Stimmt es, dass …?
„Nächster Halt Città del Vaticano, bitte beachten, das Tor in der Stadtmauer öffnet sich nur bei Bedarf.“
Stimmt es, dass der Vatikan einen eigenen Bahnhof hat?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Der Vatikan hat mit dem Bahnhof Città del Vaticano einen eigenen Bahnhof, der über ein Viadukt an das italienische Netz angeschlossen ist, mit etwa 860 Metern Gleis gilt die Anlage wahrscheinlich als die kürzeste Staatsbahn der Welt.
Der Vatikan ist der kleinste Staat der Welt, und doch hört man immer wieder, dass er sich einen eigenen Bahnhof leistet.
Viele halten das für eine Legende oder für einen Scherz unter Bahnfans.
Ob der Vatikan wirklich einen eigenen Bahnhof hat und was dort heute fährt, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
ca. 860 m
Gleislänge
wohl die kürzeste Staatsbahn der Welt
1929
Lateranvertrag
Italien sagte Bahnanschluss und Bahnhof zu
143 m
Viadukt
verbindet den Vatikan mit dem Bahnhof Roma San Pietro
Der erste Papst, der die Vatikanbahn selbst nutzte, war Johannes XXIII. im Oktober 1962.
Ein Staat mit eigenem Gleisanschluss
Die Eisenbahn im Vatikanstaat umfasst eine normalspurige Bahnanlage und den Anschluss an das italienische Eisenbahnnetz.
Ihr Bahnhof trägt den Namen Città del Vaticano.
Ein eigenes Eisenbahnverkehrsunternehmen gibt es im Vatikan allerdings nicht.
Das Bahnpersonal gehört nicht zum Vatikan, sondern wird von der italienischen Eisenbahn gestellt.

Ein Papst mit Interesse an der Bahn
Die Geschichte beginnt lange vor dem heutigen Vatikanstaat, nämlich im Kirchenstaat des 19. Jahrhunderts.
Papst Pius IX. interessierte sich für die technischen Errungenschaften seiner Zeit und ließ kurz nach seiner Wahl im Jahr 1846 den Bau von Eisenbahnen prüfen.
Die erste Teilstrecke nach Frascati wurde am 7. Juli 1856 eröffnet.
Die 73 Kilometer lange Strecke von Rom zur Hafenstadt Civitavecchia folgte am 25. März 1859.
Gut zu wissen
Die Galawagen von Pius IX. wurden in Frankreich gebaut und galten als die prunkvollsten und teuersten Salonwagen ihrer Zeit. Einer von ihnen war als Kapellenwagen ausgestattet.
Schon 1929 legte der Vatikan fest, dass für den Eisenbahnbetrieb auf seinem Gebiet die italienischen Vorschriften gelten. Mit dem Nachbarbahnhof Roma San Pietro ist er per Telefon und Telegraf verbunden.
Vom Ende des Kirchenstaats zum Lateranvertrag
Im Jahr 1870 beseitigte Italien den Kirchenstaat endgültig, und die Eisenbahnstrecken gingen an den neuen Staat über.
Die Päpste zogen sich daraufhin in eine selbst gewählte Isolation im Vatikan zurück, den sie nicht mehr verließen.
Das änderte sich erst mit dem Lateranvertrag von 1929, mit dem Italien die Vatikanstadt als eigenen Staat anerkannte.
In Artikel 6 dieses Vertrags sagte Italien dem Vatikan einen Anschluss an das italienische Eisenbahnnetz und einen Bahnhof auf vatikanischem Boden zu.
Die Kosten für den Bau des Bahnhofs und der Verbindung übernahm der italienische Staat.
Über ein Viadukt in den Vatikan
Die Arbeiten begannen am 3. April 1929, angeschlossen wurde die Anlage im römischen Bahnhof Roma San Pietro an der Strecke nach Viterbo.
Zwischen der Piazza Santa Marta und dem Gouverneurspalast waren erhebliche Erdarbeiten nötig, um das Gelände auf eine Höhe von 38 Metern über dem Meer zu bringen.
Die Verbindung zum italienischen Bahnhof führt über ein 143 Meter langes Viadukt aus Backstein mit acht Bögen, das die Via Aurelia überquert.
Im März 1932 erreichte erstmals eine Lokomotive den Vatikan.
Das Abkommen für den grenzüberschreitenden Verkehr wurde am 12. September 1934 geschlossen.
Ein Tor in der Stadtmauer
Die Zufahrt führt durch ein Eisenbahntor im Festungswall des Vatikans, das ein Wappen von Papst Pius XI. schmückt.
Das Tor ist in der Regel geschlossen und wird nur für die Ein- und Ausfahrt von Zügen geöffnet.
Seine beiden Flügel bestehen aus Stahlrahmen mit acht Millimeter starkem Stahlblech.
Sie rollen auf eigenen kleinen Fahrgestellen mit einer Spurweite von 480 Millimetern und lassen sich von Hand oder mit Maschinenkraft in den Wall hinein- und herausziehen.
Wohl die kürzeste Staatsbahn der Welt
Vom Tor bis zum Gleisende sind es nur etwa 300 Meter, die gesamte Gleisanlage ist rund 860 Meter lang.
Wahrscheinlich handelt es sich damit um die Staatsbahn mit der kürzesten Gleisanlage der Welt.
Der Bahnhof hat zwei parallele Gleise, von denen eines am Bahnsteig liegt, dazu zwei kurze Stumpfgleise für Güterwagen.
Die Weichen werden von Hand gestellt, und das Ausziehgleis endet in einem 97 Meter langen Stumpftunnel, der komplett aus einem Marmorfelsen herausgearbeitet wurde.
Päpste auf Reisen
Papst Pius XI. hatte auf dem Bahnanschluss bestanden, ihn selbst aber nie genutzt, denn er verließ den Vatikan nie.
Der erste Papst, der die Bahn persönlich nutzte, war Johannes XXIII. am 4. Oktober 1962, eine Woche vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Er fuhr zu einer Pilgerfahrt nach Loreto und Assisi, und zwar im eigens ausgeliehenen Salonwagen des italienischen Staatspräsidenten.
Die Fahrt galt als symbolischer Bruch mit der Tradition der Weltabgewandtheit.
Über 90 Jahre zuvor war Pius IX. der letzte Papst gewesen, der mit der Bahn gefahren war.
Mit dem Zug nach Castel Gandolfo
Seit September 2015 fährt samstags ein Touristenzug vom Bahnhof Città del Vaticano zur päpstlichen Urlaubsresidenz Castel Gandolfo.
Das Angebot ist eine Zusammenarbeit der italienischen Bahngesellschaft Trenitalia mit den Vatikanischen Museen.
Für die Elektrotriebwagen wurde eine Oberleitung bis an die Mauer des Vatikans herangeführt, weil das Tor für eine Verlängerung zu niedrig ist.
Der Zug fährt deshalb nur so weit in den Vatikan hinein, dass mindestens ein Stromabnehmer unter der Fahrleitung bleibt.
Auf dem Rückweg endet die Fahrt bereits am Bahnhof Roma San Pietro.
Güter statt Fahrgäste
Anderer Personenverkehr ist äußerst selten und beschränkt sich auf wenige Sonderzüge.
Regelmäßig wird über den Bahnhof dagegen Güterverkehr abgewickelt.
Eigene Fahrzeuge besitzt der Vatikan heute nicht, zum Rangieren steht bei Bedarf ein gewöhnlicher Straßentraktor bereit.
Die prunkvollen Galawagen, die Pius IX. im Jahr 1859 geschenkt bekam, sind heute im römischen Museum Centrale Montemartini zu sehen.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn der Vatikan hat mit dem Bahnhof Città del Vaticano tatsächlich einen eigenen Bahnhof.
Er entstand nach dem Lateranvertrag von 1929 und ist über ein 143 Meter langes Viadukt an den römischen Bahnhof Roma San Pietro angeschlossen.
Mit rund 860 Metern Gleis gilt die Anlage wahrscheinlich als die kürzeste Staatsbahn der Welt.
Züge fahren dort vor allem für den Güterverkehr und samstags für einen Touristenzug nach Castel Gandolfo.
Ein eigenes Bahnunternehmen oder eigene Fahrzeuge hat der kleinste Staat der Welt allerdings nicht.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
