Stimmt es, dass …?
„Wegen eines zugefrorenen Sees wird dieser Zug heute nicht von einer Lok, sondern von Pferden befördert.“
Stimmt es, dass Züge einst über das Eis des Baikalsees fuhren?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?
Kurz gesagt
Das stimmt teilweise. Im extrem kalten Winter 1904 wurden tatsächlich Gleise über das Eis des Baikalsees gelegt, doch die Waggons und die zerlegten Lokomotiven zogen Pferde hinüber, Dampfzüge fuhren also nicht aus eigener Kraft über den See.
Die Transsibirische Eisenbahn gilt als eines der größten Bauprojekte der Eisenbahngeschichte.
Ausgerechnet am Baikalsee klaffte beim Bau lange eine Lücke, und um sie ranken sich erstaunliche Geschichten.
Ob Züge wirklich einst über das Eis des Baikalsees fuhren, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
28.2.–25.3.1904
Strecke über das Eis
in Betrieb während des Russisch-Japanischen Krieges
1642 m
Tiefe des Baikalsees
tiefster See der Erde
24.4.1900
erste Fährfahrt
der Eisenbahnfähre Baikal mit zwei Lokomotiven an Bord
Über das Eis zogen Pferde die Waggons und zerlegte Lokomotiven, eigene Dampfzüge fuhren dort nicht.
Ein See mitten im Weg
Der Baikalsee ist mit 1642 Metern der tiefste See der Erde.
Er ist von Südwesten nach Nordosten 673 Kilometer lang und bis zu 82 Kilometer breit.
Etwa von Mitte November bis Anfang Mai ist seine Oberfläche meist komplett zugefroren.
Für die Transsibirische Eisenbahn war dieser riesige See ein gewaltiges Hindernis, denn die Strecke musste an ihm vorbei.

Die schwierige Lücke am Südufer
Im Bereich des Baikalsees waren die Baubedingungen sehr schwierig, und die Planung der Trasse verzögerte sich stark.
Der Abschnitt von Tscheljabinsk im Westen bis Irkutsk war bereits fertig, der erste Zug erreichte Irkutsk im August 1898.
Auch der Bauabschnitt von Osten bis zum Südostufer des Sees näherte sich um 1900 seiner Vollendung.
Das Zwischenstück um das Südwestende des Sees steckte dagegen noch in der Planung und wurde erst 1902 begonnen.
Eine verlässliche Verbindung über den See war deshalb dringend nötig.
Gut zu wissen
Die Angara hatte einen 25 Millimeter dicken stählernen Eisgürtel. Ihre Dampfmaschine leistete 1250 PSi, und im freien Wasser erreichte sie bis zu 14 Knoten.
Im Russisch-Japanischen Krieg 1904 und 1905 beförderte die Angara bis zu 1000 Passagiere auf einer Fahrt, meist Soldaten.
Eine Fähre für ganze Züge
Schon im Dezember 1895 bestellte das russische Transportministerium bei der britischen Firma Armstrong-Whitworth in Newcastle die Bauteile einer eisbrechenden Eisenbahnfähre.
Die Teile wurden nach Russland geliefert und am Baikalsee auf der Werft in Listwjanka zusammengebaut.
Im Juni 1899 wurde das Schiff mit dem Namen Baikal zu Wasser gelassen.
Seine erste Überfahrt machte es am 24. April 1900, an Bord waren zwei Lokomotiven, drei Waggons, 167 Pferde und rund 500 Passagiere.
Die Angara als zweites Schiff
Weil ein Schiff allein für das erwartete Fracht- und Passagieraufkommen nicht reichte, wurde ein zweiter Eisbrecher bestellt.
Die Angara, benannt nach dem Fluss, der den Baikalsee entwässert, lief am 25. Juli 1900 vom Stapel.
Sie war 60 Meter lang und konnte neben 250 Tonnen Fracht bis zu 160 Passagiere befördern.
Die beiden Schiffe pendelten nun jeweils zweimal täglich zwischen den Anlegern in Baikal und Myssowaja.
Wenn selbst Eisbrecher aufgeben müssen
Schon bald zeigte sich aber ein großes Problem.
In den Monaten Januar bis April, wenn die Eisdecke am stärksten war, konnten die beiden Eisbrecher den Schiffsverkehr nicht aufrechterhalten, ohne selbst schweren Schaden zu nehmen.
Die Lücke in der Transsib wurde damit jeden Winter zu einem echten Hindernis.
Im Winter 1904 kam hinzu, dass Russland plötzlich in einen Krieg verwickelt war.
Krieg und ein extrem kalter Winter
Im Februar 1904 brach der Russisch-Japanische Krieg aus.
Er verlangte einen möglichst schnellen Transport von Truppen, Geschützen, Munition und Nachschub in den Fernen Osten.
Weil die Fähren im tiefsten Winter nicht fahren konnten, griff man zu einer ungewöhnlichen Lösung.
In diesem extrem kalten Winter wurden Gleise direkt über das Eis des Sees gelegt.
Gleise auf dem Eis, Pferde statt Lok
Über diese Gleise fuhren allerdings keine Dampfzüge aus eigener Kraft.
Die Waggons und die in Fahrgestell und Oberteil zerlegten Lokomotiven wurden von Pferden über den See gezogen.
Die Strecke über das Eis war vom 28. Februar bis zum 25. März 1904 in Betrieb, also nur knapp vier Wochen.
Damit war sie ein kurzes, aber sehr ungewöhnliches Kapitel der Eisenbahngeschichte.
Die Umfahrung wird fertig
Parallel dazu wurde die Umfahrung des Sees vorangetrieben und im Herbst 1904 fertiggestellt.
Der erste Werkzug auf der Umfahrung zwischen Baikal und Sljudjanka fuhr am 30. September 1904, der Regelverkehr begann am 29. Oktober 1905.
Da inzwischen auch ein Fähranleger in Tanchoi gebaut worden war, konnten die Schiffe auf der nur 42 Kilometer langen Strecke drei bis vier Fahrten täglich machen.
Noch mehr als zehn Jahre lief der Verkehr mit der Fähre Baikal weiter, die Angara wurde dagegen schon 1907 mangels Bedarf aufgelegt.
Ein Museumsschiff in Irkutsk
Die Angara diente mit Unterbrechungen bis 1962 auf dem Baikalsee als Eisbrecher, Schlepper und Personenfähre.
Heute liegt sie als Museumsschiff in Irkutsk.
Sie erinnert an die Zeit, in der die Transsib am Baikalsee nur mit Schiffen und im Notfall mit Pferden über das Eis überbrückt werden konnte.
Die Transsibirische Eisenbahn verbindet heute Moskau über 9288 Kilometer mit Wladiwostok, und ihre Züge fahren am See längst auf festem Boden vorbei.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise, denn im Winter 1904 lagen tatsächlich Gleise auf dem Eis des Baikalsees.
Über sie wurden Waggons und zerlegte Lokomotiven von Pferden gezogen, Dampfzüge fuhren nicht aus eigener Kraft über das Eis.
Die Eisstrecke war nur vom 28. Februar bis zum 25. März 1904 in Betrieb und diente dem Nachschub im Russisch-Japanischen Krieg.
Sonst übernahmen die Eisenbahnfähre Baikal und der Eisbrecher Angara die Verbindung über den See, bis die Umfahrung am Südufer fertig war.
Die Geschichte zeigt, wie viel Einfallsreichtum nötig war, um die Lücke der Transsibirischen Eisenbahn am Baikalsee zu überbrücken.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
