Stimmt es, dass …?
„Wegen des Zustands einer Brücke fährt unser Zug im folgenden Abschnitt langsamer, wir bitten um Verständnis.“
Stimmt es, dass Züge auf alten Brücken langsamer fahren müssen?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt teilweise. Ein hohes Alter allein bremst keinen Zug, doch wenn der Zustand eines Bauwerks es verlangt, wird eine Langsamfahrstelle eingerichtet, wie 2010 an der Müngstener Brücke mit nur 10 km/h.
Viele Eisenbahnbrücken in Deutschland sind älter als hundert Jahre.
Wer darüber fährt, fragt sich manchmal, ob die alten Bauwerke den Zügen noch gewachsen sind und ob die Züge dort bremsen müssen.
Was hinter dem Mythos steckt, zeigt dieser Check.

Die Fakten in Zahlen
25.707
Ende 2019
Brücken im Netz der Deutschen Bahn
12.000
rund
Brücken älter als 100 Jahre
10 km/h
April 2010
Tempolimit auf der Müngstener Brücke
Die Nutzungsdauer einer Eisenbahnbrücke der Deutschen Bahn beträgt im Durchschnitt 122 Jahre.
Ein Netz voller alter Brücken
Ende 2019 gab es im Netz der Deutschen Bahn 25.707 Brücken.
Im Durchschnitt waren sie mehr als 70 Jahre alt.
Rund 12.000 Brücken hatten sogar mehr als hundert Jahre hinter sich.
Mehr als 1000 galten als abrissreif.

Alt heißt nicht automatisch langsam
Ein hohes Alter allein ist noch kein Grund für ein Tempolimit.
Die Nutzungsdauer einer Eisenbahnbrücke der Deutschen Bahn beträgt im Durchschnitt 122 Jahre.
Viele alte Brücken tragen deshalb ganz normal den täglichen Zugverkehr.
Entscheidend ist der bauliche Zustand, der bei laufenden Überprüfungen kontrolliert wird.
Im Rahmen der dritten Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung sollen bis 2029 rund 2000 Brücken erneuert werden.
Gut zu wissen
Die Last je Meter, die eine Strecke tragen darf, wird hauptsächlich von der Belastbarkeit ihrer Brücken bestimmt. Sie fließt zusammen mit der Radsatzlast in die sogenannte Streckenklasse ein.
Die Hochbrücke Hochdonn ersetzte eine Drehbrücke, die rund 12 Kilometer weiter südwestlich bei Taterpfahl den Kanal querte. Für den Ausbau des alten Mittelteils standen am 6. November 2006 nur 12 Stunden zur Verfügung, in denen der Schiffsverkehr ruhte.
Was eine Langsamfahrstelle ist
Muss ein Zug irgendwo langsamer fahren, als es auf der Strecke eigentlich erlaubt ist, spricht man von einer Langsamfahrstelle.
Sie wird vom Eisenbahninfrastrukturunternehmen eingerichtet und meist durch Langsamfahrsignale angekündigt.
Die Langsamfahrscheibe Lf 1 trägt eine Kennziffer, die den zehnten Teil der erlaubten Geschwindigkeit angibt.
Eine 4 bedeutet also, dass ab der Anfangsscheibe höchstens 40 km/h erlaubt sind.
Das Ende des Abschnitts zeigt die Endscheibe Lf 3 an.
Wenn das Bauwerk schwächelt
Vorübergehende Langsamfahrstellen gibt es unter anderem, wenn der Zustand der Strecke oder eines Bauwerks eine geringere Geschwindigkeit notwendig macht.
Dem Personal im Führerstand werden sie in einer wöchentlich aktualisierten Übersicht und durch Signale vor Ort bekannt gemacht.
Fehlt die Signalisierung, erhält der Triebfahrzeugführer stattdessen einen schriftlichen Befehl.
Nach Angaben der Bahn kommen mängelbedingte Langsamfahrstellen nur dann in den Jahresfahrplan, wenn sie sich nicht innerhalb eines Jahres beseitigen lassen.
Als Beispiel dafür nennt die Bahn Mängel an einem Bauwerk.
Die Müngstener Brücke im Schneckentempo
Das bekannteste Beispiel ist die Müngstener Brücke zwischen Remscheid und Solingen, die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands.
Die stählerne Bogenbrücke überspannt das Tal der Wupper in 107 Metern Höhe und wurde 1897 fertiggestellt.
Wegen Schäden an den Lagern ordnete das Eisenbahn-Bundesamt Anfang April 2010 eine Höchstgeschwindigkeit von nur 10 km/h an.
Dazu kamen ein Begegnungsverbot und eine Gewichtsbeschränkung auf leichte Triebwagen, Güterzüge durften schon seit Mitte März nicht mehr darüber fahren.
Im November 2010 wurde die Brücke schließlich ganz gesperrt, und ein Schienenersatzverkehr übernahm.
Die lange Sanierung in Müngsten
Im Januar 2011 kündigte die Deutsche Bahn an, die Brücke in den folgenden fünf Jahren für 30 Millionen Euro komplett zu sanieren.
Damit sollte sie mindestens weitere 25 bis 30 Jahre für den Personenverkehr zur Verfügung stehen.
Unter anderem wurden die Fahrbahnteile ersetzt, wobei durch Schweißen statt Nieten rund 100 Tonnen Gewicht eingespart wurden.
Seit dem 27. Juli 2015 ist die Brücke wieder freigegeben, bis 2018 wurde sie unter Beachtung des Denkmalschutzes weiter saniert und verstärkt.
Heute fahren im Regelbetrieb die S-Bahn-Linie S 7 und der Regional-Express RE 47 über die Brücke.
Hochdonn über dem Kanal
Ein zweites Beispiel ist die Hochbrücke Hochdonn, auf der die Marschbahn den Nord-Ostsee-Kanal überquert.
Die zweigleisige Brücke wurde von 1913 bis 1920 gebaut.
Bei Überprüfungen zeigte sich ein erheblicher Sanierungsbedarf durch Korrosion und defekte Nieten.
Die Züge durften deshalb nur noch mit höchstens 40 km/h über die Brücke fahren.
Nach einer mehrjährigen Sanierung mit einem komplett neuen Brückenteil direkt über dem Kanal sind wieder bis zu 80 km/h möglich.
Was Langsamfahrstellen kosten
Von Januar 2013 bis Juli 2014 gab es nach Angaben der Deutschen Bahn insgesamt 588 mängelbedingte Langsamfahrstellen im Netz.
Am 1. Februar 2015 zählte die Bahn 72 Langsamfahrstellen, baubedingte nicht mitgerechnet.
Die Verspätungen durch vorübergehende Langsamfahrstellen summierten sich im Geschäftsjahr 2014 auf 3712 Stunden.
Vom 1. Januar bis 30. November 2018 gab es 485 mängelbedingte oder behördlich angeordnete Langsamfahrstellen.
Zwischen Einrichtung und Behebung vergingen dabei im Durchschnitt 92 Tage.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise.
Ein hohes Alter allein zwingt einen Zug nicht zum Bremsen, denn viele alte Brücken tragen den Verkehr ohne Einschränkung.
Verlangt der Zustand eines Bauwerks eine geringere Geschwindigkeit, wird aber eine Langsamfahrstelle eingerichtet.
Wie deutlich das ausfallen kann, zeigten die Müngstener Brücke mit 10 km/h und die Hochbrücke Hochdonn mit 40 km/h.
An beiden Brücken halfen erst umfangreiche Sanierungen aus der Misere.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
