Sollte die Mitte-Deutschland-Verbindung zwischen Weimar und Gera elektrifiziert werden?

Standpunkt

„Intercity nach Gera, in Gotha bitte den Lokwechsel abwarten, ab hier geht es mit Diesel weiter.“

Sollte die Mitte-Deutschland-Verbindung zwischen Weimar und Gera elektrifiziert werden?

→ Ein Standpunkt zur Elektrifizierung der Bahnstrecke Weimar–Gera–Gößnitz in Thüringen.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Ja. Die Strecke verbindet Weimar mit Jena und Gera, den nach Erfurt größten Städten Thüringens, und wird noch immer mit Diesel befahren. Planung und Nutzen sind belegt, jetzt fehlt vor allem die Zusage für das Geld.

Die Mitte-Deutschland-Verbindung ist eine alte Ost-West-Achse quer durch die Mitte Deutschlands.

In Thüringen führt sie von Weimar über Jena und Gera weiter nach Gößnitz und nach Glauchau in Sachsen.

Auf diesem Abschnitt gibt es bis heute keine Oberleitung.

Ihre Elektrifizierung wird seit Jahren immer wieder politisch diskutiert.

Gera Hbf
Foto: Michael Sander, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine alte Ost-West-Achse

Vor der deutschen Teilung war die Verbindung ein wichtiger Weg zwischen den sächsischen Industriegebieten und Westdeutschland.

In der DDR diente sie dazu, die Strecken über Halle und Leipzig zu entlasten.

Heute gilt sie als mögliche Alternativroute vom Ruhrgebiet oder von Frankfurt über Erfurt, Jena, Gera und Chemnitz nach Dresden.

Der Fernverkehr von Erfurt nach Dresden fährt bislang über Leipzig.

Gera Hauptbahnhof
Foto: Unknown authorUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Holzlandbahn

Das Kernstück in Thüringen ist die Bahnstrecke Weimar–Gera, die auch Holzlandbahn heißt.

Sie wurde im Juli 1876 eröffnet und führt über Jena, Stadtroda und Hermsdorf nach Gera.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Strecke als wichtige Ost-West-Verbindung zweigleisig.

Heute ist sie von Weimar bis Papiermühle auf rund 43 Kilometern wieder zweigleisig.

Eingleisig sind noch die Abschnitte zwischen Papiermühle und Hermsdorf-Klosterlausnitz sowie zwischen Töppeln und Gera.

Was seit 2002 ausgebaut wurde

Zwischen 2002 und 2008 wurde die Strecke abschnittsweise für 140 km/h mit Neigetechnik ertüchtigt und bekam elektronische Stellwerke.

Im Januar 2013 unterzeichneten Bund und Bahn eine Vereinbarung über weitere 17 Kilometer zweites Gleis und bis zu 160 km/h.

Die Bauarbeiten dafür liefen von Februar 2014 bis zum Herbst 2016.

Dabei wurden auch die Bahnsteige in Jena West und Jena-Göschwitz erneuert und mit Aufzügen barrierefrei gemacht.

Eine Oberleitung war bei all diesen Ausbauten nicht dabei.

Diesel in der Städtekette

Im Regionalverkehr fahren Dieseltriebwagen alle zwei Stunden als Regionalexpress von Göttingen über Erfurt und Gera nach Glauchau.

Zwischen Glauchau und Weimar brauchen die Züge planmäßig etwa zwei Stunden.

Zusammen mit den Regionalbahnen ergibt sich zwischen Erfurt, Weimar, Jena und Gera ein 30- bis 40-Minuten-Takt.

Die Strecke hat große Bedeutung für die Thüringer Städtekette und bindet Jena und Gera an den Fernverkehr an.

Gera ist nach Erfurt und Jena die drittgrößte Stadt Thüringens.

Intercity mit Lokwechsel

Seit Dezember 2018 fahren Intercity-Züge von Köln und Düsseldorf über Kassel und Erfurt bis nach Gera.

In Gotha wird dafür von der Elektrolok auf eine Diesellok umgespannt.

Zwischen Gera und Erfurt gilt in diesen Zügen der Nahverkehrstarif.

Die Deutsche Bahn kündigte 2015 an, den Fernverkehr hier bis spätestens 2032 auf einen Zweistundentakt auszubauen.

Als Voraussetzung gilt die Elektrifizierung, dann könnten die Züge auch über Gera hinaus nach Chemnitz fahren.

In einem Planungsprozess von 2024 wurde ein solcher Takt allerdings nicht mehr erwähnt.

Der lange Weg zur Oberleitung

Thüringen meldete den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung für den Bundesverkehrswegeplan 2030 an.

Mit einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,1 rückte das Projekt 2018 in den vordringlichen Bedarf auf, allerdings ohne durchgehend zweites Gleis.

Im Februar 2022 bestätigte eine Neubewertung nach der Vorplanung, dass die Elektrifizierung wirtschaftlich ist.

Im August 2023 wurden die ersten Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren im Abschnitt Jena beim Eisenbahn-Bundesamt eingereicht.

Seit 2023 steht das Vorhaben im Bedarfsplan für die Bundesschienenwege.

Das fehlende Geld

Die Baukosten werden auf 544 Millionen Euro veranschlagt.

Nach dem Stand von 2026 hat der Bund noch keine Finanzierungszusage gegeben.

Angestrebt wird zusätzlich eine Förderung mit Mitteln der Europäischen Union.

Die Bahn rechnet mit einem Baubeginn 2028 und einer Fertigstellung 2032.

Den zweigleisigen Ausbau der letzten eingleisigen Abschnitte verwarf Thüringen im Sommer 2021 wegen zu hoher Kosten vorerst.

Was die Oberleitung ändern würde

Elektrische Züge könnten ohne Lokwechsel aus Westdeutschland bis Gera und weiter nach Sachsen fahren.

Im Regionalverkehr könnten die Dieseltriebwagen durch elektrische Züge ersetzt werden.

Für die Fahrgäste in Jena und Gera würden schnellere und direktere Verbindungen möglich.

Außerdem könnte die Strecke dann elektrischen Zügen als Ausweichroute dienen, wenn andere Strecken gesperrt sind.

Warum Verlässlichkeit so wichtig ist

Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.

Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.

Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.

Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.

Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.

Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.

Ein Blick in die Zukunft

Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.

Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.

Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.

Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.

Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.

So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.

Warum die Bahn für das ganze Land zählt

Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.

Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.

Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.

Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.

Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.

So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.

Pro und Contra

Dafür

+  Jena und Gera sind nach Erfurt die größten Städte Thüringens und hängen im Fernverkehr bisher am Diesel.

+  Die Elektrifizierung steht im vordringlichen Bedarf und wurde nach der Vorplanung erneut als wirtschaftlich bestätigt.

+  Der zeitraubende Lokwechsel in Gotha würde für die Intercity-Züge entfallen.

+  Ein Zweistundentakt im Fernverkehr bis Chemnitz wird erst mit Oberleitung realistisch.

+  Elektrische Züge sind leiser und fahren ohne Abgase durch die Städtekette.

+  Die Planung ist weit fortgeschritten, erste Unterlagen liegen seit 2023 beim Eisenbahn-Bundesamt.

Dagegen

−  Mit 544 Millionen Euro ist die Elektrifizierung teuer, und die Finanzierung ist nach dem Stand von 2026 nicht gesichert.

−  Ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,1 liegt nur knapp über der Schwelle der Wirtschaftlichkeit.

−  Die eingleisigen Abschnitte bleiben auch nach der Elektrifizierung ein Engpass.

−  Die Bahn hat ihre Pläne für einen Fernverkehrstakt auf der Strecke zuletzt nicht mehr erwähnt.

−  Akkuzüge könnten womöglich schneller eine Lösung ohne Diesel bieten.

−  Die Bauarbeiten zwischen 2028 und 2032 dürften zu Sperrungen und Ersatzverkehr führen.

Unterm Strich

Die Mitte-Deutschland-Verbindung ist eine der wichtigsten Strecken Thüringens und wartet seit vielen Jahren auf ihre Oberleitung.

Planung und Wirtschaftlichkeit sind belegt, es fehlt vor allem die Finanzierungszusage des Bundes.

Diese Zusage sollte bald kommen, damit der Baubeginn 2028 nicht ins Wanken gerät.

Dann könnte der Intercity in Gotha einfach weiterfahren, statt auf die Diesellok zu warten.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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