Stimmt es, dass für Bahnbaustellen Eidechsen umgesiedelt werden?

Stimmt es, dass …?

„Wegen Umzugsarbeiten im Schotterbett kommt es heute zu Verzögerungen, betroffen sind vor allem Reisende mit vier Beinen und Schwanz.“

Stimmt es, dass für Bahnbaustellen Eidechsen umgesiedelt werden?

→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?

Kurz gesagt

Ja, das stimmt. Greifen Bauarbeiten in Lebensräume geschützter Eidechsen ein, verlangt das europäische Naturschutzrecht Ersatzlebensräume und Umsiedlungen, die schnell Millionen kosten können und deshalb auch bei Bahnprojekten eine Rolle spielen.

Warme Steine, lückiger Bewuchs und kaum Störungen machen Bahnanlagen für manche Reptilien zu einem idealen Zuhause.

Immer wieder ist deshalb zu hören, dass vor Bauarbeiten an Gleisen erst einmal Eidechsen eingesammelt werden müssen.

Ob das stimmt und warum solche Umsiedlungen so aufwendig sind, klärt dieser Mythos-Check.

Mauereidechse (1)
Foto: Joachim Lutz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Fakten in Zahlen

ca. 3000

Mauereidechsen

leben auf dem Gelände des Zürcher Hauptbahnhofs

1,5 km

Bahntrasse

besiedelten Mauereidechsen bei Klosterneuburg bis 2008

2007

CEF-Maßnahmen

im Leitfaden der EU-Kommission zum Artenschutz

Die Zauneidechse gilt nach der FFH-Richtlinie als streng zu schützende Art.

Eidechsen lieben Bahngelände

Die Mauereidechse gilt als typischer Kulturfolger und lebt nicht nur in Weinbergen, sondern auch an Bahn- und Straßenböschungen und an Gebäuden.

Die Zauneidechse besiedelt trockene, magere Lebensräume, zu denen neben Heideflächen und Steinbrüchen ausdrücklich auch Bahndämme gehören.

Die Zauneidechse bevorzugt dabei einen Wechsel aus offenen, lockeren Bodenstellen und dichter bewachsenen Bereichen, wie ihn Bahndämme oft bieten.

Damit sind sie genau dort zu Hause, wo Bahnen gebaut, erneuert und erweitert werden.

Mauereidechse (2)
Foto: Joachim Lutz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Blinde Passagiere im Güterverkehr

Mauereidechsen reisen gelegentlich sogar mit der Bahn.

Am Bahnhof Klosterneuburg in Österreich ist seit Ende der 1990er-Jahre eine Population bekannt, die wahrscheinlich mit Holztransporten eingeschleppt wurde und sich bis 2008 auf 1,5 Kilometer Bahntrasse ausgebreitet hat.

In der Schweiz leben viele nicht heimische Populationen auf Bahnhofsgeländen, auf die sie vermutlich mit dem Güterverkehr gelangt sind.

In Liechtenstein besiedeln in den 1960er-Jahren ausgesetzte Tiere vor allem den Rheindamm und Bahnböschungen.

Auch in Frankreich gibt es bei Halluin eine Population an Bahnanlagen, die vermutlich auf den Bahnverkehr zurückgeht.

Gut zu wissen

CEF steht für continuous ecological functionality measures. Übersetzt geht es um Maßnahmen für die dauerhafte ökologische Funktion eines Lebensraums.

Neben heimischen Vorkommen gibt es nördlich der Alpen auch viele eingeschleppte Populationen der Mauereidechse. Manche von ihnen sind wahrscheinlich mit Holz- oder Gütertransporten auf der Schiene an ihren heutigen Ort gelangt.

Die größte Kolonie lebt am Hauptbahnhof

Die größte eingebürgerte Population der Schweiz soll mit rund 3000 Mauereidechsen auf dem Gelände des Zürcher Hauptbahnhofs leben.

Dort wurden am Gleiskörper Kies- und Sandstreifen angelegt, die der Erhaltung der Population oder ihrer Umsiedlung dienen.

Zusätzlich wurden Gitterkörbe mit Steinen aufgestellt, in denen die Tiere überwintern können.

Ein Bahnhof, an dem täglich Züge rollen, ist also zugleich ein bedeutendes Reptilienbiotop.

Wer dort auf einen Zug wartet, hat also womöglich wechselwarme Nachbarn im Gleisbett.

Warum Bauen hier kompliziert wird

Viele Eidechsenarten genießen in Europa einen besonderen rechtlichen Schutz.

Die Zauneidechse ist nach der FFH-Richtlinie eine streng zu schützende Art und nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.

Wird in Lebensräume der Mauereidechse eingegriffen, etwa durch Baumaßnahmen, müssen nach derzeitiger Lesart des europäischen Naturschutzrechts immer wieder Umsiedlungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Die europarechtlichen Schutzvorgaben richten sich dabei auf den Schutz der einzelnen Tiere und nicht nur auf die Art als Ganzes.

Was eine CEF-Maßnahme ist

Solche Umsiedlungen laufen oft als sogenannte CEF-Maßnahme, wobei die Abkürzung für eine dauerhafte ökologische Funktion steht.

Gemeint sind Maßnahmen des Artenschutzes, die vor einem Eingriff und in direktem Zusammenhang mit ihm umgesetzt werden.

Ziel ist, dass der Lebensraum ohne zeitliche Lücke weiter funktioniert, es handelt sich also um einen vorgezogenen Ausgleich.

Ob die Maßnahme gelingt, wird durch ein begleitendes Monitoring kontrolliert.

Die Europäische Kommission führte CEF-Maßnahmen 2007 in einem Leitfaden zum strengen Schutz von Tierarten nach der FFH-Richtlinie ein.

Umziehen, bevor die Bagger kommen

In der Praxis bedeutet das, dass vor dem Baubeginn ein neuer, geeigneter Lebensraum bereitstehen muss.

Als künstlicher Lebensraum eignen sich zum Beispiel sogenannte Eidechsenburgen aus Steinen und Totholz.

Die Tiere werden dann aus dem Baufeld in den vorbereiteten Ersatzlebensraum gebracht.

Erst danach können die eigentlichen Arbeiten an Gleisen, Böschungen oder Bahnhöfen beginnen.

Schnell ein Millionenbetrag

Umsiedlungen von Mauereidechsen sind verhältnismäßig teuer.

Die Kosten gehen relativ schnell in einen Millionenbetrag.

Bezahlen muss sie jeweils derjenige, der in den Lebensraum eingreift, also der Bauträger.

Bei großen Bahnprojekten gehört der Artenschutz deshalb zu den Posten, die Zeit und Geld kosten.

Wie teuer Artenschutz an einer Bahnstrecke werden kann, zeigte zuletzt die Hermann-Hesse-Bahn, bei der für den Schutz von Fledermäusen zur Eröffnung im Jahr 2026 rund 85 Millionen Euro veranschlagt wurden.

Kritik von Fachleuten

Von Expertenseite wird dieses Vorgehen teilweise kritisch gesehen.

Oft ist die Mauereidechse nämlich gar nicht gefährdet, und in der Praxis werden häufig gebietsfremde Unterarten geschützt, die sich ohnehin stark ausbreiten.

Das europäische Recht unterscheidet nicht zwischen Unterarten und berücksichtigt auch nicht den tatsächlichen Gefährdungsstatus.

Der besondere rechtliche Status könnte zudem konkurrierende Arten wie die Zauneidechse oder die Waldeidechse benachteiligen.

Die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Reptilienarten sind allerdings noch nicht abschließend untersucht.

Gute Aussichten dank der Bahn

Für die Mauereidechse selbst ist die Lage erstaunlich gut.

Die größten Populationen nördlich der Alpen leben heute auf Bahngelände und anderen städtischen Flächen.

Weil diese Lebensräume kaum bedroht sind, werden die Zukunftsaussichten der Art positiv bewertet.

Die Bahn ist für die Mauereidechse also Transportmittel, Lebensraum und gelegentlich auch Umzugshelfer zugleich.

Das Fazit

Der Mythos stimmt, denn bei Bauarbeiten in Lebensräumen geschützter Eidechsen verlangt das europäische Naturschutzrecht immer wieder Umsiedlungen.

Weil Mauer- und Zauneidechsen gern an Bahndämmen, Böschungen und auf Bahnhofsgeländen leben, betrifft das auch Bahnprojekte.

Vorher müssen Ersatzlebensräume geschaffen werden, oft als sogenannte CEF-Maßnahme mit begleitendem Monitoring.

Die Kosten tragen die Bauträger, und sie können schnell einen Millionenbetrag erreichen.

Fachleute sehen das teilweise kritisch, weil häufig nicht gefährdete oder gebietsfremde Tiere geschützt werden.

Kleine Dinge, große Wirkung

Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.

Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.

Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.

In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.

Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.

So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.

Die Bahn und der Klimaschutz

Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.

Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.

Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.

Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.

Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.

Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.

Häufige Fragen

Werden für Bahnbaustellen wirklich Eidechsen umgesiedelt?
Ja. Greifen Bauarbeiten in Lebensräume geschützter Eidechsen ein, sind nach europäischem Naturschutzrecht oft Umsiedlungen nötig.
Warum leben Eidechsen an Gleisen?
Bahndämme und Böschungen bieten warme, offene Flächen und Verstecke, wie sie Mauer- und Zauneidechsen mögen.
Was ist eine CEF-Maßnahme?
Eine vorgezogene Ausgleichsmaßnahme des Artenschutzes, die vor dem Eingriff umgesetzt und mit Monitoring kontrolliert wird.
Wer bezahlt die Umsiedlung?
Der Bauträger, der in den Lebensraum eingreift. Die Kosten können schnell einen Millionenbetrag erreichen.
Wo lebt die größte Eidechsen-Kolonie der Schweiz?
Auf dem Gelände des Zürcher Hauptbahnhofs, dort sollen rund 3000 Mauereidechsen leben.

Weiterfahrt

→ Alle Schalter – zurück zur Übersicht

→ Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →