Stimmt es, dass …?
„Wegen Umzugsarbeiten im Schotterbett kommt es heute zu Verzögerungen, betroffen sind vor allem Reisende mit vier Beinen und Schwanz.“
Stimmt es, dass für Bahnbaustellen Eidechsen umgesiedelt werden?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Greifen Bauarbeiten in Lebensräume geschützter Eidechsen ein, verlangt das europäische Naturschutzrecht Ersatzlebensräume und Umsiedlungen, die schnell Millionen kosten können und deshalb auch bei Bahnprojekten eine Rolle spielen.
Warme Steine, lückiger Bewuchs und kaum Störungen machen Bahnanlagen für manche Reptilien zu einem idealen Zuhause.
Immer wieder ist deshalb zu hören, dass vor Bauarbeiten an Gleisen erst einmal Eidechsen eingesammelt werden müssen.
Ob das stimmt und warum solche Umsiedlungen so aufwendig sind, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
ca. 3000
Mauereidechsen
leben auf dem Gelände des Zürcher Hauptbahnhofs
1,5 km
Bahntrasse
besiedelten Mauereidechsen bei Klosterneuburg bis 2008
2007
CEF-Maßnahmen
im Leitfaden der EU-Kommission zum Artenschutz
Die Zauneidechse gilt nach der FFH-Richtlinie als streng zu schützende Art.
Eidechsen lieben Bahngelände
Die Mauereidechse gilt als typischer Kulturfolger und lebt nicht nur in Weinbergen, sondern auch an Bahn- und Straßenböschungen und an Gebäuden.
Die Zauneidechse besiedelt trockene, magere Lebensräume, zu denen neben Heideflächen und Steinbrüchen ausdrücklich auch Bahndämme gehören.
Die Zauneidechse bevorzugt dabei einen Wechsel aus offenen, lockeren Bodenstellen und dichter bewachsenen Bereichen, wie ihn Bahndämme oft bieten.
Damit sind sie genau dort zu Hause, wo Bahnen gebaut, erneuert und erweitert werden.

Blinde Passagiere im Güterverkehr
Mauereidechsen reisen gelegentlich sogar mit der Bahn.
Am Bahnhof Klosterneuburg in Österreich ist seit Ende der 1990er-Jahre eine Population bekannt, die wahrscheinlich mit Holztransporten eingeschleppt wurde und sich bis 2008 auf 1,5 Kilometer Bahntrasse ausgebreitet hat.
In der Schweiz leben viele nicht heimische Populationen auf Bahnhofsgeländen, auf die sie vermutlich mit dem Güterverkehr gelangt sind.
In Liechtenstein besiedeln in den 1960er-Jahren ausgesetzte Tiere vor allem den Rheindamm und Bahnböschungen.
Auch in Frankreich gibt es bei Halluin eine Population an Bahnanlagen, die vermutlich auf den Bahnverkehr zurückgeht.
Gut zu wissen
CEF steht für continuous ecological functionality measures. Übersetzt geht es um Maßnahmen für die dauerhafte ökologische Funktion eines Lebensraums.
Neben heimischen Vorkommen gibt es nördlich der Alpen auch viele eingeschleppte Populationen der Mauereidechse. Manche von ihnen sind wahrscheinlich mit Holz- oder Gütertransporten auf der Schiene an ihren heutigen Ort gelangt.
Die größte Kolonie lebt am Hauptbahnhof
Die größte eingebürgerte Population der Schweiz soll mit rund 3000 Mauereidechsen auf dem Gelände des Zürcher Hauptbahnhofs leben.
Dort wurden am Gleiskörper Kies- und Sandstreifen angelegt, die der Erhaltung der Population oder ihrer Umsiedlung dienen.
Zusätzlich wurden Gitterkörbe mit Steinen aufgestellt, in denen die Tiere überwintern können.
Ein Bahnhof, an dem täglich Züge rollen, ist also zugleich ein bedeutendes Reptilienbiotop.
Wer dort auf einen Zug wartet, hat also womöglich wechselwarme Nachbarn im Gleisbett.
Warum Bauen hier kompliziert wird
Viele Eidechsenarten genießen in Europa einen besonderen rechtlichen Schutz.
Die Zauneidechse ist nach der FFH-Richtlinie eine streng zu schützende Art und nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.
Wird in Lebensräume der Mauereidechse eingegriffen, etwa durch Baumaßnahmen, müssen nach derzeitiger Lesart des europäischen Naturschutzrechts immer wieder Umsiedlungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Die europarechtlichen Schutzvorgaben richten sich dabei auf den Schutz der einzelnen Tiere und nicht nur auf die Art als Ganzes.
Was eine CEF-Maßnahme ist
Solche Umsiedlungen laufen oft als sogenannte CEF-Maßnahme, wobei die Abkürzung für eine dauerhafte ökologische Funktion steht.
Gemeint sind Maßnahmen des Artenschutzes, die vor einem Eingriff und in direktem Zusammenhang mit ihm umgesetzt werden.
Ziel ist, dass der Lebensraum ohne zeitliche Lücke weiter funktioniert, es handelt sich also um einen vorgezogenen Ausgleich.
Ob die Maßnahme gelingt, wird durch ein begleitendes Monitoring kontrolliert.
Die Europäische Kommission führte CEF-Maßnahmen 2007 in einem Leitfaden zum strengen Schutz von Tierarten nach der FFH-Richtlinie ein.
Umziehen, bevor die Bagger kommen
In der Praxis bedeutet das, dass vor dem Baubeginn ein neuer, geeigneter Lebensraum bereitstehen muss.
Als künstlicher Lebensraum eignen sich zum Beispiel sogenannte Eidechsenburgen aus Steinen und Totholz.
Die Tiere werden dann aus dem Baufeld in den vorbereiteten Ersatzlebensraum gebracht.
Erst danach können die eigentlichen Arbeiten an Gleisen, Böschungen oder Bahnhöfen beginnen.
Schnell ein Millionenbetrag
Umsiedlungen von Mauereidechsen sind verhältnismäßig teuer.
Die Kosten gehen relativ schnell in einen Millionenbetrag.
Bezahlen muss sie jeweils derjenige, der in den Lebensraum eingreift, also der Bauträger.
Bei großen Bahnprojekten gehört der Artenschutz deshalb zu den Posten, die Zeit und Geld kosten.
Wie teuer Artenschutz an einer Bahnstrecke werden kann, zeigte zuletzt die Hermann-Hesse-Bahn, bei der für den Schutz von Fledermäusen zur Eröffnung im Jahr 2026 rund 85 Millionen Euro veranschlagt wurden.
Kritik von Fachleuten
Von Expertenseite wird dieses Vorgehen teilweise kritisch gesehen.
Oft ist die Mauereidechse nämlich gar nicht gefährdet, und in der Praxis werden häufig gebietsfremde Unterarten geschützt, die sich ohnehin stark ausbreiten.
Das europäische Recht unterscheidet nicht zwischen Unterarten und berücksichtigt auch nicht den tatsächlichen Gefährdungsstatus.
Der besondere rechtliche Status könnte zudem konkurrierende Arten wie die Zauneidechse oder die Waldeidechse benachteiligen.
Die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Reptilienarten sind allerdings noch nicht abschließend untersucht.
Gute Aussichten dank der Bahn
Für die Mauereidechse selbst ist die Lage erstaunlich gut.
Die größten Populationen nördlich der Alpen leben heute auf Bahngelände und anderen städtischen Flächen.
Weil diese Lebensräume kaum bedroht sind, werden die Zukunftsaussichten der Art positiv bewertet.
Die Bahn ist für die Mauereidechse also Transportmittel, Lebensraum und gelegentlich auch Umzugshelfer zugleich.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn bei Bauarbeiten in Lebensräumen geschützter Eidechsen verlangt das europäische Naturschutzrecht immer wieder Umsiedlungen.
Weil Mauer- und Zauneidechsen gern an Bahndämmen, Böschungen und auf Bahnhofsgeländen leben, betrifft das auch Bahnprojekte.
Vorher müssen Ersatzlebensräume geschaffen werden, oft als sogenannte CEF-Maßnahme mit begleitendem Monitoring.
Die Kosten tragen die Bauträger, und sie können schnell einen Millionenbetrag erreichen.
Fachleute sehen das teilweise kritisch, weil häufig nicht gefährdete oder gebietsfremde Tiere geschützt werden.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
Die Bahn und der Klimaschutz
Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.
Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.
Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.
Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.
Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.
