Stimmt es, dass in Paris ein Zug durch die Fassade eines Bahnhofs stürzte?

Stimmt es, dass …?

„Zug aus Granville, Einfahrt auf Gleis am Prellbock, bitte bremsen Sie diesmal rechtzeitig.“

Stimmt es, dass in Paris ein Zug durch die Fassade eines Bahnhofs stürzte?

→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.

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Kurz gesagt

Das stimmt. Am 22. Oktober 1895 überfuhr ein Zug im Pariser Bahnhof Montparnasse den Prellbock, die Lok durchbrach die Außenwand und stürzte auf den Platz vor dem Bahnhof.

Eine Dampflok hängt kopfüber aus einer Bahnhofswand, darunter stehen staunende Menschen.

Das Foto wirkt wie eine Fotomontage oder eine Filmszene, doch es zeigt ein echtes Ereignis.

Was im Herbst 1895 in Paris geschah, zeigt dieser Mythos-Check.

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Foto: Unknown authorUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Fakten in Zahlen

22.10.1895

Paris

Tag des Unfalls im Bahnhof Montparnasse

etwa 45 km/h

Einfahrt

Tempo des verspäteten Zugs aus Granville

131

Fahrgäste

saßen in den 14 Wagen, die auf den Gleisen stehen blieben

Die Brüstung unter dem großen Fenster, die die Lok durchbrach, war etwa 1,25 Meter stark.

Ein Zug aus Granville

Der Unglückszug gehörte der Compagnie des chemins de fer de l’Ouest und kam aus Granville, einer Hafenstadt in der Normandie.

Er war an diesem Dienstag um 8:45 Uhr abgefahren und bestand aus 14 Wagen.

Als er um 15:55 Uhr in Paris ankam, hatte er einige Minuten Verspätung.

Ziel war der Bahnhof Montparnasse, einer der großen Kopfbahnhöfe der Stadt.

In einem Kopfbahnhof enden die Gleise an einem Prellbock, dahinter liegt der Querbahnsteig.

TGV train inside Gare Montparnasse DSC08895
Foto: David Monniaux, CC BY-SA 1.0, via Wikimedia Commons

Zu schnell in den Kopfbahnhof

Der Lokführer hatte 19 Jahre Berufserfahrung.

Er fuhr mit etwa 45 km/h in den Bahnhof ein, um die Verspätung wettzumachen.

Dann versagte die Druckluftbremse des Zuges.

Die Bremse der Lok allein reichte nicht aus, um den schweren Zug rechtzeitig abzubremsen.

Lokführer und Heizer sprangen im letzten Moment von der Maschine und retteten sich.

Gut zu wissen

Der Bahnhof Montparnasse ist einer der sechs großen Kopfbahnhöfe von Paris und liegt im 15. Arrondissement. An normalen Tagen nutzen ihn ungefähr 175.000 Menschen, in der Ferienzeit können es bis zu 400.000 täglich sein.

Die irisch-kanadische Schriftstellerin Emma Donoghue machte die Unglücksfahrt zum Thema ihres Romans The Paris Express, der 2025 erschien. Auch Comiczeichner griffen das Motiv der Lok auf, die eine Bahnhofswand durchbricht.

Durch die Wand auf die Straße

Die Lok überfuhr den Prellbock und den Querbahnsteig.

Dann durchbrach sie die etwa 1,25 Meter starke Brüstung unter einem großen Glasfenster.

Mit der Spitze voran stürzte sie auf den ein Stockwerk tiefer liegenden Place de Rennes.

Eine Straßenbahn verfehlte sie dabei nur knapp.

Schräg an die Wand gelehnt blieb die Dampflok stehen.

Von der Straße aus sah es so aus, als wolle die Maschine geradewegs aus dem Bahnhof in die Stadt hinausfahren.

Die Wagen blieben stehen

Zum Glück riss die Kupplung zwischen dem Tender der Lok und dem übrigen Zug.

Die 14 Wagen mit 131 Fahrgästen blieben deshalb auf den Gleisen im Bahnhof stehen.

Unter den Reisenden und dem Zugpersonal gab es fünf Verletzte.

Unten auf der Straße aber starb eine Zeitungsverkäuferin, die an diesem Tag ihren Mann vertrat.

Die Eisenbahngesellschaft bezahlte ihre Beerdigung und eine Rente für ihre zwei Kinder.

Die Folgen vor Gericht

Nach dem Unglück mussten sich der Lokführer und der Heizer vor Gericht verantworten.

Der Lokführer wurde zu 50 Franc Strafe und zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Der Heizer musste 25 Franc bezahlen.

Außerdem wurde bei dem Unglück eine weitere Frau verletzt.

Schon am 9. November 1895 erschien in der französischen Zeitschrift La Nature ein ausführlicher Bericht über den Unfall.

Ein Foto geht um die Welt

Berühmt wurde das Unglück vor allem durch ein Foto der kopfüber hängenden Lok.

Die Rockband Mr. Big nutzte es 1991 als Titelbild für ihr Album Lean Into It.

Auch das Buch Geschichte der Eisenbahnreise von Wolfgang Schivelbusch und ein Physik-Lehrbuch zur Fehleranalyse zeigen das Motiv auf dem Umschlag.

Im Film Hugo Cabret von Martin Scorsese aus dem Jahr 2011 wird das Zugunglück in einem Traum nachgestellt.

Sogar eine Folge von Thomas, die kleine Lokomotive aus dem Jahr 1998 griff den Unfall als Vorlage auf.

Kein Einzelfall

Ähnliche Unfälle gab es auch in anderen Kopfbahnhöfen.

Am 6. Dezember 1901 überfuhr im Frankfurter Centralbahnhof die Lok des Ostende-Wien-Express den Prellbock.

Lokomotive und Tender kamen dort erst im Wartesaal der ersten und zweiten Klasse zum Stehen.

Im selben Jahr ereignete sich ein ähnlicher Unfall im Hauptbahnhof von Ludwigshafen am Rhein.

Am 19. Dezember 1988 durchbrach in Berlin ein Testzug der Magnetbahn M-Bahn bei zu hohem Tempo die verglaste Außenwand des Endbahnhofs Kemperplatz.

Einer der Wagen hing danach mehrere Tage in sechs Metern Höhe, bis er geborgen und abtransportiert wurde.

Der Bahnhof Montparnasse heute

Den ersten Bahnhof an dieser Stelle gab es schon seit 1840, damals unter dem Namen Gare de l’Ouest.

Von 1848 bis 1852 entstand unter dem Ingenieur Eugène Flachat ein größerer Neubau, der Schauplatz des Unglücks von 1895.

Der heutige Bahnhof wurde in den 1960er Jahren an der Place Raoul Dautry gebaut, zeitgleich mit dem Hochhaus Tour Montparnasse.

Auf seinem Dach über 22 Gleisen liegt ein öffentlicher Garten, der Jardin Atlantique.

Von hier fahren TGV-Züge vor allem in die Bretagne, an die Atlantikküste und in den Südwesten Frankreichs.

Das Fazit

Der Mythos stimmt.

Am 22. Oktober 1895 durchbrach im Pariser Bahnhof Montparnasse eine Dampflok die Außenwand und stürzte auf den Platz davor.

Der Grund waren zu hohes Tempo bei der Einfahrt und eine versagende Druckluftbremse.

Weil die Kupplung riss, blieben die Wagen mit 131 Fahrgästen im Bahnhof stehen, doch eine Frau auf der Straße kam ums Leben.

Das Foto des Unglücks gehört bis heute zu den bekanntesten Eisenbahnbildern überhaupt.

Zwischen Technik und Menschen

Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.

Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.

Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.

Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.

Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.

Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.

Warum sich der Blick aufs Detail lohnt

Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.

Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.

Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.

Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.

Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.

Häufige Fragen

Wann geschah das Unglück von Montparnasse?
Am Dienstag, dem 22. Oktober 1895, am Nachmittag gegen 16 Uhr.
Warum konnte der Zug nicht bremsen?
Er fuhr mit etwa 45 km/h zu schnell ein, und die Druckluftbremse versagte, die Lokbremse allein reichte nicht aus.
Gab es Tote?
Unter den Fahrgästen gab es fünf Verletzte, auf der Straße starb eine Zeitungsverkäuferin.
Warum blieben die Wagen im Bahnhof?
Die Kupplung zwischen dem Tender und dem Zug riss, sodass nur die Lok mit dem Tender durch die Wand brach.
Wo ist das berühmte Foto heute zu sehen?
Unter anderem auf dem Album Lean Into It von Mr. Big und im Film Hugo Cabret, wo die Szene nachgestellt wird.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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