Stimmt es, dass …?
„Achtung, auf der Leinwand fährt ein: der berühmteste Zug der Filmgeschichte, bitte bleiben Sie trotzdem auf Ihren Plätzen.“
Stimmt es, dass Kinobesucher vor dem Zug der Brüder Lumière flüchteten?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt nicht. Die Massenpanik beim Film Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat ist nicht belegt und gilt als moderne Sage, die zu Werbezwecken ausgeschmückt wurde.
Ein Zug rollt direkt auf die Kamera zu, und im Saal springen die Menschen erschrocken von ihren Stühlen.
So wird die Geburtsstunde des Kinos gern erzählt, mit einem kleinen Bahnhof in Südfrankreich als Kulisse.
Ob die Zuschauer damals wirklich die Flucht ergriffen, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
28.12.1895
Paris
erste öffentliche Filmvorführung Frankreichs im Grand Café
16
Bilder pro Sekunde
Vorführtempo des Cinématographe
1859
La Ciotat
Eröffnung des Bahnhofs an der Strecke Aubagne–Toulon
Der Film besteht aus einer einzigen Einstellung ohne Schnitt und trägt im Lumière-Katalog die Nummer 653.
Ein Zug fährt ein
Der Film zeigt eine ganz alltägliche Szene an einem südfranzösischen Bahnhof.
Eine Dampflokomotive fährt mit ihren Wagen am helllichten Tag in den Bahnhof von La Ciotat ein.
Reisende steigen mit ihrem Gepäck aus, und Wartende vom Bahnsteig steigen neu ein.
Gedreht wurde die Szene in einer einzigen Einstellung, ohne jeden Schnitt, auf 35-Millimeter-Film.
Regie führten Auguste und Louis Lumière, die den Streifen in ihren Filmkatalog aufnahmen.

Die Geschichte vom fliehenden Publikum
Die Anekdote wird bis heute gern erzählt, wenn es um die Anfänge des Kinos geht.
Beim ersten Vorführen soll das Publikum in Panik aus dem Raum gestürzt sein.
Die Zuschauer hätten geglaubt, der Zug fahre gleich mitten in das Café hinein.
Nach dieser Erzählung lief der Film am 28. Dezember 1895 vor einem ausgewählten Publikum in einem Pariser Café.
So steht es in mehreren Berichten, von Zeitungsartikeln bis zu bekannten Büchern über die Filmgeschichte.
Gut zu wissen
Der Begriff Phantom Ride entstand 1897, als ein Kritiker einen Film über die Fahrt durch den Haverstraw-Tunnel in New York als geisterhafte Zugfahrt beschrieb. Der britische Filmpionier Cecil Hepworth produzierte 1899 sogar eine zwölf Minuten lange Fahrt über die Forth Bridge in Schottland.
Die Zugeinfahrt von La Ciotat zählt zu den bekanntesten Beispielen des frühen Kinos. Ihr Erfolg führte zu zahlreichen Nachahmungen desselben Motivs.
Was die Filmgeschichte dazu sagt
Belegt ist die Massenflucht nicht.
Die Geschichte gilt heute als moderne Sage, die zu Werbezwecken ausgeschmückt wurde.
Schon das Datum ist umstritten, denn Filmhistoriker wie Martin Loiperdinger bestreiten die Vorführung im Dezember 1895.
Nach dieser Sicht wurde der Film erst im Januar 1896 gedreht, und zwar in einer von drei Fassungen.
Wegen der widersprüchlichen Überlieferung ist bis heute unklar, ob die öffentliche Premiere 1895 oder erst 1896 stattfand.
Staunen statt Flucht
Warum der Film trotzdem so stark wirkte, erklären Fachleute auf andere Weise.
Der Medienwissenschaftler Johannes Binotto argumentiert im Anschluss an den Filmhistoriker Tom Gunning, dass die Überraschung im neuen Medium selbst lag.
Das Publikum fürchtete demnach keinen echten Zug, sondern erschrak über ein Abbild, das offensichtlich unwirklich und doch erstaunlich lebensecht war.
Die frühe Filmzeit bis etwa 1907 wird in der Forschung auch als Kino der Attraktionen bezeichnet.
In dieser Phase bestaunten die Menschen oft mehr die vorführende Maschine als die gezeigte Handlung.
Zwei Brüder aus Besançon
Hinter dem Film stehen Auguste und Louis Lumière, zwei Fotoindustrielle aus Frankreich.
Auguste kam 1862 in Besançon zur Welt, sein Bruder Louis 1864 in derselben Stadt.
Ihr Apparat hieß Cinématographe und war Filmkamera, Kopiergerät und Projektor in einem.
Bei zwei Umdrehungen der Handkurbel schaltete er 16 Bilder weiter, vorgeführt wurde mit 16 Bildern pro Sekunde.
Im Jahr 1905 verkauften die Brüder ihr Patent vom Februar 1895 an Charles Pathé.
Der Abend im Grand Café
Die erste geschlossene Vorführung mit dem Cinématographe fand am 22. März 1895 statt.
Gezeigt wurde damals eine Fassung des Films Arbeiter verlassen die Lumière-Werke.
Am 28. Dezember 1895 folgte im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris die erste öffentliche Filmvorführung Frankreichs vor zahlendem Publikum.
Das ganze Programm dauerte rund 20 Minuten, jeder Film war im Schnitt nur etwa eine Minute lang.
Ob die Ankunft des Zuges an diesem Abend schon dabei war, ist wegen der unklaren Datierung umstritten.
Ein Bahnhof abseits der Stadt
La Ciotat ist eine Hafen- und Industriestadt an der Côte d’Azur, etwa 30 Kilometer östlich von Marseille.
Ihren Bahnhof erhielt die Stadt 1859 an der neu eröffneten Strecke von Aubagne nach Toulon.
Gebaut hatte diesen Abschnitt die große Bahngesellschaft PLM, die Paris, Lyon und das Mittelmeer verband.
Weil der Bahnhof weit vom Zentrum entfernt lag, entstand 1887 eine eigene Zweigbahn hinunter zum Hafen.
Auf ihr fuhren Personenzüge bis 1955 und Güterzüge bis 1987.
Die Kamera steigt auf die Lok
Der Zug blieb nach La Ciotat ein Lieblingsmotiv des frühen Kinos.
Schon 1896 entstand in Rennes ein Film, für den die Kamera vorne auf eine Dampflokomotive montiert wurde.
Aus solchen Aufnahmen entwickelte sich das Genre der Phantom Rides, das um 1900 vor allem in Großbritannien und den USA beliebt war.
Sie gelten als erste Kamerafahrten der Filmgeschichte und als Vorläufer der Führerstandsmitfahrten im Fernsehen.
Ab 1905 wurden sie unter dem Namen Hale’s Tours in Vergnügungsparks vermarktet und gelten deshalb auch als Vorbild für Fahrsimulatoren.
Das Fazit
Der Mythos stimmt nicht.
Dass Zuschauer in Panik vor dem Zug der Brüder Lumière flohen, ist nicht belegt und gilt als Legende.
Selbst das Datum der ersten Vorführung ist unter Filmhistorikern umstritten.
Wahr ist aber, dass die kurze Einfahrt eines Zuges zu den bekanntesten Bildern der frühen Filmgeschichte gehört.
Das Staunen galt wohl weniger der Lokomotive als dem neuen Wunder der bewegten Bilder.
Was die Fahrgäste davon haben
Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.
Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.
Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.
Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.
So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.
Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
