Stimmt es, dass …?
„Bitte beachten Sie: Auf Gleis 2 fährt jetzt Zug um Zug ein, und keiner davon ist ein Schachzug.“
Stimmt es, dass Zug um Zug etwas mit der Eisenbahn zu tun hat?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?
Kurz gesagt
Nein, jedenfalls nicht ursprünglich. Der Zug in Zug um Zug ist der Spielzug, also das Bewegen einer Figur auf dem Brett, und im Recht beschreibt die Wendung einen Austausch, bei dem beide Seiten gleichzeitig leisten.
Beim Einkauf gilt die Regel Ware gegen Geld, und Juristen nennen das eine Leistung Zug um Zug.
Weil im Deutschen auch die Bahn Züge fahren lässt, liegt die Vermutung nahe, die Wendung stamme aus dem Bahnbetrieb.
Woher das Zug um Zug tatsächlich kommt und warum ein Eisenbahn-Brettspiel so heißt, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
§ 320
BGB
Leistung Zug um Zug im Schuldrecht
9. Jh.
Wort Zug
nach Pfeifer seit dieser Zeit belegt
2004
Spiel des Jahres
Brettspiel Zug um Zug von Alan Moon
Das Wort Zug ist viel älter als die Eisenbahn und geht auf das Ziehen zurück.
Ein Wort mit vielen Bedeutungen
Das Wort Zug hat im Deutschen weit mehr Bedeutungen als nur die Eisenbahn.
Es kann einen Luftzug meinen, einen Atemzug, einen Gesichtszug oder eine Einheit bei Militär und Feuerwehr.
Im Spiel bezeichnet es das Bewegen einer Figur von einem Feld auf ein anderes.
Die Reihe hintereinander gekoppelter Fahrzeuge, die wir heute Zug nennen, ist nur eine dieser vielen Bedeutungen.

Älter als jede Lokomotive
Das Wort Zug geht auf althochdeutsch zug zurück, das Bewegung und Ziehen bedeutete.
Belegt ist es nach Kluge seit dem 11. Jahrhundert und nach Pfeifer sogar seit dem 9. Jahrhundert.
Personenzüge auf eisernen Schienen gibt es dagegen erst seit dem Jahr 1825.
Die Wendung Zug um Zug konnte also auf viel ältere Bedeutungen des Wortes zurückgreifen.
Gut zu wissen
Im Wort Zug stecken viele Bedeutungen, vom Luftzug über den Atemzug bis zum Charakterzug. Auch ein Vogelzug, ein festlicher Umzug oder eine Einheit der Feuerwehr tragen diesen Namen.
Eine echte Eisenbahn-Redewendung ist dagegen es ist höchste Eisenbahn für große Eile. Sie geht auf ein Stück von Adolf Glassbrenner zurück.
Der Zug auf dem Spielbrett
Wörterbücher ordnen die Wendung Zug um Zug der Bedeutung aus dem Spiel zu.
Dahinter steht das Bild von Spielern, die abwechselnd ihre Figuren bewegen, sodass ein Zug auf den anderen folgt.
Daraus ergibt sich das Bild eines schrittweisen Vorgehens, bei dem eine Handlung auf die andere antwortet.
Mit fahrenden Zügen hat dieses Bild nichts zu tun.
Zug um Zug im Recht
Besonders bekannt ist die Wendung aus dem deutschen Schuldrecht.
Ein Leistungsaustausch Zug um Zug bedeutet nach Paragraf 320 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, dass der eine Teil nur leisten muss, wenn auch der andere zur gleichen Zeit leisten kann.
Das schützt beide Seiten davor, die eigene Leistung zu erbringen, ohne die Gegenleistung zu erhalten.
Ein typisches Beispiel ist der Kaufvertrag, bei dem Ware und Kaufpreis gegeneinander getauscht werden.
Das Brötchen beim Bäcker
Gleichzeitig ist dabei nicht im strengen naturwissenschaftlichen Sinn gemeint.
Beim Kauf von Brötchen über die Ladentheke leisten beide Seiten rechtlich gleichzeitig, auch wenn erst die Brötchen gereicht werden und dann das Geld.
Anders ist es etwa bei der Miete, bei der eine Seite vorleisten muss, weil sich die Gebrauchsgewährung über einen Zeitraum erstreckt.
Auch der Arbeitslohn wird üblicherweise erst gezahlt, wenn die Arbeit erbracht ist.
Ein Eisenbahnspiel mit Wortspiel
Dass viele Menschen Zug um Zug trotzdem mit der Bahn verbinden, liegt auch an einem Brettspiel.
Unter diesem Titel erschien ein Spiel des britischen Spieleautors Alan Moon, bei dem es um die Nutzung von Eisenbahnstrecken in den USA geht.
Im Jahr 2004 erhielt es den Kritikerpreis Spiel des Jahres.
Der Titel lässt sich als Wortspiel lesen, denn im Spiel geht es um Spielzüge und um Eisenbahnstrecken zugleich.
Auf dem Spielplan
Auf dem Spielplan sind Orte eingezeichnet, die durch farbige Strecken aus einem bis sechs Feldern verbunden sind.
Die Spieler versuchen, diese Strecken für sich zu nutzen.
Der Autor hatte schon 1998 mit Elfenland das Spiel des Jahres gewonnen.
Sein Spiel Union Pacific, ebenfalls mit Eisenbahnthema, war 1999 für diesen Preis nominiert.
Weitere Züge ohne Schienen
Viele Redewendungen mit Zug haben mit der Eisenbahn nichts zu tun.
Wer etwas in einem Zug erledigt, macht es ohne Pause, und auch diese Wendung gehört zur Bedeutung aus dem Spiel.
Wer zum Zuge kommt, ist an der Reihe, so wie ein Spieler, der endlich ziehen darf.
Die Wendung im falschen Zug sitzen stammt dagegen tatsächlich vom Eisenbahnzug.
Das Fazit
Der Mythos stimmt nicht, denn Zug um Zug geht auf den Spielzug zurück und nicht auf die Eisenbahn.
Das Wort Zug ist viel älter als die Bahn und bedeutete ursprünglich Bewegung und Ziehen.
Im Recht beschreibt die Wendung einen Austausch, bei dem beide Seiten gleichzeitig leisten.
Eine echte Verbindung zur Schiene gibt es nur beim gleichnamigen Brettspiel, das mit genau dieser doppelten Bedeutung spielt.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
