Stimmt es, dass …?
„Schnellzug aus Edinburgh nach Dundee, Weiterfahrt über die Brücke nur mit dem Stab, bei Sturm bitte besonders vorsichtig.“
Stimmt es, dass Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay auf einem echten Unglück beruht?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. Fontanes Ballade schildert den Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, bei dem ein Zug in die Tiefe stürzte und vermutlich 75 Menschen starben.
Viele Schülerinnen und Schüler kennen das Gedicht von den drei Hexen, dem Sturm und dem Zug, der nie ankommt.
Doch hinter der unheimlichen Ballade steckt kein Märchen, sondern eine Zeitungsmeldung aus Schottland.
Was damals am Firth of Tay geschah, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
28.12.1879
Firth of Tay
Einsturz der Brücke unter einem Schnellzug
75
Tote
vermutlich, die genaue Zahl ist bis heute umstritten
10.1.1880
Die Gegenwart
Erstdruck von Fontanes Ballade
Der Mittelteil der Brücke stürzte auf einer Länge von fast 1000 Metern in den Fluss.
Ein Gedicht nach einer Katastrophe
Die Brück’ am Tay ist eine Ballade des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane.
Sie handelt vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879.
Bei diesem Unglück stürzte ein Eisenbahnzug in die Tiefe, vermutlich 75 Menschen kamen ums Leben.
Die Brücke war von 1871 bis 1878 mit enormem Aufwand gebaut worden.
Schon eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung brach sie in einem Sturm zusammen.

Eine Brücke von über drei Kilometern
Die erste Brücke über den Firth of Tay war über dreitausend Meter lang und führte nach Dundee.
Konstruiert hatte sie der Ingenieur Thomas Bouch, gebaut wurde sie aus gusseisernen Pfeilern und einer schmiedeeisernen Fahrbahn.
Sie war nur eingleisig und bildete einen eigenen Blockabschnitt der Strecke.
Befahren durfte sie nur der Zug, dessen Lokführer einen besonderen Stab besaß, den sogenannten Token.
Weil es nur einen solchen Stab gab, war immer nur ein Zug auf der Brücke.
Gut zu wissen
Von 1883 bis 1887 entstand 18 Meter weiter flussaufwärts eine neue Brücke, die noch heute in Betrieb ist. Sie ist zweigleisig, mehr als drei Kilometer lang und heißt Tay Rail Bridge.
Theodor Fontane wurde 1819 in Neuruppin geboren und starb 1898 in Berlin. Bevor er als Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker bekannt wurde, lernte er wie sein Vater den Beruf des Apothekers.
Der Abend des 28. Dezember
Um 16:15 Uhr verließ ein Schnellzug der North British Railway den Bahnhof Edinburgh Waverley in Richtung Dundee.
Er bestand aus einer Dampflok mit Schlepptender und sechs Personenwagen.
An der Blockstelle südlich der Brücke nahm der Lokführer den Stab entgegen, um 19:14 Uhr wurde die Durchfahrt nach Norden gemeldet.
Für 19:20 Uhr war die Ankunft in Dundee geplant.
Über dem Firth of Tay tobte an diesem Abend ein Sturm, dessen Stärke auf 10 bis 11 Beaufort geschätzt wurde.
Der Sturz in die Dunkelheit
Gegen 19:17 Uhr fuhr der Zug in der Dunkelheit auf den Mittelteil der Brücke.
Dieser Teil gab nach und stürzte mit dem ganzen Zug in den Firth of Tay.
An der Blockstelle bemerkte man, dass alle acht Telegrafenleitungen nach Norden unterbrochen waren, denn sie liefen durch die Brücke.
Der Bahnhofsvorsteher von Dundee ging mit einem Kollegen im Sturm auf die Brücke, streckenweise nur auf allen vieren.
Nach etwa einem Kilometer standen die beiden vor dem Nichts, fast 1000 Meter der Brücke fehlten.
Keine Überlebenden
Niemand im Zug überlebte das Unglück.
Nach der Zahl der verkauften Fahrkarten starben 72 Fahrgäste und drei Bahnbedienstete.
Nur 46 Tote wurden geborgen, die anderen wurden in die Nordsee gespült.
Die Polizei konnte 60 Opfer identifizieren, deshalb ist die genaue Zahl bis heute umstritten.
Die Lok wurde später aus dem Wasser geholt, repariert und fuhr unter dem Spitznamen The Diver noch bis 1919.
Warum die Brücke einstürzte
Die Brücke brach unter dem Gewicht des Zugs, der Windlast des Orkans und den dabei zu hohen dynamischen Kräften zusammen.
Als eigentliche Ursache gelten ihre mangelhafte Konstruktion und Ausführung.
Thomas Bouch hatte für einen Orkan nur knapp 50 Kilogramm Windlast pro Quadratmeter angenommen, in Frankreich und Amerika rechnete man damals schon mit 270 Kilogramm.
Er plante außerdem mit höchstens 60 km/h, doch bei der Fertigstellung fuhren Züge schon bis zu 110 km/h.
Eine vom Parlament eingesetzte Kommission schloss ihre Untersuchung im Juni 1880 mit zwei unterschiedlichen Berichten ab.
Fontane schreibt in wenigen Tagen
Fontane schrieb die Ballade in den ersten Tagen des Januar 1880, noch ganz unter dem Eindruck des Unglücks.
Seine Quelle waren Berichte, die ab dem 29. Dezember 1879 in der Vossischen Zeitung erschienen.
Schon am 10. Januar 1880 wurde das Gedicht in der Zeitschrift Die Gegenwart gedruckt.
Fontane kannte Schottland von eigenen Reisen.
Viele Einzelheiten wie die genaue Zahl und die Namen der Opfer konnte er beim Schreiben noch gar nicht wissen.
Hexen, Sturm und Menschenwerk
Fontane rahmt das Unglück mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth ein, die sich zum Zerstören der Brücke verabreden.
Die Hexen stehen für Naturgewalten, die das Werk des Menschen zunichtemachen.
Erzählt wird das Unglück aus der Sicht eines Brückenwärterpaars und ihres Sohnes Johnie, der den Zug fährt.
Johnie ist stolz auf die moderne Technik, doch seine Eltern müssen mit ansehen, wie der Zug ins Wasser stürzt.
Mit dem berühmten Ausruf Tand, Tand wird die Ballade so zu einer Mahnung vor zu großem Vertrauen in die Technik.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay beruht auf dem Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke am 28. Dezember 1879.
Ein Schnellzug aus Edinburgh stürzte damals im Sturm mit dem Mittelteil der Brücke in den Fluss, vermutlich starben 75 Menschen.
Fontane schrieb das Gedicht wenige Tage später nach Zeitungsberichten und veröffentlichte es schon am 10. Januar 1880.
Die Hexen hat Fontane aus Shakespeares Macbeth entlehnt, das Unglück selbst ist echte Eisenbahngeschichte.
Zwischen Technik und Menschen
Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.
Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.
Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.
Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.
Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.
Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
