Stimmt es, dass …?
„Der Zug auf Gleis 12 wird heute nicht mehr benötigt und fährt direkt aufs Abstellgleis, bitte nicht einsteigen.“
Stimmt es, dass aufs Abstellgleis schieben von der Bahn stammt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Ein Abstellgleis ist ein Gleis für Schienenfahrzeuge, die vorübergehend nicht gebraucht werden, und im übertragenen Sinn beschreibt die Wendung, dass Menschen aus ihrem Wirkungskreis verdrängt werden.
Wer im Beruf plötzlich keine wichtigen Aufgaben mehr bekommt, fühlt sich schnell aufs Abstellgleis geschoben.
Das Bild ist so anschaulich, dass kaum jemand darüber nachdenkt, woher es eigentlich kommt.
Ob die Wendung wirklich von der Eisenbahn stammt und was auf einem echten Abstellgleis passiert, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
40 km/h
Höchsttempo
für Zugfahrten in Stumpfgleise bei der DB
1973
Ölkrise
abgestellte Dampfloks kehrten zurück
1984
z-Stellung der V 200
einige fuhren danach noch im Ausland
Die Abstellzeit reicht von einigen Stunden bis zum dauerhaften Abstellen ausgemusterter Fahrzeuge.
Was ein Abstellgleis ist
Ein Abstellgleis ist ein Gleis zur Aufnahme von Schienenfahrzeugen, die vorübergehend nicht benötigt werden.
Die Abstellzeit kann von einigen Stunden bis zum dauerhaften Abstellen ausgemusterter Fahrzeuge reichen.
Abstellgleise werden nicht für Zugfahrten über den Bahnhof hinaus genutzt und gelten deshalb als Nebengleise.
Bahnsteiggleise, Ladegleise sowie Ausweich- und Überholgleise zählen dagegen nicht dazu.

Mehr als nur ein Parkplatz
Auf Abstellgleisen werden zuweilen auch Züge gebildet, also Wagen zu einem neuen Zug zusammengestellt.
Abgestellte Personenzüge werden hier oft gereinigt oder vorgeheizt, bevor sie wieder in den Einsatz gehen.
Ein Abstellgleis kann auch als Stumpfgleis angelegt sein, das nur an einem Ende eine Weiche hat und am anderen oft an einem Prellbock endet.
Dient ein solches Stumpfgleis zusätzlich zum Wenden von Zügen, spricht man von einem Kehrgleis.
Gut zu wissen
In einem Kopfbahnhof sind alle Gleise Stumpfgleise. Im Netz der Deutschen Bahn dürfen Züge grundsätzlich höchstens mit 40 Kilometern pro Stunde in ein Stumpfgleis einfahren.
Stumpfgleise tragen viele Namen, etwa Sackgleis, Blindgleis oder totes Gleis. In der Schweiz heißen sie auch Kopfgleis.
Vom Gleis in die Sprache
Im übertragenen Sinn beschreibt die Metapher auf das Abstellgleis schieben, dass Menschen dauerhaft aus dem Erwerbsleben oder aus ihrem Wirkungskreis verdrängt werden.
Wer auf dem Abstellgleis steht, befindet sich in einer Stellung ohne Wirkungsmöglichkeit.
Das Bild passt genau zum Vorbild auf der Schiene, denn dort landen Fahrzeuge, für die es gerade keine Aufgabe gibt.
Auch die verwandte Wendung aufs Abstellgleis geraten meint, in die Bedeutungslosigkeit zu verfallen.
Die z-Stellung als Vorbild
Bei der Deutschen Bahn und ihren Vorgängern heißt das Abstellen nicht benötigter Fahrzeuge z-Stellung.
Ein Fahrzeug wird dabei auf Z gestellt und damit aus dem Dienst gezogen.
Bei Dampflokomotiven bedeutete das etwa, dass sie nicht mehr regelmäßig ausgebessert wurden und nur noch als Betriebsreserve dienten.
Folgt auf die z-Stellung die Ausmusterung, scheidet das Fahrzeug endgültig aus dem Bestand aus.
Zurück vom Abstellgleis
Ganz endgültig ist das Abstellgleis aber nicht immer.
Während der Ölkrise 1973 stellten beide deutschen Bahnverwaltungen ölgefeuerte Dampflokomotiven ab und holten dafür zuvor z-gestellte kohlegefeuerte Loks zurück.
Manche abgestellte Lokomotiven werden später noch einmal aufgearbeitet und fahren als Museumsfahrzeug weiter.
Einige Lokomotiven der Baureihe V 200 wurden nach ihrer z-Stellung bei der DB im Jahr 1984 ins europäische Ausland verkauft und fuhren dort noch jahrelang.
Vergessen auf dem Abstellgleis
Fahrzeuge, die nicht mehr in Betrieb gehen, werden in der Regel als Ersatzteilspender ausgeschlachtet und anschließend verschrottet.
In seltenen Fällen werden Fahrzeuge auf dem Abstellgleis aber regelrecht vergessen, etwa wenn sich nach einer Insolvenz kein Besitzer mehr findet.
Manchmal lohnt sich auch die Verschrottung nicht, weil die Schrottpreise zu niedrig sind.
So entstehen Lost Places wie der Eisenbahnfriedhof von Uyuni, der heute Touristen anzieht.
Verwandte Wörter aus dem Rangierbetrieb
Auch andere Wörter aus dem Bahnbetrieb haben es in die Alltagssprache geschafft.
Wer alte Sachen ausrangiert, sortiert sie aus, und im Bahnbetrieb bedeutet ausrangieren, ein Fahrzeug durch Verschieben zu entfernen.
Das Rangieren selbst meint das Verschieben von Eisenbahnwagen, um sie in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen oder aus einem Zug herauszulösen.
Für das Umsetzen von Wagen gibt es in Bahnhöfen eigene Ausziehgleise, die Rangierfahrten auf den Hauptgleisen vermeiden.
Warten auf dem Abstellgleis
Auch berühmte Reisende haben schon eine Nacht auf einem Abstellgleis verbracht.
Im April 1917 übernachtete die Reisegruppe um Lenin in Frankfurt am Main in ihrem Wagen, der dafür auf ein Abstellgleis gestellt wurde.
Das Abstellgleis war dort buchstäblich ein Ort zum Warten, bis es am nächsten Morgen weiterging.
Genau diese Mischung aus Stillstand und ungewisser Zukunft macht das Bild in der Sprache so stark.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn die Wendung aufs Abstellgleis schieben stammt aus der Welt der Eisenbahn.
Auf einem echten Abstellgleis stehen Fahrzeuge, die gerade nicht gebraucht werden, manchmal nur für Stunden und manchmal für immer.
Im übertragenen Sinn beschreibt die Metapher Menschen, die aus ihrem Wirkungskreis verdrängt werden.
Dass es vom Abstellgleis auch ein Zurück geben kann, zeigen die Dampfloks, die in der Ölkrise 1973 wieder in Dienst gestellt wurden.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
