Ortstermin
„Auf Gleis 2 fährt ein der Zug nach Ulm, gleich geht es die Geislinger Steige hinauf auf die Schwäbische Alb.“
Der Bahnhof Geislingen an der Steige, wo die Züge Anlauf auf die Alb nehmen
→ Ein Ortstermin am Rand der Schwäbischen Alb.
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Kurz gesagt
Der Bahnhof Geislingen (Steige) ging 1849 in Betrieb und liegt am Fuß der Geislinger Steige. Von hier aus klettert die Filstalbahn auf 5,7 Kilometern 112 Meter hinauf auf die Schwäbische Alb.
Wer mit dem Zug von Stuttgart nach Ulm fährt, spürt in Geislingen an der Steige, wie das Filstal enger wird und die Schwäbische Alb näher rückt.
Die Stadt liegt am Rand der Mittleren Schwäbischen Alb und nennt sich Fünftälerstadt, nach den Tälern der oberen und unteren Fils, der Eyb, der Rohrach und des Längentalbachs.
Direkt hinter dem Bahnhof beginnt die Geislinger Steige, die zu den bekanntesten Albaufstiegen zählt und seit 1850 auch von der Eisenbahn befahren wird.

Eine Bittschrift für die Eisenbahn
In den 1840er Jahren zählte die Oberamtsstadt Geislingen rund 2.300 Einwohner, die meist von der Landwirtschaft oder von einem Handwerk in kleinen Betrieben lebten.
Als die Pläne für eine Eisenbahn von Stuttgart nach Ulm auf den Tisch kamen, konkurrierte die Route durch das Filstal mit einer Linie durch das Rems- und das Brenztal.
Am 16. Dezember 1841 verfassten die Geislinger Stadträte deshalb eine Bittschrift, in der sie Mehl, Bier, Getreide, Vieh, Brennholz und Steine als Erzeugnisse ihrer Gegend aufzählten.
Dass jemals eine Lokomotive den Albaufstieg schaffen würde, bezweifelten die Bittsteller allerdings selbst, denn sie stellten sich eher vor, dass Pferde die Wagen einzeln auf die Alb ziehen würden.

Ein Geislinger baut die Rampe
Am Ende entschieden sich die Gutachter für die kürzere Strecke durch das Filstal und beauftragten Michael Knoll mit der Planung und dem Bau der Eisenbahnrampe bei seiner Heimatstadt Geislingen.
Zur Seite stand ihm der erfahrene Karl Etzel, der später durch den Bau der Brennerbahn in Tirol bekannt wurde.
Für Bahnhof und Steige mussten große Erdmassen bewegt werden, und die Station entstand bewusst nördlich des Stadtkerns, damit Geislingen zum zentralen Punkt für die Dörfer Altenstadt, Eybach und Weiler wurde.
Das zweistöckige Empfangsgebäude mit Walmdach, das Knoll selbst entworfen hat, steht bis heute.

Gut zu wissen
Der Bahnhof Geislingen (Steige) liegt an der Filstalbahn von Stuttgart nach Ulm und wurde am 14. Juni 1849 eröffnet. Gleis 2 dient den Zügen Richtung Ulm, Gleis 3 den Zügen Richtung Stuttgart.
Die Geislinger Steige ist 5,706 Kilometer lang und steigt bis zu 22,5 Promille. Seit dem 10. Dezember 2023 halten in Geislingen keine Fernzüge mehr.
Eröffnet in zwei Etappen
Am 14. Juni 1849 nahmen die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen den Abschnitt von Süßen nach Geislingen in Betrieb, und der Bahnhof war zunächst Endstation.
Ein gutes Jahr später, am 29. Juni 1850, folgte das Teilstück von Geislingen nach Ulm, und damit begann der Zugverkehr über die Steige hinauf nach Amstetten.
Auf der Rampe mussten damals alle Züge bis Amstetten von einer zusätzlichen Lokomotive nachgeschoben werden.
Michael Knoll starb am 29. Juni 1852, auf den Tag genau zwei Jahre nach der Einweihung seiner Steige, und seine Bekannten stifteten ihm eine Büste für den Bahnhofsvorplatz.

112 Höhenmeter auf 5,7 Kilometern
Die Geislinger Steige führt vom Bahnhof Geislingen auf 469 Metern Höhe am östlichen Talhang hinauf bis zum Bahnhof Amstetten auf 581 Metern Höhe.
Auf 5,706 Kilometern überwindet die Strecke 112 Höhenmeter, die größte Steigung beträgt 22,5 Promille, und die engsten Kurven haben Radien von nur 278 Metern.
Damit ist dieser Abschnitt der Filstalbahn nach den Maßstäben einer Gebirgsbahn trassiert, und die Rampe war von Anfang an zweigleisig.
Manchmal wird sie als steilste Hauptbahn Europas bezeichnet, doch das stimmt nicht, denn mehrere Hauptbahnen in Österreich und der Schweiz, etwa die Semmeringbahn oder die Gotthardbahn, sind steiler.

Schiebeloks und ein eigenes Betriebswerk
In der Zeit der Dampflokomotiven musste fast jeder Zug nachgeschoben werden, deshalb waren die Bahnhöfe Geislingen und Amstetten recht groß angelegt.
Schon von Anfang an gab es in Geislingen Gleise, an denen Vorspann- und Schiebelokomotiven an die Züge gesetzt wurden, und um 1870 sowie zwischen 1891 und 1893 wurden diese Anlagen mehrfach erweitert.
Dabei kamen auch Gleise zum An- und Absetzen von Bremswagen und zum Teilen schwerer Züge hinzu, außerdem erhielt der Bahnhof einen zweiten Bahnsteig.
Für die Wartung der Schiebeloks gab es ein eigenes Bahnbetriebswerk in Geislingen, und für den Schiebedienst wurde ab 1891 die Württembergische T 3 eingesetzt.

Vom Bahnbau zur Industriestadt
Vom Bau der Bahn profitierte besonders der Müller Daniel Straub, ein Cousin von Michael Knoll, der in der Kapellmühle und in einem neuen Gebäude oberhalb der Steige Werkstätten für Arbeitsgeräte und Maschinen einrichtete.
Aus seiner Schmiede für Werkzeuge wurde eine Eisengießerei und Maschinenfabrik, aus der 1883 die Maschinenfabrik Geislingen hervorging.
Bereits 1853 hatte Straub mit zwei Teilhabern die Metallwarenfabrik Straub & Schweizer gegründet, die seit 1880 Württembergische Metallwarenfabrik heißt und unter dem Kürzel WMF bekannt ist.
Damit begann in Geislingen die Industrialisierung, und die Stadt wuchs von rund 3.900 Einwohnern im Jahr 1880 auf 7.000 im Jahr 1900.

Die Tälesbahn nach Wiesensteig
Am 21. Oktober 1903 kam eine 21 Kilometer lange Nebenbahn hinzu, die vom Bahnhofsvorplatz über Überkingen und Deggingen nach Wiesensteig führte.
Für diese Tälesbahn musste das Denkmal für Michael Knoll vom Vorplatz weichen und wurde an die Geislinger Steige versetzt.
Als in der Wirtschaftswunderzeit immer mehr Menschen mit dem Auto fuhren, sanken die Fahrgastzahlen, und die Bundesbahn legte zuerst den Abschnitt von Deggingen nach Wiesensteig still.
Personenzüge fuhren auf dem Rest der Strecke noch bis zum 1. Juni 1980 und Güterzüge bis zum 25. September 1981, das letzte Stück bis Geislingen-Altenstadt wurde im Mai 2000 stillgelegt.

Vom Fernzughalt zum Regionalbahnhof
Seit 1933 gehört Geislingen zum elektrisch betriebenen Stuttgarter Vorortverkehr, wofür ein zusätzliches Durchgangsgleis mit Bahnsteig eingerichtet wurde.
Früher hielten hier auch Fernzüge, doch nach der Eröffnung der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm am 11. Dezember 2022 kam nur noch ein Intercity pro Woche.
Seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2023 hält kein Fernzug mehr, und der Bahnhof wird von Regional-Express- und Metropolexpress-Zügen bedient, wobei die Metropolexpress-Züge am Hausbahnsteig an Gleis 1 beginnen und enden.
Mitte 2021 meldete die Deutsche Bahn eine abgeschlossene Modernisierung für 5,7 Millionen Euro, zu der unter anderem zwei neue Aufzüge gehörten.

Ankommen in Geislingen
Auf dem Bahnhofsplatz erinnert seit dem 9. Mai 2009 wieder ein Nachguss des Denkmals an Michael Knoll, den Erbauer der Steige.
Südlich des Bahnhofs liegt die Altstadt mit dem Alten Bau von 1445, der zu den größten Fachwerkhäusern Deutschlands zählt und das Museum und die Galerie im Alten Bau beherbergt.
Die evangelische Stadtkirche wurde zwischen 1424 und 1428 gebaut, und ihr Turm ist 63 Meter hoch.
Über der Stadt stehen der Ödenturm, der 1420 erstmals erwähnt wurde und zu den Wahrzeichen Geislingens gehört, und die Ruine der Burg Helfenstein.

Häufige Fragen
Wann wurde der Bahnhof Geislingen eröffnet?
Wie steil ist die Geislinger Steige?
Ist die Geislinger Steige die steilste Hauptbahn Europas?
Halten in Geislingen noch Fernzüge?
Wer war Michael Knoll?
Weiterfahrt
→ Ortstermin: Der Bahnhof Göppingen – die Kreisstadt im Filstal, etwa 15 Kilometer nordwestlich
→ Ortstermin: Ulm Hauptbahnhof – die Münsterstadt an der Donau, etwa 27 Kilometer südöstlich
