gesprengte Rheinbrücke
Die Eisenbahnbrücke Wesel wurde von 1872 bis 1874 von der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft als Teil der Hamburg-Venloer Bahn gebaut.
Sie war die nördlichste Rheinbrücke in Deutschland und mit ihren 1.950 Metern zur Bauzeit die längste Rheinbrücke.
Vor der Strombrücke lagen gemauerte Vorlandbrücken, linksrheinisch 65 mit insgesamt 770 Metern, rechtsrheinisch 32 gemauerte und 6 stählerne mit zusammen 766 Metern.
Der Strom wurde mit vier stählernen Einzelteilen von je 104 Metern Länge überspannt.
Die Länge hatte auch einen militärischen Grund, das Militär wollte keinen Bahndamm und freie Sicht für die Festung Wesel.
Zu Silvester 1874 fuhr der erste Zug über die Brücke.
Vom 1. Juli 1878 an wurde sie auch von der Boxteler Bahn mitbenutzt, die in Büderich einmündete.
Nur die internationalen Schnellzüge der Boxteler Bahn nutzten die Brücke bis zum Ersten Weltkrieg stark.

Am Morgen des 10. März 1945 sprengten deutsche Pioniere die Brücke.
Sie wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.
Erst 1968 wurden die Reste der beiden Strompfeiler beseitigt, die die Rheinschifffahrt behinderten.
Die Brücke ist Teil der Route der Industriekultur.
Auch die Griethausener Eisenbahnbrücke am Niederrhein hat einen eigenen Beitrag, sie ist im Unterschied zur Weseler Brücke erhalten.


Niedergang und Ende der Strecke
Ständige finanzielle Schwierigkeiten führten schon 1913 zu einer losen Zusammenarbeit der NBDS mit den Staatsspoorwegen.
1919 fusionierte die NBDS mit den Staatsspoorwegen, 1921 wurde über das Restvermögen der Gesellschaft der Konkurs eröffnet.
Am 1. Juli 1925 übernahmen die Deutsche Reichsbahn und die Staatsspoorwegen die Strecke und führten sie als Nebenbahn weiter.
Am 18. September 1944 sprengten deutsche Truppen die Maasbrücke bei Gennep im Zuge der Operation Market Garden.
Nach der Sprengung der Weseler Rheinbrücke am 10. März 1945 und der Zerstörung der Strecke zwischen Uedemerfeld und Xanten West war ein durchgehender Betrieb nicht mehr möglich.
Kanadische Pioniere entfernten die verbliebenen Schienen und nutzten die Trasse als Nachschubweg von Uedem nach Xanten.
Auf den Teilstrecken nach Hassum und Uedem wurde der Personenverkehr 1949 und 1963 stillgelegt.
Mit der Einstellung des Güterverkehrs 1966 und 1967 endete der Bahnverkehr der NBDS-Strecke in Deutschland.
So sieht es jetzt aus
An der Klevischen Allee in der Nähe des Schlosses Kalbeck steht ein Denkmal an die Boxteler Bahn.
Am 11. Dezember 2022 führten die Kreise Kleve und Wesel die XBus-Linie X28 mit dem gleichen Streckenverlauf zwischen Goch und Wesel ein.
Der Bahnhof Xanten West ist abgebaut, an seiner Stelle liegt ein Gewerbegebiet.
In den Niederlanden endete der Personenverkehr 1950, der Güterverkehr schrittweise von 1971 bis 2004.
Teile der ehemaligen Strecke wurden in Fahrradstrecken umgewandelt, dazu erinnern in beiden Ländern nur noch einige Gebäude und Spuren in der Landschaft.



Vorher und nachher
Das Paar am Anfang zeigt die Weseler Eisenbahnbrücke 1916 und ihre linksrheinischen Reste im Jahr 2012.
Dazwischen liegen die Erneuerung von 1926 und 1927, die Sprengung am 10. März 1945 und die Beseitigung der Strompfeiler 1968.
Die Geschichte in Daten
1873: Die Strecke Boxtel–Goch geht am 15. Juli in Betrieb.
1878: Am 1. Juli gehen die Strecke bis Büderich und die Mitbenutzung der Weseler Rheinbrücke in Betrieb.
1902: Das neue Empfangsgebäude in Xanten wird fertig.
1908: In Hassum entsteht das Bahnhofsgebäude mit Zollamt.
1925: Am 1. Juli übernehmen Reichsbahn und Staatsspoorwegen die Strecke.
1945: Am 26. Februar wird Xanten West zerstört, am 10. März die Weseler Rheinbrücke gesprengt.
1949: Der Personenverkehr nach Hassum endet am 15. Mai.
1963: Der Personenverkehr nach Uedem endet am 26. Mai.
1966: Der Güterverkehr nach Uedem endet.
1967: Der Güterverkehr nach Hassum endet am 1. März.
2022: Am 11. Dezember startet die XBus-Linie X28.
Häufige Fragen
Wie lang war die Boxteler Bahn?
Wann endete der Bahnverkehr in Deutschland?
Gibt es noch Gebäude?
Warum fuhren die Züge über die Brücke bei Wesel?
Gibt es heute eine Verbindung auf der Trasse?
Die Boxteler Bahn zeigt, wie eine Fernverbindung zur Nebenstrecke wurde und dann verschwand.
Geblieben sind die Gebäude einzelner Halte und die Brückenreste im Rhein.
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