Die stillen Halte der Härtsfeldbahn: Von Aalen über die Alb nach Dischingen
Die Schättere fuhr 71 Jahre lang über das Härtsfeld, bis 1972 der Personenverkehr endete. Heute stehen an ihrer Trasse ein Parkplatz, ein Wohnhaus, eine Waldschneise und ein Museumsbahnhof.


Lage: Härtsfeld auf der Ostalb, von Aalen über Neresheim nach Dillingen an der Donau. Status: Regelverkehr seit 1972 eingestellt, Teilstück Neresheim bis Katzenstein als Museumsbahn in Betrieb. Heute: Trasse teils Wanderweg, teils Radweg, teils nicht mehr erkennbar.
Die Härtsfeldbahn, im Volksmund Schättere genannt, war eine meterspurige Nebenbahn von Aalen über Neresheim nach Dillingen an der Donau.
Ihr Personenverkehr endete am 30. September 1972, danach wurden die Gleise abgebaut.
Nur zwischen Neresheim und dem Härtsfeldsee fährt heute wieder ein Museumszug, den ein Verein auf der alten Trasse aufgebaut hat.
Dieser Beitrag geht die stillgelegten Halte der Reihe nach durch, von Aalen über die Alb bis nach Ballmertshofen.
Aus der Betriebszeit sind auf Wikimedia Commons fast nur Lokomotivfotos frei verfügbar, von den Bahnhöfen selbst fehlen alte freie Aufnahmen.
Wie die Schättere aufs Härtsfeld kam
Das Härtsfeld lag am Ende des 19. Jahrhunderts abseits der großen Bahnlinien, Industrie gab es dort nicht, Land- und Forstwirtschaft bestimmten das Bild.
Ende der 1880er Jahre bildete sich in Neresheim ein Eisenbahnkomitee, das eine Bahn auf das Härtsfeld erreichen wollte.
Der Stuttgarter Professor W. Sapper legte dazu bis 1892 eine Denkschrift vor, die noch eine Schmalspur von 75 Zentimetern vorsah.
Die Staatsbahnen hielten das Vorhaben für ein Verlustgeschäft und lehnten es ab, deshalb rückten Privatbahnen in den Blick.
Die Westdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft in Köln erklärte sich schließlich bereit, die Strecke gegen einen Baukostenzuschuss von 900.000 Mark zu bauen.
Das Unternehmen setzte auf Meterspur und auf einen flotten Personenverkehr, der einen kleinen Gewinn bringen sollte.
Die Konzession erhielt im Juli 1900 die Württembergische Lokaleisenbahnen AG, eine Tochter der Badischen Lokal-Eisenbahnen AG.
Am 26. Mai 1901 begannen in Neresheim die ersten Bauarbeiten, bis zu 700 Menschen arbeiteten auf der Strecke, darunter 300 Italiener und Österreicher.
Rechnerisch dauerte der Bau eines Kilometers elf Tage, die Schlussabrechnung kam auf 2,5 Millionen Mark.
Ende Oktober 1901 wurde die Strecke von Aalen bis Ballmertshofen eröffnet, mit drei Zugpaaren über die gesamte Länge.
Am 3. April 1906 folgte die Verlängerung bis Dillingen an der Donau, die Strecke war nun 55,49 Kilometer lang.
Dort stiegen die Reisenden in die normalspurigen Züge nach Ulm und Donauwörth um.

So sah es vorher aus: Güter, Gäste und der Rollbock
In den ersten Jahren war die Strecke von Aalen bis Ballmertshofen ein eigener Betrieb, Neresheim bekam erst mit der Verlängerung 1906 einen Lokschuppen.
Zum Fahrplanwechsel 1907 auf 1908 wanderte der Betriebsmittelpunkt ganz nach Neresheim, der Ballmertshofener Schuppen wurde abgerissen, 1908 zog auch die Verwaltung um.
Mit der Strecke nach Dillingen kam der Rollbockbetrieb, bei dem normalspurige Güterwagen auf schmalspurige Untersätze gesetzt wurden.
In Aalen und Dillingen gab es dafür eigene Rollbockanlagen, im Güterbahnhof Aalen waren es sogenannte Rollbockgruben.
Anfangs wurden pro Jahr etwa 200.000 Fahrgäste und 40.000 bis 50.000 Tonnen Güter befördert.
1919 meldete die Bahn trotz schlechter Kohle und Personalmangels 380.000 Fahrgäste und 60.000 Tonnen Güter, 1922 waren es im Güterverkehr 73.000 Tonnen.
Den wichtigsten Frachtkunden hatte die Bahn selbst geschaffen: Die Härtsfeldwerke Neresheim, ein Kalkwerk im Egautal, bekamen einen eigenen Werkbahnhof mit mehr als 1.000 Metern Gleis.
Das Werk bestand von 1905 bis 1965.
Im Jahr 1944 erreichte die Bahn mit 587.000 Fahrgästen ihren Höchststand.
Aalen: Der Personenbahnhof an der Rückseite
Die Strecke begann im Personenbahnhof Aalen, der an der dem Empfangsgebäude gegenüberliegenden Seite des Staatsbahnhofs lag.
Erreichbar war er erst, nachdem der Aalener Bahnhof umgebaut und die Hirschbachunterführung eröffnet war, die mit der Härtsfeldbahn entstand.
Heute befindet sich an dieser Stelle am östlichen Ausgang der Unterführung ein Parkplatz.
Rund 800 Meter weiter lag der Güterbahnhof, an dem auch Personenzüge hielten.
Dort wechselten Güterwagen zwischen Normalspur und Meterspur, zuständig waren ein Dreischienengleis und die Rollbockgruben, außerdem gab es einen einständigen Lokschuppen mit Wasserturm.
Das Bildpaar oben zeigt das Gebäude dieses Güterbahnhofs.
Auf Commons ist es als ehemaliger Güterbahnhof der Härtsfeldbahn beschrieben, 2022 diente es als Clubheim und Museum der Eisenbahnfreunde Aalen.
Unterkochen und der Albaufstieg
Hinter Aalen stieg die Strecke aus dem Kochertal auf, zunächst über eine Schleife im Himmlinger Tal mit 80 Metern Radius.
Der Bahnhof Unterkochen bei Kilometer 4,5 hatte nur ein Ausweichgleis.
Danach folgte der berühmte Albaufstieg, dessen größtes Bauwerk das Unterkochener Viadukt über ein Seitental des Weißen Kochers war.

Waldhausen-Glashütte: Tunnel für die Fledermäuse
Kurz vor dem Bahnhof Waldhausen-Glashütte durchfuhr die Bahn den 96 Meter langen Kocherburg-Tunnel, der auch Wallenhau-Tunnel heißt.
Der Tunnel wurde zugemauert und dient heute Fledermäusen als Unterschlupf, als Härtsfeldbahntunnel ist er als Naturdenkmal ausgewiesen.
Der Schättereweg auf der Trasse führt bis zu diesem Tunnel.
Der Bahnhof selbst bestand aus dem durchgehenden Streckengleis, einem Ausweichgleis und einem Stumpfgleis mit Prellbock.
Wie es an der Stelle heute aussieht, ist nicht belegt.
Dahinter beschrieb die Strecke zwei 180-Grad-Kehren, um die Höhe bis Ebnat zu gewinnen.

Höllhau: Holzverladung am höchsten Punkt
Im Wald vor Ebnat lag die Holzverladestelle Höllhau.
Dort finden sich noch Schwellen- und Schotterreste.
An dieser Stelle überquerte die Bahn die Europäische Wasserscheide zwischen Rhein und Donau und erreichte mit 649 Metern über dem Meer ihren höchsten Punkt.
Bis Höllhau durften keine Rollböcke fahren, weil die Bremsen dafür nicht ausreichten, der Rollbockbetrieb war erst mit der Verlängerung nach Dillingen erlaubt.
Im freien Feld bis Ebnat ist die Trasse durch die Flurbereinigung nicht mehr zu erkennen.
Ebnat: Ein Schuppen als Wohnhaus
Der Bahnhof Ebnat lag bei Kilometer 12,4 und hatte ein Ausweichgleis und ein Kopfladegleis.
Heute steht nur noch der frühere Verladeschuppen, der zu Wohnzwecken genutzt wird.
Die Strecke führte geradlinig durch den Ort, auf dem Trassenstück stehen heute Neubauhäuser.
Am Ortsrand schwenkte sie Richtung Elchingen ein, ab dort ist der Verlauf durch die Flurbereinigung nicht mehr erkennbar.
Elchingen: Gaststätte, Damm und Durchlass
Hinter der Autobahn A 7, die erst nach der Stilllegung der Bahn an dieser Stelle gebaut wurde, führte die Trasse durch den Wald, wo eine lange Schneise geblieben ist.
Bei Kilometer 16,0 lag die Holzverladestelle Brünstholz, dahinter ist der Damm ein Stück weit erhalten.
Der Bahnhof Elchingen befand sich nördlich des Flugplatzes im Bereich des Hauses Bahnhofstraße 52.
Das Gebäude der ehemaligen Bahnhofsgaststätte steht noch.


Dossingen: Gleisreste im Feld
Südwestlich von Dossingen lag in einem Einschnitt der Haltepunkt Dossingen bei Kilometer 24,1.
Im Dossinger Tal ist die Trasse durch Bewuchs wieder deutlich zu erkennen, Luftbilder zeigen sie an den Ackerrändern.
Drei asphaltierte Feldwegübergänge enthalten noch die Schienen.
Ob vom Haltepunkt selbst etwas zu sehen ist, ist nicht belegt.

Neresheim: Die Centralstation
Neresheim lag bei Kilometer 28,1 etwa in der Streckenmitte und hieß Centralstation, weil dort die Verwaltung der Bahn saß.
Zwei Gleise mit Bahnsteigen lagen direkt vor dem Empfangsgebäude, dort liegt heute die Zufahrt zum Bahnhofsplatz.
Im Osten standen ein zweiständiger Lokschuppen mit Wasserturm und eine Werkstatt, im Süden lagen die Gleise für die Güterverladung.
Auch ein Schrotthändler war angesiedelt, der Härtsfeldbahnfahrzeuge verschrottete.

Neresheim gehört zu den Halten, die nicht ganz verschwunden sind.
Das Bahnhofsgebäude beherbergt ein Museum und ein Archiv zur Strecke, der 42 Meter lange und 10 Meter breite Lokschuppen wurde reaktiviert.
Beide Gebäude wurden denkmalgerecht renoviert.
Dischingen: Das letzte Empfangsgebäude
Der Bahnhof Dischingen bei Kilometer 35,9 bestand aus einem Ausweichgleis und einem Stumpfgleis mit Kopfladerampe.
Das Empfangsgebäude ist das letzte original erhaltene aus der Zeit der Württembergischen Nebenbahnen AG.
Es gehört dem Verein Härtsfeld-Museumsbahn, der es seit dem Kauf schrittweise renoviert.
Dischingen soll einmal Endpunkt der Museumsbahn werden, bis dahin fehlen noch gut zwei Kilometer Gleis ab Katzenstein.


Ballmertshofen: Die erste Endstation
Der Bahnhof Ballmertshofen lag bei Kilometer 38,9 und war bis zum 3. April 1906 Endpunkt der Strecke von Aalen.
Er war die erste Centralstation der Härtsfeldbahn und hatte einen Lokschuppen für zwei Lokomotiven.
Mit der Eröffnung des Streckenteils nach Dillingen wurde die Werkstatt abgebaut und in Neresheim neben dem Lokschuppen wieder aufgebaut.
Der Lokschuppen in Ballmertshofen wurde nach dem Fahrplanwechsel 1907 auf 1908 abgerissen.
Auf der Trasse verläuft heute ein Radweg.
Das Ende: Zuschüsse, Gutachten, Stilllegung
Schon 1932 wollte die Betreibergesellschaft die Strecke stilllegen, weil der Verlust 1931 bei 81.000 Mark lag.
Eine Soforthilfe der Länder Bayern und Württemberg sowie einiger Gemeinden von 36.000 Mark sicherte den Weiterbetrieb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg häuften sich erneut die Verluste, zum 12. Juni 1953 sollte die Bahn schließen.
Ein Zuschuss des Landes Baden-Württemberg hielt den Betrieb am Laufen, ein Gutachten unter Carl Pirath zeigte den volkswirtschaftlichen Nutzen von Nebenbahnen am Beispiel dieser Strecke.
1954 bewilligte das Land eine Finanzhilfe von 950.000 Mark, mit der der Oberbau saniert und neue Triebwagen beschafft wurden.
Zum Sommerfahrplan 1956 begann der Dieselbetrieb mit Triebwagen und 40 km/h.
Die Fahrgastzahlen stiegen bis 1957 auf 367.000, sanken danach aber dauerhaft.
1965 schloss das Kalkwerk der Härtsfeldwerke, was den Güterverkehr erheblich schwächte.
1971 beförderte die Bahn noch 114.172 Reisende.
Als der Landkreis Heidenheim Ende 1971 weitere Zuschüsse ablehnte, beantragte die Betreibergesellschaft am 25. April 1972 die Stilllegung.
Ein Gutachten stimmte dem Antrag zu, über eine Museumsbahn wurde zwar gesprochen, sie kam damals aber nicht zustande.
Der Personenverkehr endete am 30. September 1972, der Güterverkehr lief für die Landwirte noch bis zum 30. November.
Der Abbau der Strecke dauerte von 1973 bis 1976, die meisten Fahrzeuge kamen auf die Strecke Amstetten-Laichingen.
So sieht es jetzt aus: Eine Museumsbahn auf dem Härtsfeld
1985 gründete sich der Verein Härtsfeld-Museumsbahn mit dem Ziel, den Abschnitt von Neresheim Richtung Dischingen wieder zu beleben.
Der ursprünglich geplante Wiederaufbau des Albaufstiegs wurde verworfen.
Seit 1996 baute der Verein in Eigenarbeit die 2,865 Kilometer lange Strecke bis Sägmühle wieder auf, die am 20. Oktober 2001 eröffnet wurde.
Die Verlängerung zum Härtsfeldsee begann im September 2007 und war 2021 fertig.
Endpunkt ist der Bahnhof Katzenstein direkt am Ufer des Härtsfeldsees, den es erst seit 1970 gibt und der als Hochwasserrückhaltebecken dient.



Seit dem 1. Mai 2002 fahren in den Sommermonaten Dampfzüge und Dieseltriebwagen.
Die Lokomotive 12 der Museumsbahn wurde 1913 von der Maschinenfabrik Esslingen gebaut und fuhr bis 1963 auf der Härtsfeldbahn.
Ein Themenpfad mit Infotafeln begleitet die Strecke zwischen Neresheim und Dischingen.

Die Geschichte in Daten
1892: Denkschrift von W. Sapper für eine Schmalspurbahn von Aalen nach Dischingen.
Juli 1900: Konzession an die Württembergische Lokaleisenbahnen AG.
26. Mai 1901: Erste Bauarbeiten in Neresheim.
Oktober 1901: Eröffnung Aalen bis Ballmertshofen.
3. April 1906: Eröffnung der Verlängerung nach Dillingen an der Donau.
1932: Stilllegung der Bahn wird durch Soforthilfe abgewendet.
1956: Beginn des Dieselbetriebs.
1965: Schließung der Härtsfeldwerke.
30. September 1972: Ende des Personenverkehrs.
1973 bis 1976: Abbau der Strecke.
1985: Gründung des Vereins Härtsfeld-Museumsbahn.
20. Oktober 2001: Eröffnung der Museumsstrecke bis Sägmühle.
2021: Museumsbahn bis Katzenstein am Härtsfeldsee fertig.
Häufige Fragen
Wie lang war die Härtsfeldbahn?
Wann endete der Personenverkehr?
Fährt heute noch etwas auf der alten Strecke?
Wo lag der Personenbahnhof in Aalen?
Was ist mit dem Albaufstieg?
Die Schättere ist als Betrieb längst Geschichte, an einigen Stellen aber noch mit Händen zu greifen: im Dammdurchlass bei Elchingen, im Wartesaal von Dischingen und im Zug, der am Härtsfeldsee wieder pfeift.
Wikipedia: Härtsfeldbahn · leinetal24: Härtsfeld-Museumsbahn
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