Stimmt es, dass …?
„Achtung an der Kreuzung, hier gilt rechts vor links, und zwar auch für die Straßenbahn.“
Stimmt es, dass Straßenbahnen immer Vorfahrt haben?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt nicht. In Deutschland regeln auch bei Straßenbahnen die allgemeine Vorfahrtsregel, Verkehrszeichen und Ampeln, wer zuerst fährt, Vorrang haben sie vor allem gegenüber Abbiegern und an Übergängen mit Andreaskreuz.
Wenn eine Straßenbahn klingelnd auf eine Kreuzung zurollt, halten viele lieber an, auch wenn sie eigentlich fahren dürften.
Dahinter steckt die verbreitete Annahme, dass Schienenfahrzeuge im Stadtverkehr grundsätzlich zuerst fahren.
Wie die Regeln in Deutschland wirklich aussehen und warum Österreich es anders hält, zeigt der Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
§ 8
StVO
Grundregel rechts vor links
§ 9
StVO
Abbieger lassen Schienenfahrzeuge vor
1987
BOStrab
heute gültige Betriebsordnung der Straßenbahnen
An Bahnübergängen mit Andreaskreuz haben Schienenfahrzeuge in Deutschland Vorrang.
Der Mythos vom Vorrecht der Schiene
Straßenbahnen sind lang, schwer und können auf ihren Schienen nicht ausweichen.
Schon deshalb wirkt es logisch, dass sie im Straßenverkehr immer zuerst fahren dürfen.
Die Vorstellung vom generellen Vorrecht der Schiene ist entsprechend weit verbreitet.
Ein Blick in die Regeln zeigt aber ein deutlich genaueres Bild.

Rechts vor links gilt auch hier
In Deutschland regelt § 8 der Straßenverkehrs-Ordnung die Vorfahrt an Kreuzungen und Einmündungen.
Dort hat grundsätzlich Vorfahrt, wer von rechts kommt.
Ausnahmen gelten, wenn Verkehrszeichen die Vorfahrt besonders regeln oder wenn Fahrzeuge aus einem Feld- oder Waldweg kommen.
Eine eigene Ausnahme für Straßenbahnen enthält diese Grundregel nicht.
An vielen Kreuzungen legen deshalb Verkehrszeichen oder Ampeln fest, wer zuerst fahren darf.
Gut zu wissen
Für Straßenbahnen gilt in Deutschland nicht die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung, sondern die Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung. Sie umfasst auch unabhängige Bahnen wie U-Bahnen, Hängebahnen und abschnittsweise Stadtbahnen.
Die Straßenbahnsignale F 0 bis F 5 sind Balkensignale und gelten auch für einige andere Fahrzeuge des Nahverkehrs, vor allem Busse. Balkensignale gibt es auch in vielen anderen Ländern.
Vorrang beim Abbiegen
Einen klaren Vorteil haben Schienenfahrzeuge, wenn andere Fahrzeuge abbiegen.
Nach § 9 der Straßenverkehrs-Ordnung müssen abbiegende Fahrzeuge Schienenfahrzeugen Vorrang gewähren, die sich in der gleichen Richtung bewegen.
Dasselbe gilt dort gegenüber Radfahrern und Fußgängern in gleicher Richtung.
Wer also neben einer Straßenbahn fährt und abbiegen will, muss sie zuerst durchfahren lassen.
In dieser Lage hat die Straßenbahn tatsächlich den Vorrang.
Am Andreaskreuz fährt die Bahn zuerst
Eindeutig ist die Lage an Bahnübergängen mit Andreaskreuz.
Dort haben Schienenfahrzeuge Vorrang, und der Straßenverkehr darf sich nur mit mäßiger Geschwindigkeit nähern.
Fahrzeuge müssen vor dem Andreaskreuz warten, wenn sich ein Schienenfahrzeug nähert oder rotes Blinklicht leuchtet.
Auch Straßenbahnstrecken können solche Bahnübergänge haben, die in der Betriebsordnung für Straßenbahnen ausdrücklich geregelt sind.
In Hafen- und Industriegebieten kann zudem ein Zusatzschild darauf hinweisen, dass Schienenfahrzeuge dort Vorrang haben.
Eigene Regeln für die Tram
Für den Betrieb der Straßenbahnen gilt in Deutschland eine eigene Verordnung, die Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung.
Die heute gültige Fassung stammt aus dem Jahr 1987 und gilt seit Oktober 1990 für alle deutschen Straßenbahnbetriebe.
Straßenbahnen, die den Raum öffentlicher Straßen nutzen, passen sich in ihrer Betriebsweise dem Straßenverkehr an.
Sie fahren auf Sicht und haben zum Beispiel Fahrtrichtungsanzeiger wie andere Fahrzeuge auch.
Eigene Ampeln für die Straßenbahn
An vielen Kreuzungen bekommen Straßenbahnen eigene Signale.
Diese Fahrsignale mit den Bezeichnungen F 0 bis F 5 sind sogenannte Balkensignale und gelten teilweise auch für Busse.
Sie zählen wie normale Ampeln zur Gruppe der Lichtzeichenanlagen.
Besitzt die Straßenbahn an Ampeln eine Vorrangschaltung, kann sie im Stadtverkehr deutlich schneller vorankommen.
Dieser Vorrang entsteht dann durch die Technik an der Kreuzung und nicht durch eine allgemeine Regel.
Österreich macht es anders
Im Nachbarland Österreich sieht die Lage tatsächlich anders aus.
Die österreichische Straßenverkehrsordnung kennt eine eigene Schienenfahrzeugregel.
Danach haben Schienenfahrzeuge Vorrang, auch wenn sie von links kommen.
Eine Straßenbahn, die in einer Haltestelle steht, verzichtet dort außerdem nicht auf ihren Vorrang.
Schienenfahrzeuge gelten in Österreich zudem als bevorzugte Straßenbenützer mit besonderen Vorrechten.
Warum Vorsicht trotzdem klug ist
Auch wenn die Regeln nicht immer für die Straßenbahn sprechen, lohnt sich an Kreuzungen ein zweiter Blick.
Eine Straßenbahn kann auf ihren Schienen nicht ausweichen.
Für Notfälle schreibt die Betriebsordnung in Deutschland eine Magnetschienenbremse vor, die unabhängig vom Reibwert zwischen Rad und Schiene wirkt.
Dabei zieht ein Elektromagnet einen Schleifschuh auf die Schiene.
Rücksicht auf die Straßenbahn ist deshalb auch dort sinnvoll, wo sie rechtlich warten müsste.
Das Fazit
Der Mythos stimmt nicht.
In Deutschland gilt an Kreuzungen auch für Straßenbahnen zunächst die Regel rechts vor links, sofern Verkehrszeichen oder Ampeln nichts anderes bestimmen.
Vorrang hat die Straßenbahn vor allem gegenüber Fahrzeugen, die abbiegen, und an Bahnübergängen mit Andreaskreuz.
In Österreich haben Schienenfahrzeuge dagegen nach der Schienenfahrzeugregel Vorrang, selbst wenn sie von links kommen.
Wer im Ausland Auto fährt, kennt deshalb am besten die Regeln des jeweiligen Landes.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
Zwischen Technik und Menschen
Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.
Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.
Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.
Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.
Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.
Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.
